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Nachdem mich der Radfahrer an der Ecke Bem-Kai und Halász- Straße beiseite gefegt hatte, erkannten wir das gemeinsame Scheitern in unseren Blicken. Der Anblick seines Lenkers beschwor in mir jenen anderen Radfahrer herauf, der vor achtundfünfzig Jahren an derselben Stelle – die jedoch damals Margit-Kai hieß – über sein stierhörniges Lenkrad gebeugt in die Pedale trat. Doch als wäre mein Blick gar nicht der meine gewesen, sondern der jenes vierzehnjährigen Jungen in der Marschkolonne, der die Augen des neben ihm Fahrenden suchte.
Sah aber nur dessen Augenschlitz.
Das Aufblitzen einer schmalen Linie zwischen aufgedunsenem Lid und weichem Augenring.
Auch von den Augen der bewaffneten Begleiter war nicht mehr zu sehen.
Wieder riefen sie Befehle. Wieder musste man laufen zwischen den Maschinengewehren. 

Was hatte ich an der Ecke Bem-Kai und Halász-Straße zu suchen?
Fünfzig Meter weiter führt die Pala-Straße zur Donau hinunter. Auf ihrem oberen Treppenabsatz steht das altehrwürdige Haus, in dem P., der Lektor meines letzten Buches, wohnt. Seit Tagen schon suchte ich nach einem Umschlagmotiv für das gerade entstehende Buch, um es ihm zu bringen. Ich blieb bei Hieronymus Bosch hängen. Vielleicht weil ich im Traum einem winzigen Monsterwesen begegnet bin. Insektenfüsse, Heuschreckenflügel, Menschengesicht. Brille auf der Nase. Es winkte, wir gingen. Gerade waren wir noch zusammen, schon ging ich wieder allein. Das kleine Wesen war ich. 

Für das Buch wählte ich aus Boschs Gemälde ›Der Heuwagen‹ jene Szene, in der die in die riesigen Räder eingeklemmten Geschöpfe gut zu sehen sind; zwei sind bereits überfahren, einige trampeln sich gegenseitig nieder, andere klammern sich mit erhobenen Händen fest, es ist nicht klar, ob sie um ihr Leben flehen oder versuchen, sich noch im letzten Moment, während sie sich gegenseitig an die Gurgel gehen, Lebensmittel aus der Wagenladung zu erbeuten. Um sie herum auf Menschenfüssen wandelnde Monster mit Tierkörpern. Über ihnen vier Gestalten. Zwei davon mit Musikinstrumenten. Die dritte, ein Mädchen mit weißem Kopftuch, hat ein vollgeschriebenes Blatt auf dem Schoß, der kleine Junge hinter ihr liest darin, mit dem Finger auf die Zeilen deutend.
Der Ausschnitt schien mit dem Gedanken zu harmonieren, wonach der Text die Distanz zwischen dem Verfasser, dem Leser und dem Gegenstand des Geschriebenen leugnet.
Auf dem anderen Bild lauscht der Heilige Johannes auf der Insel Patmos mit einem Buch in der Hand den Worten des Engels.

Als ich dieses Gemälde genauer in Augenschein nahm, entdeckte ich im scheinbar ruhigen Umfeld ein winziges Monster: Insektenfüsse, Dämonenkörper, Heuschreckenflügel, menschliches Antlitz. Auf dem Kopf trug die Gestalt einen Korb voller Glut, auf der Nase einen intellektuell wirkenden Zwicker.
Bosch hatte sich also einen Erzähler für die Szene gesucht.
Als hätte er einen in die Ecke des Bildes gemalt, der seine Geschichte mit den Worten beginnen könnte: Ich war dort. 
Im Traum brach ich auf den Insektenfüssen dieses kleinen Monsters auf, in die Pala-Straße.

Die Kolonne verlässt die Erzsébet-Brücke. 
Wohin gehen wir?, frage ich meine Mutter. Das ist der Döbrentei- Platz, sagt sie. Gut, aber wohin gehen wir? Sie schaut meinen Vater an. Ich gehe zwischen ihnen. Der Blick meines Vaters sagt nein. Wir kommen zum Margit-Kai. Meine Mutter bleibt zurück. Wir gehen zu viert in einer Reihe. Der Vierte ist ein älterer Mann. Ich kenne ihn nicht.

Auf der einen Seite ein Straßenbahnschaffner, er trägt eine Pfeilkreuzler-Armbinde mit den rot-weißen Árpád-Streifen. Vor ihm ein Soldat mit Armbinde. Auf der anderen Seite ein Polizist mit Maschinengewehr. Am Ende der Kolonne die Schwarzgekleideten mit den grünen Hemden. Vorne ein Oberleutnant und ein Gendarmerie-Feldwebel.
Nicht gaffen, ruft der Straßenbahnschaffner. Schau nicht nach rechts, sagt mein Vater. Wir gehen an der gesprengten Gömbös- Statue vorbei. Die vom Sockel gestoßene Figur wurde bereits abtransportiert.
Von links biegt ein Radfahrer ein, fährt neben uns her. Auf einem Rennrad. Er beugt sich über den gehörnten Lenker. Zählt uns. Sagt etwas zum Straßenbahnschaffner. Fährt vor, biegt um, fährt zurück. Schneeregen. Zum ersten Mal sehe ich die gesprengten Bögen der Margit-Brücke, zwischen der Auffahrt zur Insel und dem Pester Brückenkopf in die Donau gestürzt.