Gábor Schein (1969) ist Dichter, Prosa- und  Dramenschriftsteller, Philosoph und Übersetzer. In seinen Werken sucht er die möglichen Formen des Seins. Charakteristisch für ihn ist ein ernster, disziplinierter, intellektueller und zugleich im positiven Sinne des Wortes sensibler Ton. Der Titel seines ersten Gedichtbandes, „Gedächtnis der Wörter/Szavak emlékezete“, 1991, sagt viel über Gábor Scheins ars poetica aus. Beim Gebrauch der Sprache legt er das geheime Wissen der Wörter frei; er spricht aus, was hinter der Sprache ist. Oder eigentlich nicht hinter ihr: er lässt jene Dichtung hörbar werden, die in der Sprache selbst klingt. Seine Bücher lässt er wohl nur gezwungenermaßen erscheinen, als ihre eigentliche Daseinsform hat er ihnen den Klang zugedacht. „Denn ich bin Klang, genau wie sie“, schreibt er in „Vertonung/Elhangolás“, 1995, seinem dritten Band. Gábor Schein archaisiert, er sucht Klänge und liest sie beinahe überall auf, stopft sie in Gedichte, dass diese manchmal fast entzweibrechen. Die beiden Teile trennt eine Grenze gleich der zwischen Leben und Tod, zwischen Sein und Nichtsein. Wir müssen argwöhnen, dass unser Sein schon längst ins Nichtsein gerutscht ist, wobei es gleichsam das Negativ der Geburt aufscheinen ließe. „Woher wissen wir, dass wir nicht längst schon tot sind?“ („Platz mit Brunnen 1/ Tér kúttal 1“). Diese Zeile ist eine Paraphrase von Descartes vielzitiertem Satz. Ich bin nicht, also schreibe ich; aus der Perspektive der Werke vielmehr: ich bin nicht, weil ich geschrieben werde. Hier geht es nicht um Eliot’sche Dialektik wie in „In meinem Anfang ist mein Ende“. Es handelt sich hier um eine viel allgemeinere Unsicherheit: die Grenzen des Nichtseins sind nicht genau erkennbar, möglicherweise sind wir ihnen näher als wir glauben. Das Nichtsein ist in uns.

Dieses Lebenswerk ist in der Literatur, fast könnte man sagen: es geschieht in der Literatur. „Ich kann auf nichts bauen, was wirklich ist“, heißt es in Scheins Gedicht „Brandmauer“. Das meint er freilich nicht ganz ernst. Er weiß nämlich, dass die Literatur eines der wirklichsten aller Dinge ist: „Es gibt keinen Ausgang in die weltlose Ordnung der Phantasie“, schreibt er im Gedicht „Krönung/Koronázás“, das in „Irijam und Jonibe“ erschien, seinem Band von 1998. Diesem folgte 2001 „Glasfisch/Üveghal“ und 2003 „(retus)“. Seine Bücher sind immer einheitlicher und schlanker geworden. Material für die freien Gedichte von „(retus)“ findet er im Leben seiner Familie, einer charakteristischen Budapester Bürgerfamilie. Von hier führte der Weg direkt zur Prosa, Gábor Schein setzte gleich der Dramaturgie einer Erzählung Versprosa nebeneinander und schuf so seinen ersten Kurzroman, das Buch des „Mordechai/Mordecháj könyve“, 2002. 2004 setzte er diese Untersuchung mit einem neuen Roman fort, mit „Lázár!“.

Das Verfassen von Lehrbüchern und wissenschaftlichen Arbeiten ist fester Bestandteil seines Schaffens. Mit seinem letzten Co-Autor, Tibor Gintli, schrieb er für die „Kurze Geschichte der Literatur/Az irodalom rövid története“ eine Zusammenfassung in Form eines umfangreichen Essays. Schein setzt seine Forschungen als Schriftsteller an dem Punkt fort, den seine Meister am Ende ihres Schaffens erreicht hatten. Rituelle Feierlichkeit, tugendhafte Zurückhaltung und archaische Scham charakterisieren seine Kunst. Er stellt die Gegenstände seiner Werke an den Kreuzweg von Gott und Mensch, Lebendem und Leblosem, sie verwandeln sich ununterbrochen. Gegenstände werden lebendig, Lebende blicken in die Gedanken von Göttern, diese Gedanken werden zu Gegenständen. Die Wirklichkeit ist eine Möglichkeit des Werkes, das Werk eine Möglichkeit der Wirklichkeit. Schein trennt, was vermeintlich zusammengehört, und verbindet, was nicht evident zusammengehört: in seiner Welt ist alles unbeweglich, nur die Gren-
zen nicht.


István Vörös
Übersetzung von Christina Kunze

 

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