György Spiró kann etwas, worum ihn viele Autoren nur beneiden können: er bewegt sich frei in der Zeit. Als Bühnenautor schreibt er aktuelle Stücke über
das mittelalterliche Ungarn und historische über das Elend der spätkommunistischen Ára Kádár sowie der Zeit nach der Wende. In seinem großen Roman „Die X“ lernen wir die groteske Mischung von Theaterintriganten und Geheimagenten im Kostüm des angehenden polnischen 19. Jahrhunderts kennen. In dem Orwell’schen „Eisvogel“, der hundert Jahre nach unserer Zeit spielt, lesen wir eine tödliche Parodie der Welt nach 1989.

„Die Gefangenschaft“ schildert den Lebenslauf des römisch geborenen Juden Uri, der zwischen Reichtum und Armut, Freiheit und Sklaverei, Hochachtung und Misere die Jahrzehnte nach der Geburt Christi erlebt. Das Schicksal dieses Menschen soll jedem interessierten Leser ohne besondere philologische Vorbildung das Auf und Ab eines Jahrhunderts vermitteln, in dem die Kreuzigung des Nazareners nur als eine Episode der nicht enden wollenden Gewalt, ideologisch gebärdeter Machtkämpfe, Habgier, Verrat und Verlust jeder menschlichen Illusion einer Erlösung erscheint.

Imre Kertész, 2005

 

Mehr als zwanzig Dramen, Komödien und Kabarettstücke hat György Spiró geschaffen, und die meisten wurden in einer Reihe ungarischer Theater gespielt. Einige gehörten zu den denkwürdigsten Bühnenereignissen der letzten Jahrzehnte. „Der Impostor“ eine Satire über Theater als Welt und Welt als Theater, war ein Abschiedstriumph des grandiosen Schauspielers Tamás Major, während der sozialkritische „Hühnerkopf“, eine Abrechnung mit der bedrückenden Gemütlichkeit der Ára Kádár, zum Schwanengesang der großen Hilda Gobbi gehörte. Seine letzten Bühnenproduktionen, „Die Verdunkelung“ und „Der Zusammenstoß“ (2004) behandeln entweder aktuelle Konflikte oder historische aus der Vorkriegszeit, die nicht zuletzt aufgrund des neuen Antisemitismus zum Teil des mitteleuropäischen Diskurses geworden sind. Diese und andere Bühnenwerke eroberten auch ausländische Bühnen. Eine Auswahl der wichtigsten Stationen: Sofia, Prag, Presov, Avignon, Bonn, Erfurt, Darmstadt, Ingolstadt, Dresden, Bukarest, Moskau, Sewastopol…

Wenn wir hinzufügen, dass Spiró als Romancier, Lyriker, Hörspielautor, Übersetzer, Theater- und Literaturwissenschaftler und Kritiker tätig war, dann können wir behaupten, dass er praktisch fast alle literarischen Kunstgattungen beherrscht. Literatur- und Theaterpreise haben ihn nicht gemieden, Kritiker- und Publikumserfolge ebensowenig.

Leider ist der Romancier Spiró, anders als der Bühnenautor, im Ausland kaum bekannt. Zwar sind „Die X“ tschechisch und französisch erschienen und auf der Leipziger Buchmesse 2001 fand auch eine erfolgreiche Lesung statt, dennoch ist der Roman im deutschsprachigen Raum ebenso ein Geheimtipp geblieben wie „Der Ankömmling“. Offensichtlich verwandelt sich hier eine literarische Tugend in ein Handicap. Spirós Prosa ist durch Volumen und Inhaltsreichtum eine harte Nuss für Übersetzer und  Verlagslektoren. Dasselbe lässt sich auch über seinen Neuling „Die Gefangenschaft“ sagen.

Obwohl er ein angesehener und unentbehrlicher Protagonist der ungarischen Kultur war und bleibt, verlief und verläuft seine literarische Laufbahn alles andere als reibungslos. Bezeichnenderweise erlebte er seine erste politische Kollision mit dem Buch „Die X“. Dieser Schlüsselroman über das Verhältnis zwischen Macht und Politik spielt im Theatermilieu des vom Zarenrussland besetzten Polen und setzt sich mit der Anpassungstaktik der Intellektuellen auseinander. Der Autor provozierte mit diesem als antipolnisch und zionistisch verdammten Werk die damals gegenüber dem Jaruzelski-Regime loyalen nationalistischen Kulturpolitiker. Spiró wurde von
systemkonformen polnischen Medien zur Unperson erklärt.

Ich glaube jedoch, dass solche Injurien der Integrität des Autors Spiró ebenso wenig anhaben konnten, wie seine Position zwischen all den Stühlen, die von literarischen Gesetzgebern und Modeschöpfern aufgestellt werden. Er geht seinen Weg und hat wie jeder wirkliche Schriftsteller seine guten Gründe zu schreiben.

György Dalos, 2005

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