György Spiró: Die Gefangenschaft

Dann brach das Feuer aus.

Seinen Anfang nahm es im Zirkus zwischen den Verkaufsständen, vielleicht waren die Wurstverkäufer unvorsichtig gewesen, so sagte man jedenfalls; im Wind breitete es sich schnell aus und griff auf den Palatin über; die kleinen, bergan verlaufenden, engen Gassen lohten, die Gegend ums Forum brannte, der Kaiserpalast, viele, viele Tempel, Heiligtümer, Magazine, Baracken, Mietskasernen; das Heiligtum der Luna brannte nieder, die Hercules-Statue, der Tempel des Iuppiter Stator, das Romulus-Heiligtum, das Königshaus des Numa, der Vestatempel, die Subura, die Bibliotheken brannten nieder und mit ihnen die unersetzbaren Schriftrollen. […]

Menschen rannten mit Wasser oder geraubten Gütern umher, Soldaten eilten umher und Vigiles mit ihren Wagen, es herrschte Wassermangel, vielleicht hatte man die Wasserleitungen gekappt, eine wahnsinnige Kopflosigkeit ergriff die Stadt, Uri ging nach Hause. […]

Bald nach Hagar stellte sich Marcellus ein.

– Er kommt zum zweiten Mal, Er kommt! rief er. Alles ist wahr! Die Propheten haben die Wahrheit gepredigt, Seine Propheten! Er hat den Satan vorangeschickt, wie es geschrieben steht, Nero hat Ihm den Weg bereitet! Dieses Feuer ist Sein Feuer! Er kommt schon, Er ist nahe, jeden Moment kann Er hier sein! Es hat angefangen, es hat angefangen! Betet!

– Du Blödmann! schrie Uri. Macht das nicht, das ist lebensgefährlich!

– Hier ist der Beweis! rief Marcellus. Auch die Ungläubigen können es sehen! Auch die Heiden können es sehen! Dies ist Sein Werk!

– Du Rindvieh, willst du, dass sie das Feuer den Juden anhängen?!

– Die Ungläubigen werden in die Hölle kommen, brüllte Marcellus. Du kommst zuerst in die Hölle! Und das hast du auch verdient!

Er rief nach seiner Mutter, sie solle sich ihnen anschließen, denn drüben beteten viele, viele hätten sich ihnen angeschlossen, sie erwarteten gestärkt den Gesalbten, der Feuer gesandt hat und mit dem Schwert kommt, durch den Glauben seiner Gläubigen schreite er in den Wolken, der Rauch sei Sein Rauch, die Flamme Seine Flamme, aber Hagar war müde, sie wollte nicht zurücklaufen.

– Du kommst auch in die Hölle! fletschte Marcellus seine Mutter an und rannte fort.

Uri stöhnte auf.

Viel Schlimmes würde hieraus folgen. […]

Die Bürger buhten und pfiffen und schimpften auf die Juden und rannten los, um Rache zu nehmen.

Die Nazarener wurden gefangengenommen und alle, die jemand als solche bezeichnete, man folterte sie, sie gaben die Brandstiftung bereitwillig zu und benannten ihre Spießgesellen. Viele Juden wurden vorsichtshalber, zum Schutz der noch ungefolterten Juden angezeigt; man konnte sich auf diese Weise ganz leicht von Rivalen und Feinden befreien. Die Augustiner ergriffen auch schuldlose Fußgänger und ließen sie sich ausziehen, fehlte einem die Vorhaut, wurde er niedergemetzelt, fehlte sie ihm nicht, erschlugen sie ihn vor Wut. In jenen Tagen war es nicht ratsam, in den verbliebenen Straßen Roms unterwegs zu sein. Ein Aberglaube aus Alexandria verbreitete sich in Rom: die Juden tränken am Sabbat das Blut der Nichtjuden, sie schlachteten griechische Kinder und brieten sie, deshalb äßen sie auch kein Schweinefleisch. Nicht nur Juden waren aus Alexandria nach Italien geflohen, sondern auch Griechen in erheblicher Menge, sie hatten diese Schauermärchen mitgebracht. […]

Alexandria war nach Rom gekommen. Bisher hatte man die Juden in Rom nur verachtet und ausgelacht; die blindgläubigen Nazarener hatten erreicht, dass man sie nun hasste.

Eines Abends, als Uri heimkehrte, kam Marcellus zwischen den Ziegen hervor.

– Ich habe dich nicht gekreuzigt gesehen, lieber Sohn, begrüßte Uri ihn sachlich.

Marcellus wischte sich den Ziegenkot von den Beinen.

– Hast du sie verraten, lieber Sohn? erkundigte sich Uri herzlich. Hast dich gesputet und sie angezeigt, lieber Sohn? Hast du so deine Haut gerettet?

Marcellus schwieg. Hagar rang vorschriftsgemäß die Hände.

– Ich glaube, ich hätte sie nicht verraten, überlegte Uri. Sie waren deine Familie, deine Brüder.

– Sie haben gelogen, zischte Marcellus finster.

– Und das ist dir erst jetzt klargeworden? Wo man sie umbringt? Was war das für ein Glauben, dein Glauben?

– Er wird kommen, flüsterte Marcellus, aber er kommt nachts, verstohlen wie ein Dieb… und am Morgen wird die Welt anders sein… und den Sündern vergibt er zuerst!

Übersetzung von Christina Kunze

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