„Wie wunderbar es ist, wenn der Mensch sein eigener Ahne, seine eigene avant-garde – und, wenn es sein muss, sein eigenes Opfer – werden kann“, schreibt Sándor Bródy (1863 – 1924) im ersten Band des „Fehér Könyv“ (Weißes Buch, 1900), seines publizistischen Unternehmens, womit er in eigens geschriebenen Monatsheften das gesamte Feld der Prosa-Gattungen zu bestellen gedachte. Ein Urahn wurde Bródy allemal, ein Ahne der modernen ungarischen Prosa, ein avant-garde des bürgerlichen Lebensgefühls in der ungarischen Literatur, aber auch das Opfer seiner selbst, seiner Ungeduld, seines Erfolges und seines verschwendeten Lebens.

Bródy ist der erste Schriftsteller in der ungarischen Literatur, der sich in seinen Werken den Problemen einer Großstadt (Budapest) gewidmet hat, die sich auf dem Weg in die Modernität befindet. Die Helden seines ersten Bandes unter dem Titel „Nyomor“ (Elend, 1884) sind Proletarier, Dienstmädchen, die „kleinen Leute“ also, die Verlierer der Industrialisierung, deren Schicksal in der ungarischen Literatur zuvor nicht thematisiert wurde. Diese Welt der Nachteile und Entbehrungen musste dieser leidenschaftliche Schriftsteller der Jahrhundertwende am eigenen Leibe erfahren: der für seine Schönheit bekannte Bródy, Frauenschwarm und Mann der gehobenen Gesellschaft, der in seinen Werken das tiefste Elend beschrieb. Ein Jude, mit einem unbeirrbaren Glauben an die jüdisch-ungarische Symbiose, ein glühender Verehrer der ungarischen Sprache und Landschaft.

Diese Widersprüchlichkeit seines Wesens generiert eine seltsame Leidenschaft, die sowohl seine literarischen, als auch seine journalistischen Werke durchdringt.

Nach dem Sturz der Räterepublik sieht sich der alternde, kranke Bródy ständigen antisemitischen Attacken ausgeliefert, der Glanz seines Erfolges verblasst, er wird immer einsamer. In dieser Zeit entsteht sein letztes und zugleich eines seiner wunderbarsten Werke über den alten Rembrandt, in dem er sich selbst, den mit sich selbst ringenden, zurückblickenden, enttäuschten, doch das Leben über alles liebenden Künstler porträtiert. Das Thema ist für ihn nicht neu: „Ob Dichter oder Maler, das ist gleich: das eigene Selbstbewusstsein, sein eigener Kopf, das eigene Ich bedeutet ihm mehr, als alles andere. Diese Eigenschaft ist das markanteste Zeichen der modernen Seele, und deshalb ist van Rijn der erste unter den Modernen gewesen“, schreibt Bródy zum Rembrandt-Jubiläum 1906. In diesem Jahr bereist er die Niederlande und bewundert die Bilder Rembrandts, von denen ihm die Selbstbildnisse beeindrucken: er entdeckt in ihnen das Geheimnis der Ehrlichkeit, der Selbstironie, des an Gnadenlosigkeit grenzenden Realismus, der unverwüstlichen Lebenskraft und Neugier, des sich selbst thematisierenden Künstlers, der robusten Persönlichkeit. Er berichtet für die ungarische Presse über die Feierlichkeiten im Rembrandt-Jahr – auch später taucht der alte Meister bei Bródy immer wieder auf: auch Rembrandt ist aus dem Himmelreich des Erfolges und der Popularität in die Vergessenheit, in die Einsamkeit und ins Elend abgestürzt, und auch ihm begegnet das Alter als einem ehemaligen Kraftprotz, dessen Lebenskraft und der gebrochene Körper sich einen bitteren Kampf liefern. Eine Parallele zu den Bildern Rembrandts wird auch in der Struktur des Romans sichtbar: anstatt der Objektivität des historischen Romans ist für „Rembrandt“ die Subjektivität des modernen Romans bezeichnend – in kurzen, blitzartigen Bildern skizziert Bródy den alten Meister, in Einstellungen, in denen er sich durch ihn und ohne jede Erklärungsnot, ganz unmittelbar mitteilen, sich mit ihm identifizieren kann, seine Erniedrigungen, seine Qualen, seine Aufwallungen, die Pein des Begehrens im Alter, die großen Fragen der Todeserwartung ansprechen kann; und prahlen, worüber er stolz gewesen, und geifern, auf die er wütend gewesen ist, und noch einmal über das Schicksal der Juden sinnieren, das ihn offenbar bis zum Tode beschäftigt hat.

Zwar wurden die meisten Werke Bródys zu seinen Lebzeiten ins Deutsche übersetzt („Eine Doppelseele“, „Die Tote“ u.a.) und auch auf Berliner Bühnen gespielt („Die Lehrerin“, „Amme“), dennoch geriet er  inzwischen in Vergessenheit – weshalb es um so schöner wäre, anlässlich der Erinnerung an die Wiederentdeckung Rembrandts durch Sándor Bródy auch Bródy selbst wieder zu entdecken.

Andras Hecker

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