Sándor Bródy: Die Selbstbildnisse

Er war nun geneigt, sich selbst zu malen. Jetzt tat er es ungern, er war dreiundsechzig Jahre alt, und lebte schon viel zu lange in innigster Ehe mit sich selbst. Er fürchtete sich ein wenig vor diesem Ehepartner, der eine Scheidung nicht zuließ, diesem einzigen, und vor dessen sicherlich etwas verändertem Abbild. Wie alle Künstler, war auch er ein Narziss, verliebt in sich selbst, er stand am Ufer des ewigen Sees – des Lebens – und sah im Wasser immer nur sein eigenes Spiegelbild. Da schlug er am Ufer Wurzeln, die niemand zählen kann – starke, tiefe, haardünne, unvergängliche Wurzeln. Diese konnte er dann nicht einmal mit Gewalt einziehen oder herausreißen. Sie gehörten zu ihm, sie waren er. Signore Io.

Der gefragte Porträtmaler malte und zeichnete sich über sechzigmal selbst, und bisher kein einziges Mal ohne das Bekenntnis: das bin ich! Manchmal deutete er in diesen Abbildern verstohlen an, dass er zu jemandem gehöre, zu einem gewissen Bäckersmädchen namens Neeltje (Corueká), zu seiner Mutter. (Seltsam, auf den alten jüdischen Gräbern mit Turban ist neben dem Namen des Kindes nur der der Mutter eingraviert, nie aber der des Vaters. Warum? Ist das nicht ein orientalischer Argwohn, weil der Vater vielleicht doch nicht sicher sein könnte?) Rembrandt, Sohn der Neeltje, auf dem Bild des Jungen mit den Zahnlücken, und auf dem, das er gerade mit dem Spachtel aufzutragen begann: besonders stark spürbar. Meist war er (ich) aber allein, höchstens der Kopf, in den er gerade hineinschaute, änderte sich in Farbe, Tiefe, Jahreszeit. Natürlich veränderten sich auch Heiterkeit und Düsternis, wolkiger oder wolkenloser Himmel, weil auch sie Narzisse sind, die ins Schauen des eigenen Bildnisses versinken. Allein entbehren sie des Selbstbewusstseins. Nicht so der Müllerssohn! Davon hatte er mehr als genug, und das mag auch der Grund seiner bittren Qualen im Alter gewesen sein. Doch entschädigt hatte er sich im Voraus – mit seiner unerhörten Naivität und Kühnheit, mit denen er sein Leben und so auch sich selbst verlebt hatte. Könnte nur der Mensch – der Mann – sich selbst so aufzehren, wäre es nur möglich, die Wurzeln einzuziehen! Das ist so schwer, wie Selbstmord zu begehen, dafür braucht es besondere Vorfahren, genuine Vorbilder, Training, oder etwas Vergleichbares…

Herr Rembrandt verfügte aber nicht über entsprechend edle Vorfahren, sonst hätte sich der stolze Grandseigneur – der er heimlich auch war – als er auf Gnadenbrot angewiesen war und sein letztes Selbstbildnis skizzierte, wahrscheinlich das Leben genommen.

So sehr er sein eigenes Wesen auch vergötterte, so unvorstellbar war für ihn die Welt ohne ihn. Ach, wie schwer ist es doch, uns von der Welt zu abstrahieren, von allem, was ist, war und sein wird. Wut und wahrhaftigen Zorn braucht man, um sich ins Nichts zu stürzen. Um Richter, Mörder, Henker und Opfer zugleich zu sein. Für all das war der arme gnädige Herr nicht reif, nur zweimal war er nahe dran. Einmal, als ihn die verjagte Frau des Trompeters, seine halbverrückte Köchin wegen seiner Heiratsversprechen zur Rechenschaft zog, sogar vor Gericht. Da dachte er in seiner schrecklichen Wut daran, sich lieber im Rhein zu ertränken, als sie zu heiraten. Doch dann besann er sich eines Besseren: er ließ das Weib in die Anstalt sperren und ihr etwas Geld zukommen.

Das zweite Mal, als er seine Wurzeln beinahe eingezogen hätte, war nach dem großen, dem richtigen Sturz. Er musste vor seinem Weib, vor seinem Sohn, vor der ganzen Welt und besonders vor sich selbst Bankrott erklären. Er geriet ins Wanken, taumelte, er wurde mit einem Mal alt. Von Zeit zu Zeit, wenn er in den Spiegel blickte, erkannte er sich nicht, dabei konnte er sich an sich selbst erinnern, an sich zu allen Zeiten, alles war lebendig in ihm, keines hatte er vergessen, jedes Selbst hatte er sich von Herzen in sein ewiges Gedächtnis eingeprägt. Und hätte er dazu geneigt, auch nur ein einziges Selbstbildnis-Nasen-Detail zu vergessen, wäre ihm eingefallen, dass er jene Nase zu der Zeit gehabt hatte, als er sie im warmen Busen dieser Frau vergrub. Abgesehen von ihm selbst waren diese Frauen die Wurzeln, die ins Ufer des Lebens versenkt waren.

So konnte sich der wackere Narziss nicht von sich selbst befreien. Jetzt, nachdem er sich in Pose geworfen und in den Spiegel geblickt hatte, wurde er stutzig. „Warum um alles in der Welt male ich so ein Modell!“ Etwas in der Art muss ihm in den Sinn gekommen sein, und der Pinsel zitterte zwischen seinen Fingern, die gute, feine, weiße Farbe, die nach Flachs roch, tropfte hinunter und landete auf dem Mantel. Auch die geschwollenen Beine standen unsicher unter seinem immer noch kräftigen Rumpf.

Sein nervenschwaches Haupt zitterte, doch er arbeitete blind weiter. Denn da waren seine Augen schon fast blind, nur sein glänzendes, alles sehendes Hirn lieferte ihm die Projektion des alten, verkrüppelten Menschen, der sich auf den Tod vorbereitete und der zu dieser Zeit noch Rembrandt van Rijn hieß.

Übersetzung von Andras Hecker