István Örkény ist einer der wenigen – wenn auch in den letzten Jahren erfreulicherweise immer zahlreicher werdenden – ungarischen Schriftsteller, deren Namen und Werke auch außerhalb ihrer Heimat bekannt sind.

Er wurde 1912 in Budapest geboren und wuchs in einer bürgerlichen Familie auf. Nach dem Studium der Chemie und der Pharmazie bereiste er die Welt, lernte Sprachen und begann in den 1930er Jahren surrealistische, frivole, spielerisch verantwortungslose Kurzgeschichten zu schreiben. Sein erster Band erschien 1941 unter dem Titel „Tengertánc“ (Meerestanz). Im Mai 1942 wurde er als jüdischer Arbeitsdienstler an die Ostfront kommandiert: diese überhaupt nicht stilistische, vielmehr brutale historische Zäsur schließt die erste Phase seines künstlerischen Schaffens ab. Im Januar 1943 kommt er nach der Zerschlagung der der deutschen Heeresführung unterstellten zweiten ungarischen Armee – nach Flucht, Verwundung, Erfrierungen, Hunger, Typhus und Feldlazarett – ins „Lager“, in das Kriegsgefangenenlager, wo er die nächsten viereinhalb Jahre verbringt. Im Sommer 1945 beginnt er wieder zu schreiben, womit seine zweite Schaffensperiode einsetzt, die anstatt des unverantwortlich Spielerischen nunmehr die Analyse der Verantwortung und das prophetische Verantwortungsgefühl gegenüber der Gemeinschaft kennzeichnen. Diese Tendenz ist auch nach seiner Heimkehr 1947 erkennbar, bis hin zu den schematischen – „sozialistisch-realistischen“ – Schriften, die auch von politischer Propaganda keinen Abstand nehmen – und auch in den nach 1953, nach dem Tod Stalins, entstandenen Werken, die den Konflikt zwischen dem aufrichtigen Glauben an die sozialistische Zukunft und dem durch Erfahrungen begründeten Zweifel widerspiegeln. Diese zweite Phase wird erneut von einer historischen Zäsur abgeschlossen: von der Niederschlagung der ungarischen Revolution 1956. Darauf folgt eine Pause von viereinhalb Jahren, sozusagen eine neuere, künstlerische „Kriegsgefangenschaft“ des beinahe totalen Publikationsverbotes. Die dritte Phase seines Schaffens kann demnach ab 1963 gerechnet werden – in dieser Zeit entstehen seine souveränen und weltberühmten Werke der mittelosteuropäischen Groteske und der absurden Kurzprosa, sowie des absurden Theaters: die Dramen „Die Familie Tóth“ und „Katzenspiel“ und die philosophisch-grotesken „Minutennovellen“. Örkény starb 1979, erfolgreich sowohl im In- als auch im Ausland.

„Lagervolk“ markiert also den Beginn der zweiten Phase in Örkénys Schaffen: „Kriegsgefangenenlager Krasnogorsk, Juli-September 1946“. Autor und Fachliteratur bezeichnen das Werk abwechselnd als Kriegsgefangenschafts-Roman, als Kriegsgefangenschafts-Soziographie, manchmal auch als Autobiographie. Es ist jedoch kein Roman im herkömmlichen Sinne: es gibt keine Fiktion, keine Handlung, keine Romanfiguren. Es ist aber auch keine Soziographie, da dem Autor während des Schreibens keine Fachliteratur, keine exakten Erhebungen, keine wissenschaftlichen Forschungen über entsprechende Themen – wie über gesellschaftliche Probleme im Vorkriegs-Ungarn, Zukunftsaussichten, deutsch-ungarische, russisch-ungarische und rumänisch-ungarische Beziehungen, Demokratie, Kultur und über vieles andere – zur Verfügung standen. Und als Autobiographie kann es auch nicht bezeichnet werden, denn Örkény selbst erscheint nur selten, höchstens als „Chronist“, bei dem sich die Mithäftlinge nach und nach einfinden, als sie erfahren, dass jemand – ein Schriftsteller! – ihrem Schicksal ein Denkmal setzen würde. Eher scheint dieses Buch eine literarische Reportage oder ein Reportagen-Zyklus zu sein: ein Werk der ungarischen Kellertagebuch-, Front-, bzw. Gefangenschafts-Literatur von bleibendem Wert. Und es ist auch heute eine angenehme Lektüre; die Quelle seiner Wirkung ist jener „Frohsinn“ – oder: jener anthropologische und nationale Optimismus – mit dem der Autor über die Situation und die Zukunft seiner Landsleute sinniert.

Protagonist des Buches ist „der Häftling“ selbst, wenn auch durch zahlreiche reale Namen und Berufe individualisiert, dennoch einheitlich: die typische Denkart, Moral, Emotionalität und Kultur „des Häftlings“. Und das Maß aller Dinge ist: „die Freiheit“, bzw. der Mangel an Freiheit. Das Gefangenenlager ist die Schule, deren Schüler sich auf die spätere Reifeprüfung in Freiheit und Demokratie vorbereiten; all ihre Taten und Worte erscheinen in der Perspektive der Befreiung und der Heimkehr.

Diese Heimkehr wurde allmählich – meist zwischen 1946 und 1949 – allen zuteil, doch auf die ersehnte freie und demokratische Welt musste man noch jahrzehntelang warten; und es geschah eben nicht durch das Lager-Modell, das sie kennengelernt hatten, sondern durch den Untergang desselben, wodurch die Bedingungen dieser Freiheit erst entstehen konnten. Erfreulich ist, dass auf dem Gebiet des einstigen riesigen Gefangenenlagers Krasnogorsk heute ein Museum des Gedenkens steht, in dem Dokumente von Hunderttausenden, unter anderem auch von István Örkény aufbewahrt werden. Erfreulich ist auch, dass „Lagervolk“ im Dezember 2005 in Moskau erscheinen durfte, in der Übersetzung von Tatjana Woronkina. Und wenn es auch auf Deutsch erschiene, wäre der Kreis auch hier geschlossen…

István B. Szabó

Übersetzung von Andras Hecker

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