Éva Bánki: Die erste Liebe

 

Doch wie sich die Großmächte auch entschieden hatten, wieviel sie auch verhandelten, ob im Verborgenen oder in der Öffentlichkeit, Böbe Csák sollte auf keinen Fall mein werden. Feri Bujdosó lebte mit Böbe bei uns, wie mit seiner Frau, doch manchmal schlich ich mich zu ihr hinein, streifte ihre Decke glatt, streichelte ihren Nacken, bat sie, ihr Haar zu lösen. Ich durfte mich neben sie aufs Bett setzen, da legte sich ihr Haar, wie eine dunkle Wolke, wohltuend auf mein Gesicht. Aber kleiner Imi, kicherte Böbe, Feri ist doch nur zum Stall hinaus gegangen, er kann jeden Moment hier sein. Ich wußte, dass das nicht am Moment lag, sondern an meinen dreizehn Jahren, an Mamas Missbilligung und an den spendablen Geschenken von Feri Bujdosó. Feri verfügte als Erstgeborener eines Großbauern auch zu schwierigen Zeiten über bestimmte Summen Geld, und kaufte Bändchen, Spiegel und Traumbücher für Böbe. Auch ein ziemlicher Tölpel, dieser Junge, sagte Tante Berta zu meiner Mutter, als Feri den ganzen Klimbim vor Böbes Füßen ausschüttete. Ich hingegen konnte nur mit den Waffen der Poesie in den Kampf ziehen, mit meinen Gedichten an die Lady der Küsse (Böbe hatte mich noch kein einziges Mal geküsst), und mit einem kleinen Stück blauer Seide, das Mamas Ankleidepuppe zu lang geraten war, und jahrelang im Kleiderschrank verborgen lag. Meinen Roman, der im wahren Wilson Mesto spielen sollte (Verbrennungsmotoren, nicht aufklärbare Mordfälle, Verschwörungen), hatte ich noch nicht begonnen, aber das Englischbuch meines Bruders war schon voller Liebesgedichte. In den lateinischen Dichtungen lobte ich die edle Haltung von Anci Bujdosó, ihre Haartracht und ihre römischen Tugenden, meine – so dachte ich – symbolistische Lyrik fasste ich unter der recht unzeitgemäßen Widmung FÜR BÖBE CSÁK zusammen. Nagymegyer wurde die Stadt der Liebe, ich segnete in meinen Gedichten die Stämme der Ungarn, die das Land erobert und sich zwischen Seen, Heilquellen und Mooren niedergelassen hatten, auf dass die Musen geboren würden, die schönsten Mädchen Ungarns. Im Lande Pannonien… schrieb ich, und brach in Panik das Gedicht wieder ab.

Bevor ich im Herbst ins Lyzeum zurückkehrte, hatte Mama meine Liebespfänder, die mit Gedichtetem vollgeschriebenen Papierfetzen in Böbes Kammer gefunden. Was wirst du für ein Pfarrer werden, an eine Dirne schreibst du Gedichte, hatte sie mich angeschrien, und ich hörte ihr zu, wie sie mir unter Beisein der Bediensteten meine Niedertracht vorhielt, die Enttäuschung, die die Vorfahren, die im Grabe ruhten und auch dort noch mir vertrauten, durch mich erfahren mussten. (…) Ich hätte dieses verfluchte Weibsbild schon längst aus meinem Haus geworfen, sagte Mama dem Pfarrer, müsste ich nicht befürchte, dass mein Verwandter mir vorwirft, mein Versprechen nicht gehalten zu haben. Böbes Verschwinden hätte sie in der Tat nicht geheimhalten können. Vor der Ankunft meines Bruders war der Amerika-Károly mehrfach vorbeigekommen und hatte den Gutshof inspiziert, war mit dem Wagen zu unseren Feldern hinausgefahren, kurz, er ging mit stolzem Gesicht den ganzen Tag bei uns ein und aus, doch ich wusste, wo er auch geht und steht, lauscht er nur dem Rascheln von Böbes Röcken. Dieses Weibsbild, flüsterte Mama, doch während der Besuche von Onkel Károly ließ sie die besten Weine auftragen.

Da sah ich nicht mehr nur ihren hüpfenden Zopf, nein, jene Augen, die nur im Traume sehen können, deckten mir jeden Winkel von Böbes Körper auf. Als mein Bruder zurückkehrte, und sich der Wagen der Bujdosós in Bewegung setzte, sie endgültig nach Hause zu bringen, dachte ich, Böbe würde endlich Zeit für meine Gedichte finden. Auf eine Postkarte mit einem Flugzeug darauf schrieb ich, dass ich Böbe auch im Himmel lieben, ein Land für sie erobern würde, keine Berge natürlich, sondern einen Meeresstrand mit Palmen, wo hinter dem blauen Himmel die Paläste der Liebe träumen. Diese Sehnsüchte setzten sich auf einer anderen Postkarte fort, dort dichtete ich darüber, wie wir uns der Elisabethstadt näherten, das Gelobte Land erreichten, wie unsere glühende Leidenschaft das Triebwerk der Maschine in die Luft jagte. Dieses von mir entworfene Szenario blieb nicht gänzlich fruchtlos, durch die Triebwerksexplosion und die flammenden Verszeilen ließ sich Böbe zu einem Kuss hinreißen, doch dann rannte sie auch schon aus dem Stall, aus Angst vor der älteren Berta, der Magd meiner Mutter, die ihr von morgens bis abends nachstellte.