Aliz Mosonyi: Ladengeschichten

Laden der guten Ratschläge Im Laden der Guten Ratschläge läuft die Besitzerin, Frau Doktor Aufundab auf und ab. Es kommen die Kunden und fragen: „Sagen Sie mir, Frau Doktor Aufundab, Stein oder Schere, offen oder heimlich, wach oder im    Traume, rot oder schwarz, Tür oder Fenster, öffnen oder schließen, auf Biegen oder Brechen, Honig oder Butter, eher oder später, Feuer oder Flamme, auf Leben oder Tod?“ Frau Doktor Aufundab geht im Laden auf und ab: „Womöglich Stein, womöglich Schere, womöglich offen, womöglich heimlich, womöglich im Traume, womöglich rot, womöglich schwarz, womöglich Tür, womöglich Fenster, womöglich öffnen, womöglich schließen, womöglich auf Brechen, womöglich auf Biegen, womöglich Honig, womöglich Butter, womöglich eher, womöglich später, womöglich Feuer, womöglich Flamme, womöglich lebend, womöglich tot. Nun gehen Sie schön nach Haus.“

Laden der alten Freundinnen Im Laden der alten Freundinnen summen zwei dicke Damen vor sich hin und schauen in ihr kleines Fernglas. „Ich sehe in die Zukunft“, summt die eine. „Ich sehe nur Gutes.“ „Nein, ich sehe in die Zukunft“, summt die andere, „und ich sehe nur Schlechtes.“ „Ohne mich kommst du nicht weit“, summt die eine. „Nein, du kommst nicht weit ohne mich“, summt die andere. „Darüber werden wir uns nicht streiten“, summt die eine. „Darüber nicht“, summt die andere.

Laden der Erfrischungen und Erquickungen Im Laden der Erfrischungen und Erquickungen ist alles so frisch! Alles so erquickend! Die jungen Verkäuferinnen flitzen frisch und erquickend umher. Einen Atemzug Luft? Bittesehr! Zwei Atemzüge? Die Luft ist frisch, erquickend!

Laden der Überstürzungen Im Laden der Überstürzungen steht das Fräulein hinter dem Ladentisch und fragt sofort, wenn ein Kunde eintritt: „Sofort?“ „Sofort“, sagt der Kunde, und schon hat er es überstürzt.

Laden der Schutzengel In den Laden der Schutzengel kann man nicht hineingehen, nur hineinseufzen. BITTE HIER HINEINSEUFZEN, steht da angeschrieben, und sie hören es sich dann an, legen das Strick- oder Häkelzeug beiseite und ziehen sogleich los, wenn es sein muss. Wenn es aber ihrer Meinung nach nicht sein muss, stricken und häkeln sie seelenruhig weiter.

Laden der Honigbonbons In den Laden der Honigbonbons kommen die Kunden in Scharen und verlangen Honigbonbons. „Es fällt Ihnen einfach so ein, dass Sie Honigbonbons wollen, und dann kommen Sie her und verlangen welche?!“, schreit das Fräulein hinterm Ladentisch. „Einfach so? Bonbons kaufen und verschmausen? Eins nach dem anderen? Und wenn sie alle sind, kaufen wir uns noch welche? Einfach so? Sie bilden sich ein, das kann man einfach so machen? Immer kommen, immer kaufen? Na, machen Sie, dass Sie wegkommen! Ohne Bonbons! Einfach so!“

Als die Kunden endlich gehen, schließt das Fräulein die Tür hinter ihnen ab, holt ihre Bonbonschachteln hervor und betrachtet ihre Honigbonbons. „Ich könnte die alle aufessen, jederzeit! Wann ich nur will.“

Knopfladen des kleinen Onkels Der Knopfladen des kleinen Onkels hat Tag und Nacht geöffnet. Der Kleine Onkel hält die Knöpfe in 101 Schubladen, hundert zieht er auf, zeigt dem Kunden jeden Knopf, hier findet man Knöpfe für alle Kleider der Welt, und doch gibt es welche, die auch die 101. Schublade ansehen wollen. „Diese Schublade ist leer“, sagt der Kleine Onkel und zeigt die 101. Schublade keinem. Nur nachts, wenn er alleine ist, zieht er sie manchmal behutsam auf, und diese Schublade ist mit Sternen gefüllt, mit den Sternen des Himmels, und zieht er sie noch weiter auf, ist große Helligkeit, man kann ein wenig ins Himmelreich hineinsehen und hören, wie die Engel flüstern.

Teufelsladen Im Teufelsladen kann man Teufel bekommen, was sonst? Die Teufel müsste man in Käfigen halten, aber keiner bleibt eingesperrt, denn Teufel lieben ihre Freiheit. Wird der Käfig geschlossen, haucht der Teufel nur auf das Schloss, und schon ist er draußen, wird der Schlüssel im Schloss umgedreht, isst der Teufel den Schlüssel einfach auf, und schon springt er frei herum und singt. Schöne Lieder kennt er nicht, aber Märsche, die ja, in denen man „Halihallo!“ huchzen und juchzen kann, seine Augen glänzen und er schlägt mit seinem Huf auf, wenn er die singt. Der Teufelshändler hat ein großes Grammofon aufgestellt und legt eine Platte nach der anderen auf. „Hört, meine lieben Kleinen, die schönen Opern!“, doch die Teufel schlucken nur huch juchz die Schlüssel und singen den ganzen Tag die Märsche.

Laden für Ein-Zwei-Minuten In den Laden für Ein-Zwei-Minuten kann man nur für ein, zwei Minuten hineingehen, denn wer nach ein, zwei Minuten nicht herauskommt, wird ganz dick. Ja und? Na und.