Zsófia Bán: Berlin, totaler Karneval

 

This must be the place.

(Laurie Anderson: “Big Science”[1])

There is no there there.

(Gertrude Stein)

 

Meine erste Begegnung mit Berlin war von dem bedrückenden Gefühl gekennzeichnet, unvorbereitet zu sein. Wie jene schauderhaften, wiederkehrenden Träume, in denen man im Klassenzimmer der alten Schule vor dem Katheder steht, gerade geprüft wird und vergebens weiß, daß man sich vorbereitet hat, die gestellten Fragen kann man trotzdem nicht beantworten. Auch hier also, genau das Gleiche; nicht als hätte ich mich nicht vorbereitet, im Großen und Ganzen war ich mit dem Stoff vertraut, aber anstatt, daß ich ihn jetzt laut, schön artikulierend, von Angesicht zu Angesicht aufgesagt hätte, haben vielmehr mein Wissen, man könnte sagen alle diesbezüglichen Vorkenntnisse, versagt. Ich könnte das natürlich mit einem Achselzucken abtun, wen interessiert das schon, was geht mich das überhaupt an? Sie gehört nicht mir, ich muß nicht alles wissen oder besitzen. Woher doch dann  dieses hartnäckige, unangenehm juckende Gefühl: und dennoch wissen, besitzen!  Warum müßen wir immer alle Städte erobern, uns eigen machen, mit schönen Worten oder mit Gewalt mit unserem Körper und unseren Sinnen um jeden Preis verschweißen, all ihre dunklen Ecken erforschen, all ihren Gestank, ihre Düfte spüren, ihre Kanalisationsdeckel lüften, ihre Geheimnisse erspähen, ihre Wunden berühren, und erst wenn wir alle Biegungen, Wölbungen und Narben mit unseren Fingerspitzen ertastet haben, können wir uns zufrieden zurücklehnen und erschöpft, jedoch befriedigt und glücklich den in der Hetzjagd ermatteten, keuchenden Stadtkörper an uns drücken oder gerade unwillig von uns fernhalten und wegwerfen wie einen ausgewrungenen, schmutzigen Lappen?

Ihr Recken! was könnte aufregender sein und mehr Nervenkitzel bereiten als eine Stadt, die einfach nicht bereit ist, sich zu ergeben? Sie beugt sich nicht, läßt sich nicht fassen. Obschon es vieles gäbe, was zu fassen wäre, das sieht man von Weitem, zum Beispiel aus dem Aussichtsturm der Infobox im Gigantobau auf dem Potsdamer Platz (von wo aus wir eine als Touristenattraktion aufgetischte stolze, multinationale Platzschändung besichtigen können) oder – offensichtlich ein Zeichen des freien Informationsflusses – vom Dach des zur DDR-Ikone gewordenen Fernsehturms; aber das ist es ja eben: es ist nur von Weitem zu sehen. Denn sobald wir uns an die in der Ferne dämmernde, gellertartig zitternde, verführerische Masse näher heranwagen, um mit den ersten tastenden Berührungen die Eroberung zu beginnen, zerschmilzt und zerrinnt sie zwischen unseren Fingern, zieht sich geübt hinter die Mauern ihrer Dreidimensionalität zurück und läßt das Einswerden, die Vereinigung nicht zu (scheinbar vorerst auch nicht mit sich selbst). Am Ende sind wir gezwungen, einzusehen, daß wir es mit einer professionellen Widerstandskämpferin zu tun haben, der gegenüber wir, als laienhafter Don Juan, uns gedemütigt und ratlos unter den Linden die Beine in den Bauch stehen. Und was jetzt? Wie soll es weitergehen? Sollen wir aufgeben und uns mit dem Gedanken zurückziehen, nie wieder einen Fuß auf diesen Boden zu setzen? Eine kleinliche, unwürdige Lösung und vor allem: keine Lösung. Ganz zu schweigen davon, daß ihr Widerstand unwiderstehlich ist. Dann  aber los!

**

 

Zwei Wochen lang schwärmen wir beinahe nur abends in die Stadt aus, wie Fledermäuse, damit sich unsere Augen an die Absurdität der Stadt gewöhnen. (Na gut, nicht deswegen: wir sind bis morgens wach, essen, trinken und unterhalten uns, schlafen bis nachmittags). Und als ich Berlin endlich das erste Mal bei Tageslicht erblicke, überrascht mich beinahe, daß es auch um diese Tageszeit lebt, existiert. Nur eines verstehe ich nicht, und das ist zugleich mein erster Eindruck: Wie kann man sich hier zurechtfinden? Als wenn die ganze Stadt ein einziger Paradeplatz wäre; Bretter, Kräne, Schotterhügel, Eisenträger, Drahtzäune, wie Bombentrichter klaffende riesige Löcher, nackte Kanalrohre und Leitungen, wo man auch hinsieht. Als wenn ein böser Zauberer die Stadt plötzlich gewendet hätte, wie einen schäbigen Mantel, und man sähe jetzt nur das zerrissene, zerschlissene Futter, oder mit Röntgenaugen das Skelett eines riesigen Urwesens (die Kranwälder verstärken besonders diesen letzteren Eindruck; angeblich hat man auch ein Kranbalett , von Licht- und Toneffekten begleitet, veranstaltet und Spielberg hat sich mit Sicherheit die Haare gerauft, daß er diese Szene nicht in Jurassic Park hatte). Ein Stadtplan vom Vorjahr ist so gut wie unbrauchbar, daher wird jedes Jahr ein neuer herausgegeben, was seit der Zeit der großen Entdeckungen ein beispielloses erneutes Aufblühen der Kartographenzunft mit sich brachte, eine wahrhaftige kartographische Orgie. Doch wie sich die Augen langsam an dieses bedrohend karnevalisierte Stadtbild gewöhnen, beginnen wir schrittweise die trotz alledem ausgetretenen, berührenden – da menschlichen – Wege, Pfade, engen kleinen Schläge und Gänge wahrzunehmen, welche sich die Bewohner der Stadt in täglich wiederkehrende Partisanaktionen  erkämpft haben. Und auf einmal ertappen wir uns dabei, wie wir so ein kriegerisches Schlachtfeld mit der Vertrautheit eines Generals überqueren und die für Angriffe und Rückzüge geeigneten Strecken genau wahrnehmen, das beruhigende Vorhandensein der als Orientierungspunkt dienenden Gebilde mit Wohlbefallen registrieren:  hier ist der Stacheldraht, daneben der Abgrund und weiter hinten  die Straßenbahnhaltestelle. Alles an seinem Platz.

Die Bewohner Berlins scheinen dadurch, daß sie leben und existieren – sich sogar mit Vergnügen und Stolz in den mit Versprechungen belasteten Ruinenhaufen bewegen – jene These zu rechtfertigen, nach der man jede Art von Wahnsinn gemütlich einrichten kann. Die gespannten Energien des Überlebensdrangs verwandeln sich sogleich in die raffiniertesten Fähigkeiten zur Inneneinrichtung. (Ohne daß ich zwischen den beiden in irgendeiner Hinsicht eine Parallele ziehen wollte: Die vielleicht schönste und schmerzhafteste Dokumentation dieser Erkenntnis vollbrachte Imre Kertész in „Schicksallosigkeit“.)  Auch wenn ich die Berliner Eingeborenen dabei bewundere, wie natürlich sie sich auf diesem scheinbar absurden Gelände bewegen, lässt mein beharrlich hartnäckiges Gefühl nicht nach, daß das Berlin der Nachkriegsjahre genau so gewesen sein mochte; selbstverständlich nicht der Anblick, sondern nur der Atmosphäre und dem Willen nach. Diese Stadt will etwas mit unglaublichem Elan und Anstrengung, und dieses Etwas ist nichts anderes als das Gefühl der Ganzheit, daß alles wieder ein Ganzes sein soll. Eben deshalb ist die augenblickliche Rolle der gigantischen, hyperpostmodernen Gebäudekomplexe, die einer nach dem anderen in Folge der fieberhaften Bauarbeiten aus der Erde schießen, den Blick von den Rissen, Spalten und den madigen, eiternden Wunden, die auf dem Körper der Stadt wuchern, abzulenken. Wie lange kann man jedoch nach oben starren?; früher oder später werden die Augen, der Nacken und auch die Seele von dem vergeblichen Bemühen müde, diese hochmütigen Betonklötze in Besitz zu nehmen, und dann schaut man, vom Gefühl der Unerfülltheit und des Mangels erschlagen, lieber nur noch vor sich hin ( wie auch in den schönsten gotischen Kathedralen die im Gebet vertieften Gläubigen schließlich nichts anderes als den Rücken des vor ihnen knienden sehen). Da aber verrät sich der Platz unvermeidlich, das Schauspiel wird enttarnt, wie wenn die Perücke des Schauspielers plötzlich nach hinten rutscht und statt des mit Kinderaugen blickenden, andächtigen, heldenhaften Reckens erblickt man einen garstigen, kahlen und einsamen alten Mann, oder es ist, als wenn wir zum ersten Mal entdecken, daß der Vater ein Gebiß hat.

Zum Beispiel taucht für einen Fremden, der Berlin noch nie zuvor gesehen hat, an den unerwartetesten Stellen ein Stück Mauer auf, das meistens aussieht, als wäre es von einer Schar Spechte befallen worden, und dessen Anblick auf einmal – oh nein! –in unseren Herzen Mitleid gegenüber diesem verhaßten Gegenstand erweckt; es ist beinahe unbegreiflich, wie dieses unglückselige, fast menschlich erscheinende Wrack dazu fähig war, Tausende von Menschenleben zu ruinieren. Die Multis wollen natürlich möglichst schnell auch ihre letzten Überreste verschwinden lassen, damit diese die Widerspiegelungseffekte der Stahl- und Betonblöcke mit ihren Glaswänden nicht beeinträchtigen, in denen sie zumeist nur einander sehen wollen, folglich wurden in der unmittelbaren Nähe ihrer Gebäude nicht gerade viel Aufenthaltsflächen für die Menschen übriggelassen, denn wie die Mauerstücke würden auch sie das Gesamtbild nur stören. Zwischen ihnen herumsitzen oder spazierengehen kann man nicht, nur beängstigt marschieren; der traditionelle Berliner Flâneur  trifft hier auf seine endgültige Vertreibung. Es gibt jedoch noch einige Besessene, welche die nur hin und wieder auftauchenden Mauerstücke in der Stadt retten wollen, und die mit verschiedenen Aktionen und Demonstrationen gegen das Ausradieren des Mementos protestieren. Sie sind sozusagen die Hemmklötze des Fortschritts, die retrograden Neonostalgiker, die Zerstörer der neuen und besorgt behüteten Einigung, die man möglichst schnell damit loswerden möchte, daß es bald nichts mehr geben wird, was sie noch bewachen könnten.

Oder, aus der U-Bahn-Haltestelle des Anhalter Bahnhofes auftauchend, stehen wir plötzlich dem verzierten Eingang des alten Bahnhofes gegenüber, doch nur dem Eingang, denn hinter ihm befindet sich ein leerer, grasbewachsener Platz, weiter entfernt ein alter Bunker, der jetzt als eine Art Gruselkabinett eines Vergnügungsparks fungiert. Momentan ist ganz Berlin eine Fassadenstadt, eine verblüffende Kulisse, wo nichts das ist, was es ist: das alte schon verschwunden, das neue noch nicht entstanden; ein aus sich herausgekehrter Ort, außer sich, und doch unbegreiflich identisch mit sich selbst, gerade durch das ständige Pulsieren, das mal als sprudelnder Kreislauf, mal als schmerzende Wunde pocht, jedoch lebt und sich bewegt, trotz alledem. Und der Potsdamer Platz, der zentrale Platz der alten Stadt, den die Mauer entzweigeschnitten  hatte, wie ein Samuraischwert den Körper des Feindes, ist es, als befänden wir uns plötzlich in Dantes Hölle, doch diesmal stellen wir erschrocken fest, daß wir Vergil zuletzt irgendwo in der Gegend der Friedrichstraße gesehen haben. Hier nimmt bei der Orientierung eine tragische Posse ihren Anfang, und es gibt niemanden, der uns durch die Höllen dieses Ortes führen könnte, denn alle sehen genauso ausgeliefert und verloren aus wie wir selbst. Die Ausersehenen, bei denen man sich erkundigen möchte, winken schon von weitem erschrocken oder lachend – je nach Temperament: wir sollten uns nicht bemühen, auch sie wüßten nicht, in welche Richtung man gehen müsse, sie lassen sich nur im Strom treiben und werden schon irgendwo ans Ufer gelangen. Doch wie könnte man sich auch an einem Ort zurecht finden, der in der Wirklichkeit zwar existiert, aber (noch) keine Realität hat; umsonst sehen wir ihn, er ist doch nicht dort, er hat kein Dortsein, keine spürbare, fassbare Dortseinsexistenz. Der Potsdamer Platz, seiner ursprünglichen Rolle beraubt, also eine Art Zufluchtsort der Großstadtmenschen zu sein, ist vielmehr ein Fluchtort, ein Atopos, oder ein perfekter Cyberplatz, mit Farben, Gerüchen und jeglicher Art von Sinnestäuschungen ausgestattet, in dem jedoch nichts Organisches entsteht und gedeiht: eine Begegnung von Computer und Atmungsgerät auf dem Entwurfstisch.

Und doch, am Ende finden wir, trotz seines Sträubens und Widerstands, seine verborgenen, sensiblen Stellen, seine geheimen, erogenen Zonen, und bei deren Erblicken und Berühren öffnet sich langsam, allmählich unter unseren Händen die Stadt. Und gewöhnlich folgt hier, wie auch jetzt, etwas, was für andere nicht oder nicht immer verständlich ist, wie wenn unser bester Freund sich in eine irreal häßliche Frau verliebt: Verstehen können wir es nicht, wir können nur verständnisvoll sein, und das ist wohl das meiste, was man von Bekannten erwarten und bekommen kann. Gerade das macht eine Beziehung einmalig und unwiederholbar, denn es gibt keine zwei Menschen, die genau das gleiche in einem Dritten sehen, in dem gemeinsamen Gegenstand ihrer Liebe. Und obwohl der Gegenstand identisch sein kann, ist das von ihm geformte Bild nie dasselbe, wie man auch von einem erzählten Traum nie die gleiche Vorstellung haben kann, wie der Träumende selbst. So folgt jetzt eine traumartige Privataufzählung:

Zwischen den Straßenbahnschienen unversehens grünendes Gras, unmittelbar vor der Haltestelle des Rosa Luxemburg Platzes, was mich jedes Mal mit aufblitzendem Glück erfüllt, wenn ich mich dem sonst so grauen und häßlichen Platz nähere, und hier kann ich schon kaum erwarten, daß diese fröhlich schmetternde, allen kühn trotzende, kurze Strecke auftaucht, wo die Straßenbahn an der Kreuzung Prenzlauer Allee und Moll Straße einbiegt, von wo sich im übrigen ein schönes Panorama auf die zwei hervorragenden (zumindest was ihre Größen betrifft) Leistungen der Baukunst bietet, die den Alexander Platz schmücken - das Hotel Forum und der weiter entfernt gelegene Fernsehturm. Überhaupt, schon das schlägt in mir winzige, kleine Funken, daß noch so viele Wege und Straßen die Namen Allee, Chaussee und Promenade tragen, die mit unwiderstehlicher Kraft die Erinnerungen an eine längst versunkene Welt hervorrufen, selbst dann, wenn es in den Alleen häufig keine Bäume mehr gibt und man nur selten den Wunsch oder die Möglichkeit hat, auf den Promenaden spazieren zu gehen. Alles ist vergebens, der Weg kann noch so trostlos häßlich sein – wie er es vieler Orts auch ist – jedes Mal, wenn ich mit der Straßenbahn fahre und höre, wie diese schmeichelnde, auf Kassette aufgezeichnete Frauenstimme, die an die einer Fernsehansagerin erinnert, sagt: Prenzlauer Allee, dann ist es, als wäre ich plötzlich in eine Zeitmaschine geraten, die mich mit elementarer Kraft in die Vergangenheit zurücksaugt, und diesem Gefühl kann ich kaum und will ich auch nicht widerstehen, ich überlasse mich lieber dem angenehmen Gefühl, lasse mich wiegen, schweben, wie sonnenbeglänzte Wellen auf dem schimmernden Meer;

 

oder die erstaunlich riesigen Weiden, wenn man aus dem Fenster der Wohnung in Weissensee blickt – wie kommen die Weidenbäume hierher? – die unter den sich dramatisch verändernden Lichtverhältnissen (der Himmel über Berlin) im herbstlichen Wind  rauschend schwanken, und überhaupt der Herbst! Diese Stadt ist sich offensichtlich in dieser Jahreszeit am meisten treu. Das beinahe bis zu der Hüfte reichende bunte Laub auf dem schmuckkistenartigen Fasanen Platz neben dem Piscator Theater und die über den alten, jedoch eleganten, aus Holz gefertigten großbürgerlichen Toren hängenden, freundlich mit gelblichem Licht leuchtenden Glaskugeln oder Würfel, welche die Hausnummer schon von Weitem verkünden und gleichzeitig irgendeine Essenz des Friedens (der Friedenszeit) ausstrahlen, wie auch die über uns hier und da leuchtenden Fenster, die den begierigen Fußgängern, die dort entlang spazieren, eine ruhige, scheinbar unerschütterliche Welt der bürgerlichen Existenz vermitteln; ja, begierig, da gleichzeitig verlockend und abweisend, wie etwas, was man nur ansehen, aber nicht berühren kann, vielleicht weil es in der Wirklichkeit gar nicht existiert, sondern nur eine Ausgeburt unserer trostsuchenden Vorstellung ist, eine Art Geisteszuflucht;

oder die nackte Tatsache, daß Passagiere, die gezwungen sind, lange Strecken mit der U-Bahn und der städtischen Eisenbahn zurückzulegen, überraschend häufig dicke Bände mit festem Bucheinband lesen, deren säuselnde Blätter unverfälschte, klassische Literatur bergen;

oder die Mädchen in den großen Wintermänteln, die sich in der Straßenbahnhaltestelle aneinander schmiegen, die eine küßt versöhnend die traurig schmollende andere, der Wind weht, doch als würden sie in einer Hülle sitzen, unantastbar und unsichtbar, obgleich ich sie aus dem beschlagenen, verregneten Fenster ansehe und daran denke, woher wohl dieses standhafte Gefühl kommen mag, als ob diese Stadt der natürliche Platz der Frauenliebe wäre. Vielleicht, weil nach meinem Empfinden die Frauen (auch die, die keine Frauen lieben) hier irgendwie selbstverständlicher gleichzeitig auch Männer sein können, als wenn sie, anstatt ihren Animus zu unterdrücken und zu verbergen, eher stolz auf ihn wären und ihn sich entfalten und zeigen ließen; sie weisen jedoch gleichzeitig auch eine größere Bereitschaft auf, die Anziehungskraft der Anima anderer Frauen wahrzunehmen und zu bewerten. Es ist kein Zufall, daß auch ihre größte Diva, “die Marlene“, gerade damit die Welt (Männer und Frauen gleichermaßen) verrückt gemacht hat, und auch das ist kein Zufall, daß die roten und weißen Rosen, die auf ihrem berührend bescheidenen Grab blühen, in erster Linie von der lokalen homosexuellen Gemeinschaft gepflegt werden.

 

Und dann war noch keine Rede von jenem eigenartigen – da wahnsinnig ambivalenten – Verhältnis zum Körper, das aus dem ganzen Wesen der Kultur hervorsprießt und vielleicht hier am prägnantesten zum Ausdruck kommt; es reicht, wenn man einerseits, sagen wir mal, an Leni Riefenstahl, andererseits an Werke von Fassbinder denkt. Und ich bin davon überzeugt, es gibt keinen Platz, wo man eine nur annähernd ähnliche Vorstellung der Lulu zustande bringen würde, als dies im Gorki Theater geschehen ist. Die Hauptheldin des Stückes (eine verblüffende Darstellung von Franca Kastein) spielt einen beträchtlichen Teil der Vorstellung mal halbnackt und eine kaum ertragbar schmerzliche, lange Szene völlig nackt, und die an weniger radikales Theater gewöhnten Zuschauer haben keinen Moment lang das Gefühl, daß nun ja, weniger doch wohl etwas mehr gewesen wäre. Denn eine damit vergleichbare Verkörperung der Ausgeliefertheit könnte in keiner anderen Kunstgattung und auf keine andere Art erreicht werden, und obwohl dies evident erscheint, ist es das doch nicht, denn anderswo – ich würde gerne denken, wiederum kein Zufall – greifen weder die Regisseure noch die Schauspieler zu solchen Mitteln. Und hier muß betont werden, daß die Wirkung nicht oder keinesfalls in erster Linie aus der Tatsache resultiert, daß man sich im Theater gewöhnlich nicht vollkommen auszieht, sondern daraus, was diese Schauspielerin mit ihrem Körper auf der Bühne machen kann. Wie sie mal (beinahe schon “einfach“) nur da ist, und mit endloser Natürlichkeit und Würde, in ihrer Würde jedoch trotzdem entwürdigt diese Last trägt, oder rasant komödiantisch ihre Körperteile benutzt, mit ihnen spielt, mit jedem einzeln. Man bekommt das Drama, ja die Leidensgeschichte der Metaphysik des Fleisches und des Körpers mit einer grausamen Kraft ins Gesicht geschmissen. Das wollt ihr haben? Darum geht es? Na dann bitte, da habt ihr es! Hier gibt es kein apollon- und dionysoshaftes trippelndes Balancieren und Nachmessen (natürlich gibt es das, und ob es das gibt; der Regisseur: Uwe Eric Laufenberg), keine lispelnde Symbolschöpfung, keinen ästhetischen Tratsch; hier gibt es nichts anderes, nur das, was man – ob mit Verstand, ob mit Gefühlen oder damit, was man gerade hat, was gerade funktioniert – ertragen kann. Und die faustsche Erkenntnis, “unser bester Anteil ist das Grauen”. So etwas sollte also die freie Körperkultur, FKK produzieren? Doch trotz des äußeren Scheins ist es irgendwie offensichtlich, daß jene nur weit entfernt damit zusammenhängt, beziehungsweise daß sie nurmehr eine Folge  ist. Wenn ein mythologischer, markierter, gemeinsamer Locus der Freiheit und der Gefangenschaft des Körpers existiert, dann befindet sich dieser mit Sicherheit in diesem Land, und innerhalb dessen am wahrscheinlichsten hier, in Berlin, und lassen wir es jetzt auch dabei;

da fällt mir jedoch ein, wie ich im menschenleeren Dahlem Museum zwischen den riesigen polynesischen, zulu und maori Schiffen umherlaufe, die in den geschlossenen Räumen des Museums ersticken, wie die ans Ufer geworfenen Wale (überhaupt, was hier in den Museen alles angehäuft wurde! Nehmen wir zum Beispiel das Pergamon Museum, in Hinsicht auf das Tempo und die Menge des Anhäufens müßte es selbst bei größtem Wohlwollen der Kategorie der Perversion zugeordnet werden, es ist zwar möglich, daß es die nationale Selbstwahrnehmung beziehungsweise die Selbstbewertung immens fördert, wenn in einem riesigen Raum beispielsweise das Istar-Tor eingesperrt ist, doch dem guten Geschmack widerspricht es mit Sicherheit, ganz zu schweigen von der Ausbeutung und Ausplünderung von Kulturen, usw.) und in der gedrängten, dichten, musealen Stille könnte sogar selbst ich mich unter ihnen als ausgedientes Fischerschiff oder als einbalsamierter Körper einer Mumie hinstellen, niemand würde diesen Schwindel bemerken, da mein eigener Körper und mein Bewußtsein hier kaum das Gefühl der Selbstidentität aufweist, mein Zustand ist, man kann sagen, flackernd, so ist es möglicherweise, wenn man sich im Alphazustand befindet; ich könnte alles sein, ein indischer Elefant (das ist ohnehin mein Totemtier, da er mich – unerklärbar – an meinem Vater erinnert), eine afrikanische Maske oder ein aztekischer Armreif, ich könnte mich vollkommen in die Sammlung einbauen, vielleicht könnte ich ein ausgestelltes Exemplar des “Museumsbesuchers“ sein, es würde sich niemand beklagen. Plötzlich ergreift mich der Wunsch, tatsächlich in einen dieser Glaskäfige zu kriechen, und dann wäre endlich Ruhe, diese ganze Hetzerei, dieses Hin und Her und Herumstoßen  könnte ein Ende haben, aber ich würde nicht sterben, mich nur verwandeln, ich würde in eine andere Dimension hinüberhuschen, jenseits der Wände des Glaskäfigs, von wo dann gerade die Museumsbesucher so aussehen, als wären sie in eine Falle geraten, sie irren dort umher, prallen von einem Ausstellungsstück zum anderen, im Bewußtsein ihrer eigenen Kleinheit und Vergänglichkeit ringend. Dann auf einmal befinde ich mich im Kellergeschoß, wo für Blinde eine Ausstellung mit afrikanischen Gegenständen eingerichtet wurde, die man anfassen, betasten und streicheln kann, die Landkarten lassen sich auf Grund der Wölbungen mit den Fingerspitzen verfolgen. Diese Tatsache, daß man die Dinge endlich nicht mehr nur anstarren muß, wirkt erfrischend auf mich, und ich gewinne meine Selbstwahrnehmung zurück; es wäre gut, wenn man in allen  Museen der westlichen Welt so einen Raum oder auch mehrere einrichten würde, damit endlich das Gewebe dieser kalten, berührungsfeindlichen Kultur zerrissen würde.

Und dann muß ich, im Zeichen des Museums und des Körpers, noch zwei Orte erwähnen: das eine ist die alte, sogenannte “geschichtliche Sammlung“, im Gebäude der Pathologie im Charité Krankenhaus, die gewöhnlich eine etwas gespenstische Stimmung verbreitet, da sie aus Mißgeburten besteht, die wegen den verschiedensten Abnormitäten verstorben sind und nun in Formalin aufbewahrt hier öffentlich zur Schau gestellten werden. Zurecht könnte man fragen, wozu man sich solche Entsetzlichkeiten ansehen muß, und tatsächlich, ich weiß selber nicht, warum ich nicht gleich an der Tür umgekehrt bin, als ich endlich begriffen hatte, was ich anzuschauen beabsichtige. In einem Gespräch hatte jemand beiläufig diese Ausstellung erwähnt, und es wäre ungerecht zu sagen, daß er die Beschaffenheit des Anblicks verschwiegen hätte. Doch ohne mir darüber Gedanken zu machen, hatte ich mich noch im gleichen Augenblick entschlossen, die Sammlung zu besuchen. Im nachhinein ist klar: Es wäre besser gewesen, wenn ich mich, was diese Sammlung betrifft, weiterhin auf meine Phantasie verlassen hätte. Denn plötzlich war es, als stünde ich vor den Prototypen der verschiedensten mythologischen Figuren in Miniatur, jedoch aus Fleisch und Blut, da waren sie alle: winzige Sirenen, Hermaphroditen, Kyklopse, vielarmige und vielbeinige kleine Gottheiten, zusammengewachsene Nymphenkörperchen, in langen, nicht enden wollenden Reihen, als wenn ich illegal in jenes geheime Laboratorium eingedrungen wäre, wo man mit Legenden, Mythen und Wundern experimentiert, die in Wirklichkeit selbstverständlich alle unerträgliche Grausamkeiten sind, ihre besungenen Versionen jedoch als wunderbare Dinge erscheinen. Dies ist die wohlverdiente Strafe für jene, die versuchen, den eigentlichen Ursprung der Mythen zu erspähen: Sie werden an einem unvergeßlichen Erlebnis teil haben, und jedes Mal, wenn sie danach über so etwas hören, werden sie immer auch die grausamen Originale der Bilder vor Augen haben; die Tropen werden in ihren Phantasien, indem sie ihre ursprüngliche Form zurückgewinnen, allmählich wieder lebendig, und so rächen sie sich für ihr verschöntes, retuschiertes Schicksal an ihnen; sie werden nun zu lieben Lesern, geschlagen mit dem Wissen der Wirklichkeit. Ich verließ den Ort hastig, lief die Treppen hinunter, hinaus an die frische Luft, aber es war schon zu spät, ich hatte meine Unschuld bereits verloren;

der andere Ort hingegen ist kein anderer als das KaDeWe, also das Kaufhaus des Westens, aber wir könnten es mit Recht auch das Kaufhaus der westlichen Welt nennen, denn alles, was die Welt erwirtschaftet hat und für wichtig hält, ist hier zu finden und zu kaufen, und man kann dort selbst herumspazieren wie der Star der westlichen Welt (Playboy of the Western World). Für uns ist hier besonders die sechste Etage interessant, wo sich die Lebensmittelabteilung befindet, die sich mit recht für eine eigene Etage sogar im Pergamon Museum bewerben könnte: Sie ist genauso bezaubernd und abstoßend; sie erfüllt die Besucher gleichzeitig mit Stolz und Scham über ihre Kultur, und wenn man die in kleine Käfige gesperrten und in sanfte Stimmungsbeleuchtung gebetteten, sündhaft teueren Reihen von Altweinen und Kognaks  entlanggeht, die Aquarien und Pulte mit den riesigen Fischen, das Käsereich und die verschiedensten Delikatessen, die diesem besonderen Museumsbesucher eben jene Freude bereiten, daß er all dies kaufen und sich einverleiben kann, wortwörtlich sich eigen machen kann, daß man mit ihm eins werden kann, für immer, sie verliebt besitzen kann, denn schließlich gehört dir, was du ißt, mein Lieber. Und man kann dieser einmaligen Versuchung nur schwer widerstehen, es knabbern, essen, naschen und trinken alle, wo man gerade ist und was man gerade sieht, und auch wir selbst rutschen schön langsam in die sinnlichen Genüsse, wie in ein seidenes, schäumendes, warmes Bad, doch bevor wir uns endgültig angenehm entspannen würden, gleitet von irgendwo ein nur noch dumpf wahrnehmbarer, entfernter Gedanke durch unseren Kopf, der da lautet: Wahrhaftig, das ganze ist schon reif um gesprengt zu werden. Doch laßt mich nun noch ein bißchen. Hier ist es jetzt gut;

und schließlich, als Abschied, noch eine letzte Runde durch ein anders geartetes Museum, den Zoo, also den Park der Tiere, und innerhalb dessen, noch ein letzter Blick (natürlich, erst nach den Elefanten, wo ich mich mit meinem Vater über das Gesehene berate, und darüber – schließlich ist er der erfahrene Weltenbummler – wohin nun jetzt), nun also ein letzter Blick auf die Pinguine, die sich, als die Fischportionen zu Mittag einzeln verteilt werden, in strengster Ordnung in eine Reihe stellen, und obwohl sie sichtlich vor Aufregung zittern und kaum erwarten können, daß sie dran sind, tritt kein einziger aus der Reihe, alle warten geduldig (gibt es deutsche Pinguine?), nur mit dem ungeschickten Herumschlagen ihrer Flügel deuten sie auf ihren verhaltenen Erregungszustand hin, und als sie die Fische endlich direkt in ihre Münder bekommen, durchläuft sie ein wohltuendes Schaudern, einen kleinen Freudentanz erlauben sie sich noch auf dem Platz, dann stellen sie sich schön, diszipliniert ans Ende der Reihe, damit sich diese wundersame Sache noch einmal wiederholen kann. Nehmen wir uns also ein Beispiel an denjenigen, bei denen es sich lohnt: Jetzt stelle auch ich mich ans Ende der Reihe und warte darauf, mit Berlin gefüttert zu werden.

 

 

 

aus dem Ungarischen von Gabriella Érdi



[1] „Hey Paul! How do I get to town from here?

And I said: Well just take a right where they’re going to build that new shopping mall,

Go straight past where they’re going to put in the freeway,

Take a left at what’s going to be the new sports center,

And keep going until you  hit the place where

They’re thinking of building that drive-in bank.

You can’t miss it. And I said: This must be the place.”