György Spiró: Álmodtam neked (Für dich geträumt)

Empfohlen von Timea Tankó, Übersetzerin


Álmodtam neked ist eine Sammlung von bereits älteren Erzählungen György Spirós, erweitert durch eine Vielzahl neuer Texte.
Diese sensiblen, gleichzeitig erschütternden Erzählungen sind stark autobiographisch, stehen in chronologischer Reihenfolge und sind durch gewisse Motivwiederholungen zusätzlich miteinander verbunden, so dass man den gesamten Band auch als Roman, als die Lebensgeschichte eines Mannes lesen könnte: angefangen beim heimlichen Kinderwunsch des Vaters (in Utopie), über Kindheit, Jugend, Ausland/Reisen, Freundschaften, Tod des Vaters, Beziehungen, Tod der ersten Ehefrau, dann der Mutter – um nur die „großen Themen des Lebens“ zu nennen. Um der Komplexität der Erzählsammlung jedoch gerecht zu werden, muss diese Deutung noch etwas präzisiert werden. Obgleich es zunächst so scheint, als berichte der Ich-Erzähler von Begebenheiten seines Lebens, wird es bei genauerem Hinsehen offensichtlich, dass der Protagonist dieser Geschichten vielmehr Das Leben an sich ist. Den speziellen Fall seines eigenen Lebens zieht der Autor nur heran, weil man in rein fiktionalen Erzählungen wohl nie diese Aufrichtigkeit erreichen könnte. Die Verbindung der innerlich-subjektiven mit der distanziert-objektiven Sicht ergibt einen sehr markanten Stil. Spiró bedient sich verschiedener Mittel, um auf der Grundlage autobiographischer Themen allgemeingültigere Reflexionen aufzubauen: es gibt sehr selten Eigennamen [die Personen werden entweder in Beziehung zum Autor benannt (meine Frau, mein Vater) oder umschrieben, manchmal heißen sie aber einfach nur „der Arzt“, „der Autor“]. Auch die Ortsbeschreibungen haben stets etwas Kulissenhaftes an sich, konkrete Lokalisierungen spielen keine Rolle, obwohl man aus Umschreibungen meist erahnen kann, wo man sich gerade befindet – ob in Budapest, New York, Polen oder vielleicht irgendwo in Russland. Diese sehr bewusst betriebene Verallgemeinerung (in einer der Erzählungen schreibt er: „Im Grunde ist es egal, wo, in welcher Epoche und wie sich das Leben eines Menschen abspielt, denn meist kommt ohnehin alles darin vor.“) ergänzt hervorragend die klaren, präzisen Sätze, die vollkommen ohne sprachliche Ornamente auskommen, nicht aphoristisch sein wollen und dennoch sehr einprägsam sind.
    Auch die jahrelange Erfahrung als Bühnenschriftsteller und Dramaturg zeichnet sich stark ab: der Band als Ganzes hat einen klaren Auftakt, wodurch die Aufmerksamkeit des Lesers gefesselt wird (Utopie), sowie bestimmte Höhepunkte – und ebenso verhält es sich mit den einzelnen Erzählungen. Sie sind durch sehr unterschiedliche, in ihrem Verlauf kaum berechenbare Spannungskurven gekennzeichnet – und wenn man doch etwas ahnt, dann trägt genau dieses Gefühl zur letztendlichen Erschütterung bei. Gut sieht man dies an der Erzählung, nach der der Band benannt wurde: Für dich geträumt. Der Leser ahnt vielleicht ganz zu Beginn (spätestens nachdem er Utopie gelesen hat), dass es sich hier nicht um eine Sammlung romantischer Liebeserzählungen handelt und doch stockt einem der Atem, wenn man auf Seite 86 den Vater den Satz „Ich habe ein gutes Thema für dich geträumt“ sagen hört (liest) – denn man weiß im Grunde schon, er wird nicht mehr die Gelegenheit haben, es seinem Sohn zu erzählen. Wenn man von dieser ersten, stark emotionalen Lesart ein wenig Abstand nimmt, wird man in dieser Erzählung jedoch auch eine Umschreibung der Kunstauffassung Spirós entdecken: Er gewinnt seinen Stoff aus den Grenzfällen des Lebens (wie hier der Tod des Vaters). Seine lakonische Sprache erinnert zuweilen an Heiner Müller und doch ist sie unverwechselbar Spiró.
Álmodtam neked ist eine Sammlung äußerst eindringlicher Texte, die aller Tragik zum Trotz von einem feinen Humor durchdrungen sind.