György Spiró: Eine Mappe unterm Arm

Ich klingle, warte, klingle erneut. Er muss zu Hause sein, ich habe ja vor einer halben Stunde mit ihm telefoniert.
    Schlurfen, er öffnet die Tür. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, dass jemand, zu dem ich aufschaue, kleiner ist als ich; auch diesmal erwarte ich sein Gesicht höher. Er trägt einen Bademantel, der seinen Bauch noch stärker nach vorn treten lässt. Er atmet schwer, schwankt ein wenig, seine Füße am Ende der kurzen, krummen Beine stecken in Pantoffeln, auf seinen Lippen ein um Verzeihen bittendes, verlegenes Halblächeln, als sei er ertappt worden. Er scheint zu schielen, dabei blickt er seinem Gegenüber nur nicht in die Augen. Er kann nicht anders, als ehrlich blicken, deshalb schaut er stets rasch weg, er will sich nicht bloßstellen.
    „Hast du hergefunden?“, fragt er überflüssigerweise.
    Es scheint, ich bin zum falschen Zeitpunkt gekommen. Er hätte es mir am Telefon sagen können. Ich trete ein, er watschelt durch irgendeinen Raum, wir landen in der Küche.
    „Dein Manuskript liegt irgendwo hier“, sagt er, „ich habe es hierher gelegt.“
    „Hast du es gelesen?“, frage ich ihn misstrauisch.
    „Nein“, sagt er, während er es, den Rücken mir zugewandt, hockend, eifrig sucht. „Wozu? Viele sagen, es ist gut.“
    Ich bin beleidigt.
    „Lass doch einfach, wenn du es nicht findest“, sage ich großzügig, in leichtem Ton.
    „Es muss doch irgendwo hier sein.“
    Schniefend, methodisch vorgehend und von leichten Gewissensbissen geplagt sucht er danach, findet es endlich und übergibt es mir stolz. Ich bin entsetzt: ich halte einen Stapel zerfledderter Blätter in der Hand. Er hat wahrscheinlich hineingeschaut und es ekelerfüllt beiseite geworfen. Ja, der Anfang ist vielleicht nicht so gut, aber dann?!
    „Hier schreibe ich“, sagt er, um nicht zu schweigen, und deutet auf die Küche. „Obwohl ich beim Schreiben am liebsten auf dem Bauch liege“, fügt er hinzu, sein Werkstattgeheimnis lüftend.
    Ich sehe an seinem Blick, dass er spürt: als Wiedergutmachung ist das ein bisschen wenig.
    „Wollen wir etwas trinken?“, fragt er.
    „Gerne.“
    Er watschelt vor mir ins Zimmer. Aus diesem geht es in ein weiteres Zimmer, aus dem Geräusche zu hören sind.
    „Es hat nur eine Nummer geklappt“, sagt er leise, im Vertrauen. „Den ganzen Tag nur eine Nummer.“
    Darin liegt etwas Angeberei, man kann es auch so verstehen, dass sie lang war. Und dass sie überhaupt stattgefunden hat.
    Ich reime mir zusammen, dass seine Frau bestimmt verreist ist.
    „Halte ich dich nicht auf?“, frage ich, er aber winkt nur ab.
    „Heute läuft ohnehin nichts mehr.“
    Ich habe ihn vor der Fortsetzung gerettet, er schenkt den Cognac ausgesprochen dankbar ein. Ich trinke ihn mit einem Zug aus.
    „Was ist los mit dir? Du trinkst ja wirklich“, sagt er, nur halb im Scherz.  
    „Mein Vater ist gestorben.“
    „Dann trink noch einen Schluck.“
    Er schenkt erneut ein, ich schau mich um.
    „’Ne schöne Wohnung“, sage ich.
    Er zieht die Augenbrauen hoch und gibt mir einen Kurzbericht über die Nachbarn und den Mann von gegenüber, der gejagt habe, sein Balkon sei noch jetzt mit Geweihen behangen, er habe auch ihn zur Jagd eingeladen, er sei aber nicht mitgegangen und jetzt könne er auch nicht mehr, denn der Mann sei, darüber hätten auch die Zeitungen berichtet, bei einem Fabrikbesuch in flüssigen Stahl gefallen.
    „Du kannst dir ja vorstellen, was von ihm übrig geblieben ist“, sagt er grinsend. „Ich mochte ihn, er war ein netter Kerl.“
    Er schenkt ein, wir trinken, er versinkt in seinen Gedanken, plötzlich lacht er auf.
    „Das beste war“, sagt er, „als meine Mutter starb. Ich ging zum Zuständigsten, ich dachte mir, in der Religion ist auch alles nur eine Frage des Auftretens und der Beziehungen. Ich sage also zu ihm: Meine Mutter wollte eingeäschert werden. Sein Gesicht verdüstert sich: Das geht nicht. Aber, sage ich, das war ihr letzter Wunsch. Er breitet die Arme aus, es geht nicht, so ist Religion eben. Dann sagt er, wenn Sie sich aber jetzt eine Grabstätte kaufen, könnten wir unter Umständen arrangieren, dass Ihre wehrte Frau Mama auch dort beigesetzt wird und dann kann ich die Trauerrede halten, so wäre es machbar, es gibt da eine schöne Parzelle, Ernő Szép zum Beispiel liegt auch da.“
    „Und was ist passiert?“
    „Nichts. Zentralfriedhof.“
    Aus dem Nebenzimmer sind diskrete, signalartige Geräusche zu hören. Er lacht wieder auf.
    „Als sie starb, fiel mir ein, dass ich ja meine Kleidung zerreißen müsste. Bestimmt hat meine Mutter ihre zerrissen, ihre Mutter die ihre und vor ihnen alle. Ich blickte auf meinen Anzug und dachte: Eigentlich sieht er ja noch ganz gut aus. Soll ich ihn jetzt kaputtmachen, mit einer Schere zerschneiden? Schließlich zog ich ein Stück Faden aus dem Aufschlag. So habe ich meine Kleidung zerrissen.“
    Wieder dieses um Verzeihung bittende, verlegene, von Fehlbarkeit zeugende Halblächeln. Er befürchtet vielleicht falsch verstanden zu werden. Vielleicht tut es ihm auch leid, seine Kleidung nicht ganz zerrissen zu haben. Oder es tut ihm leid, das nun einem Unbefugtem eingestanden und wieder die Wahrheit gesagt zu haben.
    Er schielt mich an, ja, eigentlich überhaupt nicht mich, sondern irgendeine Stelle neben meinem Ohr. Auch jetzt liegt in seinem Blick eine schöne, große Ratlosigkeit.
    Plötzlich werde ich leicht und sorglos. Er schenkt ein, wir trinken. Mir ist ein wenig schwindelig und ich spüre, dass ich lächle.
    Ich laufe die steile Straße hinunter, mit irgendeiner Mappe unterm Arm. Inzwischen hat es geschneit, große, weiche Flocken, der Schnee knirscht unter meinen taumelnden Füßen. Ich summe laut und auf meinen Lippen ist ein dankbares, gläubiges Lächeln, das erste Mal seit vielen Monaten.    

          
Aus dem Ungarischen von Timea Tankó