György Spiró: Fellini, Nebel

Sie fand mich ein paar Mal, wie ich mit dem Gesicht zur Wand auf der Matratze lag; sie konnte mich kaum wieder zum Leben erwecken.
    Zum ersten Mal, das weiß ich noch, bekam sie einen ungeheueren Schreck.
    Beim zweiten Mal wusste sie bereits, dass ich an dem Tag nichts hatte schreiben können oder das, was ich geschrieben hatte, schlecht war.
    Du kriegst das schon noch hin, versuchte sie mich zu trösten.
    Manchmal las sie, was ich für grauenvoll hielt und sagte, als erster (zweiter, dritter) Entwurf sei es gar nicht so schlecht.
    Ich wusste, dass sie nicht die Wahrheit sagte, aber irgendwie rappelte ich mich wieder auf.
    Eines Tages kam sie mit furchtbar quälenden Kopfschmerzen nach Hause. Es halfen weder Antineuralgika noch andere Mittel, ich legte eine Bitschewskaja-Platte auf, selbst das half nichts. An dem Tag war mir in dem einen Kapitel etwas Schönes gelungen, zumindest empfand ich es so; ich zeigte es ihr. Sie las es mit heldenhafter Konzentration, es gefiel ihr, sie freute sich, ihre Kopfschmerzen vergingen jedoch nicht, sie legte sich auf die Matratze (eine andere Liegegelegenheit hätte nicht ins Wohnzimmer gepasst) und litt.
    Am Abend wurde im Fernsehen ein Film von Fellini gezeigt, 8 ½, sie hatte ihn noch nicht gesehen, ich sagte zu ihr, wir sollten ihn uns anschauen.
    Wir hatten einen Tünde-Schwarzweißfernseher. Es war das Hochzeitsgeschenk unserer Freunde gewesen (sie wollte überhaupt nicht, dass wir heirateten, sie hatte Angst davor, vergebens versuchte ich ihr zu erklären, dass es doch nur ein Stück Papier sei, sie jedoch dann auch offiziell nach Szigliget ins Schriftstellerhaus fahren könne und nicht mehr heimlich dort wohnen müsse – was der dortige Hausmeister übrigens stets großzügig übersah). Auf dem kleinen Bildschirm sah man nicht viel von dem Film, ihre Kopfschmerzen waren dennoch bereits nach der ersten Hälfte verschwunden.
    Da sagte sie zu mir: Kunst ist, was einem die Kopfschmerzen vertreibt, schreib so etwas für mich.
    Ich wurde furchtbar eifersüchtig auf Fellini und gab mir Mühe.
    Die erste Version eines viele hundert Seiten langen Manuskriptes hatte ich bereits beendet, als wir uns im Kino Amarcord ansahen.
    Später stellte sich heraus, dass der Vorführer an dem Abend eher nach Hause gehen wollte und einige Szenen aussparte, wie zum Beispiel die Nebelszene. Wir waren dennoch ziemlich aufgewühlt, uns standen zum Schluss die Tränen in den Augen und sie sagte, wir sollten noch etwas trinken, bevor wir nach Hause gingen.
    Wir gingen in ein kleines Café. Sie trank den Kaffee mit einem Zug aus und zündete sich eine Zigarette nach der anderen an.
    Nach einer langen Analyse des Filmes sagte sie plötzlich: dein Roman ist nicht so, er bringt einen nicht zum Weinen, er taugt überhaupt nichts.
    Ich sagte ihr, dies sei ja erst die erste Fassung, sie solle die zweite, dritte und endgültige abwarten, dies sei nur das Skelett, das Fleisch werde ich erst jetzt bauen, sie glaubte mir jedoch, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, nicht. Vehement verteidigte sie Fellini, als hätte ich ihn angegriffen, als hätte ich irgend etwas gegen Amarcord gesagt, dabei war ich ebenso ergriffen wie sie.
    Amarcord sahen wir uns noch mindestens dreimal gemeinsam an, langsam bekamen wir ein Bild vom Ganzen, denn die Vorführer ließen immer andere Teile weg, wir kannten den Film bereits auswendig und ich war während dieser Zeit bemüht, etwas zu schreiben, das sie von ihren Kopfschmerzen befreite.
    Fellini starb genau vierzig Tage nach ihr. Er war bereits in hohem Alter, sie war noch jung. Diese beiden Tode, so kurz nacheinander, sind scheinbar doch ein bisschen zu viel für mich. Fellini, den Menschen, habe ich nie getroffen. Ich wusste, wo er in Rom wohnte, eine meiner Kolleginnen im Corvina Verlag hatte dem Meister auf Italienisch geschrieben und er hat ihr unerwarteter Weise geantwortet, empfang sie sogar in Rom in seiner Wohnung. Fellini saß in der Küche, in Hauskleidung, er war zwanglos und machte Witze, und als ich mit meiner Frau auch einmal nach Rom kam und wir durch diese Straße liefen, sagte ich, sieh mal, hier wohnt Fellini, vielleicht könnten wir sogar bei ihm vorbeischauen. Sie interessierte sich jedoch nicht für den Fellini aus Fleisch und Blut und außerdem hasteten wir gerade von einem Michelangelo zum Forum Romanum.
    Gradisca, Gradisca, Gradisca, murmele ich jetzt vor mich hin, denn beim ersten Mal hatten wir Amarcord im Originalton mit Untertiteln gesehen und ich murmele auch denselben Satz wie der lang gewachsene Verrückte auf dem Baum: Io voglio una donna, io voglio una donna. Ich bin schon lange nicht mehr eingebildet, aber es war mir seitdem gelungen, ein oder zwei Kapitel zu schreiben, die Fellini würdig wären; ihr wühlte man damals bereits mit verschiedenen Skalpellen im Gehirn herum, sie versuchte noch, meine Texte zu lesen, jedoch vergebens; Gradisca, Gradisca, Gradisca, murmele ich für mich und plötzlich bricht ein Traum in mir auf, ich habe ihn vor einigen Wochen geträumt, ich gehe an einem gewaltigen Berghang entlang, es ist eine abgeholzte Fläche, wo man unheimlich viel Erde ausgehoben hat, als sollte es das Fundament eines Wolkenkratzers mit einer gigantischen Grundfläche werden, und dann kommt sie mir auf einem Feldweg entgegen und sagt, es sei ihr Grab, sie sagt es stolz, ein wenig hochmütig, frech, als würde sie immer noch mir widersprechen, sich gegen mich auflehnen wollen; dann wird sie sanfter, holt Fotografien hervor, auf denen wir, sie und ich, zu sehen sind und sie sagt: weißt du, wann das von uns gemacht wurde? Zwei Tage vor meinem Tod! Aber stimmt’s, wir sind doch ein schönes Paar? Ich nicke, wir sind wirklich ein schönes Paar.
    Und in meinem Traum weiß ich nicht mehr, dass ich sie in den Monaten vor ihrem Tod nicht mehr besucht habe.
    Oder ich weiß es auch im Traum noch, ganz gewiss weiß ich es.
    Und ich warte darauf, dass sie mich in meinem Traum wieder besucht, seitdem kommt sie jedoch nicht mehr, schließlich hat sie mir verziehen, weshalb sollte sie denn wiederkommen.
    Gradisca, Gradisca, Gradisca...


Aus dem Ungarischen von Timea Tankó