Der Eiserne Vorhang wurde in Europa schrittweise abgebaut. Zuerst wurde der Abbau vor zwanzig Jahren an der ungarisch-österreichischen Grenze mit großem Elan in Angriff genommen. Das Durchschneiden des Stacheldrahtes und das Paneuropäische Picknick ermöglichten es Hunderten von DDR-Bürgern, über Ungarn nach Österreich zu fliehen. Es folgten der Sturz der Berliner Mauer, und der 3. Oktober 1990, der Tag der deutschen Wiedervereinigung.

Der Abbau des Eisernen Vorhangs verlor damit jedoch nicht an Schwung, sondern rollte weiter nach Osten. Der ungarische Sachbuchautor Miklós Zelei begann im Herbst 1994 im Grenzgebiet von Ungarn, der Ukraine und der Slowakei, im Zwillingsdorf Nagyszelmenc-Kisszelmenc, für seinen Dokumentarroman „A kettézárt falu” (Das entzweigesperrte Dorf) Material zu sammeln. Bis zu den Pariser Friedensverträgen nach dem ersten Weltkrieg war der Ort tausend Jahre lang organischer Teil Ungarns, und fiel nach dem ersten Wiener Schiedsspruch 1938 wieder an Ungarn zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg wäre das ganze Zwillingsdorf entsprechend der Vereinbarungen von Jalta an die Tschechoslowakei (und im Geiste der tschechoslowakischen Kontinuität an die Seite der Siegermächte geratene Slowakei) zurückgegangen, aber die seitdem ebenfalls zerfallene Sowjetunion verschob ihre Grenzen mit Gewalt nach Westen, und der von Stalin 1944-1945 errichtete Eiserne Vorhang wurde zwischen dem bis heute zu neunzig Prozent von Ungarn bewohnten Nagyszelmenc und Kisszelmenc (dem slowakischen Vel'ké Slemence und dem ukrainischen Mali Selmenzi) gezogen. Wegen der neuen Grenze wurden Wohnhäuser abgerissen, der Stacheldraht durch Bauernhöfe geführt, wo der sowjetische Grenzsoldat zwischen Küche und Brunnen postierte und die Familie nicht Wasser holen ließ. Zwischen den beiden Ortsteilen wurde ein fünf Meter hoher Bretterzaun errichtet, um sogar ein Hinüberschauen zu verhindern. Die Grenze trennte Familien und Freunde, legte die Wirtschaft lahm und behinderte die kulturelle Entwicklung.

Der Dokumentarroman „Das entzweigesperrte Dorf“ ist im Jahre 2000 in der ersten Auflage erschienen. Er zeigt, wie die ungarischen Bauern unter der sowjetischen Diktatur in dem Zwillingsdorf lebten, wie sie die Wachsamkeit der Grenzsoldaten umgingen und wie sie mit ihrem tiefschwarzen Humor die ungerechte Entwicklung ihres Lebens verarbeiteten.

Zeleis Buch inspirierte den Kampf der ungarischen Dorfbewohner um ihre Menschenrechte weiter. Dieser Kampf nahm am 21. April 2004 eine neue Wendung. An diesem Tag wurden in Washington, im US-amerikanischen Kongress, in der Fraktion für Menschenrechte, drei Ungarn angehört, die aus drei verschiedenen Ländern nach Washington gekommen waren: Lajos Tóth, der Bürgermeister von Nagyszelmenc kam mit einem ukrainischen, József Illár, der Bürgermeister von Kisszelmenc, mit einem slowakischen und Miklós Zelei, der die Geschichte des Ortes erforscht hatte, mit einem ungarischen Pass in die Vereinigten Staaten. Am 1. Mai 2004 wurde dann der Eiserne Vorhang, der immer noch bestand, in einen Goldenen Vorhang der Europäischen Union umgewandelt. Die Lösung des Problems der Grenzöffnung, mit dem die kleinen Staaten untereinander nicht klargekommen sind, hat sich nach diesem Besuch beschleunigt: am 23. Dezember 2005 wurde an der Schengengrenze in dem Zwillingsdorf eine Grenzübergangsstelle für Fußgänger und Fahrradfahrer eröffnet. Damit war das zweigeteilte Szelmenc keine Sackgasse – besser gesagt kein Sackdorf – mehr. An beiden Seiten der Grenze begann der wirtschaftliche Aufschwung. Zwischen den Bürgerinnen und Bürgern lebten die alten Familienkontakte trotz der Visapflicht wieder auf. Außerdem ist es auch erwähnenswert, dass die winzigkleine Grenzübergangsstelle in einem kleinen Dorf an der Ostgrenze der Europäischen Union eine echte touristische Sehenswürdigkeit geworden ist.

Die deutsche Ausgabe des Buches kann beim Gabriele-Schaefer-Verlag (E-Mail: info@gabrieleschaeferverlag.de) bestellt werden.