Inter arma silent...

Die noch zu Friedenszeiten angepflanzten Apfel- und Aprikosenbäume
tragen nach wie vor an ihren Früchten, weder an taktische,
noch an moralische Bedenken gebunden.
Wenn es dunkel wird, kommen die Bauern
und sammeln heimlich das Obst ein.
Ob für sich selbst, ist nie wirklich sicher.
Die Brüste des Mädchens, das sich im Heu flach legen lässt,
haben irgendwie auch den Geschmack des Krieges.
Es muß schnell gehn, nicht so sehr wegen des Hausherrn
(aber besser ist’s doch,
schnell zu kommen, bevor der Stall brennt).
Und wer weiß, wieviele Soldaten schon
aus diesem feuchten Liebesnapf
viel hastiger sogar
einst naschten.

Auf dem Friedhof stehen nur vereinzelt neue Hügel.
Der Wind zerrt an den Überbleibseln: an den Disteln,
die die Gräber überwuchern.
Die Fremden verscharrt man mit mitleidigem Brummen.
Mit etwas mehr Pietät, wenn ihre Taschen
                            nicht leer waren.
(Freilich gibt es Leute, die auch jetzt nicht, aber
die Mehrheit sagt:
            Gott
ist weit weg, er beschert uns keine Zicklein mehr  nicht einmal
einen Regenbogen  und die Hungersnot ist nah.)
Wo liegen die begraben, die von hier rekrutiert worden sind?
Dort, wo andere Bauern sie gefunden haben.

Die Stämme der Pflaumenbäume sind verkohlt, die Dächer der Schuppen
eingebrochen.
Der Marktteich hat ein fedrig geschecktes Ufer.
Der Dorftrottel, dem jeder was zu essen
zugesteckt hatte, macht nicht mehr seine Runden.
Er weiß, es wäre sinnlos. Gott weiß, woher
er sich das bisschen Essen noch
zusammenkratzen kann.

In der Kneipe kommt keine Stimmung auf
 obwohl die Schüsse das Schild bis jetzt verschonten.
Die wenigen schmächtigen Burschen verirren sich nicht hierher,
die paar Kriegsveteranen werden schnell besoffen.
Ihre Tränen tropfen von ihren stoppeligen Gesichtern
zwischen die Wachsflecken und Flecken der Gläser.
Wehe dir, x-land!

Deutsch von Orsolya Kalász und Monika Rinck

 

„Krieg und Frieden“

Astronom war ich  Sterngucker.
Suchte unermüdlich den Himmel ab mit seinen Sternen,
wiewohl sie stets von ferner Zukunft kündeten
oder von längst Vergangenem; nie klipp und klar davon,
was „meine Sache“ wär.
Um hell strahlende Hirten grasten
im ebenholzfarbnen Gefilde ohne Ende
friedlich die Sternenherden;
in Sommernächten jagten Sternschnuppen
wie flinke Hütehunde durch sie hindurch.
Dann brach der Krieg aus.
Das Herz blutete mir,
als ich mein Fernrohr, das beste im ganzen Land
(ich möchte sagen: in fünf Ländern gab’s kein besseres)
zu einem Spottpreis verhökern musste;
viel war damals dafür nicht rauszuholen, denn
zum Einsatz ohne Umbau bei der Luftabwehr
war es einfach zu gut.
Ich musste es einfach loswerden
beschlagnahmt worden wär’ es ohnehin,
Astronomie galt als Marotte feiner Leute;
wovon die Sterne kündeten, lag allzu weit zurück,
oder in ferner Zukunft erst
der Feind, so heißt es, ist nicht wählerisch, ihm ist
egal, ob nun Spital, ob Mühle, Sternwarte, Theater…
beste Verteidigung ist: Angriff.
Die Sommerabende waren nun angefüllt mit Fluggetöse
und dem Gellen von Sirenen,
mächtige Lichtgarben von Suchscheinwerfern
strichen über den Himmelsbogen.
Als ich mich vom jämmerlichen Erlös meines Fernrohrs hatte
ausrüsten können und mit den Waffen auch umgehen konnte,
da brach der Frieden aus.
Die Menschen atmeten auf (erst hatten sie im Kriegsfieber,
dann im kargen Luftraum von Angst und Nihil existiert,
und nun, seht, lebten sie, davongekommen diesmal noch,
im Friedensrausch); Waffen waren nicht mehr gefragt,
Essbares umso mehr, also wechselte ich herab
vom Himmel auf die Erde.
Freilich, ein eignes Stück Land zu erwerben
hatte ich keine Mittel; froh war ich schon,
dass sich für den Kriegsschrott Abnehmer fanden.
Es reichte grade für ein bisschen Pachtland (Obstbäume,
dürr da und dort, granatsplittergeschunden, Neupflanzung
„vom Munde abgespart“); zudem zog in adretten Reihen ich
Grünzeug. Recht dürftig war die erstjährige Ernte noch;
die Natur lässt sich nicht an die Leine nehmen 
die Zinsen für Hege und Pflege
streicht man nicht gleich ein. Im zweiten Jahr
riss sich der gerettete Bestand
allmählich zusammen; freilich waren Erträge
von den Setzlingen mitnichten zu erwarten.
Im dritten Jahr, noch vor der Reifezeit,
abermals: Krieg.
Tagsüber Qualm  brennende Kirchen, Wälder, Ölraffinerien
nachts Lichter oben, Lichter unten: Luftangriffe.
Die Tageszeiten kamen durcheinander, ja selbst
die Jahreszeiten glichen sich übergangslos; grauenhaft die Wunden
am Leib der Erde.    Verteidigt hab ich mich und das,
was zu schützen man mich hieß, mit dem,
was mir vom Heer zugeteilt war.
Irgendwie hab ich es überlebt, und nun ist wieder Frieden (…).
Was ich anfangen werde, weiß ich selbst nicht.
 Vielleicht gibt’s auch nie mehr zivile Wissenschaft.
                                            Mich kümmert’s nicht.
Und sollte ich mich nie mehr (was wahrscheinlich ist)
hinter ein Fernrohr setzen,
steht es doch fest, dass ich von nun an auch mit bloßen Augen
einzig und allein Sterne betrachten werde,
nie mehr Menschengesichter, auch sprießende Knospen nie
an Obstbaumzweigen, nicht einmal Wolken,
wenn sie sich aufblähen vor der Sonne
denn nur das, wovon die Sterne mähren,
wofür im eignen Leben
ich keinen Sinn noch Zweck erkenne,
was zu meiner Lebzeit weder bestätigt
noch widerlegt werden wird, und was dies
heutige Emsenvolk (so auch mich) nicht betrifft
einzig und allein das ist
meine Sache.

Deutsch von Paul Kárpáti

 

M.A.R.K.T

Packen sie mir von der Vergebung
bitte so zweihundert Gramm ein.
Immer gut, Vergebung auf Lager zu haben,
auch im Falle der bereits begangenen und der noch kommenden
kleinen moralischen Ausrutscher (!)
Ja, lassen Sie nur, kann ruhig etwas mehr sein.

Ich sehe, die Rechtfertigungen liegen hier vorne
gleich bei der Hand. Nein, man kann
nicht behaupten, sie wären zu teuer.
Für diesen Preis sehen sie sogar verdächtig gut aus.
Man wird ja ständig gewarnt
vor genmanipulierten Lebensmitteln.
Nein, nein, nicht doch!
Ich meine ja nur.
Aber im Moment habe ich keinen Bedarf,
danke.

Ich sehe, sie haben auch Erlösung.
Unbehandelt? Bei diesem Preis, ganz sicher.
Aber  ohne Ihnen zu nahe zu treten  ein
wenig unreif sieht sie aus.  Ja gut, vielleicht sollte
ich doch lieber in den sauren Apfel beißen, solange ich
so knapp bei Kasse bin; wie auch immer,
ein anderes Mal vielleicht.

Deutsch von Orsolya Kalász und Monika Rinck

 

Strömen, dahin

An den Ort, den der aufgehobene Stein zurückläßt, strömt Luft.
Von dort indessen, wohin der Stein im Laufe, und endlich wohl: infolge
des Aufhebens und der sich daran (meist) anschließenden
Bewegungssequenz verfügt wird, ist besagte Luft oder eben Flüssigkeit
(meist Wasser, denn so voll Abwechslung pflegen Stein-Schicksale nicht zu sein)
gezwungen, Platz zu machen.
Ein Vorgang (zwei?) mit dem (denen) man sich nicht abzugeben pflegt.
Wenn wer den Blick auf ihn (sie) lenkt, zumeist ist Achselzucken
die Reaktion oder gar mißtrauische, abschätzende Blicke.

Hammurapi ist tot, Sokrates ist tot, Alexander der Große ist tot,
Cäsar ist tot, Erasmus ist tot, wie Richard III., und auf Ludwig des XIV.
Kopf glänzt auch keine Krone mehr. Tot sind Immanuel Kant, Napoleon, Kutusow,  tot ist Széchenyi, und Rilke ist tot. Tot die schlesischen Glasbläser, die
Matrosen von Marseille, die Krämer von Berlin, tot die Fünfkirchener Dekane.
Tot alle meine Großeltern, auch meine Mutter ist tot.  Ich,
zum jetzigen Zeitpunkt, lebe noch. (Scribo, ergo sum.)
Die Erde, all dem gegenüber, ist dieselbe.
Schwimmt in der Dunkelheit, Weltraum genannt.

Da ist der Schwarzwald, und da sind, bedroht zwar dieser wie jene,
die Urwälder des Amazonas.  Doch hätte Luther, oder dort ein Indio
                                      (zu Montezumas Zeit)
ein Dutzend Bäume markiert, von diesen
                      fände man heute schwerlich auch nur einen.

Ein Vorgang, mit dem man sich nicht abzugeben pflegt.
Nur wem der Tod jemanden von der Seite reißt,
oder wem die Knochenhand selbst droht,
dem krampft sich das Herz.  Spricht er, von
                              Verhängnis stottert er dann.
Von Gesetz, das, wenn auch notwendig,
dennoch absurd und empörend sei.

Dabei ist eine
      - philosophisch gesehen -
            Hamletsche Tat jedes Aufheben eines Steins.

Deutsch von Christian Polzin

 

Knappe Vorräte

Bäume nur noch und der Sonnenuntergang …
Und wenn „nur noch“, dann nicht mal das.
In einem Rohrsessel, wie gelähmt –
ich warte. Erinnerungen. (Bin griesgrämig und
etwas derangiert. Habe keinerlei
Chance auf irgendwen.)
……………………………

Vielleicht provoziert die schlecht vertuschte Niederlage
unsere dickköpfige Wichtigtuerei;
vielleicht die Wunschlosigkeit
die Anmaßung. Über die zwischen Hand
und Vase entwichene Zeit
vermag der Blumenstrauß keine Rechenschaft abzulegen.

Das Sonnenlicht fällt bereits schräg.
Das Licht zerbröckelt.
Die Fundorte sind oft ergiebig.
Die Vorräte immer knapp.

Nachdichtung: Ron Winkler. Linearversion: Péter Zalán

 

Mehr Umsicht beim Antragstellen auf höhere Agrarsubventionen!

    Hommage à Bonaventura

Der Schimmel Zivilisation, hochverehrter Herr Gärtner, überzieht
schon den ganzen Erdball,
und auch die Würmer, ja, die Würmer, fressen ihn an, und wie;
auch wenn sie kaum durch die Schale
dringen, in wahnsinnig großer Zahl drängeln sie sich
auf der Oberfläche – sie liquidieren einander zwar tüchtig-borniert,
dennoch sind sie Legion,
überall.
Nur wo die Schale des verkommenen, vernachlässigten Obstes
bläulich-nass ist, nur dort ist die Dichte der Würmer erträglich
(obwohl auch dieses Ödem keineswegs unversehrt ist: Schiffwracks
in salzhaltigen Pfützen).
Nun ist das, lieber HErr, der Fluch der Biobespielung.
Überhaupt: die Geräumigkeit des Laissez-faire (oder vielleicht
Gleichgültigkeit, wenn nicht gar schadenfreudiger Zynismus?!)
kann sich rächen.
Wir erlauben uns, den HErrn über Folgendes in Kenntnis zu setzen:
Der Himmel ist keine Melkkuh und kann Landwirten,
die selbstverschuldet (egal, ob ihnen der Sachverstand fehlte oder
ob ihr Konzept grundlegend falsch war) in eine missliche Lage
geraten sind, nicht stets unter die Arme greifen!
Ich schlage vor, dieses gescheiterte Projekt „Erde“
insgeheim zu vergessen; wollen Sie noch Schlimmeres
abwenden, sollten Sie auf gar keinen Fall versuchen,
Geld zu beschaffen für die Sanierung. – Täten Sie es, dann sollten Sie gewiss,
nur um mal darauf hinzuweisen, bis ins Einzelne darlegen,
wie das Ganze überhaupt so auf den Hund kommen konnte.
Ist das Gewissen des Herrn Gärtners denn wirklich so rein!?
Wohl nicht!       Machen Sie einen Spaziergang in einem anderen Teil
des Gartens und denken Sie sich was Neues aus.
Ich glaub Ihnen gern, es stört Sie, dass es die „Erde“ gibt,
solang es sie noch gibt,
dieses Corpus delicti, aber kümmern Sie sich nicht drum, und (vor allem)
versuchen Sie nicht, es aus der Welt zu schaffen; das könnte Ihnen
noch zum Verhängnis werden.
Glauben Sie mir, dieses vergammelte Stück Obst
ist bald hinüber.
Man halte es für die Ausschussware, die beim Anlernen produziert wird.
Für Lehrgeld.

Nachdichtung von Ron Winkler

 


Das soll unsre Spende sein   (?)

Unsere Furcht und Einsamkeit füllen wir in die Tiefe
der Frau. (Das Sperma landet
an seinem Bestimmungsort.)
Wir sind glücklich, wenn sie es annimmt.
Dabei wissen wir nur zu genau (wir erfahren es
über kurz oder lang), dass sie uns damit nichts abnimmt
(nicht aus Bosheit, sondern weil
nicht einmal sie dessen fähig ist).
Es bleibt bei uns.

Und dennoch …

Dies ist fast, als würden wir
ein Grab in den Lüften graben. Ein weites, wie
Celan sagt.     Wir lechzen nach etwas,
das uns zusammenhält, doch nicht erstickt;
damit wir wir selbst sind, aber
es soll uns auch von uns selbst erlösen;
soll eine Pflanze sein mit stabilem Stengel, unver-
wüstlicher Stein, zugleich aber auch pralles,
wärmendes, tierisches Fleisch.
Mögen ihre Lenden sich anpassen, unseren derzeitigen Bedürfnissen.
– Mit weniger, und davon sind wir überzeugt,
können wir nicht zufrieden sein, auch wenn es erbärmlich wenig ist,
was wir dafür geben können:
die eigene Einsamkeit und Bangigkeit
in der Tiefe der Frau …
Dann ein (und das ist wohl auch besser: besser,
als wenn wir Worte bemühen würden)
verschämter, vielleicht wütender Blick des Danks.

Nachdichtung von Ron Winkler

 

Traktätchen

Üppig zum Frühstück gedeckt, das Mundtuch von strahlender Frische,
Schinken mit Ei, dazu Juice, hier das Müsli, auch Käs’, was auch immer.
Flugs wird der Korb mit Gebäck, da der Platz ihm ermangelt, hinter den
Hausherrn gestellt, aufs Buffet. Ja, die Hälfte der leckeren Bissen
kannst du nur schwerlich erreichen, die Frühstücksgenossen, sie werden
ständig mit Bitte und Danke belästigt, und wenn auch die Arme,
heischend gereckt vor die Nase, die Säfte des Magens dir nicht ganz
lassen versiegen, so schwindet die Lust doch beträchtlich. „Ach, nimm noch!
Tanke nur auf! Daß du ja nicht im Urlaub mir hungerst!“ So spricht die
falsche Verbindlichkeit: „Den Urlaub nütze, genieße , er dient der
Ruhe, Erholung, genauer gesagt, daß du endlich entspannt bist.
Kannst du dich nicht doch ein wenig nur sputen, ein bißchen beeilen,
Massen von Wartenden stehn schon jetzt in der Schlange, und wie wird es
später erst werden! Ein Stoßen und Schieben, erregte Debatten,
beißender Schweiß, und so weiter. Na ja, die Saison! Vor der Kasse,
glücklichenfalls, sind noch keine Millionen.“ Du ahnst es, du fühlst es
immer bestimmter, zu Hause wär’s besser. Es ist nur, dir wurde
deutlichst gesagt, und mit aller Bestimmtheit: Du bist hier zu Hause.

Aus dem Ungarischen von György Buda