Ágnes Nemes Nagy: Ich will nicht

 

Nein, ich will nicht sterben, nein.

Vermehren sich auch meine Jahre,

ist bitter der Geschmack der Tage,

so sollen es doch mehr noch sein.

 

Könnte ja ruhen mit satten Augen.

Saß im vollen Turmzimmer oben,

hörte unten die Südsee toben,

in hundert Metern Nacht da draußen.

 

Bin auf weiten Alleen gegangen

und unterirdisch blies der Wind,

wo in den Fluren Ecken sind,

in den Fluchten der Straßenbahnen.

 

Und einmal schneite es in Rom

als wir die Mur hinter uns hatten

mit Stiefeln, Blechnapf, Handgranaten

und Sultan, einem Braunfuchsfohlen.

 

Hab nackte Deutsche schon begraben,

sah, wer in Debrecen regierte,

das Haus steht nicht mehr, wo ich liebte,

und zittre ich, kann ich’s ertragen.

 

Mein Haar wird grau. Das Haar der Welt

zaust Frühlingswind mit frischem Wehen.

Vergebens – sage ich – vergebens,

als das Verlangen sich einstellt,

 

zu leben, atemlos, allein,

zu leben, ohne Nahrung zwar –

der Himmel sinnt, wird trüb, wird klar –

nein, ich will nicht sterben, nein.

 

János Háy: Der Junge [A Gyerek]

 

Man könnte leicht denken, dass man, wenn man nach dem Sonntagsmittagessen das Glas zum Mund hebt und erst den Jungen ansieht und dann die, die um den Tisch sitzen, dass man dann etwas sagt, was sich von allen bisherigen Bemerkungen unterscheidet und sich irgendwie eine Sonderstellung in der Reihe der Sätze erwirbt, die man im Laufe seines Lebens ausgesprochen hat. Dass es, wie auch beim Essen das Sonntagsessen anders ist, denn es ist eben doch nicht Eintopf und Mohnnudeln, was die Männer übrigens allgemein verabscheuen, denn wie kann man sich vorstellen, dass man mit Mohnnudeln beispielsweise Holz spaltet oder Heuhaufen aufrichtet oder senst. Die Mohnnudeln stehen zusammenfassend für alle Speisen, die zu essen für einen Mann vollkommen sinnlos ist, zugleich können sie auch bedeuten, dass es davor eine Bohnensuppe mit ordentlich Schinken gibt oder Gulyás, wovon man satt werden muss, damit man nicht die verbliebene Leere im Bauch mit Mohnnudeln zu füllen braucht. Denn jeder weiß es: diese Leere, die wird vergeblich gefüllt, es dauert keine Stunde, da ist sie schon wieder leer, und noch dazu hat man die Zähne voll mit den winzigen Körnchen und im Mund bleibt einem dieser üble Geschmack kleben, und damit haucht man dann auch noch andere an, deshalb wagt man es dann nicht, sich nah zu jemandem zu beugen. Man spricht mit geschlossenem Mund wegen der Mohnstückchen und von weitem wegen des Geruchs, so dass niemand versteht, was zum Teufel man will, sagen wir Laci, nimm dieses verflucht große Betonteil von meiner Hand runter, sonst scheiß ich mir in die Hosen. Aber sonntags muss man sich davor nicht fürchten, denn der Sonntag ist die Zeit des Bratens und der gebackenen Enten; im glücklichen Fall, wenn sie nicht am Samstag jemand verschlungen hat, kommen auch noch ein paar kleine Entengrieben zum Fleisch, und das ist dann wirklich ergiebig, damit kann man Klafterholz heben oder Mörtelkannen schleppen, obwohl man das sonntags nicht tut.
Bei den Sätzen gab es keine solche Hierarchie. Der Satz, der hier gesagt wurde, dass aus dem Jungen noch etwas wird, war wie Mohnnudeln oder Eintopf, mit seiner Gewöhnlichkeit erregte er keinerlei Aufsehen. Er war vor allem für alle bedeutungslos, die nicht zur Familie gehörten und nicht in der Sehnsucht lebten, dass aus diesem Jungen noch etwas werden muss. Ihnen war das eigene Kind wichtig, wenn sie eins hatten, oder überhaupt kein Kind. Das heißt, dass diese Feststellung nur denen etwas bedeutete, die dort saßen. Der jüngere Mann, der in dieser Beziehung der Vater war, setzte sich aufrecht hin, weil er dachte, er habe etwas Historisches begonnen. Eine Zeitrechnung, nach der das Leben dieser Familie datiert werden muss. Und sein Sohn werde dieses Historische nur fortsetzen. Ein kleines Lächeln saß ihm im Mundwinkel neben dem Tropfen Wein, dass dieser Junge, auch wenn er es weit bringt, immer nur der zweite in der Reihe sein kann, weil er selbst immer der erste bleiben wird. Ein kleines Lächeln, für das sich jeder Vater schämt und das kein Vater leugnen kann.
Aus ihm wird noch was, wiederholten auch die anderen und sagten nicht genauer, was, obgleich sie unleugbar an die Fähigkeiten des Jungen dachten, dass man schon daran, wie er das Buch anfasst, sehen kann, und dass er Dinge kann, die niemand sonst im Dorf beherrscht, beispielsweise, dass Jesus gar nicht auf der Null geboren ist, wie alle dachten, sogar der Dechant, sondern davor, oder dass sie nicht von Adam abstammen, sondern von einem afrikanischen Urmenschen, alle, sogar die mit der weißesten Haut von einem Neger. Sie dachten, dass er einmal das Dorf hinter sich lassen werde, oder wenn nicht gleich das Dorf, dann doch wenigstens die Arbeit, von der sie, die Bauern, dachten, sie sei unerträglich schwer, die Arbeit, in der Krankheiten, früher Tod und Armut von vornherein einkodiert sind. Und dass er zusammen mit dieser Arbeit auch die Erniedrigung hinter sich lässt, die den Menschen, die diese Arbeit verrichten, zukommt. Dass, wenn sie beispielsweise zum Arzt kommt oder sogar ins Krankenhaus, dass man dann mit ihnen dort so spricht, als wären sie Pflanzen oder Tiere, deren Schicksal eigentlich überflüssig ist, sie sind nur eben da, die kein Hirn haben, nur einen Organismus, worüber man sich doch wundern kann, wie das möglich ist, dass eine menschenähnliche biologische Konstruktion zustande kommt. Genauso gut könnten sie sie für Experimente benutzen, um neue Arzneimittel oder Operationsmethoden auszuprobieren. Manche meinen, genau das geschehe auch in zahllosen Krankenhäusern, dass nicht Mäuse und andere solche Nagetiere als Testgruppen verwendet werden, sondern Leute vom Land. Das ist freilich nicht unbedingt schlecht, weil wenn ein Medikament beispielsweise nützlich ist und nicht als Nebenwirkung krebserregend, dann kann es den Kranken schließlich heilen, noch bevor die Reichen dieses Mittel bekommen können. Denn die Reichen konnten erst Millionen dafür ausgeben, wenn das Medikament offiziell zugelassen war. Wenn sie sie überhaupt ausgeben konnten und nicht inzwischen gestorben waren, während sie darauf warteten, dass die Genehmigungsprozedur zum Ende kommt. Diese Testgruppen waren in einer Ausnahmesituation, anders als die, bei denen das Medikament nicht half, bei denen es sogar ausgesprochen schädlich war, die Vermehrung der Krebszellen beschleunigte oder den Kreislauf durcheinanderbrachte und einen innerhalb von ein paar Tagen dahinraffte.
Dieser Junge, dachten sie, wird sich von all dem endlich befreien. Außerdem ging ihnen auch ein wenig durch den Kopf: und er wird sich rächen. Er wird es diesen Mistkerlen für all das heimzahlen, diesen gnadenlosen Ärzten, die sich das Geld in die Tasche schaufelten, aber nicht heilten, diesen Beamten, die einem nicht halfen, die Anträge auf Urkunden auszufüllen, den Führern des Landes, die sich ihnen gegenüber ähnlich benahmen wie die Ärzte, die sie als Kanonenfutter ansahen, das trotzdem – infolge eines auch für sie schwer verständlichen Wunders – sogar wahlberechtigt ist. Aber der Junge wird es allen heimzahlen. Der Vater dachte oft gar nicht mehr so an ihn wie an einen wichtigen Vertreter eines Faches, beispielsweise an einen Rechtsanwalt oder Universitätsprofessor, sondern wie an eine Art Freiheitskämpfer, der mit der Maschinenpistole durch die Hauptstadt läuft und die Bevölkerung über den Haufen schießt. Um der Gerechtigkeit willen hinterlässt er auf den Leichen eine Aufschrift wie Zorro den Buchstaben Z. Daran werden dann wirklich alle erkennen, dass die Stunde der Wahrheit gekommen ist, dass nunmehr jeder für seine Sünden büßen muss. Dies wird das jüngste Gericht sein, wie es versprochen ist, und alle, die einen weiten Bogen um die Kirche schlagen, weil sie an derlei Dinge wie Gott überhaupt nicht glauben, denen wird am ehesten das Maul offenstehen, wenn der Engel des jüngsten Gerichts sie in der Gestalt dieses Jungen niedermetzelt. Manchmal dachte der Vater daran, besonders, wenn es sehr schwer war, das Geld fürs Lernen, für die Studien des Jungen zusammenzubringen.
Wird noch, sagte auch der Vater vom Mädchen, dass aus ihm noch etwas wird, dann schenkte er ein und freute sich, dass er sein Leben auf eine Sache gesetzt hatte, die Perspektive hat, sagen wir es so: Zukunft, und dass er jetzt in diesem Jungen weiterleben wird, dass er immer in dieser Wohnung in der Hauptstadt sein wird, in die der Junge mit seiner Bibliothek und seinen Kindern und seiner Frau einziehen wird. Eine Hauptstädterin wird seine Frau sein, das weiß er im Voraus, und dass er mit diesem Mädchen aus der Hauptstadt Kinder haben wird und dass auch an diesen Kindern seine Spur sein wird. Sie erben diese eigenartige Falte am Ohr, die so charakteristisch für ihn ist. Und wenn die späteren Verwandten sie ansehen, sagen sie nur: genau wie ihr Urgroßvater. Und wenn sie auch das nicht sagen, so doch wenigstens: sieh mal, diese Ohren haben sie vom Urgroßvater, nicht von dem, der in der Stadt gelebt hat, sondern von dem vom Land. Wie gut wird das sein, dachte er bei sich, wie gut es sein würde, dabei zu sein und das zu hören, aber zu diesem Zeitpunkt wäre er schon tot, dass an allem das Schlimme ist, dass man dese schönen Augenblick, wenn die Nachkommen an einen zurückdenken, nicht mehr erleben kann.
 
Von da an gingen die Ereignisse außergewöhnlich schnell vonstatten. Sie hätten auch nicht langsam gehen können, denn in Wirklichkeit war ja alles entschieden, freilich hätte alles auch Zufälle bergen können, dass beispielsweise in dem Mädchen eine Art Verliebtheit gegenüber dem Jungen ausgebrochen wäre oder Mitleid, was bei Frauen vorstellbar ist, dass sie diesen Mann rettet, den Vater ihres Sohnes, und wenn diese Rettungsaktion erfolgreich gewesen wäre, dann hätte der Junge eines Abends die Kunststoffkanne genommen und in den Hof geschleudert: deshalb habe ich nicht gesehen, wie schön du bist, was für ein Rindvieh bin ich, dass ich dich durch diesen durchsichtigen Kunststoff angesehen habe. Kannst du mir noch verzeihen. Dieser nicht zu interessante, aber in einer solchen Situation trotzdem wirkungsvolle Satz erklingt. Kann ich, sagt das Mädchen, und: ich habe immer gewusst, dass etwas Gutes in Dir steckt, nur diese blöde Kanne, die hat es verdeckt, und ich wollte dich vergeblich sehen und habe mir den Hals verrenkt, du hast dich immer hinter ihr versteckt, aber jetzt, wo du sie auf den Hof geworfen hast, sehen wir höchstens in den Hühnern nichts Gutes, aber in Dir ist es jetzt zu sehen.
Etwas in der Art hätte geschehen können, wenn das Mädchen wirklich zu dieser Entscheidung gekommen wäre. Aber man kann nicht wissen, ob der Junge nicht, als das Mädchen gerade dabei war, ihn zu retten, gesagt hätte: verzisch dich, spiel mir hier nicht die Krankenschwester, du bist verdammt nochmal nicht in der Lage. Oder wenn der Junge die Kanne auf den Hof schleudert, denn solange läuft die Geschichte noch gut, so, wie wir vorhin angenommen haben, dann sagt das Mädchen, pass auf, du siehst, du kannst es ablegen und dich ändern, ich wollte das nur beweisen, aber hier ist meine Aufgabe zu Ende, mach allein weiter, ich ziehe morgen zur Mama und nehme das Kind mit, und dann geht der Junge auf den Hof, holt die Kunststoffkanne zurück und lebt von nun an sein ganzes Leben lang in der Gesellschaft dieser Kanne. Natürlich kann es auch sein, dass weiter alles gut läuft, und dass nach dem Kannenschleudern wirklich ein tiefes Gefühl in den beiden aufflammt, beispielsweise das Gefühl des gemeinsamen Kindererziehens, das später vom Erscheinen des Unternehmers unterbrochen wird, der Geld verspricht, denn das oben erwähnte Gefühl konnte ihre materielle Lage nicht verbessern, und das Mädchen sehnt sich so nach Reisen, im Sommer ans Meer, im Winter in die Berge, und nach besseren Kleidern, ihre alten hätte sie am liebsten allesamt einer mildtätigen Organisation übergeben, damit die sie tragen, oder noch lieber ins Feuer geworfen, wenn man im Herbst sowieso die Blätter verbrennen muss, und mit dem Auftauchen des Unternehmers fallen ihr die alten Erinnerungen an die Liebe ein, deren Sturz sie schließlich zu dem Jungen getrieben hat, und dass sie den Unternehmer mit der Entscheidung, diesen in seinem Äußeren außerordentlich unangenehmen Mann zu heiraten, schon genug gestraft hat. Sie denkt nicht, dass er der Grund für alles jetzige Leiden ist, sondern dass sie ihn bestraft hat, weil es in ihrem Interesse liegt, das zu denken. Dann fahren sie mit dem schon ungefähr zehn Jahre alten Kind zuerst in den Urlaub, dann ziehen sie in eine andere Wohnung, weil sich der Unternehmer endlich von seiner Frau getrennt hat, die war ja unerträglich geworden, vor allem, nachdem sie erfahren hatte, dass der Unternehmer auch ein junges Mädchen hätte haben können, aber statt dessen eher, vielleicht, weil er sich nicht von den Kindern trennen wolle, oder weil die gerade besser laufende GmbH ihm und seiner Frau gemeinsam gehörte, zu ihr zurückgekommen war. Also er hängt so sehr von mir ab, lachte sie bei sich, dass ihn nicht mal eine Geliebte hier losreißen kann, und dann begann sie, den Unternehmer, um ihn zu beleidigen und aus ihrem Machtgefühl heraus zu quälen, was dieser lange ertrug, aber eines Tages, als auch ihr jüngeres Kind in eine Wohnung in der Provinz gezogen war, sagte er, du kannst mich mal am Arsch lecken, du hast mein Leben ruiniert, verdammt nochmal, aber das ist vorbei, du glaubst, du kannst dir alles erlauben, hast mir mein Geld abgesaugt, mein ganzes Leben, und nicht genug damit, du benimmst dich mir gegenüber auch noch, als wäre ich nur ein geduldeter Ballast in diesem Haus, das ich gebaut habe. Also beendete der Mann diese Beziehung für ein Leben.
Als die Frau des Unternehmers ihrer Freundin erzählte, was geschehen war, brach sie in Tränen aus, dass sie nicht weiß, wie sie ihn halten soll, und dass sie geglaubt habe, so ginge es, mit der schlechten Laune, denn mit Liebe und Güte habe sie ihn nicht mehr binden können, denn der Mann habe sie nicht geliebt, aber jetzt sehe sie, dass sie geirrt habe oder wenigstens übertrieben, mit etwas weniger Schlechtigkeit hätte sie ihn noch halten können, dabei habe sie ihn so geliebt, und wie gut er zu den Kindern gewesen sei, und dass jetzt wegen ihrer Blödheit alles auseinandergeflogen sei. Sie weinte, und die Freundin sagte, wenn du das nicht gemacht hättest, wäre er vielleicht schon damals mit dem Mädchen abgehauen, also freu dich, dass bis jetzt. Und was ist mit meinem Mann, siehst du, umsonst habe ich ihm alles gegeben, er ist eben in diese blöde Bibliothek nach Budapest gegangen, in die Zentrale, und es war nicht eine Frau, die ihn weggeholt hat, dabei wer könnte sagen, dass unser Familie keine gute Familie war, aber auch das konnte ihn nicht hierhalten. Jedenfalls konnte der Unternehmer deshalb zu dem Mädchen zurückgehen und ihr alles geben, was der Junge nicht konnte, der dann beschloss, seinem Leben ein Ende zu setzen und in den verbleibenden Jahren nur damit beschäftigt war, dies zu tun, sein Leben als die seine Persönlichkeit beherrschende Machtkonstruktion, wie die Vorbilder mit der Staatsmacht, vollständig zu destruieren.
Aber nicht dies geschah, sondern, was schon von vornherein entschieden schien. Der Junge ging zum Bürgermeister, der war zwei Klassen über ihm, sie kannten einander, und sagte, so ist es, ich kann nicht mehr, der Bürgermeister fing nicht an, sich zu zieren, dass noch so viel vom Zyklus übrig ist und pass auf, dein Platz ist hier, oder wie du willst, der, und dann sagte er einen Namen, der schon früher wollte, der soll es werden, Schuldirektor nämlich, wenn du also nur so viel Verstand hast, der, und hier wiederholte er den zuvor gesagten Namen, ist ja nicht einmal aus dem Dorf, nur ein Zugezogener, und überhaupt kommst du kaum mit dem Geld aus, und jetzt verzichtest du auch noch auf die Direktorenzulage, die ja doch nicht wenig ist in so knappen Zeiten, wenn eine Klemme auf die andere folgt. Anstelle dieser Agitation, die von einem alten Kumpel eigentlich zu erwarten gewesen wäre, sagte der Bürgermeister dem Jungen nur, dass er das versteht, dass es so etwas gibt, und dass er weiß, was Verantwortung bedeutet, denn auch ihm geht es so, dass er nachts nicht schläft, wenn das Parlament auf das Kommunalverwaltungsgesetz scheißt, und dann diese ganze Scheißfinanzierung, die auch für den Jungen Scheiße war, denn woher sollte die Gehaltserhöhung kommen und auch für den Bürgermeister Scheiße, weil er das Gehalt oft nicht deswegen nicht überweisen konnte, weil er nicht wollte, sondern weil kein Fillér in der Kasse war. Verstehst du, sagte er, kein einziger Fillér, wo wir schon alles verkauft haben, alles, sogar den alten Kindergarten, und auch das Kulturhaus, auch das wird von einem Unternehmer betreiben, na gut, die Bibliothek haben wir noch am Hals, aber wer zum Teufel braucht eine Bibliothek, verdammt, höchstens das Energieamt zum Kilopreis, und er lachte.
Der Junge freute sich, als er dort herauskam, denn er hatte das Gefühl, der alte Mitschüler habe ihn verstanden, so ist es eben, die zusammen verbrachten Jahre, gemeinsame Sprache undsoweiter, ihm kam gar nicht die Idee, dass der Bürgermeister in Wirklichkeit schon seit Monaten darüber nachdachte, den Jungen zu entlassen, weil es nicht in Ordnung war, dass er jetzt jeden Tag nach der Arbeit in der Kneipe saß, dass er kaum nach Hause fand, dabei war er Schuldirektor, dass er zu spät zur Arbeit kam, dass er die Fahne vom Vortag oder eben vom selben Tag hinter sich herzog. Das ist eine Institution der Kommunalverwaltung, zuerst hatten sich die Lehrer beschwert, aber inzwischen auch die Eltern, und es gibt keinen größeren Mist, als wenn sie anfangen, die Kinder ins Nachbardorf zu bringen, dann kann er gleich drauf scheißen, wenn erst einmal die Kopfquote im Eimer ist, kann er die ganze Bude dichtmachen, und die Folgen wird man sehen, mit dem Dorf geht es bergab, eigentlich wird es dem Jungen auf dem Weg des Jungen folgen, aber das kann trotzdem nicht sein, dass dieser Junge eine ganze Gemeinde ins Verderben reißt, in die völlige Hoffnungslosigkeit. Der Junge wusste das nicht, er freute sich, dass er endlich von dieser Verantwortung befreit war, in der er das Gift seines Schicksals zu erkennen glaubte. Und eigentlich rutschte das erste Glas auf diese Freude hinunter, und dann noch einige in der Kneipe.
Was ist?, fragten die Kumpel, die ebenfalls den größten Teil ihrer Zeit in der Kneipe verbrachten, aber sie waren keine Direktoren, sie arbeiteten nur in der Wirtschaft, und den Apfelbäumen war es völlig egal, ob in welchem Zustand die waren, die sie gerade beschnitten, was sie von gestern mitbrachten, und was heute dazukam, den Apfelbäumen war es egal, ob die Schere einen Zentimeter höher oder tiefer schnitt, ob Schmerz in diesem Schnitt lag oder Freude, oder ob das Gerät in der Hand nur gleichgültig knackte. Sie fragten, was ist, was mit dem Jungen geschehen sei. Der Junge sagte, er habe den Auftrag zurückgegeben, von jetzt an sei er nicht mehr Direktor. Bist du nicht? Was bist du dann? Ich werde nur noch unterrichten, sagte der Junge, dann fragte jemand, was die Frau dazu gesagt habe. Sie hat auch gesagt, ich soll das machen, denn sie hat gesehen, dass es so nicht gut für mich ist, und was für mich nicht gut ist, ist für sie auch nicht gut und auch für das Kind ist es schlecht, wenn es sieht, wie schwer es sein Vater hat. Sie hat auch gesagt, es soll so sein, sie hat mir geholfen zu entscheiden, was ohne sie schwer gewesen wäre. Du bist blöd, sehr blöd bist du, wenn du es nicht mehr bist, wird sie dir sagen, scher dich zum Teufel. Sie ist nicht so eine. Doch, sie ist so eine, sie hat den Direktor geheiratet, nicht den Oberstufenlehrer, den Direktor, und die Zulage. Geh zum Teufel, sagte der Junge, und überhaupt, wieso müssten sie immer über ihn reden, warum reden sie nicht über wen anders, beispielsweise über den Mann, der, und er zeigte auf den, der ihn zuvor als blöd bezeichnet hatte. Über den gibt es nichts, über den ist schon seit zehn Jahren alles gesagt, und seither ist nichts anderes passiert, nur dasselbe wie vorher, sagte jemand, und sie schwiegen. Na tschüs dann, sagte der Junge, als er den Konsumaprikosen ausgetrunken hatte, den er trank. Er ging früher als gewöhnlich.
Während er heimging,
In der Kneipe sagte der Laci Varga, der dem Vater vom Jungen die Äcker gepflügt hatte und eigentlich nicht mehr trank, nur ein paar Weinschorlen, weil er irgendwas an der Bauchspeicheldrüse hatte, und wenn er nicht wollte, dass es wieder losgeht, besser aufpassen wollte, dieser Traktorfahrer, der das natürlich schon lange nicht mehr war, weil man nicht das ganze Leben auf einem Belarus leben konnte, man konnte höchstens ein ganzes Leben darauf sterben, weil er so schüttelte, dass er noch Glück hatte, dass er keinen Mastdarmkrebs bekommen hatte, wie der Lajos Havasi, der hat es wirklich komplett schlecht, dass er seine Scheiße im Beutel an der Seite mit sich herumträgt, und dann hat er auch noch Schiss, also auch im übertragenen Sinn, dass alle merken, dass er stinkt, und fragt mitten im Gespräch, sag mal, riecht es hier nicht nach Scheiße, und dann findet der andere natürlich, dass es so riecht. Nach einer Weile haben sich alle nur noch aus zwei Schritt Entfernung mit ihm unterhalten, oder sind, wenn sie ihn auf der Straße gesehen haben, auch zu Fuß so schnell an ihm vorbeigehuscht, als wären sie mit dem Fahrrad, nur kurz: Servus, Lajos, wir habens eilig. Also der Laci Varga wurde wegen dem Bauchspeichel runtergestuft, so dass er um den Mastdarmkrebs herumgekommen war, eigentlich hatte er diese Lösung den Getränken zu verdanken, denn wenn er nicht so viel getrunken hätte, wäre er schon längst auf dem Friedhof, nach einigen schrecklichen Jahren, in denen er ständig Angst gehabt hätte, dass ihn alle wegen seinem Scheißegeruch verachten. Dieser Laci Varga sagte, dass der Junge immer problematisch war, dass auch sein Alter nur deshalb alles mögliche über seine Zukunft geredet hatte, damit sie im Dorf nicht bemerkten, dass er blöd ist, dass er sich nicht so entwickelt, wie sich normale Kinder, aus denen normale Erwachsene werden, entwickeln. Aber er ist auf die Uni gegangen, sagte jemand. Nur auf die Hochschule. Ach so, das ist etwas anderes, dann hast du vielleicht recht, sagte der jemand, der zuvor die Uni gesagt hatte, und trank weiter. Weißt du, was die Frau machen wird? Na was denn, fragte ein anderer, nicht der von vorhin, denn der füllte sich gerade den Mund mit Wein, darauf der Laci Varga, dass sie dem Jungen ordentlich in den Arsch treten wird, wenn sie das nächste Gehalt sieht, bei dem die Direktorenzulage fehlt. Er hat gesagt, sie ist nicht so. Sie sind alle so, sagte der Laci Varga, und dann schwieg er, irgendwas kam in ihm vielleicht hoch, was seine Frau gemacht hatte, als er sich von dem Belarus trennen musste, mit dem er bis dahin seinen Lohn und sein Zusatzeinkommen verdient hatte, dass er damals daran dachte, dass es schade war, um diesen ganzen Krebs herumzukommen, und dass es eigentlich der Lajos besser getroffen hatte, obwohl er seitdem auf dem Friedhof liegt.