(augenmeer) 

Wenn ich die Augen schließe,

sehe ich Meereswogen,

wenn ich die Augen öffne,

siehst du Meereswogen,

ich schließe sie, ich öffne sie,

sie wogen.

 

 

Angefangene Schönheit. Das Regelwerk der Ikonenmalerei

                              "...sie berichten darüber, was jenseits des Körpers ist"

                                                (Pavel Florenszkij) 

            (i. Versuche des Fra Angelico) 

Mit jedem weiteren Christus, den ich

in der Stille der Klöster an die Wand spanne, 

durchlebe ich immer wieder sein Leiden am Kreuze,

durch die Nebelkissen meiner Tränen sehe ich, wie 

er geboren wird, wie er geboren wird mit meinen Pinselstrichen,

immer und immer wieder, unser sterbender Herr Jesus Christus. 
 
 

 

            (ii. Rubljows innerer Monolog) 

Gott lacht über uns, manchmal weint er, die Ikone ist nur ein zerbrochenes Fenster

zur Ewigkeit hin, trüb verbirgt es die Zeit, bis in das Grab, 

du siehst kahle Bäume, den Himmel teilende Stromleitungen,

Schornsteine und Dächer und beginnst an den Farben zu schaben,  

du siehst den Himmel, Stromleitungen, die Bäume teilend, funkelnd,

und zählst die Abende, während Gott weint, Gott lacht,  

beginnt, aber nichts beendet

an deiner Stelle.  

            (iii. Die Zweifel des Raffaello Santi) 

Nacht für Nacht wird mit dunklem Leuchten das unvollendete Bild

der Madonna auf der Staffelei gegenüber des Bettes lebendig.

 

                                                

            Das Willkürliche

                        die Szalkay-Variation 

Das Niedertrampeln eines ewigen Motivs ins Augenblickliche,

seine Rückführung in die Tiefen der Zeitlosigkeit

und seine sofortige Entlassung von dort, wie das Eis, wenn es

schmilzt, dann das Verfeinern der Bewegung zum Unverückbaren, 

das wird das Ziel sein, das Glätten und Streicheln der sichtbaren Dinge,

ihnen Mut zu geben, damit sie sich trauen lauter zu singen,

auch dem mit Licht vermengtem Sand und Sägemehl, den Mut,

immer und immer wieder den Aufbau der Welt vorzuführen, 

die man aber mit der Zeit auch ein wenig schleifen muss,

ihre gewohnte Oberfläche aufschürfen,

damit das Willkürliche, jedoch bis zur Bedürftigkeit entblößte,

das Weiblichste, 

wenigstens für einen Augenblick doch sichtbar wird,

und für die Erlösung durch das Alltägliche, durch die Materie

bereit steht. 
 
 

                                    

            Wenn nicht

                        Pilinszky-Paranoia 

In zerschlissene Wolkenfetzen gewickelt

liegt der Clochard der Himmel

auf dem dreckigen Betonboden der Unterführung

zwischen Kippen und Münzen halb im Koma, 

halb im Koma liegt er da und

auch wir werden nicht erlöst,

wenn er nicht aufwacht,

wenn wir nicht aufwachen,

bevor am dritten Tage Abend wird. 

                                               

 

  Will nicht 

                  Duineser Paradoxon 

Wer vom Flügelboot auf den stillen Tod dieses Ufers schaut,

sieht, wie Gott nach und nach alles entblößt, erschafft, erbaut, 

vom Felsen aber schaut ein Engel auf das Meer,

aufs Wasser, auf die Steine und den Müll, 

er will nicht,

den Anblick der Menschen will er nicht mehr. 
 

                                         

 

Vertraute Verbannung. Mikrokosmierend. 

                                          "wie ich leben müsste"

                                                (Ákos Győrffy) 

            (i. zurück in den Himmel) 

Ferne Welten, Gefühle und Eindrücke verbirgst du in einer allzu nahen und konkreten Mikrowelt, oder umgekehrt, Teich oder Flussufer, es tut gut, die bereiften Hagebutten abzureißen, sie zwischen den Fingern zu reiben, sie zerkauen, in deiner Tasche verbirgt sich eine Esskastanie, das Gebell deines längst toten Hundes folgt dir, der frühherbstliche Wind schlägt die von Früchten schwer beladenen Äste gegen die morsche Wand des verlassenen Hauses, langsam wird es Zeit den Ofen zu heizen, du ziehst die Worte aus den vollgeschriebenen Blättern, und als du sie alle herausgezogen hast, sagst du, ja ins Feuer damit, jedes losgelöste Wort ist ein Gebet, das in den Himmel zurückkehrt, endlich, also dahin, von wo aus du es für kurze Zeit entliehen hast. 
 

            (ii. Zwischen den Spalten)

Das Stete des Ufers ist nur ein vergängliches Gefühl, verglichen mit dem Wasser, verglichen mit der steten Veränderung ist das Gewoge im Großen und Ganzen immer gleich, immer ein wenig anders, denn du könntest ja überall leben, eigentlich doch nicht, jetzt gerade musst du dich hier zuhause fühlen, im schmutzig dunklen Strudel, der sich zwischen den algigen, nach Fluss riechenden Brettern des Stegs öffnet, wie du dich in den Spalten deiner Möglichkeiten wiederfindest und erschaffst, weitergehst, du musst ja weitergehen, und zum Glück glaubst du noch, dass du jederzeit in das leere und staubige Schneckenhaus auf deinem Schreibtisch einziehen könntest, egal, wie du es auch nennst, zwischen die verworrenen Tagebuchaufzeichnungen in einem Heft. 
 
 

            (iii. Zwischen den Speichen des Himmels) 

Deine wiederkehrende Furcht beim Radfahren ist der aufgeschreckte Vogel von der Uferseite, der in die falsche Richtung fliegt, die einzige Möglichkeit zur Flucht genau in der Himmelsspalte zwischen den Speichen sieht, schon kannst du fühlen, wie die winzigen Knochen leise, kaum hörbar knacken und dir die Speichen das lauwarme Vogelblut ins Gesicht sprühen, Federn lösen sich, Herbstblätter fallen, kleben zwischen den Speichen, ein schmutziger Stofffetzen, eine zerquetschte Plastikflasche, die Zeit pulsiert auf dem Weg, während du nicht wagst, zurückzuschauen, und wenn beim Radfahren ein Vogel doch in deiner Nähe schwirrt, wird dir gleich flau, schwindelig, dir schaudert, wird übel und du bist schweißgebadet.  
 

 

  (iv. Die Wirklichkeit der Bushaltestelle im Morgengrauen) 

Die erdachte Schutzhütte und ihre Umgebung im Wald und die Wirklichkeit sind jetzt in Übereinstimmung,  einen langen Augenblick ist es, als ob du auf einer dunklen Bühne im blendenden Licht des Scheinwerfers stündest, auch jetzt spielt sich alles außerhalb dieser Bühne ab, du stehst nur da, horchst, und kennst deinen Platz, die Bushaltestelle im Morgengrauen, dichte Herbstnebel hocken in den Bäumen und auf den Sträuchern, das leise, feuchte Knirschen der Schneckenhäuser signalisiert, dass noch andere auf den Bus warten, dies ist schon eine andere Wirklichkeit, das ohrenbetäubende Quietschen der Kieselsteine, der verlorene Ort der Phantasie, jemand tritt versehentlich eine zertretene Schnecke bei Seite, wie einen Kieselstein, ganz ruhig, sagst du zu dir selbst, gleich kommt der Bus.  
 
 
 

                                          

 

   Hinterher

                  für Sanyi 

Sie gab uns Mut. Das dicke Mädchen, wie es vor uns

über die Felsen kletterte. Wenn sie es schafft, dann auch wir.

Die senkrechte Felsenwand mühsam herunterklettern, während

man sich an der Höhenangst festhält. Unten peitscht das Meer die Felsen,

du schaust nicht nach unten, hörst es nur. Vielleicht peitscht es auch uns,

schon bald. Aber es gab keine Zeit nachzudenken, wir mussten klettern,

immer weiter neben dem dicken Mädchen, während uns die ganze Zeit

schwindelte. Unmöglich, wiederholen wir immer wieder halblaut.

Dass man nur nur so herunter kommen kann. Und überhaupt. Zum Strand

der Herzogin, von Felsen abgeschottet, zu ihrem Terrain der Einsamkeit.

Und nach dem erfrischenden Eintauchen konnten wir uns nicht vorstellen,

wie wir da zurückklettern sollten. Und überhaupt. Wie konnte die Herzogin

hierher gelangen. Durch eine geheime Tür vielleicht. Und der arme Rilke,

wie hat er es geschafft. Ich weiß es nicht, stumm sind die Eidechsen von Duino.

Wir müssen jetzt aufpassen und klettern. Dem dicken Mädchen hinterher.  
 
 

                                               

                  Dann 
 

1977 bauen Jakob Gautel und Jason Karaindros einen Engel-

detektor. Sie führen ihn auch in Prag auf einer Austellung vor.

Wenn er im Raum einen Engel wahrnimmt, dann  leuchtet

angeblich seine Lampe auf. In Wirklichkeit misst er die Stille.

Und je größer sie ist, desto stärker glüht die eingebaute Glühbirne

in der Vitrine. Den Raum mit blauem Licht überflutend, wirft sie

einen azurblauen Umhang über die Augen der Besucher.

(Unterdem azurfarbenen Umhang des HErrn lächelt

Mallarmé nachsichtig Marlene Dietrich zu.)

Genauso, wie bei einer plötzlich eintretenden, peinlichen Stille

alle darauf warten, dass die schweigsamen Engel durch den eisig

erstarrten Raum fliegen. Die taubstummen Sicherheitsleute vom ewigen

blauen Licht geblendet, hoffen, dass am nächsten Tag jemand kommt

und wenigstens ein kleines Geräusch macht, damit sie sich zitternd

in der zugigen Dunkelheit ein wenig ausruhen können.  
 

                                   

            Die Zeichen 

Mein Brustkorb hat ein Fenster. Ich öffne seine Flügel,

fliege doch frische Luft in die Zimmer und lüfte

dort jede verborgene Ecke. Trage sie nur

Sand hinein, mit pflanzlichen, tierischen und

menschlichen Spuren der Zeit. Sollen meine Knochen

einst in ein weiches Sandgrund gebettet sein.

Der eine oder andere vergilbt über dem Boden, während

die meisten ein wenig tiefer ruhen. Damit noch

Arbeit für die Archäologen bleibt, Aufgabe,

Fundort. Aber bis dahin hat der Sand die Wohnung,

die geheimen Ecken und Enden meiner Erinnerung so aufgefüllt,

dass sich die halb geöffneten Türen nicht mehr schließen lassen.

Auch von innen kann man dann den gemalten blauen Himmel sehen.

Ich schließe das Fenster. Lockere mich ein wenig aus,

liege. Das bedeutet, ich hinterlasse Spuren im Sand.

 

 

Er verbirgt es in Details 
 

In der Abenddämmerung fühlt sich der Mann

am fähigsten zur elegischen Stimmung,

dann blickt er mit fast ungetrübter Leichtigkeit

in die goldene, sich bereits neigende Sonne,

wie sie langsam hinter sich fällt. 

Als verspäteter Dädalus hofft er über Gut und Böse

hinweg zu sein, seine Augen nur spaltweit,

keine Frau, kein Modell, die man betrachten müsste,

ein wenig die verborgenen Details studieren,

keine Angst vor dem vermeintlich oder wirklich Wesentlichen.

Als Frau aus Fleisch und Blut die Landschaft

an sich drücken, die Begierde selbst als Schild,

eine Stimmung, trotzend dem Tod.

Leider so banal. 

Vor Müdigkeit kippt sein Kopf zur Seite,

seine Aufmerksamkeit entflieht über den Teich hinweg.

Teil des Augenblicks ist auch eine Möwe, ewig. Und er

wird nicht in den zerbrochenen Spiegel des Wassers blicken,

um aus den Scherben ein Bild zusammenzufügen,

denn, derjeniger, der von dort zurückblickte

interessiert ihn einfach nicht.  

Er zögert ein wenig, hat das Gefühl, als ob ein großes,

gerötetes Auge durch den Spiegel

seinen müden Blick fokussieren würde,

nach dem vielen Lesen konstatierend:

Die Dinge haben ihren Wert verloren. 

Allein die alten Meister können eine Landschaft noch so betrachten,

als ob sie ihr ganzes Leben lang darauf gewartet hätten.

Als ob der Anblick und das zu malende Bild

wenigstens in diesem einen Blick identisch wären. 

Er bettet seine Empfindlichkeit in den Hintergrund,

als ob es sie gar nicht gebe, lässt jede wohlbekannte

Gedankensplitter in der Oberfläche verschwinden,

sich selbst versteckt er in den Details zwischen den Bäumen. 

Das blasse Licht der Peitschenlaternen deutet an,

dass dieses Bild niemand mehr malen wird,

gerade sind auch nur die unsicheren Konturen

eines Schattens zu sehen.

Ein einsamer Spaziergänger, wie er zurückblickt. 

Das geschlossene Auge ruht sich aus,

damit der Morgen ihn in neuer Frische

beim Malen des Theatersaals wiederfindet,

bei den halbfertigen Portraits

am dekorativen Horizont der Erwartung,

den Zuschauern immer vis-à-vis. 

Wieviele Sehnsüchte weckt ein scheinbar

unschuldiger Spaziergang am Teich,

die die Aufmerksamkeit ablenken,

erzählt er am nächsten Tag dem Herzog,

während sie im Schlosshof frühstücken.

In Landschaften, Gesichtern, Körpern erkenne ich mein Selbst. 

 

Ins Deutsche übertragen von Orsolya Kalász und Monika Rinck