Hidegdauer (Dauerwelle kalt), erschienen beim Verlag Jelenkor, 2010
empfohlen von: Éva Zádor, Übersetzerin

Der Roman Hidegdauer spielt in einer ungarischen Großstadt (vermutlich in der Heimatstadt des Autors, in Debrecen), wo sich die vielstöckige Wohnsiedlung ganz eigenartig mit der dörflichen Umgebung vermischt. Die Zeit ist nicht genau angegeben, doch kann die bereits reife Kádár-Ära gut ausgemacht werden (die siebziger Jahre, und innerhalb dieser eher die zweite Hälfte), und dies nicht nur durch Anspielungen, wie Schlagertexte oder Markennamen, sondern aufgrund der Atmosphäre, die das gesamte Werk durchdringt. Die Protagonistin des Romans ist eine frühreife Jugendliche, Juli Varjú, die zusammen mit ihrer Mutter in einer Einzimmerwohnung in der Wohnsiedlung lebt. Die Frau ist schon seit langem geschieden, da sie jedoch noch attraktiv ist, tauchen die „Verehrer“ verständlicherweise der Reihe nach auf. Die Geschichte der Mutter ist im Grunde genommen eine Kette von Hoffnungen und Enttäuschungen. Ihre lebenstüchtige Tochter, die niemanden allzu nah an sich heranlässt, besitzt einen scharfen Blick und erkennt die weiblichen Praktiken ihrer Mutter – ja notiert und kommentiert sie sogar sorgfältig in ihrem versteckten Tagebuch. Aus ihrer eigenen Einsamkeit kann allerdings auch sie nicht ausbrechen. Sie genießt in der Klasse zwar Ansehen, Freunde aber hat sie nicht.

Nachdem die Verlobung der Mutter mit dem Fahrlehrer Albert scheitert, begeht sie einen Selbstmordversuch, nur die Geistesgegenwart ihrer Tochter rettet sie vor dem Tod. Auch die späteren Beziehungen misslingen, so flieht sie erneut in einen Selbstmordversuch. Auf den letzten Seiten des Buches empfängt sie ihre Tochter im Krankenhaus vollkommen apathisch. Auch Julis Versuche, einen Freund zu finden, sind nicht von Glück begleitet, in ihrer Klasse gilt sie als Sonderling. Vor den Spannungen zu Hause flüchtet das Mädchen häufig ins Freie, in einen abgelegenen Winkel des Stadtfriedhofs, wo sie sich sicher fühlt, ungestört vor sich hin träumen, nachdenken kann. Hier begegnet sie Jorgosz: Seine Familie ist aus Griechenland geflohen, seine Eltern haben sich scheiden lassen, der Junge wächst bei seinem Vater, einem rabiaten Gefängniswärter, auf und wird von ihm oft geschlagen. Allerdings überzieht ein Schatten diese poetische Beziehung: Der Strafvollzugs kann seine Angestellten nach Belieben von einem Ort an einen anderen versetzen, so kann Jorgosz jederzeit verschwinden, und diese Gefahr scheint, immer näher zu rücken, obgleich der Autor davon – mit schriftstellerischen Taktgefühl – nicht mehr berichtet.

Der Kampf von Mutter und Tochter gegen die Einsamkeit findet in einer bedrückenden, Ausgeliefertheit beherrschend ist: ausgeliefert den Behörden, den Vorgesetzten, den Lehrern – überhaupt den Stärkeren. Das größte Verdienst des Werkes von Attila Ménes ist vielleicht, dass er kein ideologisches Urteil über die Kádár-Ära fällt, sondern sie auch für diejenigen erlebbar macht, die sie persönlich nicht erlebt haben. Zudem fehlt – was als sehr positiv zu beurteilen ist – jegliches Anzeichen von Nostalgie. Ménes’ schriftstellerische Verfahren, das didaktische Erklärungen meidet, durch schmale Ritzen in die Tiefen der Gesellschaft hineinleuchtet, kennzeichnet den gesamten Roman Dauerwelle kalt (ein Verweis auf die damals modische Damenfrisur). Ein Roman, der auch dem nicht-ungarischen Leser ein eindrückliches Bild von der Welt der siebziger Jahre in Ungarn vermittelt.