Edina Szvoren: Per Du (Pertu), 2010

Der Band wurde in Ungarn eindeutig als Erfolg verzeichnet, die Kritiken äußerten sich allesamt anerkennend, häufig in den höchsten Tönen. Edina Szvoren erhielt 2010 den Tibor-Déry-Preis und 2011 den für Debüt-Autoren gegründeten Sándor-Bródy-Preis.

Auch seit Erscheinen des Bandes Pertu publiziert die Autorin, doch hat sie sich nicht programmartig die Apokalypse zum Thema gemacht: im Wissen um das Wesentliche interessieren sie die Variationen. Sie hat eine eigenständige, vielfältige Welt geschaffen, die international Aufmerksamkeit verdient.

Edina Szvoren hat den Novellenband Pertu (dtsch.: Per Du) mit sechsunddreißig Jahren veröffentlicht, relativ spät also, doch war das Schreiben schon als Jugendliche ihre Hauptambition und ist es geblieben, wie sich aus einem Interview mit ihr herausstellt. Die sich geheimnisvolle Welt ihrer Novellen lässt schon eher erahnen, warum sie sich erst im Alter von Anfang dreißig dazu entschlossen hat, ihre Texte zu publizieren (damals trat sie mit Publikationen in Literaturzeitschriften an die Öffentlichkeit); für ihre originelle Sichtweise war es vermutlich schwer, „Wörter zu finden“, einen erzählerischen Ton zu treffen, in dem keine falschen Klänge mitschwingen. Ihre Geduld bestätigt der erste Band unbedingt – innerhalb des durchweg eher dunklen Tons sind die Novellen überaus abwechslungsreich, häufig düster, doch nicht erhaben tragisch, manches Mal alltäglich, doch nie banal, zuweilen auch traumartig, doch in ihren Details durchaus real.

Von den drei Zyklen des Bandes ranken sich nur die Novellen des mittleren um ein Thema oder eher Motiv, die beiden anderen bedienen sich der Technik der Kontrapunktion beziehungsweise der Steigerung, auf die Erzählungen, die visionäre, enigmatische Bilder und Episoden aneinander reihen, antworten Geschichten mit einem einfacheren Handlungsverlauf. Die meisten Nuancen weist der erste Zyklus (Balholmi lányok – Die Mädchen von Balholm) auf, dessen einleitende Novelle (Joika Joik) eine Art domestiziertes Jüngstes Gericht darstellt. Der Schauplatz ist ein heruntergekommenes Stadtviertel, das im Begriff ist abgerissen zu werden, vermutlich in einem der ehemaligen sozialistischen Länder, wo die Stromversorgung hin und wieder ausfällt, wo das Wasserzeichen auf dem Papier in der Behörde ein Einhorn darstellt, wo die weibliche Hauptdarstellerin, die sich in den Norden sehnt und von Lappen träumt, von einem merkwürdigen Tier, einer gewissen Ginsterkatze besucht wird, zudem erscheint in ihrer Wohnung, selbstverständlich ungebeten, das Fräulein vom Kundendienst. Ein trockener Bericht in der ersten Person Singular, der das Gespenstische fast Schritt für Schritt vertraut macht. Így élünk – So leben wir, mit diesem Titel übernimmt die zweite Novelle das Wort, die nach der kargen, entleerten Welt zeigt, wie nah beieinander familiäre Nestwärme und Hölle doch sind. Die schon fast märchenhaften Requisiten und das überaus reale emotionale Elend verleihen dieser Erzählung gemeinsam eine ganz besondere Vibration. Einen Kontrapunkt dazu stellt Ácska, ocska (Äterchen, Äubchen) dar, da hier das Verhältnis Eltern-Kind (Väterchen, Täubchen) eine wahre Vertrautheit ausstrahlt, allerdings entgegen einer unreifen, bedrohlichen, den Vater als deviant betrachtenden Außenwelt. In dieser Novelle zeichnet sich der Schauplatz klar ab – Budapest mit dem emblematischen Stadtwäldchen –, doch der traumartige Charakter des Umgangs mit der Zeit ähnelt den vorangegangenen Erzählungen. Unter diesem Gesichtspunkt bedeuten die Novelle, deren Titel der Band trägt, sowie die titelgebende Erzählung des ersten Zyklus einen Kontrast, denn in ihnen ist nicht nur der Schauplatz der Handlung relativ klar umrissen, sondern auch die Zeit des Geschehens: Pertu (Per Du) spielt in einer ungarischen Kleinstadt, nah der slowakischen Grenze, eine ganze Weile nach der Wende, an einem Silvestertag; Balholmi lányok (Die Mädchen von Balholm) hingegen im Ungarn der achtziger Jahre, in einer Ortschaft in der Provinz, die jedoch eine Größe besitzt, dass hier auch schon Facharbeiter ausgebildet werden. („Balholm“ im Titel der Novelle ist der Name einer norwegischen Ortschaft, auf die die Autorin vermutlich – wie von einem Kritiker des Bandes angenommen – durch ein Gedicht von Sándor Weöres mit dem Titel Norwegische Mädchen aufmerksam wurde, wobei auch ein Chorwerk von Zoltán Kodály diesen Titel trägt.) Doch Edina Szvoren passt die Novellenform der in Ort und Zeit lokalisierten, von einem Punkt zu einem anderen verlaufenden Geschichten ihren eigenen Bedürfnissen an, und dies vor allem, indem sie eine spezielle Weise der Narration wählt. Der Erzähler von Pertu inszeniert die Geschichte gewissermaßen, er stellt die Bewegungen, die Gesten, die seelischen Reaktionen der drei Figuren des Vaters, der Mutter und der bereits erwachsenen, geschiedenen Tochter im Voraus ein, als würde er die Episoden eines unsichtbaren, vom Schicksal – vielleicht von der Vorgeschichte der Figuren? – geschriebenen Drehbuchs aufnehmen. (Im Übrigen ist diese Technik in der neueren ungarischen Prosa keineswegs unbekannt, Miklós Mészöly hat in einem seiner bekanntesten Werke, dem Kurzroman Rückblenden, ein ähnliches Verfahren angewandt.) Die Erzähltechnik der anderen Novelle ist ebenfalls sorgfältig ausgearbeitet: Die sich selbst ansprechende, duzende Form zieht den Leser allmählich in die Geschichte hinein, an dessen Kulminationspunkt er nicht einfach mehr mit den peinlich-bitteren ersten sexuellen Erlebnissen der Hauptfigur, einer Jugendlichen, konfrontiert wird, sondern mit etwas sehr viel Gewichtigerem, dem Chaos unter der Oberfläche einer strengen Ordnung.

Das Leitmotiv des mittleren Zyklus (Io) ist der Körper, und wenngleich die Verweise auf den Norden im gesamten Band dominieren, so erhält hier der Süden eine bedeutende Rolle und innerhalb dessen die antike griechische Mythologie. In dieser Tradition beschäftigt die Autorin vor allem die körperliche Veränderlichkeit der mythologischen Wesen, die Verwischung der Grenzen zwischen den Geschlechtern, denn sie ist der Ansicht, dass die antike griechische Welt von dem Wunsch, sich über die binären Oppositionen zu erheben, durchdrungen ist. Anfangs wirkt es nur spielerisch und sonderbar, dass das Mädchen, die Erzählerin, in der den Zyklus einleitenden Novelle (Pyrus communis) ihre Freundin, mit der sie sich auf eine gemeinsame Radtour begibt, Io nennt, später jedoch gewinnt der Name Bedeutung. Diese Io verwandelt sich zwar nicht in eine Kuh wie ihre Namensgeberin aus der Mythologie, doch durchläuft sie während der Reise so viele verschiedene emotionale Veränderungen, Stimmungsschwankungen – von aufmerksamer Zärtlichkeit über Rauheit bis hin zu hasserfüllter Liebe –, dass die Erzählerin mit Recht das Gefühl hat, ihre Freundin besitze Tausende von Gestalten und könne von dieser Vielfalt an Metamorphosen nicht genug bekommen. Einige Novellen später gewinnen in És néhány hiány (Und einige Mängel) – die Geschichte einer Reise in das heutige Sachsen – die griechischen Verweise erneut an Betonung: Ein geschiedener Mann, die zwangsweise an seiner Seite ausharrende Freundin (sie ist die Erzählerin) und die erwachsene Tochter des Mannes bilden die Gesellschaft, die gelegentlich durch zwei gut gebaute polnische junge Männer ergänzt wird, die ebenfalls als Touristen durch Sachsen reisen. Der Mann ist von den klassizistischen Skulpturen der griechischen Musen in den Schlossparks ganz hingerissen und fotografiert sie wie ein Besessener, er geht ganz in der Preisung der Schönheit auf und achtet dabei kaum auf seine Mitreisenden oder auf die Harmonie der Landschaft, so ist es nicht verwunderlich, wenn ihm nachts im Zelt meist Abweisung zuteil wird. Seine um die Mutter trauernde, erwachsene Tochter zeigt kein großes Interesse an den Skulpturen, allerdings weckt einer der jungen Polen in ihr Gefühle, die Freundin des Mannes beobachtet staunend ihr Liebesspiel. Der Gegensatz zwischen dem in leeren Worten umherirrenden Geist und der rohen Geschlechtlichkeit verleihen der Novelle ihre Spannung, wobei wirkungsvoll vermittelt wird, wie sich in moderner Zeit trennt, was in der antiken griechischen Welt noch eine Einheit war. Und schließlich wieder ein Schauplatz im hohen Norden (A szállásadónő rövid éjszakái – Die kurzen Nächte der Hausherrin), zwar ohne antike Verweise, doch an Sappho erinnernd: die von der Außenwelt ausgrenzende, auszehrende Leidenschaft der lesbischen Liebe.

Scheinbar setzen die Novellen des dritten Zyklus (Percek egy sün életéből – Minuten aus dem Leben eines Igels) das Motiv des Körpers weiter fort und variieren es, doch nicht mehr im Zeichen des Fleisches, der Sinnlichkeit, der Sexualität, vielmehr geht es hier um den körperlichen Abbau, den Verfall. Eine auf die Pflege ihre Tochter, einer Jugendlichen, angewiesene, sich vernachlässigende Frau (Ha végeztél – Wenn du fertig bist), eine halbblinde, demente Mutter (Bizalom – Vertrauen), ein hilfloser, sich jede Bewegung erkämpfender alter Mann (in der titelgebenden Novelle des Zyklus), ein Selbstmord begehender Vater (Korán feküdtek aznap – Früh gingen sie an dem Tag zu Bett): allesamt sind es Variationen auf die Gebrechlichkeit des Körpers. Aus der lang anhaltenden, ausführlichen Schilderung entsteht jedoch keine naturalistische Chronik der Hinfälligkeit, sondern die suggestive Darstellung des Zustandes der menschlichen Existenz als Urtier. In diesen Erzählungen ist nämlich nur die Seele noch kränker als der Körper: die brutalen Erfahrungen des kleinen Kindes, das zwischen seinen geschiedenen Eltern hin und her pendelt (Kedves, jó Ap – Lieber, guter Pa), die sich zeremoniell und zugleich mit erschreckender Gleichgültigkeit verhaltenden Darsteller in Temetés (Beerdigung), die Braut, die ihren zukünftigen Schwiegervater erschießt (Mindenki, valakit – Jeder, jemanden) – sie berichten von einer Welt, die vielleicht noch trostloser scheint als dort, wo der Verfall nur physisch greifbar ist. Die letzte Erzählung des Bandes (A hét vége – Das Ende der Woche) fasst dieses erschreckende Bild mit einer bemerkenswerten Kraft zusammen, denn die Novelle spielt in einer von Krankheiten verschonten, „gesunden“ Familie, in der Vater und Mutter ihren Sohn mit vereinten Kräften töten – unter der billigenden Kenntnisnahme und mit der Assistenz ihrer Tochter, der Erzählerin. Für die grauenhafte Tat gibt es keine Erklärung, das Motiv steht in keinem Verhältnis zu dem Mord, denn das einzige Vergehen des Jungen ist, dass er anders ist, sich beispielsweise lange im Badezimmer zurechtmacht, das kleine Geschäft im Sitzen erledigt und – horribile dictu! – seine kleine Schwester liebt. Die Beschreibung seines Todes, das familiäre Umfeld lässt im Sinne der Opferbringung auch eine sakrale Lesart zu, doch die Allusionen auf Christus bieten ebenfalls keine billige Hoffnung. Diese ausgezeichnete Novelle, die bereits bei ihrer ersten Veröffentlichung in einer Literaturzeitschrift „anthologieverdächtig“ schien, ist ein grandioser Abschluss des Bandes.

András Lakatos

Übersetzung von Éva Zádor