Ferenc Barnás: A kilencedik (Der Neunte), Magvető 2006, 214 Seiten

Empfehlung von Éva Zádor

Der Roman von Ferenc Barnás ist ein bedrückender Befund von einer Welt ohne Illusionen. Der Narrator ist ein neunjähriger Junge, der die Geschichte der Familie erzählt. In der extrem bedrohten Familie leben neun Kinder auf fünfundzwanzig Quadratmetern. Wir schreiben das Jahr 1968. Die Kinder haben nichts zu essen, kein eigenes Bett, nicht einmal eine eigene Decke, sie haben keine warmen Kleider, es gibt kein Feuerholz, mit dem man in dem kleinen Zimmer wenigstens heizen könnte. Der Junge träumt davon, wie es wird, wenn das Große Haus einmal fertig ist, wo sie menschenwürdig leben könnten. Der Tag kommt, sie ziehen in das neue Haus, doch das Elend bleibt, und ein tragisches Vergehen belastet den Jungen schwer.

Der Roman Der Neunte von Ferenc Barnás spielt im Ungarn der sechziger Jahre in einer kleinen Ortschaft nördlich von Budapest. Es ist ein Roman, der von Armut, von dem Zustand existenziellen Ausgeliefertseins handelt. Die katholische, gläubige Familie des neunjährigen Ich-Erzählers, dem neunten Kind von elf Geschwistern, lebt in großer Armut, die Kinder schlafen gemeinsam in drei zusammengeschobenen Betten, haben kaum Kleider zum Anziehen, hungern, es mangelt an Heizmaterial. Geld verdient die Familie mit dem Herstellen von Rosenkränzen und Devotionalien, die der Vater, ein ehemaliger Offizier, später Angestellter bei der ungarischen Bahn, an Pfarrer verkauft. An der Produktion müssen die Kinder ebenfalls teilnehmen, angewiesen vom diktatorischen Vater, zu dem das Verhältnis von Angst geprägt ist. Doch auch die Beziehung zur tief gläubigen Mutter ist eher kühl, distanziert. So ist der Junge ganz mit sich alleine, in der Schule ist er ein Außenseiter, traut sich aufgrund von Sprachfehlern kaum zu sprechen, wird von Mitschülern gedemütigt, ist verschlossen, voller Ängste und voll Scham. Auch die anderen Geschwister leiden an Zwangneurosen, haben Sprachfehler. Eine Flucht ist für den Protagonisten etwa, beim Metzger den Geruch der Würste einzuatmen, in der Auslage das Gebäck anzuschauen oder in fremde Fenster hineinzusehen, wo die Zimmer für ihn ein angenehmes Gefühl der Wärme ausstrahlen. Das wenige Geld, das sich die jüngeren Kinder als Messdiener bei Beerdigungen verdienen, gibt der Protagonist für Wurst und Süßigkeiten aus, doch schließlich bleibt dieser Verdienst aus. Ein wenig Hoffnung und Freude bringt der Bau des Großen Hauses, in das die Familie schließlich umziehen kann, wo jeder sein eigenes Bett hat, es ein Badezimmer gibt, das aber bald vom tyrannischen Vater für das Entwickeln von Heiligenbildern in Beschlag genommen wird. Für den Jungen bedeuten die Familie und die Schule die Welt, in der er sich zu bestimmen versucht, es gibt keine Alternative. In dieser Umgebung muss er um alles kämpfen, um das Essen, seinen Platz im Bett, um Kleidung.

Die Sprache von Ferenc Barnás ist sachlich, beobachtend, nicht emotional geladen, der Autor versucht nicht, die Sprache des Kindes nachzuahmen, sondern schafft gewissermaßen einen eigenen kindlichen Blick auf die Welt, einen Tonfall, eine Logik, mit der er diese bedrückende Welt vermittelt. Es handelt sich um die überzeugende Darstellung eines Zustandes ständiger Angst und Bedrängnis. Auch der Katholizismus der Familie, die ständigen Gebete und kirchlichen Lieder, die Produktion der Devotionalien zeigen keineswegs eine Welt, die von Liebe und Zuneigung gekennzeichnet ist, denn sie bedeutet gleichzeitig die Schläge des Vaters, die merkwürdig fromme Distanz der Mutter. Die einzige Person, die im Leben des Jungen, wirklich positiv erscheint, ist seine Lehrerin Tante Vera. Sie vertraut ihm, lobt ihn, streichelt ihn, und sie ist es, von der er schließlich Geld stiehlt. Mit dieser Tat verletzt er diejenigen, die ihm am nächsten stehen – die Lehrerin und die Mutter, mit dieser Tat drückt er sein ganzes Leid aus.

Der Roman zeigt zum einen ein Bild des kommunistischen Ungarn in den sechziger Jahren, im Speziellen der mittellosen Bevölkerung, die Opposition zwischen Parteileuten und den einfachen Menschen, den Umgang mit der Kirche, die bigotte Gläubigkeit der Familie, die ebenfalls Nährboden der Lüge ist, das tyrannische Patriarchat in der Gestalt des Vaters, all das gefiltert durch den Blick des neunjährigen Jungen, doch ist der Roman sehr viel mehr als das: Es ist ein zeitloser Text über Armut und soziale Ausgrenzung, über all die psychischen Konsequenzen, die damit einhergehen, der auch heute, denkt man an die verarmten Regionen Ungarns durchaus aktuell ist. Durch die sachliche, distanzierte, fast gefühllose Sprache des Jungen, die mit jener von György Köves, dem Ich-Erzähler im Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész, oder auch dem Protagonisten in Der weiße König von György Dragomán verglichen werden kann, erzielt Barnás eine Wirkung, die den Leser gefangen nimmt und tief bewegt.

Der Roman ist bereits in englischer sowie indonesischer Sprache erschienen.