Ferenc Barnás: Der Neunte

eins

Heute Nacht war ich im Traum mutig: ich stand irgendwo auf einer Lichtung, und drei Jungen kamen mir entgegen. Zuerst habe ich sie nicht erkannt, aber dann sah ich, dass es Perec und die anderen waren. Der kleinste Junge hielt eine Axt in der Hand; ich hatte das Gefühl, sie wollten wieder das machen. Ich weiß nicht, wie ich die Axt weggenommen habe, aber ich habe sie weggenommen, und habe dann das gemacht, was ich auch im anderen Traum gemacht habe. Es ging schnell. So schnell, dass ich jetzt gar kein Blut gesehen habe, dabei kam viel Blut aus ihnen heraus. Dann wartete ich auf die Polizisten. Zwei Wagen trafen ein, ohne Sirene. Als die Polizisten aus dem Wagen stiegen, drehte ich mich zur Seite: drei bis vier Meter von mir entfernt schwammen zwei Körper auf dem Wasser, mit dem Bauch nach unten; den dritten Jungen hoben sie gerade aus dem Wasser. Ich glaubte, wir wären an einem Fluss. Dann bemerkte ich, dass ich am See stand. Ich hatte keine Angst. Ich war ruhig. Ich freute mich darüber, was ich getan hatte. Interessant war, dass das Gesicht von Perec normal aussah; als wäre er nur ertrunken. Das Gesicht der anderen beiden Jungen habe ich nicht gesehen, trotzdem dachte ich aus irgendeinem Grund, dass auch ihres genauso aussah, wie als sie mich geschnappt haben. Dabei ist es sicher, dass ich das gemacht habe, was ich auch im anderen Traum gemacht habe, ganz sicher. Als mich der eine Polizist an der Schulter fasste, hatte ich die Axt noch in der Hand. Es war ein gutes Gefühl, sie festzuhalten.

Gegen halbfünf, wenn Vater zur Arbeit geht, wache ich auf. Vater arbeitet weiterhin bei der Staatsbahn, aber jetzt bei der Stationsdirektion in Rákoskeresztúr, wo er vor Kurzem die Kontrolleursarbeit zusätzlich übernommen hat. Er ist gezwungen, die neuen Berufe schnell zu lernen, weil wir, solange wir das Große Haus bauen, eigentlich keine Rosenkränze und solche Dinge machen können. Mutter steht gegen fünf auf. Das weiß ich, weil sie danach gleich auf die Straße raus geht, wo sie jemanden nach der genauen Uhrzeit fragt. Wenn sie Frühschicht hat, macht sie das immer. Bei der ersten Sammlung haben wir keine Uhr bekommen, sie darf aber in der Kugelschreiberfabrik in Szentendre nicht zu spät kommen. Sie wurde erst vor Kurzem da eingestellt, in zwei Schichten. Mutter hat wegen dem Kinderkriegen keinen Beruf, deshalb muss sie Kugelschreiber zusammenschrauben. Während sie sich fertig macht, tue ich so, als würde ich schlafen, wie die anderen. Mein Kopf unter der Decke, die Füße von Schuckel an meinem Gesicht; ich schiebe sie weg, wie sonst auch. Dann versuche ich, wieder einzuschlafen, aber es gelingt mir nicht.

Jetzt wohnen wir in dem Kleinen Haus in Pomáz. Vater und die drei Großen Jungen haben es unter der Leitung von Onkel Miksa gebaut, während wir Kleinen in der Bombenvilla waren; na, und die Mädchen auch, beziehungsweise Mutter. Die Bombenvilla ist in Debrecen. Sie ist im Zweiten Krieg ausgebrannt, Vater hat sie aber fünfundvierzig im Tausch gegen die erlassene Miete in Ordnung gebracht, weil er da noch Geld von der Armee hatte. Erst später hat ihn die Volksarmee rausgeschmissen. Wir sind alle da geboren, also im Krankenhaus. Mutter hat in die Entbindungsstation in Debrecen immer ein Holzkreuz mitgenommen, dabei hatte ihr Doktor Szilágyi gesagt: „Meine Liebe, das wird kein gutes Ende nehmen, das letzte Mal habe ich auch schon fast Probleme bekommen.“ Mutter zuckte daraufhin mit den Schultern, während sie innen drin weinte, was vielleicht auch die anderen sehen konnten, Doktor Szilágyi bestimmt, dann legte sie sich auf das Entbindungsbett, drückte das Holzkreuz in der Hand, und wir kamen. Ich war der Neunte.

Im Kleinen Haus gibt es ein Zimmer und eine Küche. Vater schläft in der Küche und wir im Zimmer. Vater hat in der Ecke neben dem Herd ein eigenes Bett, in dem er alleine liegt. In der Küche gibt es noch einen Tisch und einen Stuhl. Unser Zimmer ist so groß, dass drei Holzbetten, der Eisenofen sowie die große Truhe darin Platz haben. In der haben wir unsere Kleider. Die Betten haben wir nebeneinander geschoben, sonst würden wir nicht darauf passen. Auch so müssen alle quer liegen; ein Glück, dass wir Kleinen abgesehen von mir körperlich nicht so groß sind. In der Bombenvilla, wo wir sogar zwei Zimmer hatten, haben wir das Schlafen leichter gelöst. Vater hat von der Stationsdirektion in Debrecen günstig Eisenbetten gekauft, die man tagsüber zusammenklappen konnte. Und abends haben wir sie aufgemacht. Dann waren die beiden Zimmer voller Betten, mit Ausnahme vom Schreibtisch, dem Spritzgießer, dem Harmonium sowie dem Bücherregal und dem braunen Schrank, in dem wir Kleinen uns vor allem dann versteckten, wenn einer von den Großen irgendwie ernsthafter bearbeitet wurde. Die Eisenbetten haben wir trotzdem nicht mit nach Pomáz genommen. Darüber freute ich mich am meisten. Besser, wenn ich gleich jetzt erzähle, warum.

Ich war vielleicht vier. An einem Nachmittag, als ich aus irgendeinem Grund keine Lust zum Fröschequälen hatte, ging ich in das hintere Zimmer und fing an, mit dem einen Eisenbett zu spielen, weil wir eins für jeden Fall meist bei der Spritzgießmaschine offen ließen. Ich schob das Bett hin und her, so sehr ich konnte, und dann steckte ich meine Finger der Reihe nach zwischen die Gurte, um sie festzumachen. Ich war gerade mit meinem linken Daumen im Loch, als Socke plötzlich da war und auf das Bett sprang. Ich spürte nichts, heulte nur. Da rannte Mutter herein und befreite meinen Finger. Trotzdem brachte nicht sie mich zum Arzt. Zuerst packten sie meinen Finger in einen Lappen ein, und den in Zeitungspapier, ich habe keine Ahnung, warum gerade da rein, dann ging ich mit Amme zur Stationsdirektion, und von dort zusammen mit Vater zur Klinik. Der Onkel Doktor lobte Amme: „Du bist geschickt, mein Kind, du hast den Finger von deinem Brüderchen nicht verloren.“ Das war das erste Mal, dass ich längere Zeit im Krankenhaus war.

Nach Mutter stehen Amme und Tera am frühsten auf. Sie sind fast sofort fertig, da sie im Winter nachts die Kleider vom Tag anlassen, so wie wir auch; wir wärmen uns umsonst unter den Decken, das reicht nicht. Seit sie bei den Franziskanern in Szentendre rausgenommen wurden, gehen sie in die Leinenspinnerei in Buda arbeiten. Vater hat das Rausnehmen mit dem Herrn Rektor schnell erledigt: „Verstehen Sie, Pater Loránt, unser Lohn, also die neunhundert Forint, die wir von diesen dreckigen Kommunisten bekommen, decken unsere Ausgaben nicht. Und wir bauen noch unser Haus, Sie wissen doch.“ Amme und Tera gehen kurz nach Mutter los.

Wir liegen nur noch zu siebent auf dem Bett. Den meisten Platz nimmt Pastor ein, der so tut, als würde er in seinem eigenen Bett schlafen. Egal wie wir ihn treten, er rührt sich nicht. Selbst im Schlaf ist er etwas Besonderes, ganz zu schweigen davon, dass er ständig in der Nähe von Mutter schläft. Morgens aber hören wir alle auf ihn. Er zeigt uns, wie wir die Fußlappen in die Schuhe machen müssen, sonst würden sie im Schnee und Matsch noch mehr durchweichen; wenn nötig, sagt er uns, wie wir unser Hemd in die Trainingshose stecken sollen, oder wenn jemand von uns Kleinen erkältet ist, befiehlt er Socke und Risi, uns dann für den Tag ihre Pullover zu geben. Pastor spricht sehr gerne für andere, aber es stimmt auch, dass keiner an seine Kleider gehen darf. Neben der großen Truhe hat er eine kleine Kiste, die er mit dem Schlüssel abschließen kann. Er hat als einziger in der Familie eine Jeans, die hat er sich noch in Debrecen beschafft, keiner weiß woher. Mutter wollte eigentlich zuerst Klavierspielerin werden, dann Nonne, aber der Zweite Krieg kam, und meine Szekler Großeltern entschieden schnell, dass es besser ist, wenn sie die Frau eines Offiziers wird, weil sie dann aus Siebenbürgen fliehen kann. „Herr Leutnant, wo Püppi ist, da muss auch ein Klavier sein“, sagte Szekler Oma vor der Hochzeit zu Vater, und er versprach, ein Klavier mit Gussrahmen zu kaufen.

Pastor ist siebzehn, er darf weiter zu den Franziskanern nach Szentendre gehen. Mutter hofft insgeheim, dass er einmal Pfarrer wird. Bis einschließlich zur Tera, die die kleinste von den Großen Mädchen ist, war Mutter sehr verbittert, weil es ihr nicht gelang, einen Jungen zu bekommen, dabei wollte sie unbedingt einen Pfarrer. Umsonst nahm sie das Kreuz mit in die Klinik, es kamen immer nur Mädchen. Zuerst Kláró, nach ihr Amme, schließlich Tera. Dann wurde Pastor doch geboren. Doktor Szilágyi glaubte, er würde Mutter danach nicht mehr sehen. Aber es kam anders.

Im Kleinen Haus frühstücken wir derzeit meist nicht. Den Herd, auf dem wir den Tee kochen und das Brot rösten, zünden wir erst abends an; wir müssen mit der Kohle sparen, besonders jetzt, da nur vier Säcke geblieben sind. Gut, dass das Wetter in den letzten Wochen milder war. Vater behauptet, dass sie in den Karpaten, wo die Russen sie auf Trab hielten, lange bei Minusgraden geschlafen und manchmal überhaupt nichts gegessen hätten. „Also seid auch keine Waschlappen!“ sagt er oft. Vaters Meinung nach gibt es nichts Niederträchtigeres, als wenn jemand ein Waschlappen ist. Wenn aber Tee vom Vorabend übrig ist, dann trinken wir den. Mal mit Zucker, mal ohne, je nach dem, ob wir welchen kaufen konnten. In der Schule bekommen wir dann ein Pausenbrot. Wir gehen alle in den Hort, was pro Kopf vierundzwanzig Forint im Monat kostet. Für das Geld gibt es noch ein Mittagessen und eine Mahlzeit am Nachmittag. Aber für Pastor und Socke nicht, sie können im Gymnasium nur zu Mittag essen.

Gegen Viertel nach sieben gehen wir los zur Schule. Wir Kleinen gehen meist zusammen, weil wir alle in die Volksschule Nummer Zwei gehen. Benjamin in die erste Klasse, Schuckel in die zweite, Mara in die vierte und ich in die dritte. Risi geht schon in die siebte Klasse, er ist aus irgendeinem Grund in die Nummer Eins gekommen, nah beim Meselia-Berg; Socke lernt im Fachgymnasium in Békásmegyer, das er letztes Jahr begonnen hat. Wenn er fertig ist, wird er Elektriker. Unsere Schule ist am Dorfende, nicht weit vom alten Dorfteil; von unserem Haus gerechnet gehen wir mindestens eine halbe Stunde, wenn nicht mehr. Der Heckmotor-Bus würde uns schnell hochfahren, aber dafür haben wir kein Geld. Wenn wir am Ostermontag wieder von Tür zu Tür gehen, um die Mädchen mit Parfum zu begießen, und ein bisschen Geld bekommen, dann können wir die Fahrkarten eine Weile kaufen, so wie unsere Klassenkameraden aus dem neuen Dorfteil, die fast alle mit dem Bus fahren.

In der Schule tun wir so, als würden wir einander nicht kennen. Nur Mara versucht, in den Pausen manchmal mit uns zu sprechen, aber sie ist ein Mädchen und überhaupt ist ihre Aussprache besser. Wenn wir können, gehen wir ihr aus dem Weg, und wenn wir doch über sie stolpern, rennen wir schnell weg. Beim Aufstellen in Zweierreihen geht das nicht, dann antworten wir etwas.

Meine Lehrerin heißt Tante Vera. Ihre Haare sind dunkelbraun, und sie hat fast so eine schöne Stimme wie Mutter. Sie zieht ihre Socken in der Stunde nicht aus. Tante Magdi, bei der wir in der zweiten Klasse Unterricht hatten, hat ständig ihre Socken auf dem Eisenofen getrocknet. Und hat ihre Füße auf den Tisch gelegt. „Wisst ihr, Kinder, das ist das einzige, was meinen schmerzenden Beinen hilft.“ Ständig hat sie das gesagt, und dann hat sie laut geseufzt. Wegen den Socken hat es im Klassenzimmer nicht stärker gestunken. Das war zumindest mein Gefühl. Die anderen habe ich nicht gefragt, in der zweiten Klasse war ich auch meistens still.

Tante Vera hat mich neben Szabó gesetzt. Wir sind die Letzten in der Reihe am Fenster. Szabó ist sehr dick und riecht komisch, außerdem ist sie ein Mädchen. Als ich mich neben sie setzte, stierte sie gleich auf meinen Finger, manchmal vergesse ich meine linke Hand nämlich völlig. Da fiel es mir wieder ein, und ich stach mit meinem Stift in ihre Hand. Zuerst dachte ich, das Fett würde aus ihr rausfließen, aber es kam nichts, die Haut schützte sie.

Bis zur Schreibstunde denke ich vor allem an das Pausenbrot, beziehungsweise an die Butterbrottüte von Dunai. Dunai sitzt genau vor mir und hat schon wieder ein Salamibrötchen mit. Während wir laut lesen, spüre ich den Paprikageruch immer stärker, das Ganze ist wie in der Metzgerei, wohin ich ein-, zweimal die Woche gehe. Ich wünsche mir dann immer, hätte doch bloß keiner die Salami erfunden. Wenn ich nicht immer im Morgengrauen aufwachen würde, dann würde ich, glaube ich, auch die Gerüche nicht so stark spüren, und dann käme vielleicht auch aus Szabó keiner. Ich weiß nicht, ob sie ein Badezimmer haben, und ob sie überhaupt badet, aber wie ich die Butterbrottüte von Dunai vergesse, spüre ich sofort den Geruch, den ich auch bei unserem Nachbarn spüre, der mich manchmal einlädt, bei ihm Fernsehen zu gucken, und der während des Fußballspiels ständig sagt, „wo ist der Frosch, wo ist der Frosch“. Aber vielleicht kommt dieser Geruch auch von mir und ich hänge ihn der Szabó nur an.

In der ersten Pause gehe ich auf das Klo im Hof. Hier bin ich fast am liebsten. Es ist mindestens zehnmal so groß wie das zu Hause, man kann darin herumspazieren. Es stört mich nicht, dass es stinkt, es ist gerade richtig. Wenn die anderen reinkommen, dann tue ich so, als würde ich pinkeln. Manchmal tue ich sechs- oder siebenmal so. Hier überprüfe ich auch meinen Bauch, natürlich nur wenn ich alleine geblieben bin. Ich ziehe mein Hemd hoch, entspanne meine Muskeln, und dann schaue ich, wie dick mein Bauch angeschwollen ist. Morgens ziemlich. Meine Mitschüler glauben, dass ich dünn bin. Ich bin nämlich ordentlich gewachsen, fast so groß wie Risi, dabei ist er dreizehn und ich neun; außerdem sieht mein ganzer Körper in Kleidern dünn und knochig aus, was auch stimmt, mit Ausnahme von meinem Bauch, der speckig ist und den ich ständig einziehe. Wahrscheinlich wird er nicht so dick wie der von der Szabó, obwohl ich das letzte Mal geträumt habe, dass ihr ganzes Fett in mich hinübergeflossen ist.

In der Schreibstunde wird mir schwindelig. Das ist ein gutes Gefühl, es ist, als würde ich in der Schulbank sitzen und auch wieder nicht. Meine rechte Hand zittert ein bisschen, und die Buchstaben schwanken. Als Tante Vera bei mir ankommt, um die Aufgaben zu kontrollieren, ermahnt sie mich, ich solle gerade schreiben. Ich versuche es. Tante Vera riecht immer gut. Am liebsten würde ich sie fragen, wie sie das macht.

Nach dem Pausenbrot ist es schon viel besser. Langsam bekomme ich Lust, und ich löse auch die Aufgaben geschickter. Darunter, dass ich Lust bekomme, verstehe ich, dass ich anfange, so zu sein wie die anderen, abgesehen davon, dass ich kaum spreche. Zum Glück muss ich nur manchmal alleine lesen. Tante Vera hat es mir aus Nachsicht erlaubt, und so behindere ich auch die anderen nicht. Bei Tante Magdi war das anders. Sie hat mich immer wieder aufgerufen, ich solle anfangen, ich würde sehen, es würde gelingen, aber es gelang nicht, ganz im Gegenteil, wenn ich nach den ich weiß nicht wie lange andauernden Minuten des Schweigens endlich doch einen Ton von mir gab, da lachte sie zusammen mit den anderen, denn auch wenn sie gewollt hätte, konnte sie sich nicht zusammenreißen. Das Schlimmste an dem Ganzen war, dass es bei Pető nach mir immer gut klappte, aber nur nach mir, weil wenn er vor mir an die Reihe kam, dann war er oft sogar eine halbe Minute still, wenn er dann doch anfing, dann stockte er fast immer, aber bei ihm lachte keiner. Im Übrigen sagte ich mir während meines Schweigens oft: „Tante Magdi, warum solltest du deine Socken nicht auf dem Ofen trocknen können, warum solltest du deine Socken nicht auf dem Ofen trocknen können? Wir machen das zu Hause auch so, wir machen es zu Hause auch so.“ Jetzt, wo ich während der Lesestunden beginne, meinen Mitschülern zu ähneln, zumindest habe ich das Gefühl, da stelle ich mir auf einmal vor, dass es gelingen wird. Und wirklich, die eine oder andere Silbe spreche ich auch richtig aus, ansonsten sperre ich nur den Mund auf und zu, soll doch Tante Vera glauben, dass ich vorankomme.

Mutter und Vater haben keine Zeit, sich um unsere Sprachfertigkeit zu kümmern. Vielleicht können sie sich auch ein bisschen freuen, dass wir unter diesem Gesichtspunkt, mit Ausnahme von Pastor und Amme, ziemlich zurückgeblieben sind. Kláró, die ebenfalls ordentlich spricht, wohnt nicht mehr bei uns; sie ist mit Csizmadia in der Bombenvilla geblieben, weil sie, als ich krank war, kurz vor unserem Umzug geheiratet hat. Vor allem was uns Kleine angeht, können sie beruhigt sein. Klar, die Flöhe, die Gebete oder die Indianerspiele würden wir wahrscheinlich auch dann nicht erzählen, wenn wir kein Sprachproblem hätten. In anderen Fällen könnten wir aber leicht etwas ausplappern. Ich zum Beispiel beim Abfragen der Hausaufgaben, wenn mich Tante Vera auffordert, auswendig Wie waschen wir uns zu Hause? aufzusagen, im freien Sagen bin ich nämlich einigermaßen annehmbar.

Aber es stimmt auch, dass, wenn wir erträglich sprechen würden, Vieles anders wäre. Ich weiß nicht ganz genau, was Benjamin und die anderen darüber denken, aber ich würde dem Kerepesi bestimmt was erzählen. Kerepesi sitzt in der ersten Reihe und erzählt alle halbe Jahre mindestens einmal, dass sie vom Wasti nur ein, zwei Welpen behalten, die anderen schlagen sie tot. „Nach dem dritten oder vierten Kind hätte man eure Mutter sterilisieren sollen!“ sagt er auch und lacht laut. Zuerst habe ich nicht verstanden, was sterilisieren heißt, später hat Dunai es mir erklärt, seine Eltern sind Ärzte. Von da an wurde ich noch mehr rot, während ich weiter schwieg. Bei so was traue ich mich nicht, dem Kerepesi einen Tritt zu versetzen, auch wenn ich es gerne tun würde; er ist viel stärker als ich. Pastor würde ihn bestimmt ordentlich vermöbeln, vielleicht würde er ihm auch den Arm brechen, aber auch ihm erzähle ich über ihn nichts.

Die Lesestunde geht schnell rum, dabei bekomme ich Bauchschmerzen. Das ist wegen Dodó, der mich rufen lassen wird. Dodó geht in die siebte Klasse, und in der Schule hat er das Sagen; sogar Molnár kommandiert er herum, dabei geht der in die achte und sieht aus, als wäre er erwachsen. Dodó ist nicht wirklich groß, aber kräftig, er hat kein Gramm Fett zuviel; er hat kurze Haare, und neben seinem Mund ist ein langer Strich, Kerepesi meint von einer Messerstecherei. Mich sieht er vor allem in der dritten Pause gerne, wenn er einen Teil seiner Angelegenheiten schon erledigt hat. Oft bringen mich die Jungs aus dem Klo zu ihm, die, die er gerade damit beauftragt hat. Heute hat er Gál und seine Freunde geschickt. „Na, kleiner Blödmann, hast du noch Angst vor Hunden?“ fragt er und boxt mich in die Brust, gerade nur so fest, dass es ein bisschen wehtut. Das sagt er, seitdem er mein Gesicht auf dem unteren Hof gesehen hat, wo zwei Hunde nicht voneinander wegrennen konnten. Das zumindest hatte ich geglaubt. Das war noch im September, kurz nach den Sommerferien; es war die große Pause und auf einmal hatte ich die Jungs bemerkt: zehn bis fünfzehn standen im Kreis um zwei Hunde, die am Schwanz aneinander festgedrückt waren, während sie schrecklich winselten. Mehrere bewarfen sie mit Steinen, Dodó stand mit verschränkten Armen da. Als ich dorthin kam, beobachtete er sofort mich, weil er sah, wie erschrocken ich war. Dann kamen die Hunde schließlich doch voneinander los, woraufhin Dodó ausspuckte und sagte: „Blödmänner, glaubt ihr, dass es nur dieses Aneinanderkleben gibt?“

Ich stammele was, möglichst fehlerfrei, damit er mich nicht auffordert zu sprechen, weil das am schlimmsten ist. Wenn er gute Laune hat, dann gibt er sich mit dem Hüpfenlassen zufrieden. Das sieht so aus, dass er das Hemd an seinem Arm hochzieht, und ich seine Muskeln drücke, damit die hin- und herspringen. Mit der linken Hand darf ich ihn nicht berühren, das hat er mir verboten. Einmal habe ich vor Aufregung mit der linken Hand gefröschelt, weil manchmal nennt er das so, und als er meinen Daumen gesehen hat, da hat er mich weggestoßen. „Du Krüppel, fass mich ja nie wieder damit an!“ hat er gesagt.

Jetzt beauftragt er mich damit, dass ich beim Fußballspiel am Nachmittag der Balljunge sein soll. „Ist gut“, antworte ich, und er lässt mich gehen, dabei muss ich oft die ganze Pause über bei ihm bleiben. Dann sehe ich zu, wie er den anderen Kopfnüsse gibt, von den Kleineren Geld wegnimmt, oder wen er zum Tagesdienst einteilt, der dann seine Hefte nach Hause trägt, weil eine Tasche hat er nicht, oder wenn er eine hat, dann bringt er sie nie mit.

Nach der Musikstunde essen wir zu Mittag; bei uns essen alle unteren Klassen zusammen im Speisesaal. An der ganzen Schule mag ich außer Tante Vera den Speisesaal am liebsten, beziehungsweise auch die Tante Anna, die mir immer Nachschlag gibt. Oft auch dann, wenn sie den anderen keinen geben könnte. Tante Anna ist die erste Köchin, deshalb kann sie uns nach dem Mittagessen ruhig in die Küche lassen, wo sie uns an den hinteren Tisch setzt. Am Anfang hat sie das nicht so gemacht, aber nachdem sie die Frotzeleien gehört hatte, hat sie sich das mit der Lehrerin vom Hort ausgedacht. Auch Schuckel und die anderen ruft sie herein, sodass wir oft alle vier da sind, ganz als wären wir zu Hause.

Heute gibt es Erbsensuppe und Reisfleisch. Wir sitzen zu sechst an einem Tisch, aber es sind nicht alle meine Klassenkameraden. Fazekas geht in Maras Klasse, so wie Rotschopf auch, und Vodenka in Benjamins; Pető und Zsoldos in meine. Rotschopf lässt sein Essen auch jetzt stehen, so wie sonst, er sagt, Schweinefraß isst er nicht. Er löffelt nur gerade ein wenig von der Suppe, dann rümpft er die Nase, danach lässt er die erbsige Spucke in den Teller tropfen. Pető und den anderen vergeht davon der Appetit, mich stört es aber nicht, ich schaue auf meinen Teller, während ich die Suppe noch schneller esse. Reisfleisch mag ich sehr. Als ich sehe, dass Rotschopf den Teller wegschiebt, ohne vom Reis gekostet zu haben, bitte ich ihn um seine Portion. „Friss es, wenn du dazu fähig bist!“ sagt er und dreht sich vom Tisch weg. Zum Glück sagen die anderen jetzt nichts, sodass ich schnell auch den zweiten Reis esse, danach sage ich mir Dir sei, o Gott, für Speis und Trank, für alles Gute Lob und Dank, weil Mutter uns das allen beigebracht hat. Bei Lob und Dank denke ich an Rotschopf, auch wenn er das Fähigbist so eklig betont hat.

Während dem Mittagessen hat es geschneit, worüber sich alle freuen. Ich auch, beim Aufstellen in Zweierreihen suche ich doch Maras Blick; ich würde gerne wissen, was sie über dieses Schneien denkt, in Debrecen wurde es dann nämlich immer schnell sehr kalt, und zu Hause gibt es nur vier Säcke Kohlen. Als ich sie ansehe, lächelt sie, wie jemand, der genau weiß, was mich beschäftigt. Später, schon nach dem Fußballspiel, kommt sie zu mir und sagt: „Wirst sehen, es wird alles in Ordnung sein.“ Dann lacht sie, so, dass ich mich fast vor ihr erschrecke. Von da an macht mich ihr Lachen misstrauisch.

Im Hort machen wir unsere Hausaufgaben. Dann sind wir alle vier in einem Saal, aber wir setzen uns nie nebeneinander, obwohl Mara sehr gerne neben mir gesessen hätte. Ich kann nicht sagen, warum ich sie nicht neben mir haben wollte, ich wollte nicht und fertig. Ich suchte mir lieber Donalics aus, der Sommersprossen hat und aus Pilisszentkereszt in die Schule kommt; er kommt immer mit dem Bus, weil Szentkereszt weit weg ist. Er schien mir wegen seiner Sommersprossen gut. „Donalics, du hast ein Gesicht wie ein Arsch mit Pocken“, sagen die anderen oft zu ihm, woraufhin er rot wird und die Punkte noch größer werden. Ich war wahrscheinlich auch eine gute Wahl für ihn, obwohl ich ihm einmal, als er die Klotür von außen zugeschlossen hatte, das gleiche zugerufen habe; genauer gesagt: „Du Rotpocke, lass mich sofort hier raus!“

Benjamin und die anderen haben wenig Hausaufgaben, sie üben vor allem Lesen. Die Lehrerin im Hort wundert sich zuweilen über Schuckel, weil nämlich mein zweitkleinster Bruder manchmal ohne Fehler spricht. Wir verstehen selbst nicht, was da mit ihm passiert, vormittags kommt so was meist nicht vor. Vielleicht ist das die späte Wirkung vom Waschpulver, er ist nämlich in Debrecen in einem Vim-Karton aufgewachsen, weil Mutter Angst hatte, dass die Großen ihn auf dem Eisenbett zusammendrücken könnten. Mara ist mit ihren Aufgaben schnell fertig: Sie ist die beste von uns. Trotz ihres Alters von zehn Jahren, liest sie ständig, sie hat schon eine Brille. Dann hören alle im Hort mit dem Lernen auf, und wir spielen.

Als wir uns auf den Weg nach Hause machen, ist es schon dunkel. Jetzt nicht so sehr wie gestern, da gab es noch keinen Schnee. Wir sehen viel besser. Die meisten Kinder wohnen im Oberdorf, sie sind innerhalb von Augenblicken zu Hause. Die aus dem neuen Dorfteil warten zwar auf den Bus, aber dann sind sie innerhalb von Minuten bei der S-Bahn. Wir gehen wieder zu Fuß. Auf der Hauptstraße des Dorfes brennen die Lampen meist nicht, höchstens bis zum Kino, bei uns aber haben sie nicht einmal Laternenpfähle aufgestellt. Trotz dessen gehe ich alleine nach Hause; ich denke mir immer etwas aus.

Ich gehe so langsam ich nur kann. Bei fast allen Häusern sehe ich durch die Fenster hinein; in der Hauptstraße gibt es fast nur niedrige Häuser, ihre Seiten berühren einander. Am liebsten mag ich die Fenster, wo die Vorhänge nicht zugezogen sind. Diese beobachte ich so lange, bis mich jemand aus dem Zimmer oder der Küche bemerkt. Wenn ich Glück habe, stehe ich minutenlang da und betrachte die Einrichtung: den Tisch, das Bett, die Schränke, den Teppich, den Kachelofen und alles, was drin ist. Im Allgemeinen gefällt mir am besten, dass es überall sauber ist und dass es richtige elektrische Lampen gibt. Manchmal, wenn ich nicht vorsichtig genug bin, erwischen sie mich. Mal von drinnen, mal auf der Straße. „Was glotzt du hier!?“ sagt dann ein Mann oder eine Frau zu mir, und sie scheuchen mich davon. Dann lasse ich die nächsten paar Häuser aus, aber danach sehe ich wieder zu den Fenstern hinein.

Bei der S-Bahnstation gehe ich fast immer ins Bistro. Es heißt Zum Stier und ist voll mit Männern; sie trinken Wein, Schnaps und Bier. Von den Zigaretten ist der Rauch so groß, dass ich kaum sehe. Trotzdem ist es gut, da zu sein, obwohl ich ständig aufpassen muss, damit Onkel Pista mich nicht bemerkt, der gegen sechs noch nicht so betrunken ist, dass er einschlafen würde. Erst später legt er sich immer in die Ecke, von wo ihn seine Kinder nach Hause bringen. Das weiß ich daher, weil ich einmal nach sieben gekommen bin und Zsuzsi und die anderen ihn gerade geweckt haben. Im Übrigen habe ich zusammen mit Benjamin und meinen anderen Geschwistern auch öfter gesehen, wie sie Onkel Pista gestützt haben und so nach Hause gegangen sind. Onkel Pista wohnt mit seiner Familie bei uns in der Nähe, und manchmal laden sie uns zum Fernsehgucken ein. In den Stier bin ich zuerst aus Neugierde gegangen. Das mache ich oft so, vor allem bei Geschäften, es gibt im Dorf kaum einen Laden, in dem ich noch nicht war. Das zweite Mal schon wegen dem Zuckertörtchen, das ich schon beim ersten Mal in dem Glasschrank unter dem Tresen entdeckt hatte. Es lag neben den Schmalzbroten und hatte eine bräunlich-rötliche Farbe. Es sah nicht besonders frisch aus, aber ich dachte, das läge am Rauch. Dann bemerkte ich Wochen später, dass ich ständig dasselbe Zuckertörtchen anstarre. Nicht lange, nur gerade so lange, dass es reicht.

Das Kleine Haus ist fünf Minuten vom Stier entfernt, trotzdem ist das für mich der längste Weg. Die Häuser hier sind groß, jedes hat einen Sockel, so wie unser Großes Haus auch, das erst halb fertig ist. Wenn uns Der neue Mensch das Geld leiht, dann werden wir zum Herbst fertig. Wir kennen kaum jemanden im neuen Dorfteil, was verständlich ist, denn wir sind erst vor zwei Jahren hierher gezogen. Vater hätte zwar die Möglichkeit gehabt, Bekanntschaft zu machen, er mag so etwas aber nicht. Sogar den Großen Jungen hat er verboten, sich beim Bau vom Kleinen Haus mit den Nachbarkindern anzufreunden. „Wir sind nicht zum Spaß da, sondern zum Arbeiten“, hat er zu ihnen gesagt, und so mussten sie beim Zelt auf dem Hof bleiben, weil sie in dem Sommer dort schliefen. Nur mit der Familie Bakos machte er eine Ausnahme, aber nur deshalb, weil Tante Bakos den Jungen ständig Essen brachte, ein anderes Mal ließ sie sie ins Haus, damit sie sich waschen konnten, wenn es heftig stürmte, dann konnten sie sogar dort schlafen.

Wenn ich in unsere Straße komme, bleibe ich so nach zweihundert Metern vor unserem Grundstück stehen und betrachte das Kleine Haus von der Ecke aus. Das erste Mal habe ich aus dem Zug ähnliche gesehen, an dem Tag, als ich mit Amme ins Sanatorium gefahren bin. Damals dachte ich, solche könne es nur in der Tiefebene geben, jetzt weiß ich schon, dass sie auch im Oberdorf so ähnliche bauen, im alten Teil sind fast nur solche zu sehen. Die Wände sind so hoch wie Vater; wenn er sich ein bisschen streckt, reicht er leicht bis ans Dach. Es ist ungefähr zehn Meter lang und nicht ganz fünf Meter breit. Es ist nicht verputzt. Es hat eine Tür sowie ein Fenster. Das Fenster ist beim Zimmer, fast in der Mitte von der Mauer. Onkel Miksa hatte Vater geraten, einen Schornstein zu bauen, das reiche völlig. Jetzt sehe ich gerade zum Schornstein, ob er raucht. Von hier, vom Ende des Gartens, was mehr als zwanzig Meter sind, ist das nicht so leicht zu entscheiden. Und oft legt mich mein Auge auch herein; es ist öfter vorgekommen, dass ich an der Ecke deutlich den Rauch gesehen habe, doch als ich dann in die Küche gekommen bin, war es kalt. Im Übrigen schicken wir, wenn ich doch mit Schuckel und den anderen nach Hause komme, bei der S-Bahnstation immer einen vor, nach dem Schornstein zu sehen. Wenn wir schon am Ende der Straße sind, dann gibt der Zuständige ein Zeichen. Das nennen wir Indianerspiel.

Heute hat mich mein Auge nicht getäuscht. Als ich die Tür öffne, bemerke ich sofort den großen Suppentopf und den blauen Topf auf dem Herd, während mir die Wärme ins Gesicht schlägt. „Da bist du ja endlich, mein Junge“, sagt Mutter, die in der Küche auf unserem Stuhl sitzt. Mutter ist kaum größer als Amme, zudem scheint sie am Abend noch kleiner, als würde sie ein wenig schrumpfen. Vor Kurzem ist sie fünfundvierzig geworden. Ihre kurz geschnittenen braunen Haare kämmt sie ständig nach hinten, das betont ihre Stirn noch mehr. An ihrem Gesicht ist doch die Nase am auffälligsten; sie ist sehr lang und ein bisschen knochig, wir sagen ihr immer, dass sie genauso ist, wie die von der Jungfrau Maria. Ihre Augen sind grau-blau und verändern sich manchmal ganz, vor allem beim Beten. Vom vielen Kinderkriegen hat sie einen großen Bauch, deshalb trägt sie unter ihrem Kleid ein Mieder, das hilft etwas. Sie hat in der Familie die weißeste Haut. Jetzt sieht sie durch das Kerzenlicht ganz blass aus, als wäre alles Blut aus ihr verschwunden. „Wie oft habe ich dich gebeten, dass du nicht alleine herumstreunen sollst“, sagt sie, worauf ich nicht antworte.

Außer Vater und Pastor, die ständig etwas zu erledigen haben, sind alle im Zimmer, wo abends zwei Kerzen brennen; die eine auf der großen Truhe, die andere auf dem Fensterbrett. Als ich das Zimmer betrete, habe ich das Gefühl, als würde der Raum ein wenig schwanken, was deshalb sein kann, weil sich an den Wänden die Schatten meiner Geschwister hin und her bewegen. Vor allem der von Schuckel, der auf dem Bett liegt und sich wiegt. Das macht er immer. Noch in der Bombenvilla hat er sich das ausgedacht, nachdem er aus dem Vim-Karton herausgelangt ist. Da, neben der Spritzgießmaschine hat er stundenlang vor sich hin geschaukelt. Das äußerte sich darin, dass er sich auf das Eisenbett legte, die beiden Hände in die Höhe hob und begann, den Oberkörper hin und her zu wiegen, während er sang oder summte. Wir haben keine Ahnung, was er wohl alles in dieser Kiste eingeatmet hat, sicher ist nur, dass er damit mit anderthalb Jahren angefangen hat, seitdem hat er es sich nicht abgewöhnt. Ständig muss er sich in Bewegung bringen, ohne das kann er nicht sein, dabei ist er schon acht Jahre alt. Vater findet das mädchenhaft, wir lachen darüber, Socke aber macht das verrückt. „Kleiner, du bist doch bekloppt, reiß dich endlich zusammen!“ brüllt er ihn oft an, aber er macht weiter, als würde er nichts hören. Die Gestalten der anderen beiden Kleinen springen wild durcheinander: Mara jagt Benjamin vor dem Bett, sie streiten sich schon wieder, aus dem „Gib sie schon zurück“ weiß ich, dass es um die Puppe geht. Von uns hat nur meine kleinste ältere Schwester Spielzeug, genau seit den letzten Weihnachten, obwohl es stimmt schon, dass sie auch früher welches hatte, ich aber habe die Kati in der Bombenvilla ins Feuer geworfen.

Der Schatten von Amme und Tera verändert sich nur um ihre Hände herum; sie knien an der großen Truhe und machen Rosenkränze. Das Rosenkranzmachen bedeutet, dass sie sie binden, womit wir noch in Debrecen angefangen haben, ungefähr zu der Zeit, als Socke geboren wurde. Mutter und Vater hatten damals schon fünf Kinder, sodass es zunehmend schwerer wurde durchzukommen, wie Amme später erzählte, denn zu den fünfhundert Forint Kindergeld kam nur Vaters Gehalt. Und er verdiente nicht viel. Wegen seiner Vergangenheit als Soldat wollten sie ihn lange Zeit nirgendwo einstellen, als er dann doch bei der Stationsdirektion angestellt wurde, bekam er gekürzten Lohn. „Ich werd’ diesen dreckigen Roten schon zeigen, wer ich bin“, sagte er dann eines Abends zu Mutter, und innerhalb von einigen Wochen hatte er sich mit der Hilfe von Onkel Miksa die Genehmigung zum Kunststoffguss-Gewerbe besorgt. Nicht einmal vor Herrn Horváth fürchtete er sich, dabei hätte er das müssen. Herr Horváth war nämlich Polizist und wohnte seit Dezember sechsundfünfzig mit uns in der Bombenvilla, da ihn das Parteisekretariat Debrecen in Berufung auf die Staatssicherung schickte, bei uns zu wohnen. Damals kauften wir den Spritzgießer, den wir aber bei unserem Umzug nicht mitgenommen haben, weil er im Kleinen Haus keinen Platz gehabt hätte. So pausiert die Rosenkranzherstellung für den Großhandel jetzt vorübergehend, obwohl Vater manchmal nach Debrecen fährt und bei Kláró und ihrem Mann Rohmaterial presst. Dann kommt er immer mit einem Koffer voll Zählperlen zurück, die er unter seinem Bett in den kleinen Kisten versteckt.

Ich wusste gleich, dass Amme und Tera wegen dem Schnee mit dem Rosenkranzmachen angefangen hatten. Wenn wir nämlich in den vergangenen Wochen knapp bei Kasse waren, dann setzten wir das Gewerbe im Kleinen doch fort, obwohl Vater die Genehmigung dem Landesverband der Gewerbetreibenden zurückgegeben hatte. Jetzt binden sie schon, das heißt, Mutter hat ihnen, kaum dass sie nach Hause gekommen sind, gleich die Arbeit zugeteilt; denn erst müssen die Perlen von den Plastiksternen mit der Zange abgezwickt werden, danach müssen sie auf den Draht aufgefädelt werden, und erst dann kommt das Binden. Meistens fädeln wir Kleinen, jetzt aber machen es Socke und mein anderer großer Bruder auf dem Bett, die im Übrigen auch Rosenkränze machen können. In der Bombenvilla hatten sie auch ihre Wochenportion, wie Pastor und die Großen Mädchen, und wenn sie nicht fertig waren, wurden sie von Vater bearbeitet.

Seit wir aus der Bombenvilla weggezogen sind, ist Amme unsere älteste Schwester. Amme ist neunzehn Jahre alt, und sie ist die einzige von uns, die dick ist. Das war sie schon von klein auf, was niemand verstand, weil sie nicht mehr aß als wir. Als sie aus der Svetics-Schule in Debrecen für kurze Zeit zu den Franziskanern kam, versuchte sie Pater Bentai zuliebe abzunehmen, aber nachdem sie aus der Schule genommen wurde, hörte sie mit dem Abnehmen auf. Für uns Kleine ist das gerade gut, dass so viel Fett an ihr dran ist; wenn wir uns abends ins Bett legen, kuscheln wir uns fast immer an sie, und während sie uns umarmt, kommt zusätzlich Wärme aus ihr heraus, was wahrscheinlich unterbleiben würde, wenn sie dünn wäre. Oft passen wir sogar zu dritt zu ihr, und sie freut sich, dass sie uns umarmen und kraulen kann. Wenn Mutter zu Hause ist, oder wenn sie nicht so müde ist, dann schimpft sie uns ständig: „Was klebt ihr denn da so aneinander, hört sofort auf!“

„Hast du was mitgebracht?“ frage ich Amme, während ich mich zu ihr hinhocke. „Nein, Dummerchen, heute nicht“, sagt sie, und ihr Gesicht wird so, wie es in der Kirche immer ist, wo ich sie manchmal heimlich beobachte. Ich kenne niemanden, bei dem sich der Gesichtsausdruck so schnell ändert wie bei Amme. Als sie damals meinen Finger im Zimmer sah, der nur deswegen nicht auf den Boden fiel, weil ein kleiner Hautfetzen an meinem Daumen irgendwie heil geblieben war, wurde sie zuerst ganz weiß, dann begann sie zu schreien und einige Minuten später zu lächeln, zumindest meint das Pastor, der sich an Vieles erinnern kann.

Bei uns fehlt fast bei jedem etwas. Bei Socke weniger, wenn man das nicht mitzählt, dass er ziemlich reizbar ist. In der Bombenvilla hat er zum Beispiel, als Pastor ihm einmal etwas nicht geben wollte, einen Ziegel genommen und ihm an den Kopf geworfen. „Das nächste Mal gibst du’s mir, Chef“, rief er und rannte auf die Straße, während aus Pastor das Blut floss. Mit mir versuchte er, nach dem Unfall schon geduldig zu sein, und auch aufmerksam. Als sie mich nach einigen Wochen aus dem Krankenhaus nach Hause gehen ließen, führte er mich gleich zu dem Eisenbett und sagte: „Pass auf, Scheißerchen, diese Gurte hier sind nicht dazu da, dass du deine Finger reinsteckst! Ich will keinen Ärger mehr, klar?“ Dann streichelte er mir den Kopf, was mir gut tat. In der letzten Zeit hat er vor allem mit Schuckel Probleme; eigentlich verstehen wir nicht, was ihn ärgert, und wir fragen ihn auch nicht, ob ihm vielleicht statt Schuckel schwindlig wird, wir wissen nur, dass er nach einer Weile immer explodiert. „Macht doch endlich was mit diesem Bekloppten!“ brüllt er auch jetzt, während seine Augen blitzen.

Gegen sieben beginnen wir zu Abend zu essen, damit wir noch, bevor Vater nach Hause kommt, fertig sind. Vater erträgt das Gewimmel nach der Arbeit nicht. Mutter auch nicht, nur tut sie so, als würde sie es ertragen, dabei konnte sie als Mädchen nicht einmal einschlafen, wenn der Wecker in ihrem Zimmer war. „Püppi, ja wie schaffst du das denn?“ fragte die Szekler Oma, als man sie schließlich doch über die Grenze gelassen und sie uns in Debrecen besucht hatte; Mutter zuckte darauf mit den Schultern und lächelte nur. Jeder isst da, wo er eben Platz findet. Bei der ersten Sammlung haben wir zwar Stühle bekommen, aber die bewahren wir mit Ausnahme von einem alle im Schuppen auf, es gibt keinen Platz für sie. So essen wir meist auf dem Dreierbett, wo wir auch jetzt zu sechst sind, nur die beiden Großen Jungen sind in die Küche rübergegangen, sie essen auf Vaters Liege zu Abend. Es gibt wieder geröstetes Brot mit Tee.

Pro Kopf trinken wir drei, vier Becher Tee, ich noch mehr, so dass einer nach dem anderen aufs Klo geht. Das Klo ist am Ende des Gartens, neben dem Schuppen; wir gehen der Reihe nach hinaus und verrichten unser Geschäft. In der Kälte ist das nicht immer einfach, meistens gelingt es aber. Wenn wir zurückkommen, waschen wir unsere Hände in der Schüssel, dann essen wir zu Ende und machen uns bettfein. Das dauert nicht lange, weil wir kaum Kleider ausziehen.

Jeweils zwei von uns haben eine Decke, deshalb liegen wir Fuß an Kopf. Bis Vater die Betten von der Stationsdirektion nicht nach Hause gebracht hat, haben wir es in Debrecen auch so gemacht. Wir Kleinen würden gerne ordentlich liegen, aber das geht nicht, wir würden den anderen den Platz nehmen. Vor dem Einschlafen kuscheln wir uns nicht zu Mutter; sie mag das nicht. Schon in der Bombenvilla hat sie gesagt, so etwas gehört sich nicht. Ich schlafe fast immer zwischen Schuckel und Risi. Auch jetzt liege ich zwischen ihnen und warte, dass das Gebet beginnt.

Schuckel muss man ermahnen, sonst würde er auch beim Vaterunser nicht mit dem Geschaukel aufhören. Jemand fasst ihn bei der Hand; ich weiß nicht wer, in Schuckels Magen schwappt aber der Tee nicht mehr; außer mir trinkt er die meisten Becher. Dann beginnt Mutter das Vaterunser. Dabei ist ihre Stimme immer höher, ein wenig dünner, man hört das Zittern besser, nicht so wie in der Kirche, wo auch sie es ist, die am lautesten betet, aber dort kann man das nicht so heraushören.

Dieses Gebet können wir gut auswendig, seit Jahren schlafen wir damit ein. Wenn Mutter Spätschicht hat, dann leitet Amme uns an.

Nach dem Vaterunser sprechen wir das Ave-Maria. Mutter macht oft nicht einmal eine Pause, sie fängt gleich an, auch wenn wir noch bei erlöse-uns-von-dem-Bösen sind. Dann beten wir für Imuka. Imuka ist unser siebter Bruder. Er ist gestorben; noch in Debrecen, an dem Tag, als Mara geboren wurde. Er hatte weißes Blut, deshalb konnte er nicht weiterleben. Bei wem im Alter von zwei Jahren das Blut weiß wird, der kann nicht weiterleben. In der Klinik haben sie es so gesagt, dass Leukämie unheilbar ist. Mutter hat zuerst nicht daran geglaubt, sie dachte, sie würde auch Imuka aus der Unheilbarkeit herausbeten, so wie Pastor aus seiner Rückgratkrankheit. Auch bei Pastor hatten die Ärzte gesagt, er würde nicht gehen können, und sie steckten ihn auch in ein Gipsbett, in dem er zwei Jahre lang war, dann hat ihn Mutter doch daraus herausgebetet. Imuka konnte sie aus der Leukämie nicht mehr herausbeten. Trotzdem weinte sie bei der Beerdigung nicht. Ich habe damals noch nicht gelebt, ich weiß das von Amme, die auch erzählt hat, dass sich Vater während der ganzen Zeremonie nur geschüttelt hat.

Wenn ich nicht krank geworden wäre, dann würden wir jetzt in der Bombenvilla für unseren Bruder beten: „Gib, Herr, dass seine unschuldige Seele, die keine Sünde kannte, nah bei Dir sei, denn dies war Dein Wille. Du hast bestimmt, dass er nicht besser kennen lernen soll, wie wir leben müssen; Du hast ihn davon verschont, dass er seinen Weg über Versuchungen zu Dir findet; nimm sein Leiden in Deine unermessliche Macht auf, denn nur Du weißt, warum Du ihn zu diesem frühen Opfer auserwählt hast. Amen.“ Eigentlich spricht Mutter diese Fürbitte, wir sagen nur die Wörter sein Leiden, in deine Macht oder unschuldige, auch die nicht auf einmal, weil Mutter sich jeden Abend eine andere Fürbitte ausdenkt, wir haben nicht die Gelegenheit, eine zu lernen. Das Amen sagen wir aber schon zusammen, das A schön in die Länge ziehend, und danach lachen wir, wie sonst auch. Mutter lacht mit uns zusammen, genauer gesagt, zwingt sie sich ein Lächeln auf, und hofft darauf, dass sich das so schon ändern wird. Uns kann sie im Dunkeln aber nicht hereinlegen, geschweige denn bei Kerzenlicht; aus ihrer versagenden Stimme, die schon beim leiseren Lachen zittert, wissen wir, dass sie wieder innen drin weint. Aber wir haben es gesehen und vor allem spüren wir es, so wie sonst auch, wenn ihr Blick so fern ist, dass wir fast Angst vor ihr haben. Dann steht sie auf, bläst die Kerze aus, wünscht uns gute Nacht und geht in die Küche hinaus.

Sobald wir alleine geblieben sind, hören wir mit dem Gekicher auf. Wir tun alle so, als würden wir sofort einschlafen. Bei den Nachbarn bellen die Hunde. Sie sprechen, wir nicht. Dann schläft nach einer Weile wirklich jeder ein, ich nicht. Ich denke daran, dass wenn Imuka nicht stirbt, ich in Debrecen vielleicht auch nicht krank werde. Das Problem war, dass ich anfing, so zu werden wie er. Das begann einige Monate, nachdem Socke meinen Finger abgeschnitten hatte. Ich begann, ungefähr als ich fünf war, weiß zu werden. Vor allem im Gesicht. Daran erinnere ich mich nicht, sie haben es mir später erzählt. Im Sanatorium in Buda konnte ich meinen Zimmergenossen gar nicht sagen, warum ich dort sein musste. Umsonst erzählte mir Amme bei ihren Besuchen, dass Vater und Mutter mich in die Berge gebracht hätten, damit ich zu Kräften käme, und dass die Klinikärzte gesagt hätten, mir würde allein die Luft helfen, ich vergaß es immer. Jetzt weiß ich schon, dass die Luft heilt. Deshalb sind wir jetzt in Pomáz. Die Berge im Pilis lassen es nicht zu, dass ich sterbe. Auch meine Gesichtsfarbe ist schon besser.

Aber wenn Imuka nicht stirbt, erschrecken sich Mutter und Vater bestimmt nicht vor meinem Gesicht, und auch davor nicht, dass ich nicht aus dem Eisenbett aufstehen will. Es kam vor, dass ich wochenlang nur lag. Und einmal passierte das, dass ich, als ich mit Schuckel und Benjamin im Schrank war, mich selbst gesehen habe, wie ich auf dem Eisenbett liege; ich verstehe überhaupt nicht, wie so etwas vorkommen kann. Ich finde es auch komisch, dass ich mich kaum an das Sanatorium erinnere. Wenn zum Beispiel Amme nicht alle zwei Wochen zu mir gekommen wäre, dann wüsste ich vielleicht gar nicht, dass ich da war, dabei bin ich erst vor gut zwei Jahren von dort weggekommen. Außer an das Töne-von-mir-geben, würde ich mich nur daran erinnern, dass mir jemand die Schokolade weggenommen hat, aber wo, das wüsste ich nicht mehr. Sie hat mir auch vom Umzug erzählt. „Wirst sehen, Dummerchen, alles wird gut, bald ziehen wir nach Pomáz und dann kannst du das Sanatorium verlassen“, sagte sie, während sie meine Hand hielt, die, die heil ist. Meine andere Hand lasse ich niemanden anfassen, nicht mal Mutter. Wenn wir den Kredit wirklich bekommen, dann müssen wir nur einige Monate durchhalten und dann gehen wir hinauf ins Große Haus. Und dann haben wir auch ein Badezimmer. Wir werden in einer echten Wanne baden. Das fällt mir beinahe jeden Abend ein; wenn ich an Wasser denke, schlafe ich meist leichter ein.

 

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor