Endre Kukorelly: FeenTal oder Geheimnisse des Herzens (TündérVölgy, Kalligram 2003, 371 Seiten)

Ein Zeitbild der Kadár-Ära, der sechziger, siebziger und achtziger Jahre in Ungarn, frei von jeglicher Nostalgie, mit aller Härte und Schmerzhaftigkeit und doch humorvoll und ironisch.

Empfehlung von Éva Zádor

Der früher vor allem als postmoderner Dichter bekannte Endre Kukorelly trat mit seinem 2003 erschienenen Roman FeenTal oder Geheimnisse des Herzens in die Reihe der Autoren großer Familienromane und Erinnerungsliteratur der neueren ungarischen Literatur, die unter anderem mit den Namen von Péter Nádas und Péter Esterházy in Verbindung gebracht wird.

Allerdings bedeutet dies nicht, dass Endre Kukorelly plötzlich die Gattung gewechselt hätte. Es handelt sich hierbei zwar um einen Roman, um einen so genannten Vater-Roman, doch ist die zentrale Figur niemand anderes als das lyrische Ich. Wie aber kann die zentrale Figur eines Vater-Romans jemand anderes sein als der Vater?

Diese Frage lässt sich vielleicht beantworten, wenn man darauf zurückblickt, welchen Einfluss die für das Bruchstückhafte, für die Wiederholungen berühmte Neoavantgarde auf die schriftstellerische Tätigkeit des Autors Endre Kukorelly hatte. Denn selbstverständlich ist neben dem Ich ebenso der Vater eine zentrale Figur, so wie auch die immer wieder auftauchende, auswechselbare und ersetzbare, von Kierkegaard inspirierte C. – ein Verweis auf Cordelia aus Tagebuch des Verführers: das Mädchen oder die Frau, die in jedem Kapitel als jeweils anderer Charakter erscheint. Die Geschichten spielen in dem Beziehungsdreieck Vater–Sohn, Vater–Frau, Sohn–Frau.

In Kukorellys Roman sind seine frühere Verssprache und seine Prosatexte durchaus wiederzuerkennen, doch vor allem seine Motive, so findet sich Einiges aus seinem – der Gattung nach vielleicht dem Roman FeenTal am nächsten stehenden – Werk Rom wieder, wobei sich das Fragmentarische seiner eigenen Gasttexte und Gastmotive vollkommen in den Roman als Ganzes fügt. Auch dies ist selbstverständlich kein Werk des Zufalls. An dem in neun Kapitel und innerhalb dessen in neun Abschnitte gegliederten Roman arbeitete der Autor neun Jahre, und es hat zuweilen den Anschein, als seien andere Texte zwischenzeitlich entstanden, um dann im Opus Magnum ihren Platz zu bekommen. Doch selbstverständlich ist dem nicht so, vielmehr handelt es sich darum, dass das Lebenswerk Kukorellys ein einheitliches Ganzes bildet, und so wie in seiner Lyrik das Epische von Anfang an eine betonte Rolle spielte, so bleibt Kukorelly beim Schreiben seines großen Romans durchweg Dichter, wovon seine lyrischen Einschübe, seine Sprachspiele Zeugnis ablegen. Doch ist der Roman keineswegs ein einfaches Spiel mit der Sprache, denn es handelt sich hier um ein Buch der Erinnerungen. Jener Erinnerungen, die mal so, mal so funktionieren, denn die Erinnerung selbst konstituiert sich durch den Prozess des Schreibens: Es geschieht das, genauer gesagt, es ist das geschehen, was niedergeschrieben ist.

Und es ist sehr genau niedergeschrieben, wie der Vater, ein ehemaliger Offizier in der Horthy-Ära, versucht, sich in der Welt des Kommunismus zurechtzufinden, was wirklich nur als Versuch zu bezeichnen ist, denn er kann sich nicht anpassen, wie es vom Regime erwartet wird. Der Leser erhält ein sehr genaues Bild von der Kindheit des Autors, die er in der Budapester Innenstadt und dem nahe der Hauptstadt gelegenen Ort Szentistvántelep verbracht hat. Es wird hier ein überaus exaktes Zeitbild von der Kádár-Ära gezeichnet, von dem Alltag der sechziger, siebziger und achtziger Jahre in Ungarn, allerdings vollkommen frei von jeglicher Nostalgie, mit aller Härte und Schmerzhaftigkeit und doch humorvoll und ironisch. Die Stärke der Prosa Kukorellys liegt darin, dass der Leser dem Autor auf seinem Weg durch die Erinnerungen folgt, mit ihm neben den ungarischen Schauplätzen auch ferner gelegene Regionen von der Sowjetunion ganz bis zur DDR und Westdeutschland durchwandert, wobei ihm die (auto)biografischen Elemente offensichtlich erscheinen, und doch bleibt er stets im Ungewissen, wird vom Autor in der Unsicherheit belassen, was „wahr“ ist und was nicht, denn es handelt sich letztendlich ja doch um eine Fiktion.

Der Roman FeenTal ist zweifelsohne als das bedeutendste Werk von Endre Kukorelly zu bezeichnen, hier findet sich alles zusammen, was zum Besten seiner schriftstellerischen Tätigkeit zählt. Eine Herausgabe in deutscher Sprache – auf Slowakisch, Bulgarisch und Italienisch ist der Roman bereits erschienen, auf Englisch ist eine Übersetzung in naher Zukunft zu erwarten – wäre nicht nur interessant, weil das Buch zu einem der bedeutendsten Werke der zeitgenössischen ungarischen Literatur gehört, der charakteristische Stil Kukorellys sich in der ungarischen Literatur hervortut, dies allein würde wohl nicht genügen. Was den Roman zu den wichtigsten Werken der vergangenen zehn Jahre macht: Es handelt sich nicht allein um ein Selbstbekenntnis eines lyrischen Ich auf der Suche nach der eigenen Identität, nicht nur um einen Familienroman, um eine Vater- und Frauenfiktion, um die Thematisierung der Erinnerung an sich, vielmehr beschäftigt sich Kukorelly mit einer Zeit, die so genau vielleicht von keinem anderen in der ungarischen Literatur beschrieben wurde. Und denkt man an die deutschen Bucherfolge der vergangenen Jahre – wie etwa von Ingo Schulze oder Hertha Müller –, so zeigt sich, dass das deutsche Lesepublikum gerade an dieser Zeit ein überaus großes Interesse bekundet. All dies spricht dafür, dass die Behandlung dieser Zeit aus ungarischem Blickwinkel auf dem deutschen Buchmarkt durchaus erfolgreich sein könnte.