Endre Kukorelly

FeenTal

oder

Geheimnisse des Herzens

1

A, a. Ich träume nicht von meinem Vater. So oft denke ich gar nicht an ihn, fällt er mir nicht ein, wenn ich aus irgendeinem Grund doch an ihn denke, erinnere ich mich nicht richtig. Die Erinnerung wendet sich ab, bewegt sich fort, geht weiter, sondert sich ab. Gesondert gibt es sie nicht. Mir fallen allerlei merkwürdige und langweilige Dinge ein, ebenso merkwürdige und langweilige nicht, mag sein, dass es so einfach ist.

 

Eine einfache Erinnerung, zuerst erzähle ich es ihr, denke mir Einzelheiten aus, damit sie sich an etwas erinnern kann. Selbst die kleinsten Dinge können sie verwirren, das Ganze in Missklang bringen. Es gibt aber immer etwas, was schon gut geht, immer wieder hervorquillt, wie das Futter im Wintermantel, wenn die Naht aufgeht. Du stopfst es zurück, es quillt wieder hervor. Das Erdbeben zum Beispiel geht ziemlich gut, das ist eingeübt. Ein einziger, großer Schwung.

 

Wenn es nicht nur ein Märchen ist, wirklich passierte, keine Einbildung, ich mich nicht erinnere, weil es so oft genauso erzählt wurde. Der Leuchter schwang wie der Klöppel der Glocke, der Weihnachtsbaum schlitterte über das Parkett, von der Ecke des Kinderzimmers rutschte er zurück.

 

Er rutscht, bleibt stehen, etwas stoppt ihn, die Luft hält ihn, reißt ihn wild in die entgegengesetzte Richtung herum. Die Christbaumspitze ging ab, zerbrach nicht. Mein Vater fiel, als er aus dem Bett sprang, durch den Schwung hin, das ist die Geschichte meiner Mutter. Sie erzählt sie immer mit denselben Worten, zeigt es, so, auf die linke Hand, sie erzählt ihre Lieblingsgeschichten immer genauso, mit ihrer nicht besonders staunenden, eher fröhlichen als nicht fröhlichen, verrauchten Stimme. Sie zeigt den Platz des Weihnachtsbaumes in der Ecke des hinteren Zimmers. Ihrer Meinung nach habe sechsundfünfzig damit begonnen, dass der Bus Linie zwölf das Geländer durchbrach und in die Donau stürzte.

 

So hat das Jahr begonnen, in der Kurve auf der Margaretenbrücke sei ein leerer Autobus auf dem vereisten Asphalt ins Rutschen gekommen und in den Fluss gestürzt.

 

Nicht leer, der Fahrer und der Schaffner waren drin. Das Erdbeben, so hat es begonnen, mit solchen schwungvollen Dingen, und es endete damit, dass wir von hier fortgehen müssten, aber schnell. Aus diesem Land verschwinden, vollkommen klar, noch dazu sind sich darüber auch andere im Klaren und verschwinden auch tatsächlich. Alle gingen fort, außer uns, die Sache war vorbereitet, trotzdem gingen wir nicht.

 

Weil mein Vater nicht wollte. Wir sind nicht dissidiert, dein Vater wollte schließlich nicht. Was soll er da drüben auch schon anfangen. Besser, wenn nicht. Dissidieren ist das genaue Wort, bleiben wir dabei. Bei was sonst. Sie hätten mich mit meiner Schwester in einen Kleiderkorb zwischen die Klamotten gepackt, uns eine Dosis Schlafmittel eingeflößt. Du schläfst ein und wachst in Australien wieder auf.

 

Oder aber in Neuseeland. Kommst in Neuseeland zu dir, wachst auf, und da ist Neuseeland. Der Bürgersteig war voll mit verstreuten Patronenhülsen, angeblich kickte ich auf dem Heimweg vom Kindergarten auf der Andrássy-Straße die leeren Patronenhülsen unter den Platanen vor mir her, daran erinnere ich mich nicht. Ich ging in den Kindergarten der Investitionsbank, man konnte mit dem Paternoster in den fünften hochfahren.

 

Und dann schnell rausspringen. Wenn du im obersten Stockwerk nicht aussteigst, dreht sich die Kabine mit dir um, und du kommst kopfüber runter, so würdest du runterkommen, auf dem Kopf stehend, wie die Neuseeländer.

 

2

Mein Vater starb Mitte August 1977. Ich war nicht da, als er starb, weil ich nicht zu Hause war. Sondern im Ausland Urlaub machte, in einer total heruntergekommenen sowjetischen Urlaubsstadt am Schwarzen Meer, und nicht nach Hause kommen konnte. Heißer Sommer, Hagel, ausgiebige Sommergewitter, so ging’s damals ab, noch dazu, kam ich nicht von da weg, weil ich kein Flugzeugticket hatte.

 

Das heißt, natürlich hatte ich ein Ticket, nur war es nicht für den Zeitpunkt gültig, sondern anderthalb Monate später, oder drei Wochen, und die Russen haben den Flug nicht umgebucht. Sie haben ihn nicht umgebucht, weil nein.

 

Das Büro war voller Fliegen, sie summten wie eine Neonröhre. Sie krepierten nämlich, die Fliegen, mit einer Art weißlichem Massenvernichtungsmittel von durchdringendem Geruch rottete der Sowjet den Bestand aus. Ich stand am Schalter ihres Büros, hinter der Glaswand eine mit großer Sorgfalt amüsant geschminkte Dame der Aeroflot mit meinen Papieren. Zuständig für Tickets, gleichzeitig Soldatin, konkret Abwehroffizierin, spezialisiert auf Ausländer. Die Abwehrfrau, sie prüft mein Ticket, sieht es sich an, gibt es zurück, ich bin abgewehrt.

 

Sachbearbeitung der mürrischsten Art, es ist ihr anzusehen, ich habe keine Chance, sie wird den Flug nicht umbuchen. Ist nicht in der Stimmung, hat ohnehin keine Lust, oder sie darf nicht, das werde ich nie erfahren. Sie sitzt hinter einer kugelsicheren Scheibe, von der Taille abwärts zeigt sie sich nicht, ich sehe ihre Beine und ihren Hintern durch den Kasten nicht, sie steht nicht auf, rührt sich nicht, kann sein, dass sie sich den ganzen Tag nicht von dort fortbewegt, es nicht erlaubt ist, dass sie Lust hat.

 

Kann sein, dass es gar kein weiter unten gibt, sie keine Fortsetzung hat, sie wehrt so ab, bis dahin geht die Abwehr, zumindest, was ich von ihr sehe. Aber eigentlich sehe ich fast alles, das Wesentliche ist zu sehen, was verdeckt ist, gerade das ist zu sehen, und das ist noch dazu wegen des Geheimnisses so. Wegen der Verheimlichung, durch die Heimlichtuerei ist all dies zu sehen. Chemiewaffengestank, Öl, Zigarettenrauch, Insektenvernichtungsmittel, auf der Querlatte unter der Scheibe, rundherum auf dem Linoleum Fliegenleichenhäufchen, dieses ganze Fliegengesumme gehört zu der sowjetischen, im engsten Sinne zu dieser Geschichte. Man kann nicht genau wissen oder herausbekommen, wem hier eigentlich durch was die Lust kommt. Oder geht.

 

Wovon sie kommt und geht, was den Wechsel bedingt, wann es einen Wechsel gibt und wann nicht. Noch dazu ist es alles gleich, zwischen Unmöglichkeit und Lustlosigkeit, Gemüt und Freiheit zu unterscheiden ist überflüssig. Es ist am besten, Geschichten in dem nicht sonderlich gehobenen, ruhigen und gleichmäßigen Ton zu erzählen, wie Lew Tolstoi es getan hat. Hier wird es nicht so sein. So wird hier nichts erzählt werden.

 

Als mein Vater starb (verschied, würde Tolstoi sagen), war ich achtundzwanzig Jahre alt, und, ich glaube, damals konnte ich nicht viel mit ihm anfangen. Etwas wie Langeweile, und Liebe. Liebe schon.

 

Das schon, dass er in einem von menschlichen Ausdünstungen stinkenden Krankensaal mit mehr als zehn Betten starb, und so starb, dass ich nicht dort sein konnte. Geruch, Körper, Ekel, Verschleiß, Gallert. Schlagendes Herz. Sie brachten ihn in einen Saal zum Sterben.

 

Sie packten ihn zu anderen Sterbenden. Fangen wir damit an, dass sie einen an solche Orte bringen und einfach dort lagern. Was heißt bringen?

 

Es heißt, na, legen Sie sich dort hin, alter Mann, sie drücken ihn auf die Trage, ein Krankenwagen transportiert ihn ab, denn so lautet die Vorschrift, so ist es üblich, das haben sie sich ausgedacht, da das System so ist. Zu anderen, damit sie ihn mit anderen zusammensperren, von den Übrigen endgültig absondern. Warum, muss man da dann sterben?

 

So ist der Betriebsmodus, das ist die Route, dieser säuerliche, sich unter der Haut, aus allem menschlichen Fleisch herauspressende Geruch, der Todesgeruch einer Konzeption, dieser Ordnung? Ein zum Ansehen Ausgebildeter sieht ihn sich an, entscheidet nach einer Art staatlich garantierter Amtsordnung, untersucht und beurteilt ihn, ist gut, legen Sie sich bitte schön hier her, gleich bekommen Sie ihr Abendessen. Sie bringen das Abendessen, das Personal schiebt es auf dem Blech herein. Setzen Sie sich auf.

 

Er setzt sich auf. So, und jetzt essen Sie das. Das ist das Abendessen, aber warum ist das das Abendessen?

 

Der eine kriecht vom Bett gegenüber, sein Tablett kippt herunter. Er schlurft durch den Saal, schließt das Fenster, macht sich auf den Weg zurück. Er hat die Fensterflügel zugeschmissen, das Glas klirrt, er eilt zu seinem Bett, neben seinem Gesicht baumelt eine Tüte, das denke ich mir aus.

 

Aus dem Gesicht dieses Mannes hing über dem linken Wangenknochen ein honigmelonengroßer, kugelartiger Auswuchs. Als hätte er zwei Köpfe, den richtigen, und einen kleineren, als Gefäß, als Reserve, ohne jegliche Armaturen, ohne Nase, Ohren und so etwas. Er schloss das Fenster.

 

Ja, aber wenn mein Vater nicht wollte, dass man das Fenster schloss? Er wollte es nicht, aber er wurde nicht gefragt. Er ist krank, die hier sind krank, hier fragt man nicht.

 

Auch untereinander nicht. Sie sagen ihnen nichts, sie fragen nicht, was sie wollen. Kranke, so, streng getrennt von den Nicht-Kranken untergebracht, abgesondert von anderen, von den Frauen, von anderen Männern auch, von denen, über die man noch entschieden hat, dass sie sterben werden. Warum liegt er dort, warum liegt er nicht in seinem eigenen scheiß Bett, der, von dem sie beschlossen haben, dass er gleich stirbt? Er tritt auf den Hof hinaus, nimmt aus der Tasche eine Zigarette hervor, zündet sie an.

 

Er ging die Treppe runter, setzte sich auf eine Bank, nahm aus der Tasche seines Morgenmantels sein Etui und das Feuerzeug hervor, drehte sich zum Betonzaun, verdeckte es, damit man nicht sah, was er machte, damit man es nicht bemerkte. So wie ein Wie-sagt-man-gleich.

 

Wie ein Sträfling im Gefängnis. Ich weiß natürlich nicht, was man müsste, habe keine Ahnung, wie ich die Ordnung ändern, was ich im Vergleich dazu anders machen würde. Sicher kann man es auch nicht, alles gleich, jede Anordnung ist vorab vorhanden, viel früher als gute oder schlechte Absichten, du kannst nicht umgehen, was sich mit derart ruhiger Gleichmäßigkeit auf dich zu bewegt. Anhalten ist nicht möglich. Er ging die Treppe vom zweiten Stock in das Röntgenzimmer im Erdgeschoss allein hinunter, zu der für den Vormittag eingetragenen Röntgenuntersuchung. Um halbelf.

 

Für den Zeitpunkt war er eingetragen. Ich stelle mir diese Dinge vor, denn ich war nicht dort. Weil ich Urlaub am Meer machte. Für die Zeit der Erzählung bleiben auch die lebenswichtigsten Entscheidungen in der Schwebe. Er stützte sich in seinem Bett auf, blickte auf seine Uhr, drehte am Deckel der Thermoskanne, trank einen Schluck lauwarmen Tee, schlüpfte in seinen Morgenmantel, kramte seine Hausschuhe unter dem Nachttisch hervor, und so. Weiter.

 

Und ging nach unten los. Geh schon los. Wenn er wegen der Schmerzen nicht weiterkonnte, blieb er auf dem Treppenabsatz stehen, lehnte sich gegen die Wand, klammerte sich am Geländer fest. Blieb stehen, um Luft zu holen.

 

Um sich vom Schmerz zu erholen und so weiter, derlei denke ich mir aus, stelle ich mir vor, denn so war es tatsächlich, deshalb, damit er uns noch blieb. Er musste seine gesamte Kraft zusammennehmen, um hinunterzugehen. Und zurück. Die Treppe bis zum Lift hinauf. In den letzten Tagen kamen sie, die ihn untersuchten, darauf, dass er Krebs hatte.

 

Also auf den Kern der Sache. Die letzten übertrieben grellen, gottverdammten Sommertage. Er ertrug den Schmerz.

 

Ertrug den Schmerz prima, damit habe ich etwas zu tun, denn ich weiß nicht, wie er das machte, aber so muss man es machen. Aus irgendeinem Grund hat er mir nicht gesagt, hat einfach vergessen, mir zu sagen, dass man eine entsprechende Miene machen kann, die anderen ruhig anschauen, ihnen in die Augen sehen, sogar lächeln, es soll mich ja keiner bemitleiden, keiner deswegen herkommen.

 

Um zu glotzen, Anteil zu nehmen, er soll kein Anteil nehmen, das soll ihm gar nicht in den Sinn kommen, er soll sonst was denken, andere bemitleiden. Er ist gekommen, um dich zu betrachten, nicht sich selbst, weil er glaubt, jetzt ist nicht er dran, und das stimmt auch. Nicht ich bin dran, demnach noch nicht, und du tust mir deswegen leid, und natürlich freue ich mich nicht, aber doch bin nicht ich es, den man bemitleiden kann. Ich bemitleide den anderen, offensichtlich wegen des schlechten Gewissens, denn es ist nicht so einfach, dass ich auch dann ausschließlich an mich denke.

 

Ich bemitleide nicht mich selbst, sondern ihn, dieses erbärmliche Rindvieh, den anderen, und so ist es auch, mich interessiert dann wirklich der, dem die Sache nun mal passiert. Und nicht ich.

 

Denn sie passiert nicht mit mir, sondern ihm, wie eigenartig, das schlechte Gewissen ist doch in der Lage, das Leben interessant zu machen. Sorgsam geschlossene Fenster, heruntergelassene Rollläden, ich glotze einen Film, den eigenen Film, makellos schlampige Regie, ich sehe dort hinüber, und gehe nicht hin. An die Beerdigung erinnere ich mich nicht.

 

War ich eigentlich auf der Beerdigung? Habe ich mich angezogen und bin ich mit der Straßenbahn 59 hinausgefahren? Haben die Sowjets den Flug doch umgebucht?

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor