Der wohltemperierte Untergang

David Marton inszeniert an der Schaubühne einen ungarischen Roman begleitet von Bachs Musik

von Héla Hecker

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Der Name des 1975 in Budapest geborenen Regisseurs dürfte für das deutsche Publikum nicht mehr unbekannt sein. David Marton absolvierte ursprünglich ein Klavierstudium in Budapest und Berlin, bevor er sich für das Theater entschied. Nach zahlreichen Inszenierungen im Burgtheater Wien, an der Berliner Volksbühne, in Dresden, Hannover und Hamburg ist seit dem 18. Februar seine zweite Aufführung an der Berliner Schaubühne zu sehen.

Wegen seines Pianisten-Hintergrundes befinden sich Martons Stücke in der Schnittmenge von Sprache und Musik. Er wurde als Grenzgänger zwischen beiden Medien bezeichnet und von der Fachzeitschrift Die Deutsche Bühne im Jahr 2009 zum Opernregisseur des Jahres gekürt. Seine aktuelle Inszenierung, Das wohltemperierte Klavier, die eine Koproduktion mit der französischen MC93 Bobigny ist, hatte ihre Premiere am 27. Januar in Paris.

Schon allein der Titel schüchtert ein. Bachs Werk ist die Bibel der Pianisten, ein diszipliniertes Durchspielen aller Möglichkeiten – Vollkommenheitsanspruch und Beweis dafür, dass die harmonische Ordnung in eine musikalische Form zu gießen und hörbar zu machen ist. Das Wohltemperierte Klavier ist ein Triumph über das Chaos.

Deshalb öffnet die Einbeziehung des im Herbst 2011 beim Fischer Verlag erneut verlegten Krasznahorkai-Romans Melancholie des Widerstands ein enormes Spannungsfeld. Im Klappentext des Buches wird Krasznahorkai als „der Meister der Apokalypse“ bezeichnet, sein 1989 geschriebener Roman ist die Geschichte der Zerstörung und des Zerfalls.

Die Schnittmenge bietet jedoch dieser so anders gestimmte Roman, für dessen Hauptfigur, den ehemaligen Musikprofessor György Eszter, der wohltemperierte Klang sich als eine Lüge entpuppte. Er schmiss die Werke der traditionellen Musikgeschichte aus dem Fenster, ging in Frührente und verstimmte sein Klavier, um die wahre Dissonanz zu hören.

Martons Inszenierung oszilliert zwischen diesen zwei Polen. Die Bühne ist als monumentale bürgerliche Wohnung bis ins kleinste Detail eingerichtet; in ihrem Mittelpunkt stehen zwei Flügel. Der zweite ist beschädigt, ihm wurden die Beine abgeschraubt oder auch abgesägt. Die Protagonisten des Krasznahorkai-Romans versammeln sich um diese Instrumente und um die wohltemperierten Melodien von Bach. Immer wieder beginnen sie ihre Geschichten zu erzählen, die aber vom Orchester der Stimmen unterbrochen werden. Eine kontinuierliche Handlung zeichnet sich deshalb nur schwerfällig ab – die einzelnen Episoden werden durch die Musik zusammengeknetet.

Die ist auch wunderbar. Die Schauspieler bilden ein professionelles Ensemble, die textlosen Melodien des Wohltemperierten Klaviers werden kreativ an die menschlichen Stimmen angepasst. Der Pianist und musikalische Leiter Jan Czajkowski bringt – um die großartige Geigerin Nurit Stark und den Trompeter Paul Brody ergänzt – Konzerthaus-Niveau in den Raum, die Musik besteht allein.

Ob der Text dies auch könnte, bleibt fragwürdig. Durch die Polyphonie der Stimmen und ihre ständige Aussetzung stockt die Geschichte. Zusammenhänge tun sich schwer auf, der Zuschauer findet die Bindung im scheinbar so eng zusammengewachsenen Haufen der Figuren nicht, die Ereignisse bleiben unnachvollziehbar. Es finden kaum Dialoge statt, die einzelnen Monologe befassen sich mit existentiellen Fragen, die alle um die Erscheinung des Untergangs kreisen und den harmonischen Bach-Melodien widersprechen. Nach einer Zeit wünscht man sich, dass bloß das Sprechen endlich aufhören möge, damit man die Musik störungsfrei genießen könne.

Es geschieht aber das Gegenteil. Der sich zum Schauspieler verwandelte Czajkowski gibt eine musikwissenschaftliche Einführung in die Wohltemperierung und sein komplizierter Monolog wird wegen seines Sprachfehlers noch schwieriger zu verstehen. Die Bach-Szenen werden durch unerträgliche Geräuschexplosionen ersetzt, die klassische Musik vom/von Jazz abgelöst. Eine Katastrophe naht, die aber nur durch die Änderung der Musik zu spüren ist – der Hintergrund der Ereignisse bleibt unklar. Eine Mutter verliert ihren schwachsinnigen Sohn unter dubiosen Umständen, ein merkwürdiger Zirkus wühlt das Leben der Stadt auf, eine verstoßene Ehefrau will mithilfe einer Sauberkeitsaktion in der ganzen Umgebung Ordnung schaffen. Auf der Bühne wird in vier verschiedenen Sprachen gesprochen, die einzige Verbindung zwischen den Figuren scheint nur ihr enormes Leiden unter einem existentiellen Gewicht zu sein. Ihre Haltung beginnt nach hundert Minuten unter die Haut zu kriechen und zu jucken.

Nach zwei Stunden ohne Pause ist der Zuschauer erschöpft. Der Text gewann den Kampf und setzte damit den Akzent auf den Untergang. Die Dissonanz triumphierte mit hochdosierter Schwermut über die trügerische Vorstellung der Harmonie.

Schade für die Musik. Sie war die einzige, die an diesem Abend Widerstand leistete, indem sie den Untergang auf der Bühne aufzuhalten versuchte. Der Zuschauer bedankt sich dafür – es war ein schönes Konzert.