Szilárd Borbély: Leichenpomp

Leichenpomp (Halotti pompa) erschien erstmals 2004. Er knüpft an die vorangegangenen Lyrikbände an, radikalisiert deren Grundhaltung aber auf beeindruckende und fesselnde Weise, indem er sowohl die existentialistische Thematik verdichtet als auch die Formensprache vergrößert und zugleich zuspitzt. Szilárd Borbély verarbeitet darin einen Einbruch in das Haus seiner Eltern, bei dem seine Mutter ermordet und sein Vater schwer verletzt wurden. Der Skandal dieser furchtbaren Tat wird durch das Datum, an der sie verübt wurde – Weihnachten 2000 –, noch gesteigert. Genau an dem Tag und zweitausend Jahre nach der Geburt Jesu Christi, des Erlösers, des Verkünders einer besseren Welt werden zwei Menschen auf die grausamste Art und Weise überfallen und ermordet. Als wäre das Böse und die Brutalität in der Welt nicht zu überwinden.

Genau dieser metaphysische Konflikt zwischen dem (christlichen) Glauben an das Gute und der Existenz des Bösen ist es, der Borbély zur Poesie treibt. In den engen Schranken des christlichen Glaubens erzogen, äußerte er einmal in einem Gespräch, er könne das Credo in der Kirche nicht mehr sprechen, es komme ihm einfach nicht mehr über die Lippen. Um der Last der Negation durch Poesie, verstanden als Schöpfung, poesis, Herr zu werden, greift Borbély auf Formen zurück, die unsere Zeit und unser alltägliches Sprechen längst vergessen haben – auf barocke Stilfiguren und Motive der „ars moriendi“, in die er zahlreiche Verweise auf die Apokryphen einflicht.

„Im Bewußtsein unserer Zeit hat der Tod zwischen den wichtigen Werten keinen Platz. Dennoch ist der Mord überall anwesend – Krimis, Action-, Horror- und Phantasyfilme, aber auch die unschuldig scheinenden Nachrichtensendungen zeigen jeden Abend eine Unmenge an Morden. Die Welt lebt im Bann des Mordes […]. Der Barock, aber auch die auf ihn folgende Epoche setzte den Tod ins Zentrum und war gerade deshalb ihm gegenüber mit einem mächtigen Fundus an Riten, sprachlichen Ausdrücken und seelischen Mechanismen gewappnet. Der Barock sah noch die Möglichkeit des Heils oder des Glücks hinter dem Tod sich eröffnen […]. Ich habe das Gefühl, daß die Menschen heute sterben, ohne daß ihr Leben für sie selbst oder für ihre Angehörigen irgendeinen Sinn hätte. Nicht nur, daß ihr Leben nicht zum Tod führt, aus ihrem Tod ziehen auch die um sie herum keinerlei Lehre. Ich meine dabei nicht den eigenen Tod, von dem Rilke vor fast einhundert Jahren gesprochen hat. Der ist vielleicht für immer verloren. Wir haben kein eigenes Leben, wie sollten wir dann einen eigenen Tod haben? Ich meine nur so viel, daß der Tod einen Sinn haben sollte in Bezug auf das Leben. Die ars moriendi, die Kunst des Todes war wirklich eine große Wissenschaft, zu dieser Ansicht bin ich gekommen.“

Der Band Leichenpomp umfaßte bei seinem ersten Erscheinen zwei Zyklen (mit je vierzig Gedichten) – die Sequenzen zur Karwoche und die Sequenzen von Amor und Psyche –, die jeweils Motive des christlichen Glaubens und Elemente des Mythos um Amor und Psyche aufgreifen und diese mit dem heutigen Bewußtsein konfrontieren. Aber auch formal werden alte (mittelalterliche und frühneuzeitliche), heute ungebräuchliche Formen der Dichtung – Sequenz, Hymnus, Sonett, Klage, Allegorie – zitiert und diese mitunter durch elliptische Satzkonstruktionen gebrochen oder mit dem Sprachduktus der Prosa kontrastiert.

Nach der Erstveröffentlichung entstand in einer weiterführenden Auseinandersetzung mit den Gedichten ein dritter Zyklus unter dem Titel Chassidische Sequenzen (und ebenfalls vierzig Gedichten), der Elemente der jüdischen Aufklärung und Mystik aufgreift, in diese die grausamen Ereignisse des Holocaust hineinschreibt und somit die geschichtsphilosophisch-theologische Thematik um eine weitere Dimension ergänzt. Die Folgen von Rationalisierung und Massenkultur sind demzufolge nicht allein ein fehlendes Bewußtsein des Todes, des Unglücks, des Bösen, sind nicht allein Mord und Totschlag als Ausnahme und Einzelfall, sondern gerade im blinden Streben nach oberflächlicher Befriedigung und schnellem Glück ist der Mensch zu den schlimmsten Grausamkeiten und zum Massenmord fähig, erzeugt er unendliches Leid.

„Auch der Chassidismus war Teil jener großen europäischen Wiederbelebung der Religion, die die persönliche Religiosität, die Personalisierung des Glaubens anstrebte. Das waren große Revolutionen, doch dann vergaß die Aufklärung, die sich der Wissenschaft und den neuen Technologien öffnete und die Religion des Rationalismus in Europa einführte, diese äußerst bedeutenden Bewegungen, ohne die der Rationalismus übrigens gar nicht hätte siegen können, und ohne die es die Religion des modernen Europa nie gegeben hätte. Heute, wo wir am Ende der Epoche des Rationalismus stehen, würde es sich lohnen, auf diese Bewegungen zurückzublicken. Der Chassidismus als ein Zeuge dieser alten Zeit hat schon im zwanzigsten Jahrhundert jeden irritiert. In Osteuropa sind die chassidischen Bewegungen in der Zeit des Holocaust ohne Spur verschwunden […]. Ich meine, daß der Chassidismus einen Dialog mit dem Christentum angeknüpft hatte. Eine Welt ist mit diesen Menschen untergegangen, und das ist ein nicht wieder gut zu machender Verlust. Der Holocaust ist die gemeinsame Tragödie von Juden und Christen, und ich frage mich, warum das Christentum das heilsgeschichtliche Moment darin nicht erkannt hat.“


Heike Flemming