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Leseprobe
 

Szilárd Borbély: Leichenpomp


aus Sequenzen zur Karwoche

Rosarium
Vom Letzten


Da nämlich nichts zu Ende ist,
der Tag verging und das Gericht.

Die Dämmerung fiel auf die Bäume,
und Winter wird es, und wieder Alpträume.

Vom Schnee des Winters nicht weggespült,
denn Jesus und Sibylle haben sich geirrt.

Der Abend nahm jedem Blatt die Farben,
am Himmel Schreckenshauch und Nebelschwaden.

In der Erde liegen Leichen,
deren Münder kein Lächeln zeigen.

Würmer zwischen ihren Zähnen,
während die Kreaturen in Trauer stöhnen.

Erlösung muß der Mensch woanders erflehen,
denn es wird keine Auferstehung mehr geben.

Sollte Christus sich einst auf Erden umsehen,
wird es im Grab kein Leben mehr geben.


aus Sequenzen zur Karwoche


Letzte Dinge
Die Ewigkeit


Dunst quillt in der Winterlandschaft auf,
der leichte Rauch im Kesselhaus.
Am Berghang blendet im Sonnenschein
ein orthodoxer Friedhof wie der Stein,

der glühte, wie das geschmolzene Erz
im Feuer und im Kessel gärt.
So begann der Nachmittag zu fallen,
wie mancher Engel vor der Bahnhofshalle

wartete, den Kopf über die Pfütze gesenkt,
auf ein leichtes Mädchen, ein Gratisgetränk.
Indes in den Bezirken am äußersten Ring
die Zeit jetzt und für immer verging,

denn dort hielt man das Jüngste Gericht,
und es kämpfte dabei Christ gegen Christ.
Die Heiden hingegen tranken Cola light
in einer Kneipe namens Ewigkeit.


aus Sequenzen von Amor und Psyche


XXXI.
Auf den Flügeln der Freiheit


Es war ihre eigene Sehnsucht, mit der er sie ins Netz
des Schmetterlingsfängers lockte. Ihr Körper, der sich
jenseits des Körpers wünschte. Sie genoß es,
daß ein Unbekannter sie vergewaltigte,

denn in diesem Moment war ihr Körper ein Objekt.
Sie litt wie ein Tier. Doch ihre Seele war frei. Sie fühlte,
dem Körper war es fast ein Genuß zu sterben,
wenn ihre Seele wie eine Puppe war. „Wer bist du“ –

fragte Psyche. „Deine Mutter! Halt nur den Mund
und schweig, wenn ich dich ficke!“ – antwortete er.
Und es war dunkel um sie herum wie im Mund.

Denn die Zunge ist wie die Nacht. Feuchtes,
unergründliches Geräusch. Pures Grauen und
formloses Geschrei der Eingeweide. Unmenschlich.




aus Chassidische Sequenzen


Kiddusch ha Shem


An jenem Abend, als der Gerechte
verraten wurde, als er geboren wurde

und starb und man ihn begrub,
als sein Leib im Grab zitterte

und sein Augenlid schwoll
wie eine Kartoffel oder eher

wie eine verfaulte
Tomate, die schwer

auf dem Augapfel lag, so daß
der Weise von Worms kaum noch die Kreuz-

fahrer sehen konnte, als seine Peiniger müde wurden,
und der Kopf des Meisters zur Seite kippte,

an jenem Abend, als man den Unschuldigen
verriet, und seine todgeweihten Kinder

unter sechzehn Jahren wie
Abfall behandelte, und ebenso

die Alten, die Kranken, die Krüppel,
und man den Namen Gottes, geblieben ohne Gläubige,

nicht aussprach, an jenem Abend, als
man die Gerechten verschmähte, da

wurde die Dreiheit eins, der Geist
des Vaters, des Sohnes, der Mutter im Feuer und

zu Rauch in den Öfen, während Otto
Moll die Technik der Verbrennung in Gruben

durch die Ableitung des brodelnden, wieder-
verwertbaren Fettes perfektionierte.




aus Chassidische Sequenzen

Christologische Epistel
(I)

Oh Theophil, ich will keinem erzählen
von meiner Schwäche, die zur Kraft wird,
wenn ich einsehe, dies alles ist nicht meinetwegen,

sondern für den, der mit uns ist, daß
zu Asche verbrenne sein Herz in
Liebe zu uns, die Moses fand

am Berg Horeb. Und doch muß ich
erzählen, was bei uns geschah, woran
noch einzelne erinnern, sie geben

Zeugnis von dem Feuer, das in den Öfen
brannte und nicht erlosch, weil der Menschen
Haß und Gottes Schwäche es nährte.

Wenn der Menschen Bosheit und Haß
größer sind als die Liebe Gottes, und wenn
die Liebe Schwäche ist und nicht Kraft, wie

du weißt, Teophil, dann kann unser Glaube nur
Asche sein, die in der windstillen Tiefe
unserer Seele ruht. Doch sah ich in dieser

Asche eines Morgens Fußspuren,
und ein Engel berührte meinen Mund mit
dieser Asche, die zuerst bitter war, doch

mit der Zeit süß wurde in meinem Mund;
eine Gestalt aber sah ich nicht. Oh Theophil, wir wissen,
daß die Liebe Gottes schwächer war als

der Haß unserer Mitmenschen. Wir sahen
Gottes Sohn, der das Licht selbst ist, wie man ihn
zum Gefangenen der Schergen machte, und wir waren

Zeugen, wie durch das Feuer der Öfen die
gingen, die die Kinder des Lichts sind,
weshalb das Licht der Öfen für ewig

auf uns fällt. Wir sahen auch, Theophil, wie
in diesem Licht Gottes Schwäche
denen Kraft gab, die erkannten,

wie Gottes Liebe kleiner wurde; deshalb
dürstet der Einsame ungestillt nach der
Liebe der Menschen. Denn das Wort von den

Öfen ist Torheit zwar denen, die verloren
werden, uns aber, oh Theophil, ist es Gottes Kraft
und die Unbegreiflichkeit des Tods der Liebe.


Aus dem Ungarischen von Heike Flemming

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