Perspektivenwandel

Die aktuelle Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand lässt eine bisher kaum gehörte Stimme vernehmbar werden

Seit dem 25. Januar ist die aktuelle Sonderausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand mit dem Titel Zusammen bleiben zu besichtigen. Dieses einzigartige Projekt wendet sich an zwei, oft nur am Rande diskutierten Themen.

Einerseits steht im Fokus der Ausstellung die Geschichte des ungarischen Judentums in der Shoah. Zweitens wird der Holocaust durch den Blick der Frauen untersucht und dargestellt. Die von Dr. Katalin Pécsi-Pollner konzipierte Ausstellung setzt sich als Ziel, die Stimmen der Frauen, die im Männerchor oft untergangen sind, hörbar werden zu lassen. Prämisse des Projekts war, dass das weibliche Erleben und die Erfahrungen, die die Frauen als Mütter, Schwestern oder Töchter in der Shoah machen mussten, prinzipiell anders waren, als die von männlichen Häftlingen.

Diesen Ansatz kann man schon an der Arbeitsmethode der Ausstellung merken. Die den privilegierten weißen Männern vorbehaltene Wissenschaft mit ihrer objektivierenden Genauigkeit hat hier kaum was zu suchen. Die größtenteils aus Text bestehende Präsentation setzt sich entweder aus Tagebucheinträgen aus den Jahren zwischen 1943 und 1944, oder aus Memoiren aus der Gegenwart zusammen. Fast jeder Satz stammt aus einer gänzlich subjektiven Darstellung der Ereignisse, wodurch das Erzählte die Ausstellungsbesucher persönlich trifft. Man kommuniziert nicht mit historischen, entindividualisierten Fakten sondern mit Gefühlen, Empfindungen, Sehnsüchten und dem Leiden namentlich gemachten Personen.

Dadurch erfahren die Gäste der Ausstellung die Todesangst des pubertierenden Mädchens, das in seinem Tagebuch über einen Jungen aus dem Dorf schreibt, den es heiraten möchte. Ein zentrales Motiv der zitierten Fragmente ist die Sehnsucht nach der ersten großen Liebe und die Angst davor, dass diese wegen der Umstände nie eintreten werden könnte.

Als zweiter wichtiger Fragenkomplex taucht die Identität auf. Mehrere Tagebucheinträge zeugen von einem ausgeprägten ungarischen Bewusstsein der 15- bis16-jährigen Mädchen, das durch die Judengesetze, die Ausgrenzung und Verfolgung erschüttert wurde.

Zwar verfolgt die Ausstellung eine prinzipiell chronologische Ordnung von der Ausgrenzung durch die Deportation und das Konzentrationslager bis zur Befreiung, die Polyfonie der erzählenden Stimmen sprengt aber die vorgegebene Abfolge. Aus dem Häftlingsalltag werden nicht die Motive der Folter und der Unmenschlichkeit hervorgehoben, sondern die Überlebensversuche und das Streben nach dem Bewahren der Weiblichkeit.

Aranka Schlesinger, die aus politischen Gründen inhaftiert wurde, erzählt zum Beispiel, dass es ihr geling, ihre Schwester aus dem Sammellager über ihre Deportation zu benachrichtigen. Sie bat ihre Schwester, am Tag des Transports mit ihren Sommerkleidern zum Bahnhof zu kommen – sie wusste nur, dass sie nach Deutschland gebracht wird, und da der Sommer soeben begann, brauchte sie die Kleider. So kam es dazu, dass sie mit ihrer kompletten Sommergarderobe in Auschwitz ankam. Sie sagte: „…aber es war irgendwie wichtig für mich, dass ich eine Frau war und nicht nur ein Häftling.“

Von der Bedeutung der Weiblichkeit bzw. vom Schmerz ihres Verlusts berichten in der Ausstellung auch andere Stimmen. Edith Bruck formulierte das Ringen um die Reste des Frauseins wie folgt: „ Frauen bleiben Frauen und sie sind imstande für einen Spiegel, einen Lippenstift oder einen Kamm ein kostbares Stück Brot herzugeben…Ein Tuch, mit dem wir unseren kahlen Schädel verhüllen konnten, kostete fünf Rationen Brot.“

Die Liebe in den familiären Beziehungen ist einer der schmerzhaftesten Aspekte der Ausstellung. Eine Frau berichtet, wie sie versucht hat, ihre schwangere Schwester bei den regelmäßigen Selektionen zu retten, bis das wegen des großen Bauches nicht mehr möglich war. Überlebende erzählen über die mütterliche Liebe, die sie als Kinder in den ersten KZ-Wochen mit einer zuvor nie erfahrenen Intensität erlebten – bis ihre Mütter vergast wurden.

Als Ersatz für die familiäre Bindung entstanden sogenannte Lagerschwesterschaften. Gleichaltrige fanden zusammen und adoptierten sich gegenseitig. Diese Gemeinschaft hieß dann Halt und Hilfe, was auch immer geschah. „Solange ich eine Decke habe, hast du auch eine“ – formulierte Àgnes Barta. Wenn ein Häftling solche Lagerschwestern hatte, waren seine Überlebenschancen deutlich höher.

Der Ausstellung kann man an manchen Stellen Lückenhaftigkeit vorwerfen oder die fehlende strenge Logik in der Abfolge. Sie macht aber durch die Stimmen der ungarischen Jüdinnen selten mitgedachte Aspekte der Shoah deutlich.

Diese Sonderausstellung ist besonders ergreifend, da sie inmitten in der Unmenschlichkeit und Grausamkeit Werte aufzeigt, die unzerstörbar sind. Die Polyfonie der Frauenstimmen zeugt von Stärke und ist ein Lob an die Kraft des Zusammenhaltens.

Weiter zur Ausstellung

Die Ausstellung ist  bis zum 10. Juli 2012 in der 1. Etage, Sonderausstellungsbereich der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, gezeigt.

 

Weiterführende Literatur:

Salziger Kaffee, Hrsg. von Dr. Katalin Pécsi-Pollner, zu erwerben im Shop der Gedenkstätte, 7 Euro

Ágnes Zsolt: Éva lányom, XXI. Század Kiadó, Budapest 2011