[Ich zerbreche]

Bist du wirklich mit einem Türken zusammen? Dann geh oft zum Frauenarzt. Sagt meine Freundin am Telefon. Ich spreche nicht mehr mit ihr. Ich war glücklich, habe ihr von meiner neuen Liebe erzählt, aber sie hat nicht zugehört.

Sei bloß vorsichtig, pass auf dich auf!

Die bringen dich nach Anatolien.

Du gehst wirklich mit einem Türken ins Bett?

Die verkaufen dich. Verschachern dich. Wie einen Hammel, eine Ziege.
Wetten, der hat viele Frauen.

Ich erzählte gerade, dass wir in der Werkstatt von Osan Urlaub machen wollen.
Macht lieber im Norden Urlaub, in Rostock, in Travemünde, dort gibt es elegante Hotels.

Ich stelle mir vor, wie mich Osan in seinem ölverschmierten, blauen Overall in ein elegantes Hotel führt.

Jeder hat kluge Ratschläge für mich, als ich sprudelnd vor Glück erzähle, dass ich mich in einen Türken verliebt habe.

Seit Tagen spricht Osan nicht mit mir. Dabei hat er von diesen Sätzen keine Ahnung. Denn ich sage ihm nicht, wie hässlich die Ungarn von ihm reden, ohne ihn je gesehen zu haben. Wenn wir über den Sommer streiten, darüber, wo wir Urlaub machen sollen, redet er schon. Außerdem kauft er jeden Tag etwas.

Am Samstag eine Matratze, am Montag ein Schlauchboot, am Dienstag Taucherbrillen und Gummistiefel, am Donnerstag eine Angel. Er stellt sie in den Schrank, sagt kein Wort zu mir, sieht fern, fast immer.

Die Tage vergehen und ich muss einsehen, dass ich es kaum mit ihm aushalte. Er war so groß, am Anfang, und jetzt ist er plötzlich so klein geworden. Wie ein Schwanz, wenn er dich nicht mehr braucht. Er redet kaum, abends geht er mit mir ins Bett, aber wir schlafen nicht miteinander. Ich denke, im Orient ist das so üblich. Der märchenhafte Orient. Dann gibt er zu, dass er wahnsinnig eifersüchtig ist, er traut sich nicht wirklich zu sagen, wie sehr er mich liebt, er traut sich nicht zu sagen, was er denkt. Einmal kommt er betrunken nach Hause, dann riecht er jeden Tag nach Alkohol, an einem Tag kommt er sturzbesoffen heim, trampelt in die Wohnung wie ein Schwein und schlägt mich. Er sagt kein Wort, er schlägt nur. Und ich traue mich nicht, aufzuschreiben, was er mit mir gemacht hat, denn dann bekommen alle Recht, die mich vor einem Türken gewarnt haben.

Das hat er mit mir gemacht: [...]

Osan entschuldigt sich und Osan ist sehr gut zu mir. Wir fahren ans Meer. Wismar, Rostock, Warnemünde. Wunderschöne Orte. Ich bin mit einem Türken unterwegs, und ich bin stolz auf ihn, denn Osan ist der schönste Mann, mit dem ich je am Meer gewesen bin. Er ist der größte Mann. Wir schwimmen, baden, fahren mit einem großen Schiff aus dem Hafenbecken, sehen das Meer und trinken das Glitzern des Wassers. Vom Strand werden meine Beine ganz sandig, aber Osan streichelt sie sauber. Ich mag es sehr, wie er mich sauberstreichelt. Wir kaufen einen Badeanzug. Jeden Tag muss ich ihn anziehen, abends muss ich ihn ausziehen und dabei tanzen.

Mit einer Fähre setzen wir nach Dänemark über, verbringen die Nacht in Falster. Wir kiffen, dann müssen wir schrecklich viel niesen. Ich werde es nie vergessen, Osan weinte, wie eine Frau, dass er mich so sehr liebt, und ich soll ihm nicht böse sein, wenn er mir manchmal wehtut, aber ... Ich schreibe es nicht auf, ich darf es nicht aufschreiben, denn wenn er liest, dass ich es aufgeschrieben habe, wird er böse. Vielleicht schlägt er mich wieder, wie so oft, als wir dann wieder zu Hause waren, und wieder war Montag, und Sonntag, Fußball im Fernsehen, und eine neue Wasserpfeife in seinem Mund, die ihm jemand aus Istanbul mitgebracht hatte.

Ich verstehe nicht, wie in einem Menschen zwei so gegensätzliche Kräfte stecken können. Das abgrundtief Böse und die vollkommene Güte, ineinander verknäult, lenken den Wellenschlag der Seele, und statt dass eines das andere besiegte, erstarken sie wieder und wieder, schlagen einander ins Gesicht, fegen einander hinweg, um dann gemeinsam, eng umschlungen, erneut ihre nächste Schlacht auszufechten. Wie können sie einfach zusammen sein, wie können sie sich so an einanderschmiegen, aneinanderhaften, dass ich sie kaum unterscheiden kann?

Osan ist zwei Menschen, die in einem Körper geboren sind.

Aber der ist doch nur Türke.

Ich weiß nicht, wie es ist, Türke zu sein.

Es gibt viele Türken, jeder Türke ist anders.

Jeder Türke ist wie jeder andere.

Auch von einem Ungarn bin ich geschlagen worden.

Seine Bewegungen verstehe ich nicht, ich zittere nur, wenn ich höre, dass sein Schlüssel ins Schloss will, auch das Schloss zittert, denn es spürt, dass man nicht hineintrifft. Ich weiß genau, was kommt, aber irgendwie ist dann doch alles anders.

Ein unberechenbares, versoffenes Schwein: Osan.

Ich liebe ihn so sehr, dass ich nicht von ihm loskommen kann.

Ich hasse ihn, ich will mich von ihm befreien, aber etwas lässt mich nicht.

Die Liebe lässt mich nicht.

Einen Ausgang hat der Brunnen nicht, ein dunkler Strudel nur ist die Liebe.

Ich kenne ihn zu wenig, ich kann mich nicht in ihn einfühlen.

Ich hasse ihn. Ganz einfach.

Ich denke ja nur an mich.

Ich verstehe ihn falsch, darum wird er böse, säuft, schlägt mich dauernd.

Vielleicht umgekehrt, er besäuft sich und ich verstehe ihn falsch.

Osan ist ein türkischer Arsch, den ich sehr liebe.

Ich will keinen Türken mehr sehen.

Ich gebe auf.

[Wieder ich]

Es gibt nur mich, sonst nichts. Also das geht nicht, ich muss einsehen: was war, kann ich nicht erzählen. Was ich erzählen kann, habe ich erzählt. Alle fragen, ob da wirklich ein Jahr lang ein brutaler Türke war, ich sage, ja, und jedes Mal erzähle ich es anders, wie er aussah, und was dieses Wort bedeutet: brutal. Sie glauben nicht, dass ich einmal einen türkischen Schwanz hatte, du bist so gut, du bist so schön, und sie wundern sich, wie ich an einen wilden und unzivilisierten Menschen geraten konnte. Ich bin nicht gut. Ich sehe nur so aus, als wäre ich gut, oder besser, ein wenig, aber nein.

Meine Geschichte geht so weiter, dass sie mich bald darauf aus dem Tanzprojekt feuern. Die Truppe trennt sich von mir. 

Osan versteht das Ganze nicht. Am nächsten Tag gehe ich zu seinem Kebap-Kumpel an der Brücke von Sl/ubice, irgendwie muss ich arbeiten. Es ist viel Betrieb, Leute, die über die Grenze fahren, wollen bei uns von früh bis spät Döner, ich bekomme sieben Euro die Stunde, das ist nicht schlecht, aber auch nicht gut. Ich habe keine Familie wie die Polen oder die Inder, die müssen einen Teil nach Hause schicken. Der polnische Autohändler, die Trucker, die Kurierfahrer, die Nutten aus den Bars im Ort, alle holen sich was bei uns. Die Mädchen aus dem Puff waschen sich, lassen sich vom Arzt untersuchen, sie bereiten sich für die nächsten Tage vor, dann kommen sie zu mir herein und fragen, ob es den Türken noch gibt, und ich antworte, ja, schon, aber jedes Mal sage ich es anders, das fällt ihnen auf und sie lächeln falsch. Mit den Nutten komme ich gut aus, irgendwie mag ich sie, wir haben Spaß, machen uns über die Kerle lustig, werfen den Schmerz von uns wie eine Handtasche, legen alles auf den Tisch und erzählen lachend, wer wen aufs Kreuz gelegt hat, und irgendwie beruhigt mich dieses Lachen, streichelt durch meine Haut.

Es ist gut, hier an der Grenze zu leben.

Mit Osan wird es immer quälender. Er lässt mich nicht an sich heran. Dabei liebe ich ihn sehr, so sehr. Eine von den Nutten erzählt am Donnerstag, soweit ich mich erinnere muss es ein Donnerstag gewesen sein, sie erzählt, sie hat gehört, aber das ist nicht sicher, nur vielleicht, besser, sie sagt es, so ist es anständig, ist ja ihr Beruf, aber auch in der unanständigen Hurerei gibt es anständige Dinge, gibt es Ehrlichkeit, sie kichert, ihr gelbes Kassengebiss ist zu sehen, ist ja nichts dabei, aber sie hat gehört, Osan hat gestern eine von hier mitgenommen.

Zuerst verstehe ich nicht. Meine Finger beginnen zu zittern, meine Hand zuckt, dann knicken mir die Beine ein. Wie der Kreiskolben eines Wankelmotors dreht sich mir der Magen, auf und ab. Ich schweige. Macht nichts, ich weiß, das war zu erwarten, sage ich schnell. Dann schließe ich den Mund. Halte die Luft an, presse die Zähne mit aller Kraft zusammen.

Ich halte es nicht mehr aus. Die Luft bricht aus mir hervor. Begleitet von unverständlichem Gestammel. Ich schluchze los.

Renne weg.

Eine ganze Stunde bleibe ich in der Toilette. So eine Scheiße! Als wäre es das erste Mal, dass ich betrogen werde. Jeder Ungar, Italiener und Belgier hat mich betrogen. Warum tue ich jetzt so, als wäre das noch nie so gewesen. Warum tut es mehr weh, wenn ein Türke mich betrügt, mehr als bei einem Europäer? Warum soll ein ungarischer Arsch besser sein? Ich hätte hart
sein, ihn an der kurzen Leine halten müssen, oder ihm ein Kind anhängen, vielleicht, sagt die Nutte, die bescheißen dich nicht, jedenfalls nicht so.
Fuck. Scheiße, an der Grenze zu leben.

[Ich breche aus]

Nein, ich gehe doch nicht mit einer Nutte, verstehst du! Für so etwas habe ich keine Zeit! Schatz, mach Essen, ich habe Hunger!

Wenn Osan Hunger hat, mache ich für ihn das Abendessen. Ich liebe ihn, ich glaube ihm. 

Osan ist schön und groß. Ein großartiger Mann. Er macht ständig Pläne, wie er zusammen mit den Ungarn die geklauten Autos aus dem Osten umfrisiert. Die Tschechen und die Polen sind auch im Geschäft, und die Russen, dann bringen sie die Autos wieder nach Russland, in die Ukraine, nach Polen, als hätten sie einen deutschen Besitzer gehabt. Das hören die Käufer lieber, denn sie glauben, die Deutschen waschen jeden Sonntag ihr Auto, bringen es ordentlich zur Inspektion, und die deutschen Straßen sind auch besser für die Achsen. Osan ist ein Betrüger. Aber er verdient gut, er wird uns ein Haus am Meer
kaufen, in Anatolien. Wir gehen heim, sagt er jeden Morgen. In der Mehrzahl, als wäre auch ich von dort, als wäre das auch meine Heimat. Jenseits von Europa. Unterwegs besuchen wir deine Eltern schon, keine Angst. Ich lache nicht, ich weine, wenn ich daran denke, dass Osan mit einer Nutte geschlafen hat. Aber er hat nicht mit ihr geschlafen.

Wenn Osan etwas plant, dann verwirklicht er das auch. Die Verwirklichung hat natürlich nichts mit dem Plan zu tun. Aber lassen wir das. Er hat sich einen geheimen Plan ausgedacht, einen Einbruch in Berlin oder so, ich weiß nicht genau. Staatliche Gebäude kann man tagsüber durch den Hinterausgang leicht ausräumen, es gibt eine Menge Hintertüren, und weil die Büros
der Politiker dauernd umziehen, fällt es keinem auf, wenn du Möbel und Computer, Fernseher, DVD-Player, Fax und Telefone hinausschaffst. Du schleppst alles hinaus und verkaufst es für gutes Geld an die Polen, die transportieren es dann weiter,über die Grenze. Etwas Auffälliges, Wertvolles klaut er nie, damit er nicht auffliegt, wenn die Sache zufällig herauskommt.
Alle werden den Mund halten, denn es ist ihnen peinlich, dass sie die Gebäude nicht ordentlich bewacht haben. Osan meint, klauen ist schon okay. Und am besten ist es, von einer Partei zu klauen.

Aufregende Tage. Osan klaute, besser gesagt arbeitete, und ich arbeitete in der Döner-Bude. Abends konnte ich es kaum erwarten, bis er heimkam, und ich war erst ruhig, wenn er endlich mit der Elektronik aus den Büros da war. Unsere Ruhe störte nur, dass er sich immer öfter Nutten holte. Ganz offen, er verheimlichte es nicht mehr. Er holte sich eine Nutte, schlief mit ihr, dann entschuldigte er sich bei mir. Mit mir schlief er immer seltener. Zuerst schluckte ich meinen Schmerz, ein paar Mal, dann hielt ich es nicht mehr aus. Er verdiente gut, also hurte er herum, und ich verzieh ihm, aber dann wurde alles anders.

Für ein paar Tage fuhr er überraschend nach New York, wegen einem Geschäft oder so, mir sagte er fast nichts.

Einen Tag später ging ich zum Arzt, der Bauch tat mir weh, wie Messerstiche. Und am Morgen hatte ich Herzrasen. Kotzen musste ich auch. Ich verstand nicht, was das sein konnte.

[Letztes Ich]

Ich fuhr nach Hause, hier geht die Geschichte weiter. Seit zwei Monaten habe ich sie nicht gehabt. Aber es ist schon vorbei.

Osan hat vergessen aus Amerika anzurufen, deshalb konnte ich ihm nicht sagen, dass ich gehe. Es tut mir leid. Im Nachhinein tut es mir leid. Vorher habe ich ihn gehasst, und nichts wäre mir lieber gewesen, als ihn loszuwerden. Noch immer habe ich ein schlechtes Gewissen. Aber nein, er tut mir überhaupt nicht leid.Ihn loszuwerden konnte ich kaum erwarten. An der Grenze kann man leicht weggehen. Ich habe ihn geliebt, ich wollte ihn nie verlassen.

Um uns herum gab es zu viele Ruinen, Reste, und wenn man den Weg nicht kennt, wie man aus dem Labyrinth findet, dann ist es nicht leicht. Keiner hat mir geholfen, ich wartete ein paar Wochen, bis sich alles in mir klärte, dann begann ich in die Tiefe zu bohren, ich suchte nach einem Moment, in dem mich niemand beobachtete. Die gibt es oft, es war nicht schwer einen zu finden.

Ich streichelte seinen blauen Overall. Ich liebe dich, Osan, sagte ich zu dem Overall mit den Schmierflecken. Ich ging weg.

Ich hasse dich, Osan. Der schönste Türke, den ich je gesehen habe, Osan. Alle Türken sind laut, dreckig und hässlich. Ich liebe dich. Sie hocken im Bahnhof herum, klauen, man soll ihnen nicht in die Augen schauen, es ist besser, wenn man sie nur flüchtig kennt. Türken sind wie Ungarn und Rumänen.

Ich pisste mich voll.

Als sie das Kind wegmachten, es mir aus dem Bauch holten, als ich in der Plastiktüte unter der Pinzette plötzlich die Reste sah.

Zuschaute, wie sie meinen kleinen Sohn zum Eimer brachten. Ich hatte mich völlig geöffnet, zugelassen, dass sie den kleinen Osan aus mir rissen. Wenn ein paar Stück Kind in mir geblieben sind, würden sie von alleine herauskommen, herausfließen, sagte die Schwester.

Ich pinkelte vor Schmerz. Auf der Straße trug ich weite Kleider, verhüllte mich. Eigentlich war ich schon am Anfang des vierten Monats, als ich in einem OP-Saal in Miskolc an die Reihe kam. Eine große Frau mit schwarzen Haaren holte das Kind aus mir heraus. Bist du die Tänzerin? Dich habe ich ja ewig nicht gesehen, erkennst du mich nicht, ich bin Magdi, wir waren zusammen im Gymnasium, ja, zusammen. Du kannst aufstehen, wir sind fertig. Es ist draußen. Das wird schon wieder, beruhig dich, bleib ein paar Stunden liegen, dein Körper wird sich von alleine erholen und sich das Baby abgewöhnen. 

Behalten konnte ich ihn nicht, ich habe nicht gewusst, dass er in meinem Bauch war, habe nicht auf ihn aufgepasst, so kann man niemanden auf die Welt bringen, es gibt eine Grenze, und die kann ich nicht überschreiten. Doch, ich habe sehr auf ihn aufgepasst, und ich habe ihn sehr geliebt. Osan, so habe ich ihn für mich genannt. Ich habe ihn geliebt, mit ihm geredet, ihm ein türkisches Märchen erfunden, er war ein schönes Kind, Ali Baba. So schön wie sein Vater, klein, kräftig, mit dunkler Haut, feurigen Augen, verlogen, trotzdem war er für mich groß, irgendwie wird er so groß, wenn ich an ihn denke. Ich denke oft an ihn, ich sehe ihn nicht, aber es gibt ihn doch, immer wird er in mir leben. Ich hätte für ihn gekocht, gewaschen, etwas anderes wollte ich nicht, nur seine Mutter sein. Ich wollte nicht tanzen, nur mit ihm, wenn er erwachsen ist, wollte ihm zeigen, wer ich bin.

Ich habe ein Foto von seinem Vater, das werde ich ihm zeigen, dachte ich.
Mutter wäre ich gerne gewesen. Also das ist meine Geschichte.