Eszter Szakács

Der Tulpenkrieg

Märchen vom Prinzen Habakuk

 

Habakuk und die Buchstabennudeln

Es war einmal ein Land, genannt Ober-Petunien, wo nicht das Schicksal das Leben der Menschen lenkte, sondern die Buchstabennudeln.

In diesem Land musste jeder zum Frühstück Fleischbrühe mit Buchstabennudeln essen. Wenn man die klare, dampfende Suppe mit dem Löffel durchrührte, erhoben sie sich zum Reigen; da tanzten sie im Kreis, die nüchternen A-s mit den fröhlichen Ö-s, die hochmütigen Z-s mit den steifen K-s, die bauchigen D-s mit den stolzen R-s. Die Buchstaben wirbelten anfangs so schnell, dass das Auge ihnen gar nicht folgen konnte, dann schwebten sie schön langsam auf den Boden des Tellers und bildeten ein Wort. Dieses Wort bestimmte dann, was an dem Tag zu tun war.

Fleischbrühe und Buchstabennudeln hasste jeder in diesem Land, kein Wunder, denn irgendwann ist es auch zu viel des Guten. Wer möchte denn schon jeden Tag Vanillepudding oder Brathähnchen frühstücken, und wer möchte noch dazu, dass ihm das Essen Befehle gibt? Die Buchstabennudeln aber taten genau das. Was sie morgens auf den Boden des Tellers schrieben, das musste gemacht werden.

Dem Lokführer sagten sie beispielsweise, Fahr!, und der Lokführer musste den ganzen Tag fahren, ob es ihm nun gefiel oder auch nicht. (Ein Glück, dass die Lokführer für ihr Leben gerne Lok fahren.) Dem König befahlen sie unter der Woche, Herrsche!, was er nach bestem Wissen auch tat, am Wochenende aber komischerweise, Strick! – König Milan kam es dann immer so vor, als würde er ein leises Kichern vom Teller her hören. Die Jahre zogen ins Land und jeder Bewohner des Palastes wurde um ein, zwei modische Schals oder Pullover reicher, denn dem Befehl der Buchstabennudeln konnte sich keiner widersetzen, nicht einmal der König.

In den Tellern der Kinder zeichneten sich meist Wörter wie Kindergarten, Schule oder Streich ab, manchmal aber auch Windpocken oder Grippe. Die Kinder mussten dann in den Kindergarten oder in die Schule gehen, ob sich mochten oder nicht, und mussten krank sein, ob sie mochten oder nicht. (Gegen die Streiche hatten sie meist nichts einzuwenden.)

In diesem Land gab es nur einen, der die Buchstabennudeln nicht hasste, und das war der Sohn des Königs: Habakuk. Der Prinz mochte die Wörter so gerne und die sich aus ihnen zusammensetzenden Gedichte und Märchen, dass er es morgens kaum abwarten konnte, sich über seinen Teller zu beugen und die aus den wirbelnden Buchstaben entstehende Schrift zu lesen.

Eines Tages aber geschah etwas Besonderes. Nachdem die königliche Frau Mutter Habakuk die heiße Fleischbrühe in den Teller geschöpft und er sie wie gewohnt umgerührt hatte, setzten sich die hinabsinkenden Buchstabennudeln in seinem Teller zu einem Wort zusammen, das er noch nie gesehen hatte. Heldentat. Das stand da auf dem Boden des Tellers. Habakuk starrte ungläubig auf seine Suppe. Früher mussten die Prinzen tatsächlich mindestens eine Heldentat im Laufe ihres Lebens vollbringen, aber heute sind das schon ganz andere Zeiten. Die Prinzen kämpfen nicht mit Drachen und Riesen, sondern mit dem Stoff in der Schule. Sie müssen Geschichte, Erdkunde, Literatur, Biologie und Mathematik lernen, um ein guter König zu werden, und nicht irgendein Fachidiot, der sich beim Abendessen nur über die verschiedenen Drachenarten und die Kampfweise der Riesen unterhalten kann.

Da Habakuk keinen Schimmer hatte, was für eine Heldentat er vollbringen sollte, ging er nach dem Frühstück zum königlichen Zauberer, um sich Rat zu holen. Der Zauberer saß im königlichen Arbeitszimmer und schraubte am königlichen Computer herum, den irgendein Virus befallen hatte, und da auch Formulare für Kriegsangelegenheiten in diesem Computer gespeichert waren, befürchtete der Magier, sie würden am Ende noch aus reinem Zufall dem benachbarten Nieder-Petunien eine Kriegserklärung schicken.

„Guten Morgen, Magier Benedikt!“ – grüßte Habakuk, als er zur Tür hereinkam.

„Einen schönen guten Morgen, Euer Majestät!“ der Zauberer blickte unter seinem bordeauxfarbenen Spitzhut hervor. „Was verschafft mir die Ehre?“

„Weißt du, es ist gerade etwas ganz Komisches passiert. Nach dem Willen der Buchstabennudeln muss ich heute eine Heldentat vollbringen. Aber im Moment fällt mir keine einzige Prinzessin ein, die ich retten könnte, und auch kein Drachen, den ich bezwingen könnte. Sag, was soll ich tun?“

Der Magier Benedikt blickte auf seinen Wandkalender, den das Foto von zwei mit Wollknäueln spielenden Drachenkindern zierte, dann seufzte er und sagte:

„Der Tag ist also gekommen. Ich hatte ihn schon fast vergessen. Genau heute ist es siebenundsiebzig Jahre her, dass eine mächtige Hexe, die deine Urgroßmutter vergessen hatte, zur Taufe des Kronprinzen einzuladen, das ganze Land verflucht hat, weil sie beleidigt war. Aufgrund dieses Fluches bestimmen seit jenem Tag die Buchstabennudeln unser Leben, seit diesem Tag müssen wir jeden Morgen Fleischbrühe frühstücken. Ach, wie viele Hörnchen und Schokoschnecken vorher in Ober-Petunien gegessen wurden! Ich erinnere mich heute noch an den Geschmack der frischen Quarktaschen, die ich mir als Kind auf dem Weg in die Schule gekauft habe“, sagte er sehnsüchtig, und die Erinnerung lies seinen Blick ganz glasig werden. „Die meisten Bäckereien haben seitdem Pleite gemacht“, fügte er traurig hinzu.

„Und was kann ich in dieser Sache tun?“ erkundigte sich Habakuk und schüttelte verlegen den Kopf, als wolle er das Bild des fröhlich hüpfenden, weißbärtigen Magiers mit dem Schulranzen auf dem Rücken vertreiben.

„Nun, der Fluch wurde auch in offizieller Form zu Papier gebracht. Er wird im Königlichen Archiv aufbewahrt. Vor vielen Jahren bin ich beim sorgfältigen Studium des Schriftstücks dahintergekommen, dass es die Möglichkeit gibt, den Fluch aufgrund einer winzigen Klausel nach siebenundsiebzig Jahren zu brechen.“ „Was wäre diese Möglichkeit?“ fragte der Prinz neugierig. „Du als Kronprinz müsstest alle Buchstabennudeln im ganzen Land zusammensammeln und aus ihnen innerhalb von drei Tagen ein nagelneues Märchen auslegen. Aber pass auf, kein einziger Buchstabe darf übrig bleiben, du musst alle zum Schreiben des neuen Märchens verwenden.

Habakuk fühlte sich etwas erleichtert, nicht mit irgendeinem Drachen kämpfen zu müssen, denn was das anging, tat er sich in den königlichen Sportarten wie etwa im Reiten oder beim Turnier nicht sonderlich hervor, dabei sind diese der Fachliteratur nach für die Vollbringung einer Heldentat unerlässlich. In Lesen und Schreiben bekam er aber immer eine eins mit Sternchen, und Märchen hatte er schon unzählige gelesen, also machte es ihm keine Schwierigkeiten, sich ein neues auszudenken. Sofort gab er den Befehl, alle Tüten mit Buchstabennudeln im ganzen Land zu beschlagnahmen. Die Boten machten sich sogleich auf den Weg, suchten die Nudelfabrik auf, leerten alle Speisekammern, warfen alle Tüten mit Buchstabennudeln auf einen Lastwagen und transportierten sie in den königlichen Palast. Stundenlang schleppten sie die Nudeln in großen Plastiktüten in den Thronsaal, der wie bekannt der allerallerhöchste Saal in ganz Ober-Petunien ist.

Bis dahin hatte sich Prinz Habakuk auch schon ein nagelneues Märchen ausgedacht. Doch vorher ging er noch mit einem Notizheft durch den Palast und fragte alle nach ihrem Lieblingswort, das er dann in das Märchen hineinschreiben wollte. König Milan erwiderte sofort, auch wenn er dabei ein wenig rot im Gesicht wurde: Patentmuster. Der auf Süßes ganz versessene Hofkoch Gabriel stimmte für Kaiserschmarren, und Samuel, der beste Freund Habakuks, empfahl nach einigem Nachdenken den Fluxkompensator, als das Lieblingswort von Magier Benedikt aber erwies sich ratzfatz. Nun hatte er also alles beisammen, was man zu einem guten Märchen braucht.

Der Prinz schüttete daraufhin alle knochenfarbenen Buchstabennudeln auf den schwarzen Marmorboden des Thronsaals in einen Haufen, sodass es von dem feinen Nudelstaub ganz nebelig wurde, und begann das Märchen auszulegen. Drei Tage hindurch legte er geduldig ein Wort nach dem anderen aus, sogar seine Zungenspitze wurde ganz staubig, so oft steckte er sie in seinem großen Eifer heraus.

Doch ganz am Ende, als kaum mehr fünfzehn Minuten vom dritten Tag übrig waren, gingen ihm die Buchstabennudeln aus, die Wörter aber nicht. Er wusste einfach nicht, wie er den letzten Satz beenden sollte.

„Kruzifix noch einmal!“ sagte er, denn dieses Wort gebrauchte auch König Milan, wenn er ganz stark nachdachte. „Kruzifix noch einmal!“ wiederholte er, aber auch das half ihm nicht wirklich, denn die Buchstabennudeln für den letzten halben Satz fehlten ihm noch immer. Sogleich ließ er den Magier Benedikt rufen.

„Verflixt und zugenäht!“ sagte der königliche Zauberer, denn das waren seine Worte in solch schweren Situationen, und er kratzte sich am Kopf. „Wenn ich recht sehe, hat jemand einige Buchstabennudeln nicht herausgerückt. Wer kann das gewesen sein? Wer mag die Buchstabennudeln außer dir noch so gerne, dass er sich deinem majestätischen Befehl widersetzt?“

Habakuk fiel plötzlich etwas ein: Jedes Mal, wenn er im letzten Jahr in die Küche hinuntergegangen war, hatte er gesehen, dass einige Buchstabennudeln im Bart des Hofkochs Gabriel klebten. Manchmal sah er geradewegs wie eine ausländische Werbetafel aus, denn aus seinem Bart konnte man ganze, jedoch unverständliche Sätze herauslesen.

Also rannte der Prinz sogleich aus dem Thronsaal, lief zwischen den vor den hundertsechsundzwanzig Türen des Flurs Wache stehenden Palastwächtern hindurch, hüpfte am Ende des Flures die in die Küche führende Wendeltreppe hinunter und stürzte in den riesigen, lärmenden Saal, in das Reich des Hofkochs Gabriel, wo dieser mit lauter Stimme schmetterte und wohin sich selbst sein königlicher Vater nur höflich mit der Krone unterm Arm hineinwagte.

Die Mitte des Saales füllte ein riesiger Tisch mit einer Platte aus Granit, neben dem unzählige Küchenjungen in weißen Mützen und Köche rege zugange waren. Sie schälten Kartoffeln, schnitten Tomaten, rührten das Gulasch, wendeten den Braten, keine Sekunde kamen sie zur Ruhe. Niemand wollte, dass der schmetternde Hofkoch Gabriel auf ihn aufmerksam wurde, weil er faul herumstand, denn wenn der Hofkoch Gabriel seine Stimme erst einmal erhob – was er, da er recht vehementer Natur war, ziemlich häufig tat –, dann zuckten selbst die Wasser speienden Ungeheuer auf dem Dach des Palastes zusammen.

Als der Hofkoch den Prinzen erblickte, schüttelte er sich erschrocken. Er versteckte etwas hinter seinem Rücken und versuchte mit seinen riesigen, wurstigen Fingern den Bart zu glätten, in dem sich einige Buchstabennudeln verdächtig versteckten.

„Gabriel, Gabriel“, blickte Habakuk ihn mit aller kronprinzlichen Strenge an. „Willst du mir nicht etwas sagen?“

Der Hofkoch senkte schuldbewusst den Kopf und brach dann plötzlich in Tränen aus. Riesige Krokodilstränen rannen ihm über das Gesicht, wodurch die klebrigen Buchstabennudeln in seinem Bart endgültig aufweichten.

„Verzeiht mir, Eurer Majestät!“ schluchzte der Schrank von einem Mann. „Aber was soll ich nur tun, wenn ich der Buchstabensuppe nicht widerstehen kann?“ Er nahm die kleine Tüte, die er hinter seinem Rücken versteckt hatte, hervor. „Das sind die letzten paar Buchstabennudeln in ganz Ober-Petunien“, heulte er und verschmierte mit der Faust die Tränen auf seinem Gesicht. „Ich wollte sie mir nur als Andenken aufheben.“

„Ist ja gut!“ Habakuk klopfte ihm tröstend auf die Schulter. „Hör schon auf zu weinen, schließlich schmeckt die Fleischbrühe auch mit feinen Suppennudeln sehr lecker. Diese Tüte Nudeln aber brauche ich unbedingt sofort.“

Damit schnappte er sich das Päckchen aus den Fingern des Chefkochs, der sich noch immer daran klammerte, rannte aus der Küche, lief die Wendeltreppe hinauf, flitzte zwischen den vor den hundertsechsundzwanzig Türen des Flurs Wache haltenden Palastwächtern hindurch und stürzte in den Thronsaal. Auf dem schwarzen Marmorboden gab es kaum mehr Platz, er war über und über voll mit den sich krumm und schief dahinschlängelnden Zeilen aus Buchstabennudeln. Der Prinz kniete sich vor den letzten, halbfertigen Satz hin und beendete aus den Nudeln, die Hofkoch Gabriel sich zum Andenken aufgehoben hatte, schnell die Geschichte. Keine einzige Nudel blieb in der Tüte übrig.

Danach trat er mit König Milan und Königin Rosi an der Seite auf den Prachtbalkon des Palastes hinaus und verkündete unter dem Jubel der versammelten Menschenmenge und dem Schmettern der Fanfaren, dass das Land hiermit von der tyrannischen Herrschaft der Buchstabennudeln befreit sei. Ab jetzt könne jeder Butterbrötchen und Marmeladenbrote zum Frühstück essen, so viel er nur wolle.

Sogleich wurde der Bäckerverband neu gegründet und Habakuk zum Ehrenbäcker ernannt. Er bekam sogar eine große, vergoldete Backschaufel geschenkt.

Das Märchen des Prinzen wurde von den königlichen Datenerfassern sofort in den Computer eingegeben, im Prachteinband gedruckt, und jede Bücherei bekam ein Exemplar, wo auch heute noch jeder das Märchen nachlesen kann.

 

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor