Endre Ady: Eine Liebesgeschichte, ein Gedicht und viele Bücher

Kurze Texte, großer Anklang: Krisztián Nyáry schreibt auf Facebook über das Lieben und Leiden klassischer ungarischer Autoren, zur Begeisterung eines ständig wachsenden Publikums. Nun haben wir uns vorgenommen, diese Geschichten auf Deutsch zu übersetzen, und damit der deutschsprachigen Leserschaft vorzustellen - vielen Dank an Krisztián Nyáry!

Wir eröffnen die Reihe mit einer Geschichte über den Dichter Endre Ady (1877-1919). Eine Auswahl aus Adys Gedichten wurde von Wilhelm Droste 2011 neu übersetzt. Eines dieser Gedichte, Habichtshochzeit im Herbstlaub, haben wir hier als Leseprobe beigefügt. Und wenn dies die Lust an Ady wecken sollte, kann man in der Bibliographie der Ady-Übersetzungen (unten) weiterstöbern.

 

Endre Ady
von Krisztián Nyáry

Der 27-jährige Endre Ady zog 1904 nach Paris und folgte damit seiner Geliebten, der 32-jährigen Adél Brüll. Sie hatten sich im Jahr davor in Nagyvárad kennen gelernt, als die Tochter der reichen Kaufmannsfamilie ihrer Geburtsstadt einen Besuch abstattete. Hier hatte sie 1898 nach recht kurzer Bekanntschaft, verlassen von ihrer vorherigen Liebe, einem Husarenoffizier, Ödön Diósy geheiratet. Ödön war Handelsagent in Sofia, auch ihr gemeinsames Leben begannen sie dort. Von der Fortsetzung berichtete die Presse: „Ödön Diósy, seit einigen Jahren wohnhaft in Sofia, ist nach mehreren Kommissionsbetrügen geflohen. Seine Schulden belaufen sich auf etwa hundertfünfzigtausend Franken…“ Wir wissen nicht, was damals geschehen ist, jedenfalls flohen sie unter abenteuerlichen Umständen nach Paris. Hier gelang es dem Mann, wieder auf die Füße zu kommen, und er wurde erneut ein erfolgreicher Geschäftsmann. Die Situation des Ehepaares regelte sich zum Jahr 1903, und Adél erschien als Pariser Dame erneut auf dem Korso von Nagyvárad. Hier begegnete sie dem jungen Journalisten, und in kurzer Zeit verliebten sie sich ineinander. Die Frau, die die Welt bald als Léda kennen lernen sollte, lud ihren Geliebten nach Paris ein. Ady kam an und zog in die Wohnung des Ehepaars Diósy in der Rue de Lévis 92 ein. Von da an lebten sie – mit mehreren Unterbrechungen – Jahre lang zu dritt: Bandi, also Ady, Léda und ihr Ehemann Dodó. Letzterer war überhaupt nicht geneigt, sich wie ein gehörnter Ehemann zu benehmen, er duldete die Beziehung von Ady und seiner Gattin nicht nur, sondern unterstützte sie geradezu. Die Ehe der Diósys war nämlich ein Alibi: Dodó fühlte sich zu den Männern hingezogen. Das Eintreffen Adys war für ihn eine Erleichterung, zudem lernte er ihn bald schätzen. Wenn sie ins Theater gingen, oder sich amüsieren wollten, waren sie immer zu dritt. Die beiden Männer erzürnten die Frau, die leicht reizbar war, häufig gemeinsam, bei diesen Gelegenheiten bildeten sie ein wahres Schutz- und Trotzbündnis. „Und dieser Dodó, wie er diesen Kerl mag, manchmal bin ich eifersüchtig auf ihn“ – schrieb Léda in einem ihrer Briefe. Der Ehemann spendierte seiner Frau und Ady 1906 sogar eine Schiffsreise. Auf diese Zeit ist das Ende der Idylle zu datieren. Neun Monate nach der Reise brachte Léda nämlich ein totes Mädchen zur Welt. Es wurde, so wie Ady auch, mit sechs Fingern geboren. Der tragische Fall erschütterte sie alle drei. Obschon der Dichter und seine Muse noch fünf Jahre zusammen blieben, wurde ihre Beziehung zu einer Serie von mörderischen Streitereien und leidenschaftlichen Versöhnungen, zu einer „Habichtshochzeit“. Als 1912 in der Zeitschrift Nyugat Adys Gedicht Schöner Abschiedsbrief erschien, machte sich Léda noch eine Weile Hoffnungen, ihren Liebsten zurückgewinnen zu können, doch schließlich gab sie auf. Nach dem Auftauchen von Csinszka brach sie zusammen, Dodó tröstete sie. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zog das Ehepaar zurück in seine Heimat. Léda widmete ihr Leben ihren Hunden, und solange Ady lebte, sprach sie nicht einmal seinen Namen aus. Auch später kaum. Die verwitwete Csinszka hätte sie gerne aufgesucht, doch Léda beantwortete ihre Briefe nicht. Sie bekam eine schwere, unheilbare Hautkrankheit. Dodó blieb bis zuletzt an ihrer Seite und pflegte sie. Auch er verzieh Ady nicht, dass er ihr so großen Schmerz zugefügt hatte. Als Léda 1934 starb, erlaubte Dodó nicht, dass man den Kranz, den Csinszka geschickt hatte, auf ihr Grab legte. Ein halbes Jahr später lebte auch er nicht mehr.

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor



Habichtshochzeit im Herbstlaub

Los jetzt. Dem Herbst entgegenfliegen,

Kreischend und weinend uns bekriegen,

Zwei Habichte mit wunden Flügeln.


Gefangen in des Sommers Ketten,

Flügelschlagend die Liebe retten,

So wüten unsere Kussgefechte.


Jagen uns aus dem Sommer heraus,

Im Herbst irgendwo ruhn wir uns aus,

Verliebt und mit zerzausten Federn.


Das muss unsre letzte Hochzeit sein,

Ins Fleisch bohren sich die Schnäbel ein,

Dann stürzen wir ab ins feuchte Laub.


Aus dem Ungarischen von Wilhelm Droste



Endre Ady in deutscher Sprache – eine Auswahl:

Gib mir deine Augen. Gedichte Ungarisch/Deutsch, übertragen und herausgegeben von Wilhelm Droste. (Arco Verlag, Wuppertal 2011)

Rezension von Ilma Rakusa: http://www.nzz.ch/magazin/buchrezensionen/liebe_und_leid_gesang_und_rebellion_1.15825699.html

Ungarische Lyrik, Gedichte (2001, BoD – Übertragung Julius Alexander Detrich).

Ausgewählte Gedichte. Ungarisch-deutsch (1999, Shaker – Übertragung Wolfgang Brunsch)

Triften, Gedichte von Ungaretti, Quasimodo, Ady (1998, Shaker – Übertragung Wolfgang Brunsch)

Ninis Augen und andere Erzählungen (1991, Agens-Werk, Übertragung Felix Mandl)

Der Kuss der Rosalie Mihály, Gedichte und Novellen (1988, Österreichische Verlagsanstalt, nachgedichtet von Alfred Marnau)

Ausgewählte Gedichte I/II (1981+1987, Österreichische Verlagsanstalt – Übertragung Felix Mandl)

Mensch in der Unmenschlichkeit, 66 Gedichte (1979, Corvina, Übertragung Zoltán Franyó)

Der verirrte Reiter (1977, Volk und Welt, hrsg. von Paul Kárpáti, Nachdichtungen von Martin Bischoff, Günther Deicke, Franz Fühmann, Heinz Kahlau u. a.)

Gedichte, Auswahl zum 100. Geburtstag des Dichters (1977, Corvina, Nachdichtungen von Annemarie Bostroem, Geza Engl, Franz Fühmann, Heinrich Horvát, Heinz Kahlau, Martin Remané, Ernst Waldinger)

Gedichte (1977, hrsg. von Ferenc Kerényi)

Gedichte (1962, Volk und Welt, Nachdichtungen von Franz Fühmann und Heinz Kahlau)

Blut und Gold, Eine Auswahl (1962, Literatur-Verlag – Übertragung Zoltán Franyó)

Umdichtungen (1942, Theodor Lauffer – Übertragung Theodor  H. von Hoch)

Zu Gottes linker Hand, Gedichte, (1942, R. Gergely – Übertragung Felix Liman)

 Auf dem Flammenwagen der Lieder, Eine Auslese (1926, Gustav Pollack, Vorwort von Michael Babits – Übertragung Albert Hetényi)

Deutsche, französische und englische Ady-Übersetzungen, Gedichte, (1925, Selbstverlag, hrsg. und übertragen von Paul László)

Von der Ér zum Ozean (1925, M. Perles – Übertragung Hugo Matzner)

Auf neuen Gewässern, Gedichte in Auswahl (1921, E. P. Tal und Co – Übertragung Zóltan Franyó und Heinrich Gerhold)

Im Internet: http://visegrad.typotex.hu/visegrad.php?page=authorPage&auth_id=117