Attila Ménes: Dauerwelle kalt
Romanausschnitt

 

[…] Sie fragte sich nicht, wozu sie hierher kam. Das lag auf der Hand. Überall anders kommandierte man sie herum, starrte man sie an, beobachtete man sie ganz offen, kritisierte und parodierte man sie. Aus dem gleichen Grund stieg sie auch weder in die Straßenbahn noch in den Bus, denn immer gab es irgendeinen Grapscher, der sich an sie randrückte, so wie der Sportlehrer oder der Chemielehrer im Sammlungsraum. Dort drinnen konnte sie, wenn sie vorsichtig war, keiner sehen, sie aber sah alles.

Jahr für Jahr gab es nur wenig Geld, die Parkanlagen zu gestalten, im Wesentlichen war der Friedhof ein einziges verwildertes Buschwerk. Juli dachte trotz allem angstvoll daran, dass man einmal doch beginnen würde, das Gestrüpp auszurotten. Sie hatte vom Regenwald am Amazonas gehört, dass er jährlich schrumpfte. In der Sendung Delta hatte Júlia Kudlik erklärt, dass die Hirten den Dschungel ausrotteten, um an Ackerland zu gelangen. – Im vergangenen Jahr – behauptete die Moderatorin , ist der Wald auf einer Fläche von der Größe unserer Hauptstadt verschwunden.

Juli fühlte sich, sobald sie auf der anderen Seite der Mauer angelangt war, den Boden der Zisterzienser erreicht hatte, sogleich unsichtbar und beschützt. Die Mücken mochten sie nicht, sie schwirrten ihr vor der Nase herum, eine ganze Wolke von Mücken tanzte in der Höhe ihres Mundes, und es war, als sei sie selbst gar nicht dort. Auch Zecken hatte sie nur selten, höchstens gegen Ende des Sommers. Einmal hatte sie eine am Oberschenkel, schon unter ihrem Schlüpfer gefunden; sie hatte sie zerdrückt und es war ihr nichts geschehen.

Sie kannte dieses Dickicht, so gut sie es kennen konnte, die vielen Geheimnisse, die es barg, die vielen merkwürdigen Geräusche und Bewegungen. Sie meinte, das Rufen körperloser Frauen, das Wimmern von Säuglingen und andere Geräusche von Ungeheuern, das Knurren von Wildtieren, Schnaufen zu hören. Dessen ungeachtet konnte sie ganz ungestört für sich sein; sie saß in einem ihrer Verstecke, und es gab nichts, wovor sie sich hätte fürchten müssen. Sie besaß keine Uhr, so durfte sie bis zum Dunkelwerden bleiben, da erwartete ihre Mutter sie zu Hause, doch bis dahin kam ihr die Außenwelt gar nicht in den Sinn. Hier konnte sie nach Lust und Laune vor sich hinträumen. Wenn sie Durst bekam, trank sie nach Eisen schmeckendes Wasser aus einem verrosteten Wasserhahn, der ebenfalls vom Gestrüpp zugewachsen war. In den Büschen konnte sie auch ihr Geschäft in Ruhe verrichten. Abgemagerte Katzen mit zottigem Fell jagten überall; sie lauerten auf Fasane und Feldmäuse; sie würdigten sie nicht einmal eines Blickes, wenn sie sie lockte. Juli wusste, die schaurigen Stimmen stammten auch von ihnen, die Katzen ficken und solcherlei, dachte sie.

Dieses Jahr waren die jungen Krähen früh gekommen. Es war erst Ende August, sie kamen aus Richtung der Felder, in Scharen belagerten sie die Kastanienbäume, dort oben zogen sie ihre Kreise, die Luft füllte sich mit ihrem Gespräch. Schokoladenfarbenes Licht rann die Baumstämme, die Waldreben hinunter. Juli mochte diese Farbe, diese Stimmen.

Die kommenden Tage bringen Abkühlung, wurde im Fernsehen gesagt, mit Morgenfrost ist zu rechnen. Juli dachte daran zurück, wie sie sich im Winter hier erkältet hatte, als ihre dünnen Lackschuhe durchgeweicht waren. Jetzt saß sie, weit ab vom Weg, in ihrer Lieblingshöhle, die die Form eines Iglus hatte, es war ein sich weit ausbreitender Busch mit einem kleinen Spalt, das war der Eingang zu ihrem Versteck. Dort drinnen gab es so viel Platz, dass sie ruhig aufstehen und sogar ein paar Schritte gehen konnte.

Jetzt saß sie nachdenklich da, wie im Mittelpunkt der Welt; der Wind brachte von der Fabrik die gewohnten metallenen Klänge her. Dieser Betrieb war ein riesiges Gebäude, es erhob sich weit über die Pappeln, obschon Juli es von dort aus nicht sehen konnte. Wenn sie im hinteren Teil des Friedhofs war, dann hielt sie manchmal neugierig nach dem Schornstein Ausschau und nach den hohen Fenstern, Menschen hatte sie noch nie von dort herausschauen gesehen. Und auf dem Dach prangte eine pilzförmige Sirene; Juli dachte, sie würde im Fall eines atomaren Angriffs eingeschaltet. Eine Geisterfabrik. Sie beobachtete das Gebäudemonstrum immer mit Schauder, es schien ausgestorben, am rostigen Eisentor hingen eine rostige Kette und ein Schloss. Und doch hörte sie häufig das Kreischen der Kreissäge, das Metallquietschen und manchmal auch ein Getöse, als wäre ein Panzer vom Himmel gefallen. Lange Zeit hatte sie sich vorgenommen, einmal hinüberzuklettern und zu erkunden, was dort vor sich gehe; dann aber hatte sie sich die Sache doch lieber ausgeredet. Sie war nicht mutig genug. Lieber gab sie sich mit dem dichten grünen Dickicht zufrieden, ein Königreich sollte einem Menschen genügen.

Dieses Reich hatte nur wenige Bewohner. Juli kannte sie alle vom Sehen: Ganz hinten beispielsweise war der Lungenkranke, ein obdachloser Mann, mit ihm hatte sie sich sogar einmal unterhalten. Hier am Ende des Friedhofs, jenseits des Kolumbariums, über das heruntergerissene, verwitterte Eisentor hinaus gelangte sie zur einstigen Mülldeponie. Das gehörte eigentlich schon gar nicht mehr zum Friedhof, nur setzte sich das Gebüsch bis zum Eisenbahndamm fort. Hierher trugen die Steinmetze den Marmorschutt, aus verrotteten Kränzen türmten sich hier Komposthaufen auf, verblichene Seidenbänder flatterten im Wind.

Als sie das erste Mal hier gewesen war, tauchte aus dem Unkraut ein zerzauster Menschenkopf auf, ein ockerfarbenes, eingefallenes, bärtiges Gesicht; hier wohnte der Obdachlose mit seinen zwei Hunden. Er schaute sie mit einem derart glühenden Blick an, dass sie erstarrte und sich für einen Moment wirklich zu Tode erschrak. Doch der Mann wollte ihr nichts tun, er war verrückt und sehr schwach. Sie wechselten kaum ein paar Worte. Der Mann klagte, dass er sich in der Nacht erkältet hätte, er fragte, ob sie nicht zufällig ein bisschen Brot bei sich habe. Sie störte den Armen dann nicht weiter, dachte nur manchmal an ihn. Vielleicht kaut der Alte gerade an einer Brotkruste, liegt im Laub und liest Zeitung. Oder vielleicht ist er seitdem auch schon gestorben. Nach dem Sturm war ihr eingefallen, sie müsste ihn doch besuchen, da der Sturm so stark gewesen war. Das war noch im vergangenen Sommer passiert, am Abend war der Wind aufgekommen und hatte die Nacht über getobt; die Dachziegel waren die ganze Straße entlang heruntergefallen, das zerbrochene Fensterglas klirrte. Es war ein wahrer Tornado, auch im Fernsehen wurde gesagt, wie viele Kilometer die Windstöße betrugen, wie oft die Feuerwehr alarmiert wurde, was für Schäden entstanden waren. Am Tag darauf rannte sie, sobald sie konnte, auf den Friedhof, um sich ein Bild von der Situation zu machen.

Dort draußen empfing sie ein fürchterlicher Anblick. Als wäre das Gebüsch zusammengepresst und ausgequetscht worden, alte Bäume waren samt Wurzeln umgekippt, die Vogelwelt war verstummt, im Gras lagen verstreut Eichhörnchenleichen. Sie hatte Waffeln mitgenommen, denn sie dachte, sie könnte sie dem Verrückten geben. Aber als sie sich umsah, vergaß sie ihren Plan und in ihrer traurigen Stimmung verschmauste sie das Gebäck selbst.

Juli sah nur selten Beerdigungen; als ob derzeit durch irgendein Wunder weniger Menschen starben. Doch zu der Friedhofswelt gehörte auch die diskrete kirchliche Präsenz. Zeitweilig hörte sie traurige Männerchöre, hier und da gemischte Chöre, von ihrem Versteck aus konnte sie auch den Zug der Sargträger in ihren herausgeputzten Uniformen beobachten. Zackig schritten sie hinter dem schwarzen Wolgakombi her, es schien, als wäre das ihr Beruf. Die Totengräber waren eifrig zu Gange, mit den Spaten klopften sie die Erdhügel glatt, umgeben von einigen Trauernden. Um das Krematorium machte das Mädchen jedoch einen großen Bogen. Dort rauchten die Angestellten, und sie hatte Angst, sie könnten mit ihr schimpfen, sich ihr Gesicht merken oder etwas fragen.

Auf dem Heimweg hatte sie es nie eilig, sie bummelte gerne durch die Straßen und ohnehin traf sie ihre Mutter nur manchmal zu Hause an. Diese machte entweder Überstunden oder hatte ein Rendezvous mit irgendeinem Kerl, so etwas kündigte sie selten vorher an. Juli befürchtete nur, sie könnte wieder betrunken auftauchen, wolle sich dann mit ihr unterhalten und sie müsste sich ihre Klagen anhören. Natürlich wartete in diesen Fällen auch kein Abendessen auf sie; sie war gezwungen, sich rasch selbst etwas zu machen. Meist briet sie auf ausgelassenem Speck Kartoffeln und schlug sich ein Ei darauf, doch die Kartoffeln blieben oft halbroh. Sie ließ für ihre Mutter auch immer einen halben Topf voll übrig, die den Rest nur so hinunterschlang, ihn gut salzte und pfefferte. Es kam vor, dass sie ihn weinend aufaß, das Ganze dann erbrach und auf der Toilette weiterschluchzte.

Juli hatte das Gefühl, böse auf sie zu sein, sie dafür zu hassen, dass sie so unglücklich war, dabei konnte sie für nichts. Über dieses Verhältnis führte sie auch Tagebuch. Sie schrieb immer dann etwas hinein, wenn sie wirklich schon genug hatte; dann gelangte alles Schlechte, das sie von ihrer Mutter dachte, in das Tagebuch. Das kleine Vokabelheft versteckte sie in der großformatigen, grün gebundenen Ausgabe von Winnetou, dort drohte keine Gefahr, dass es zufällig zum Vorschein kam. Zuweilen nervte sie alles, was ihre Mutter machte, was sie sagte oder wie sie aussah: ihr molkefarbener Unterrock, der sektfarbene gesteppte Morgenmantel, die ausgetretenen Schuhe, die unmögliche Handschrift. Wie kann eine Frau nur so hässlich schreiben! Ihre bauchigen Buchstaben, die ihre Beine, die Schnörkel, unter sich zogen, waren unleserlich und lächerlich: „Sehr geehrter Genosse Ács!“, „Liebe Eltern!“, „Julika, mein Schatz!“. Es war, als seien diese Buchstaben von weit weg hierher gerannt und wären jetzt todmüde auf dem Papier zusammengefallen, um abzuwarten, was für ein Schicksal sie ereilen würde.

Zusehen mochte sie auch nicht, wie diese Zeilen entstanden. Ihre Mutter schrieb wie ein Idiot, langsam und mit angespanntem Körper, fast angestrengt, sie steckte dabei sogar ihre Zunge heraus oder bleckte die Zähne. Sie machte unglaublich viele Rechtschreibfehler, trotz ihrer konzentrierten Aufmerksamkeit ließ sie Buchstaben aus und vernachlässigte die Längenzeichen. „Nicht mal schreiben kann sie ordentlich“, notierte Juli in ihrem Wuttagebuch. „Was kann die überhaupt? Eine große Null ist sie!“ Wenn sie an den Generaldirektor des Unternehmens schrieb, wozu sie häufig eine Veranlassung verspürte, adressierte sie den Brief konsequent an den Genossen Ács, dabei handelte es sich um den Genossen Áts. Auf ihren Einkaufszetteln blieben die Kartoffeln ewig Kartofeln, Zucker Zuker und Mehl Mell. Und was erreicht sie damit, wenn sie an das Ende ihres Schreibens an den Ratsvorsitzenden, den Generaldirektor, fünf oder sechs Ausrufezeichen setzt. Sie macht sich nur lächerlich.

Juli hatte den Verdacht, die Medikamente könnten schuld daran sein. Jeden Abend schluckte ihre Mutter einige Pillen; die verblöden sie, die vielen Schlafmittel, Beruhigungsmittel. Nachts wälzte sie sich doch im Bett und jammerte, am Morgen aber stand sie benommen auf. Sie blickte Juli an, als würde sie sie nicht einmal erkennen, zerzaust, immer zu spät, rannte sie Hals über Kopf von zu Hause weg. Manchmal zog sie nicht einmal die Klospülung und spülte auch die Wanne nicht aus. Ihre krausen Schamhaare prangten dort im Seifenschaum des Abflusses, sehr ekelhaft. Ihre Haare waren zottelig, selbst wenn sie sie richtete, standen sie immer kreuz und quer. „Eine hässliche Frau“, schrieb Juli in ihr Tagebuch, „auch ihre Nase ist zu groß“. Allein ihre Beine sind schön, dachte sie, nur zu behaart, ihre Zehen sind aber klobig, ihre Fußnägel lackiert sie knallrot. Wozu denn, durch die Schuhe sind sie eh nicht zu sehen. Auf der knochigen Hand ihrer Mutter quollen die Adern heraus, sie sprangen fast unter der Haut hervor. Und wie dünn sie ist! Ihre Kehle steht heraus! Ihr Hals ist zu lang, wie bei einer Gans, und manchmal ist er von rosafarbenen Flecken bedeckt, an denen sie kratzt.

Juli machte mit gewisser Schadenfreude eine ganze Liste von diesem Körper, denn sie konnte nie vergessen, was die Mutter, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, zu ihr gesagt hatte: „So durchschnittlich.“ Sie hatten aus rotem Krepppapier ein Faschingskostüm gebastelt und sie hatte gefragt, Mama, bin ich schön? So durchschnittlich – so darf eine Mutter nicht reden.

Auch die ständige Gewohnheit ihrer Mutter war in das Tagebuch gelangt, das Zähneknirschen: nachts fast immer, manchmal auch am Tag. Juli zuckte zusammen, wenn sie es hörte. „Davon brechen ihre Zähne so“, schrieb sie, „und überhaupt sind sie gelb vom Rauchen.“ Dabei hatte dieses schartige Lächeln früher makellos und weiß gestrahlt. Jetzt füllten künstliche Zähne in abstechender Farbe die Lücken. Nichts zu machen, ein hoffnungsloser Fall! Dann das Schnarchen ihrer Mutter! Sie schnarchte die Morgen durch wie ein Mann. Und die Sache mit der Brieftasche! Sechshunderteinundvierzig Forint, vierzig Fillér, und ein Parteibuch. Der Ausweis mit dem roten Einband hatte ihre Mutter zu Tode erschreckt. Sie hatte Juli die Geschichte öfter erzählt, und in ihrer Aufregung rauchte sie jedes Mal ein ganzes Päckchen Fecske.

Sechshunderteinundvierzig Forint!

Die Sache hatte sich so zugetragen, dass sie vom Metzger herauskam und in Richtung Blumenladen ging. Sie wollte sich nur das Schaufenster ansehen, in der Toreinfahrt des dritten Hauses dann erblickte sie irgendein dreckiges Ding. Zuerst dachte sie, es sei Müll, doch als sie näher kam, sah sie, dass es sich um eine lederne Brieftasche handelte. Bevor sie sie aufhob, sah sie sich dreimal um. Es kam gerade niemand, sie schnappte sie sich und spürte, dass sie voll und schwer war. Manchmal machen Kinder ihre Späße mit so etwas, und wenn ihnen jemand auf den Leim geht, dann reißen sie die Brieftasche aus dem Fenster eines oberen Stockwerks hoch und lachen laut. Aber diese Brieftasche riss niemand hoch, sogar die Fenster hatte sie gut beobachtet, sie fand so selten etwas. Schnell warf sie einen Blick hinein, doch das Geld zählte sie da noch nicht, sie sah nur, dass es viel war. Das Parteibuch bemerkte sie erst später, es befand sich getrennt vom Geld in einem anderen Fach. Das jagte ihr einen derartigen Schrecken ein, dass sie sich gar nicht gleich traute, nach Hause zu gehen, sie wusste nicht, was sie machen sollte. Sie wählte alle möglichen Umwege, ging bis zum Metzger zurück, dann hoch in die Stadt bis zum Elektrogeschäft Keravill und schaute, ob ihr auch niemand folgte. Nach einem so großen Umweg kam sie erst spät zu Hause an, doch sie sagte, sie werde zunehmend nervöser und könne sich nicht beruhigen.

Sechshunderteinundvierzig Forint sind das Kostgeld für einen Monat, aber was passiert, wenn der, dem das Parteibuch gehört, das bei der Polizei meldet. Und die spüren mit Hunden schnell auf, wohin die Brieftasche verschwunden ist. Juli versuchte, sie zu beruhigen, es würde sich nie herausstellen, bei wem das Geld sei. Das Parteibuch würden sie allenfalls im Wald wegschmeißen oder in die Kanalisation werfen. Diese Argumente blieben aber ohne Wirkung. Ihre Mutter starrte auf das Fenster, als würden sie schon kommen, um sie zu holen. Es wurde Abend, die Straße war menschenleer, grauer Regen nieselte. Das Ende der Geschichte war, dass ihre Mutter den Entschluss fasste, sich anzuziehen, um auf das Polizeirevier zu gehen, sonst würde man sie ins Gefängnis sperren, erklärte sie.

Das tat sie dann auch und kam tatsächlich stundenlang nicht nach Hause. Dort drinnen wurde sie mehrmals nacheinander verhört, aber wie ein Taschendieb. Sie musste Papiere unterschreiben, sie lachten über sie, sie aber konnte nur weinen. Mehr war ihr nicht passiert. Tagelang erwähnte sie die Geschichte, wartete auf irgendeinen Dankesbrief, auf ein dankbares Telegramm, aber es kam keinerlei Reaktion. „Die dumme Gans denkt“, schrieb Juli, „sie sei ein ehrlicher Finder.“

Natürlich war nicht diese aufgebrachte Ablehnung das einzige Gefühl, das sie ihrer Mutter entgegenbrachte. – Ich bin so dumm und unglückselig! , wenn sie das hörte, dann liebte sie sie über alles, sie umarmte sie mütterlich und kuschelte sich an sie, um sie zu trösten. Mit ihr gemeinsam zu weinen, dazu war sie jedoch nicht in der Lage.

Juli erinnerte sich im Iglu sitzend an ihre eigenen Liebesausbrüche, an ihre verschiedenen Aktionen, mit denen sie versuchte, ihre Zuneigung zu zeigen. An die Hühnerknochen, die sie aus dem Hort stürmend in das nahegelegene Bürohaus getragen hatte, in die Buchhaltung im Erdgeschoss, wo ihre Mutter arbeitete. Sie mochte acht oder neun Jahre alt gewesen sein und hatte schon seit langem beobachtet, dass ihre Mutter nach dem Verspeisen des Schenkels immer den Knorpel am Knochenende abbiss, so gelangte sie an das Knochenmark, das sie begeistert heraussog, womit sie das Sonntagsessen abschloss.

Mit den aus dem Hort herausgeschmuggelten Knochen tauchte sie unerwartet im Büro auf. Der strenge Pförtner kannte sie schon, er gab ihr einen Wink, sie dürfe das Gebäude betreten. Ohne zu grüßen, stürmte sie in die Behörde, rauschte an Onkel Lajos vorbei, er war der Hauptabteilungsleiter. Sie rannte die Schreibtische entlang, an denen die Kolleginnen jeweils zu dritt saßen. Triumphierend mit den Knochen winkend stand sie auch schon vor ihrer Mutter. Von den benachbarten Tischen beobachteten die Fräulein sie aufmerksam, manch eine machte auch eine Bemerkung, Juli hörte sie nur von weitem. Jemand sagte, seht nur, pfui, wie eklig! Ihre Mutter aber freute sich über das Geschenk und machte sich sogleich mit sichtlichem Genuss daran, an den Knorpeln zu knabbern, auch an den Knochen, sie ließ kaum etwas übrig. – Ihr könnt das nicht verstehen – wandte sie sich an ihre Mitarbeiterinnen, doch erachtete sie es auch nicht für notwendig, mit ausführlicheren Erklärungen zu dienen. Juli wusste, dass ihr nichts geschehen konnte, weil ihre Mutter auf sie aufpasste, sie spürte, dass sie in Sicherheit war. Im vorigen Winter hatte sie drei Wochen lang das Bett gehütet, dabei war ihr Fieber nach einer Woche schon gesunken und nach zehn Tagen war sie vollkommen gesund. Sie solle nur lieber zu Hause bleiben, hatte ihre Mutter gesagt und ihr sogar ein ärztliches Attest für die Schule beschafft.

Juli war nur selten krank, die meiste Zeit war ihr langweilig, im Fernsehen wurden vormittags Schulsendungen gezeigt, damit musste sie sich zufrieden geben. Es ging um die kovalente Bindung, die Ionenkristalle, die Revolution von 1848, innerhalb dieser um die Rolle Petőfis, und um den Kraftarm und den Lastarm. Auch im Radio gab es nichts Interessantes, nach acht zählte der Ansager morgens die Theaterveranstaltungen auf, danach folgte die nicht enden wollende Wasserstandsmeldung (bei Rahó steigt die Theiß, andernorts sinkt sie, bei Komárom ist das Zusammentreffen von Schleppern untersagt). Dann ungarischer Verbunkos und volkstümliche Lieder, danach die Chorwerke von Gilbert und Sullivan, wen interessiert das schon.

Während die Krankheit andauerte, hatte sie Schüttelfrost, das Fieber, das sie stündlich messen und auf einem Blatt notieren musste, ließ sie schweben und zog sie dann ganz hinunter. Sie hätte Tee trinken sollen, doch den schüttete sie aus, und das geröstete Brot spülte sie im Klo runter, ansonsten lag sie bibbernd, mit glühender Haut reglos da und achtete auf die dumpfen Geräusche im Haus. Gegen Mittag hatte ihre Mutter eine halbe Stunde Zeit, sie nutzte die Mittagspause, um mit der Straßenbahn nach Hause zu fahren. Juli konnte es kaum erwarten, nicht wegen der Suppe, die sie ihr rasch warm machte, und auch nicht wegen des albanischen Cremegebäcks, das sie mitbrachte, ihr fehlte viel mehr ihr frischer Duft und dass sie ihr ein wenig den Rücken kratzte, solange sie bleiben konnte. Es war ein Ausnahmezustand. Juli bemerkte trotz ihrer fiebrigen Benommenheit, wie sehr sich ihre Mutter um sie sorgte. Ihre gespielte Leichtigkeit konnte die Verzweiflung nicht verhüllen, dass sie jetzt sehr schlimm krank war. Das machte sie stolz, könnte sie doch immer so krank sein, vielleicht sogar im Sterben liegen und im Krankenhaus gepflegt werden. Prahlend zeigte sie ihre Fieberstatistik. Gegen zehn war es zwar ziemlich angestiegen, über 39 Grad, doch um elf war es bis zu dem roten Punkt, der die Temperatur anzeigte, zurückgesunken, bald würde sie gesund werden, versprach Juli.

All diese guten Taten ließen Juli aber nicht vergessen, wie unzuverlässig ihre Mutter war, manches Mal geradewegs unberechenbar. Zuweilen hatte sie grandiose Ideen, zum Beispiel, täglich aufzuschreiben, was sie im Laden gekauft, wie viel sie ausgegeben, welche Unkosten sie hatte. Sie rechnete damit, auf diese Weise Geld zu sparen, ihr Gehalt streng einteilen zu können, sie beteuerte, keinen einzigen Fillér überflüssig auszugeben, darauf hoffte sie immer wieder aufs Neue. Abends saß sie über das Blatt gebeugt da, zählte die Posten dreimal zusammen und kam alle drei Male zu einem anderen Ergebnis. Nach einem derart aussichtslosen Vergleich der Einnahmen und Ausgaben lehnte sie sich zurück und starrte mit leerem Blick vor sich hin, wir werden nie aus diesem Elend herauskommen, jammerte sie. Dass sie finanzielle Probleme hatten, das wusste Juli, das Geld ist immer und ewig zu wenig. Gerade so viel, dass sie ihre Raten und die Nebenkosten bezahlen, die Lebensmittel kaufen können. Im letzten Jahr hatten der Kauf des modernen Kleiderschranks und ihres Wintermantels sowie das Tapezieren für Schwierigkeiten gesorgt, dieses Jahr verursachte das Bezahlen des Plattenspielers Probleme. Auch die Großeltern konnten nicht mehr helfen.

Die Situation war leichter gewesen, als ihr Großvater noch im Kiosk gearbeitet hatte. Er hatte den Laden mit einem ehemaligen Kameraden aus der Armee betrieben, doch der hatte gestohlen und auf eigene Tasche gearbeitet. Auch die Augenprobleme des Alten traten wieder auf, das Geschäft ging flöten. Auch Gold blieb ihnen keins mehr. Julis Mutter hatte ihren schlangenförmigen Ring, die mit kleinen Brillanten verzierten Ohrringe und die Kette mit dem Medaillon, das eine winzige, in Spitze gefasste Tänzerin darstellte, leichtfertig ins Pfandhaus gegeben, und es blieb ihr keine Hoffnung mehr, sie irgendwann einmal auslösen zu können. Erzähl das bloß Papa und Mama nicht flehte sie Juli an , das wäre ein Skandal! – und das Mädchen spürte das tief empfundene geheime Bündnis.

Sie machten eher die offensichtlichen Lügereien ihrer Mutter wütend und das verzweigte, undurchsichtige Beziehungssystem zu ihren Kreditgebern. Dass sie bei jedem überprüfte, ob er ihr etwas leihen könnte – die alten Bekannten zuckten nur noch mit den Schultern. Juli war bei diesen Gelegenheiten natürlich nicht anwesend, doch sie ahnte, dass sich ihre Mutter auf fürchterliche Weise erniedrigte. Sie stellte sich vor, wie sie um den Kredit jammerte, und sie ahnte auch, dass dies kein gutes Ende nehmen würde.

Wenn sie auch nicht Zeuge dieser Kreditanfragen war, so kam sie um die Reklamation der empörten Kreditgeber nicht herum. Sie durchschaute von selbst, wie ihre Mutter die Kreditangelegenheiten regelte, was ihre Taktik war. Zuerst machte sie sich an die unmittelbaren Nachbarn heran: Von links kamen der bucklige Bibliothekar, der Hornlehrer dran, dann von gegenüber das Rentnerehepaar. Danach schien sie sich wie in einer Spirale voranzubewegen und diesen Kreis Stück für Stück zu erweitern.

Jetzt hätte sie gerade ihr Ferienlager in Košice bezahlen müssen. Sie hatte sich den ersten Stock ausgeguckt, dann den zweiten Stock, hier kannte sie schon kaum jemanden mehr, doch vom Instinkt des Geldauftreibens angetrieben knüpfte sie immer neue Kontakte. Zuerst leitete sie die Beziehung zu den ausgewählten Mitbewohnern ein, indem sie sich grüßten, dann hielt sie den betreffenden Nachbarn mit allerlei Nichtigkeiten im Flur auf, danach versuchte sie, einen vertrauteren Ton anzuschlagen. Später schlugen diese Transaktionen ihre Wogen auch außerhalb des Hauses, breiteten sich erfolgreich in der Straße und in der ganzen Wohnsiedlung aus, Juli befürchtete, und schrieb dies auch in ihrem Hasstagebuch nieder, dass ihre Mutter schon bei der halben Stadt Schulden hatte.

Und tatsächlich, zur Begleichung der Kredite war ihr Gehalt schon seit langem zu gering. Die Situation konnte nur mit weiteren Krediten und unter Einbeziehung neuer Kreditgeber übergangsweise geregelt werden. Juli überraschte schließlich auch das nicht, dass sich auf dem Weg in die Schule die dicke Verkäuferin aus dem Fenster des Zeitungspavillons herauslehnte und ihr hinterher rief, mein Mädchen, sag deiner Mutter doch mal, sie soll mir meine hundertfünfzig Forint zurückgeben.

An ihrem Arbeitsplatz, im Büro, konnte Julis Mutter sich schon seit langem von niemandem mehr etwas leihen, denn wegen der sich verzögernden Tilgung hatte sich eine ihrer Kolleginnen an Onkel Lajos gewandt, und sie war mündlich abgemahnt worden.

Nach diesem Fall, etwa ein halbes Jahr später, machte ihre Mutter eine neue Bekanntschaft, und ihre finanziellen Probleme schienen sich wie auf einen Schlag zu lösen. Juli bekam neue Kleider, neue Schuhe, auch ihre Mutter kleidete sich neu ein und wie sie sagte, habe sie endlich allen ihr Geld zurückgezahlt.

Dieses Mal hatte ihr nicht irgendein wohlwollender Nachbar aus der Patsche geholfen, sondern ein Mann mit abgekämpftem Äußeren, doch gut gekleidet, den auch Juli bald kennen lernen sollte.


Aus dem Ungarischen von Éva Zádor