Péter Korniss und Pál Závada: Eine Reihe Zigeuner – vierundzwanzig Ungarn von heute
Corvina Verlag, Budapest 2011, 155 Seiten

Im heutigen Ungarn Roma zu sein, doch nicht nur in Ungarn, sondern an der gesamten östlichen Peripherie der Europäischen Union beziehungsweise jenseits der östlichen Grenzen der EU ist im Allgemeinen ein überaus bitteres Brot. Die Roma gehören zur notleidendsten Schicht der Gesellschaft, außer mit der häufig tiefsten Armut, haben sie auch mit den lauten, in vielen Fällen allzu lauten, ja sogar gewalttätigen Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft zu kämpfen. Sie sind diejenigen, die im gegebenen Fall keine Arbeit bekommen, egal wie sehr sie sich bemühen, egal wie gerne sie arbeiten würden, nur weil ihre Haut überwiegend etwas dunkler ist. Als ob das etwas bedeuten würde.

In den Vereinigten Staaten ist 2008 das Buch The Black List von Timothy Greenfield-Sanders und Elvis Mitchell erschienen, in dem Lebenswege von Afroamerikanern vorgestellt wurden. Zum einen inspirierte dieser Band in Ungarn den Fotografen Péter Korniss und den Schriftsteller Pál Závada zu ihrem Buch Eine Reihe Zigeuner, zum anderen aber auch eine Reihe zutiefst bedauerlicher, furchtbarer und schändlicher Ereignisse. In den Jahren 2008/2009 griffen Serienkiller Roma, die am Dorfrand lebten und völlig ausgeliefert waren, mit Molotowcocktails und Schusswaffen an. Bei diesen Angriffen kamen sechs Personen ums Leben, unter anderem ein fünfjähriger Junge.

Dies ist schon an sich erschütternd, noch erschütternder aber ist vielleicht die Reaktion der Gesellschaft. Denn selbstverständlich heißt die entscheidende Mehrheit die Morde, insbesondere die Kindermorde nicht für gut, doch kann man auch nicht behaupten, dass Wut oder Entsetzen oder gar Mitgefühl einhellig und allgemein verbreitet gewesen wären. Viele blieben gleichgültig, im schlechteren Fall behaupteten sie, die Opfer hätten den Ärger selbst verschuldet. Doch womit? Allein mit der Tatsache, als Roma geboren worden zu sein.

In dieser Atmosphäre, in diesem Umfeld zeugt es einerseits von Mut, andererseits von einer ausgesprochen gesellschaftlichen Verantwortung ein Buch dieser Art herauszugeben. Der Titel ist ähnlich dem amerikanischen Vorbild auch in diesem Fall provokativ. „Grund für die Wahl des Titels ist auch die gemeinsame Scham, die uns überkam, als wir den vielleicht furchtbarsten ungarischen Vers unserer Zeit hörten… Eine Reihe Akazien, / eine Reihe Weiden, / eine Reihe Zigeuner, / und ein Reihenfeuer.“ – schreibt Pál Závada in seinem Vorwort.

Der Leser macht mit vierundzwanzig heutigen Lebenswegen Bekanntschaft. Mit vierundzwanzig Ungarn von Heute. Mit Roma von Heute, die alle Ungarn sind, denn wer hätte das Recht, sie ihre ungarischen Identität zu berauben? Sie sind allesamt Menschen, die stolz darauf sein können, was sie, obschon die Umstände in ihrer Kindheit oft überaus schwer waren, erreicht haben, und während sie sich als Ungarn bezeichnen, schämen sie sich auch nicht ihrer Roma-Identität. Unter diesen vierundzwanzig Roma gibt es berühmte Persönlichkeiten wie einen Dichter, eine Sängerin, eine Schauspielerin, einen weltbekannten Jazz-Musiker, doch auch einen Agraringenieur, einen Offizier, einen Polizisten, einen Arzt, einen Lehrer oder einen fleißigen und ehrenhaften Unternehmer. Allesamt sind sie Persönlichkeiten für sich, und doch ist ihnen neben ihrer Herkunft noch etwas anderes gemeinsam: Sie haben das erreicht, was sie sich als Ziel gesetzt hatten. Sie könnten auch Vorbilder für viele Kinder sein, ob Roma oder Nicht-Roma, aber das primäre Ziel des Bandes ist nicht die Präsentation von Vorbildern. Es geht vielmehr darum, dass die der Mehrheitsgesellschaft angehörenden Leser begreifen müssen, wie sinnlos und grauenhaft Rassismus und Hass auf Menschen sind, von denen man denkt, sie seien anders.

Der Band, eingeleitet mit einem längeren Vorwort von Pál Závada, zeigt die Roma, deren Lebensweg von dem Autor – ergänzt mit wörtlichen Zitaten – niedergeschrieben wurde, jeweils mit einem Porträt des renommierten Fotografen Péter Korniss.

Der Fotograf Péter Korniss wurde am 4. August 1937 im Cluj Napoca, Rumänien, geboren. 1949 kam er mit seiner Familie nach Budapest. Zunächst studierte er Jura, wurde jedoch 1956 von der Universität geworfen und arbeitete deshalb als Hilfsarbeiter. Seit 1961 arbeitet er als Fotograf und hat sich besonders im Bereich der Dokumentarfotografie einen Namen gemacht. Korniss wurde für seine Bilder mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. 1974 mit dem Béla-Balázs-Preis und 2004 mit dem Pulitzer Gedenkpreis. Er ist seit 1984 Mitglied des World Press Photo International Advisory Committee und wurde 2007 Gründungsmitglied der World Photographic Academy.

Eine Auswahl seiner Werke: Heaven’s Bridgeroom, Corvina Verlag, Budapest 1975; Passing Times, Corvina Verlag, Budapest 1979; The Guest Worker, Mezőgazdasági Kiadó, Budapest 1988; Het International Danstheater, Amsterdam 1991; Inventory. Transylvanian pictures 1967–1998, Officina Nova – Kreatív Média Műhely, Budapest 1998; Attachement 1967–2008, Helikon Verlag, Budapest 2008. Eine Reihe Zigeuner – vierundzwanzig Ungarn von Heute (gemeinsam mit Pál Závada), Corvina Verlag, Budapest 2011.