Eine Reihe Zigeuner – vierundzwanzig Ungarn von Heute


„Oft verspüre ich ein Gefühl der Ohnmacht, ich weiß nicht, was die Lösung auf die grundlegenden Probleme wäre. Die Situation der Zigeuner ist in vielerlei Hinsicht verdorben. Zu unserer Zeit, in den achtziger Jahren, war es keine Frage, dass die Zigeunerkinder zur Schule gehen müssen, wir schlossen sie auch alle ab. Und jetzt kehrt gleich der Analphabetismus zurück – in die oberen Klassen gelangen sie kaum noch. Was wird hier passieren, wenn auch die Schulförderung gestrichen wird, das schulpflichtige Alter aber gesenkt? Und die Eltern wissen nicht, wohin sie arbeiten gehen sollen. Ich bin in einer glücklichen Lage, meine Tochter geht aufs Gymnasium, sie ist eine gute Schülerin, ist motiviert, wird eine weiterführende Institution besuchen – aber wenn ich wirklich ehrlich sein will: was dann…? Was wird dann aus ihr?“ Mária Karczagi, Sozialarbeiterin


Ottó ist stolz, Polizist geworden zu sein, seine Identität als Zigeuner vertritt er selbstbewusst. Dass er als Heimkind die Hindernisse mit Erfolg bezwungen hat und sich jetzt damit beschäftigt, was immer schon sein Wunsch war, zeigt er Jugendlichen, die mit einem schweren Schicksal zu kämpfen haben, gerne als Beispiel auf. Dabei erinnert er sich, wie peinlich es ihm war, als im Schwimmbad – während er gerade ein Mädchen kennen lernen wollte – das Kommando laut erklang: „Erziehungsheim Pál Vasvári: Mais-Austeilung!“

„In der Polizeischule wurde ich nicht ausgestoßen, weil ich Zigeuner war, aber später hatte ich einen Kollegen bei der Streife, der mich angeblich hinter meinem Rücken als Zigeuner beschimpfte.“ Ottó Rostás, Polizist


„Die Schule war gut. Sie stellten gute Fragen, so kam ich selbst hinter viele Sachen – zum Beispiel entdeckte ich selbst den Satz des Thales. Die anderen glaubten, ich sei kein Zigeuner – trotzdem beschimpften sie mich als Zigeuner. Aber ich hielt mich damals nicht mehr für einen Zigeuner. Meine Mutter sagte auch, Junge, du bist kein Zigeuner. Ich widersetzte mich dem Familienmuster, ich wollte kein fettiges Fleisch essen, mich nicht mit meiner Frau streiten und nicht ohne Ambition sein. Ich wusste, was ich wollte, nachdem ich entdeckt hatte, dass mich die Psychologie und die Literatur interessieren. Im Alter von sechs bis achtzehn Jahren wohnte ich geradezu in der Bücherei, sie kannten mich da, erwarteten mich, von morgens bis abends war ich dort – die Bibliothekarinnen mochten mich, kümmerten sich um mich.“ Tamás Jónás, Dichter


In dieser Mädchenschule war Erika die einzige Roma. „Sie waren natürlich feindselig, aber da ich das von klein auf kannte, kümmerte ich mich nicht darum. Ich fühlte mich nie weniger wert als jemand anderes, deshalb hielt ich diejenige, die so dachte, einfach für dumm. Ich versuchte, ihnen zu helfen, weil so zu denken nicht richtig ist. Deshalb erzählte ich viel von unseren Bräuchen, zeigte ihnen unsere Tänze, so konnte ich die, die nicht aus einer fanatischen Familie voller Vorurteile kam, packen. Aber außerhalb der Schule traf ich mich nicht mit ihnen, ich war isoliert, sogar auf dem Abschlussball wollte sich kein Partner finden. Und obwohl sich ziemlich viele Probleme aus meinem Zigeunertum ergaben, verursachte es mir keinen Schmerz, als Zigeunerin geboren worden zu sein, weil ich es gerne war und bin.“ Erika Varga, Modedesignerin, Goldschmiedin


Für sie bedeuten bis heute die Wertordnung der Gemeinschaft in ihrer Kindheit und die Mutter den Orientierungspunkt, die 1970 ein Knäuel Kordel nahm, im Zigeunerviertel eine Rasenfläche damit umzäunte, ihre dreijährige Tochter an die Hand nahm und den jungen Frauen mit Kindern, die sich um sie versammelten, sagte: Das ist unser Kindergarten. Sie spielten, sangen, sagten Kinderreime, aßen gekochten Mais und Schmalzbrote – bis Lina Rézműves erreichte, dass sie an der gleichen Stelle ihren Kindergarten mit einem Gruppenraum aus eigener Kraft aufbauten. Sie bekamen eine Kindergärtnerin, kochten schon Mittagessen und sprachen mit den Kindern sowohl Romanes als auch Ungarisch, damit sie zweisprachig waren. Melinda Rézműves, Volkskundlerin