Béla Balázs
von Krisztián Nyáry

 

Der 47-jährige Béla Balázs lebte schon lange im Exil, als man ihn 1931 in Berlin mit einer Arbeit beauftragte. In Ungarn war er einer der Begründer der Zeitschrift Nyugat gewesen, doch konnte er hier im Ausland nicht in seiner Muttersprache schöpferisch tätig sein, so hatte er sich dem Film zugewandt, und zu dieser Zeit galt er bereits als einer der erfolgreichsten Drehbuchautoren. Der Filmproduzent Harry Sokal beauftragte ihn damit, das Drehbuch für den Film Das blaue Licht zu schreiben. Die Idee zu der märchenhaften Geschichte von der Eroberung der Berge stammte von der talentierten jungen Schauspielerin Leni Riefenstahl, die auch die Regisseurin des Filmes war. Balázs wollte den Auftrag nicht annehmen, da er gerade geplant hatte, nach Moskau zu reisen, doch Sokal lobte in aller Länge das Talent seiner einstigen Geliebten, der 28-jährigen Leni. Balázs ließ sich dazu überreden, Leni wenigstens anzuhören, zudem interessierte es ihn, warum sie als Schauspielerin unbedingt Regie führen wollte. Bei dem Treffen überwältigte ihn die Riefenstahl, die ihm sogleich an Ort und Stelle Junta, die Tochter der Berge, vorspielte. Wir wissen nicht, was ihn mehr lockte: die Tatsache, dass er nach Herzog Blaubarts Burg erneut an der Entstehung eines Märchens für Erwachsene beteiligt sein konnte, oder die Schönheit der einen Kopf größeren jungen Frau – jedenfalls gab er nach. Balázs verschmähte die Frauen keineswegs, mit seiner Ehefrau Anna Hamvassy lebte er in einer offenen Ehe, sodass ihm Leni als zu eroberndes Ziel vor Augen schwebte. Bei den mehrere Wochen andauernden Dreharbeiten in den Alpen stellte sich allerdings heraus, dass es sich hier um etwas anderes handeln würde als um ein gewöhnliches leichtes Abenteuer. Balázs, der die Regie bei jenen Szenen führte, in denen Leni als Schauspielerin spielte, geriet ganz in den Bann seiner Kollegin. Er verliebte sich in die junge Frau. Nur dass Leni bereits ein vertrautes Verhältnis zu dem Kameramann des Filmes unterhielt. Béla machte nun, um sich bemerkbar zu machen, der anderen Hauptdarstellerin, Martha, den Hof. Seine Strategie bewährte sich: Leni reagierte auf die Liaison zwischen dem Schriftsteller und der anderen Frau eifersüchtig. Sie überredete Béla, Marthas Rolle im Drehbuch zu verkürzen, sie ließ die von ihr gespielte Figur durch den Schriftsteller „töten“, so musste ihre Konkurrentin nach Hause fahren. Béla und Leni hatten sich das, was sie wollten, beschafft: einander. Noch während der Dreharbeiten beschlossen sie, beide nach Moskau zu ziehen, wo sie an der Seite von Eisenstein einen guten Film nach dem anderen drehen würden. Leni, die besorgt war, dass die Kritik ihren neuartigen Film in Deutschland nicht gut aufnehmen würde, versprach, ihm nach den Endarbeiten zu folgen. Der gemeinsame Film erntete jedoch einen einzigartigen Erfolg, bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig (dem ersten Filmfestival der Welt) wurde er mit dem Goldenen Löwen prämiert, Charlie Chaplin persönlich gratulierte der Regisseurin. Béla Balázs aber war nach Moskau gereist, wo ihn an der weltberühmten Filmhochschule das Katheder erwartete. Leni Riefenstahl folgte ihm nicht, statt einer russischen entschied sie sich für eine deutsche Karriere. Beide waren sie unglaublich talentiert, auch wenn der eine seine Kunst in den Dienst Stalins, die andere ihre in den Dienst Hitlers stellte. Und doch: Nicht viel hätte gefehlt und die spätere Lieblingsregisseurin des Führers hätte den Triumph des Willens für die Bolschewiken gedreht.


Béla Balázs in deutscher Sprache – eine Auswahl:

Der heilige Räuber und andere Märchen – Verlag Das Arsenal, Berlin 2005

Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films – 1924, Neuausgabe Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004

Die Geschichte von der Logodygasse, vom Frühling, vom Tod und von der Ferne – übers. von Magdalena Ochsenfeld, Verlag Das Arsenal, Berlin 2003

Ein Baedeker der Seele – Verlag Das Arsenal, Berlin 2002

Die Jugend eines Träumers – Verlag Das Arsenal, Berlin 2001

Der Geist des Films – Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001

Der Mantel der Träume – Friedenauer Presse, Berlin 1988

Der Film – Globus-Verlag, Wien 1976

Das goldene Zelt – Progress-Verlag, Düsseldorf 1956

Das stille Städtchen Georg Marton Verlag, Wien 1947

Unmögliche Menschen – Rütten & Loening, Frankfurt am Main 1930

Sieben Märchen – Rikola Verlag, Wien 1921