Cover "Die Schule an der Grenze" von Géza Ottlik

Géza Ottlik
Die Schule an der Grenze
Roman

Aus dem Ungarischen von Charlotte Ujlaky
Mit einem Nachwort von Péter Esterházy
528 Seiten, Originalausgabe
Nummeriert und limitiert
Eichborn Verlag, April 2009
€ 32,– (D) | sFr 56,– | € 32,90 (A)
ISBN 978-3-8218-6221-7
Band 293 | Die Andere Bibliothek

Die nachtschwarze Seite der erzieherischen Disziplin

„Die Schule an der Grenze ist der grandiose Roman der Freundschaft“,
Péter Esterházy

Die Schule an der Grenze erschien erstmals drei Jahre nach dem ungarischen Aufstand von 1956 und galt als literarische Sensation: Er wurde der wegweisende Roman für die nachwachsende Generation der jungen ungarischen Autoren wie Péter Esterházy oder Péter Nádas.

Die Jungs heißen Gabor, Attila, Benedek, Orban oder Pal, sind zehn Jahre alt, kommen meist aus wohlhabenden ungarischen Familien und erleben die ersten Wochen in der Kadettenschule in Köszeg. Von einem Augenblick auf den anderen müssen sie erfahren, dass alles, was sie zu Individuen macht, was sie im Schoß ihrer Familien geprägt hat, an diesem Ort keine Gültigkeit mehr hat: Anstand, Güte, Demut und Rücksicht, Freundschaften und Beziehungen, ja sogar Sprache und Gestus.

Aus kindlicher Perspektive schildert der Ich-Erzähler die machtversessenen Cliquenbildungen, deren Katalysator die Terrorisierung von Außenseitern ist. Wer dicker oder kurzsichtig ist, wer stottert oder vor Heimweh weint, hat schon verloren. Der kühle Tonfall des Erzählers, der eine Quälerei nach der anderen schildert, als handele es sich um unvermeidliche Naturereignisse, erzeugt einen trügerischen Schein von wissenschaftlicher Objektivität; doch genau darin liegt die literarische Kunstfertigkeit des Autors – das Normale, das er schildert, ist das Entsetzliche, und vice versa: „Mit unseren großzügig verteilten, ungemein nuancierten Tritten konnten wir vielerlei mitteilen. Ihre Botschaften in Worte zu fassen ist allerdings schier unmöglich. Sie waren eigenständige Ausdrucksmittel, die durch nichts ersetzt werden konnten, so wie Worte oder Schriftzeichen, wie Bild oder Musik oder der Kuß; hatte man einmal begonnen sich ihrer zu bedienen, vermochte man sich an diese Art der Verständigung durchaus zu gewöhnen.“

Die Machtstrukturen der Kadettenschule, die Abstumpfung der Zöglinge aber auch ihr immer wieder aufflammender Widerstand gegen das System verweisen auf die politischen Verhältnisse in Ungarn und in ganz Osteuropa, auf den ständigen Wechsel von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. So schreibt auch Péter Esterházy in seinem Nachwort: „Wie ein Tag in Dublin die Welt selbst darstellt, so spricht Ottlik durch die kleinen Dinge, durch entwendete Radiergummis und herumbrüllende Unteroffiziere vom Ganzen. Eine Flucht wäre sinnlos, denn urplötzlich wird klar: Es gibt kein ‚Drinnen’, kein ‚Draußen’, die Schule (an der Grenze) ist die ganze Welt.“