Alaine Polcz: Frau an der Front
Aus dem Ungarischen von Laszlo Kornitzer
ISBN: 978-3-518-42306-6 / 231 Seiten
Suhrkamp Verlag / April 2012

Klappentext:

Klausenburg/Siebenbürgen, März 1944. Die Stadt, die seit kurzem wieder ungarisch Kolozsvár heißt, ist von den Deutschen besetzt, Deportationen sind in vollem Gang. Alaine, Kind aus einer ungarisch-protestantischen Familie, versucht, jüdischen Bekannten zu helfen. Sie ist ein offenes, unerschrockenes junges Mädchen, verliebt in János, mit dem sie sich im Herbst, als die Front naht, zur Flucht entschließt.
Westlich von Budapest gerät die kleine Flüchtlingsgruppe mitten in die ungarisch-deutsch-russischen Kriegshandlungen hinein. János wird von Rotarmisten abgeführt, Alaine fällt der systematischen Vergewaltigung zum Opfer. Was ihr widerfuhr und wie sie überlebt hat, darüber kann sie erst Jahrzehnte später sprechen.
Als das Buch 1991 erschien, löste es ungläubiges Entsetzen aus. In elf Sprachen übersetzt, zählt es heute zu den bedeutendsten Lebenszeugnissen von Frauen aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs in Mitteleuropa.

 

Rezension:

Der Roman von Alaine Polcz ist ein ergreifend sachlicher Bericht über zwei entscheidende Erlebnisse der Autorin: das letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs und das Scheitern ihrer ersten Ehe. Die Kraft der Erinnerung und die Authentizität beruhen auf der brutalen Ehrlichkeit ihrer Schilderung. Jahrzehnte nach den Ereignissen, die ihre Karriere, das Leben der Familie, den Wohnort, die gesamte Lebensform vollkommen auf den Kopf stellten, zieht sie Bilanz mit alldem, was geschehen ist. Obschon sie vom Hungern über die Flucht bis hin zum Sterben überaus schmerzhafte Erinnerungen heraufbeschwört, ist es doch nicht das Grauen, das den Leser überwältigt, sondern gerade die gedankliche Reinheit bei der objektiven Selbstuntersuchung und jene Nüchternheit, mit der Alaine Polcz sich über ihr eigenes Leid und ihre Gefühle erhebt, sowie jene überzeugende Kraft, mit der sie zu einem tieferen Verständnis gelangt, das über das persönliche hinausgeht.

Wie der Titel schon zeigt, sind die beiden Hauptprobleme der kaum zwanzigjährigen jungen Frau die Ehe und das Überleben des Krieges. Die beiden Handlungsstränge setzen gewissermaßen zusammen ein und finden auch zusammen ein Ende. Kurz nach der Heirat erreicht der Krieg Kolozsvár (Klausenburg, heute: Cluj Napoca/Rumänien), daher flieht das junge Paar nach Csákvár in Ungarn, zu der Mutter des Ehemannes. Hier erreicht sie sowohl die russische als auch die deutsche Front viermal, schließlich verlieren sie einander für die Zeit der Befreiung.

Es ist verblüffend, mit welcher Offenheit Alaine Polcz nicht nur die Schwierigkeiten ihrer Ehe, ihre eigene Naivität, die fehlende Zuneigung ihres Mannes, sondern auch die Grauen des Krieges beschreibt. Noch ergreifender aber ist, dass sie die möglichen Blickwinkel, Gründe der anderen – des Ehemannes, der sie betrügt, des russischen Soldaten, der sie vergewaltigt, der deutschen Armee, die ihre Freunde ermordet, und jedes anderen – gleichwertig mit ihren eigenen Erlebnissen abwägt. Dabei macht sie bewusst, dass die Erlebnisse der Kriegsopfer und ihr eigenes Erlebnis an der Schwelle zum Tod sie dazu gebracht haben, sich als Psychologin mit sterbenden Menschen zu beschäftigen. Ebenfalls der Krieg zwang sie dazu, nach Budapest zu ziehen, wo sie ihren zweiten Mann, den Schriftsteller Miklós Mészöly kennen lernte. Ihr persönliches und berufliches Leben entfalteten sich hier in einer Weise, wie es in Kolozsvár, an der Seite ihres ersten Mannes unmöglich gewesen wäre.

Alaine Polcz ist eine der wenigen Autorinnen, denen der Leser glaubt, dass der innere Friede über alle Hindernisse und Schwierigkeiten hinweg verwirklicht werden kann und dass die Akzeptanz des anderen Menschen sowie das spirituelle Verständnis stärker sind als alles Leid.

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