Endre Ady: „Gib mir deine Augen“
Übersetzt von Wilhelm Droste
ISBN: 978-3-938375-46-4 / 280 Seiten
Arco Verlag / September 2011

Eine Rezension von Héla Hecker

„Die Übersetzung ist die Quadratierung des Kreises.“ Mit diesem Satz beginnt György Rába seine 1969 erschienene Monografie, Die schönen Untreuen, über Mihály Babits, Dezső Kosztolányi und Árpád Tóth – die große Übersetzertrias der ersten Generation der legendären Zeitschrift Nyugat, mit der die moderne ungarische Literatur begründet wurde.

In der Literaturgeschichte einer Nation, derer Sprache nur von wenigen Millionen gesprochen wird, spielen die Übertragungen fremdsprachiger Texte eine besondere Rolle. Im späten achtzehnten Jahrhundert, bevor Ungarisch überhaupt zur offiziellen Landessprache wurde, sah die Leitfigur der sogenannten Spracherneuerung, Ferenc Kazinczy, in der Übersetzung die Möglichkeit, für die eigene Muttersprache neue Wörter, Ausdrücke und Wendungen zu gewinnen. Die literarische ungarische Sprache dankt sozusagen ihre Existenz (hauptsächlich) der  deutschen Literatur, die durch ihre Übertragung das gehobene Ungarisch begründete.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts  spielte die internationale (jetzt nicht mehr nur deutsche, sondern auch französische und englische) Literatur abermals eine Erneurer-Rolle – dieses Mal brachte sie den ungarischen Intellektuellen eine frische, westliche, moderne und mit der Gesellschaftskritik eng verbundene Ideologie. Dieser vor allem durch die Lyrik von Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud vermittelte neue Geist floss durch die Übersetzungserfahrung in das eigene, muttersprachliche Schaffen der Dichter mit ein und trug stark zur Entstehung der modernen ungarischen Literatur bei.

Die Praxis der Übersetzung wurde in dieser Zeit stark reflektiert, es bildeten sich zwei Fronten um die Schlüsselfiguren Babits und Kosztolányi. Babits, der sogenannte gelehrte Lyriker, entwickelte das Ideal des mittelalterlichen Schreibers, der den vorgelegten Text ohne eine Spur eigener Persönlichkeit wortwörtlich abschrieb. Für die Übertragung heißt dies die unbedingte Bemühung, den Ausgangstext so treu wie möglich in der Zielsprache wiederzugeben. Dem gegenüber entwarf Kosztolányi die Metapher des Umpflanzens. Er bestreitet die Möglichkeit eines Übersetzens, da die Wörter nicht nur eine inhaltliche Bedeutung, sondern auch eine Tönung, Melodie und Farbe besitzen. Diese gehen in der Fremdsprache durch das bedeutungsmäßig gleiche Wort verloren – daher sei alles Übersetzen zum Scheitern verurteilt. Die gelungene Übersetzung ist im Sinne Kosztolányis eine, die einen lebendigen Text  produziert, also eine Um- oder Neudichtung, die die naive Fragestellung der Treue nur belächelt.

In dieser Tradition Kosztolányis steht der beim Arco Verlag kürzlich erschienene Übersetzungsband von Wilhelm Droste, der eine Auswahl von Gedichten des Fixsterns am Himmel der ungarischen Lyrik, Endre Ady, ins Deutsche übertrug. Denn eine Sprache, die nur einige Millionen lesen und verstehen können, braucht Übersetzer, die ihr ermöglichen, ein breiteres Publikum zu erreichen. Dazu benötigt sie zudem eine Übertragung, die gleichzeitig ihre Originalität und Fremdheit bewahrt, diese aber auch entschärft, damit sie für die Leser in der Zielsprache verständlich wird, sie anspricht.

Adys Dichtung ist auf eine paradoxe Art von der Wut gegen die ungarische Mentalität geprägt. Paradox deshalb, weil ihr Grund in einer unendlichen Liebe zur Nation liegt und das Bekenntnis der Zugehörigkeit ist. Diese speziell ungarische Dichotomie artikuliert Ady in Gedichten, deren Zeilen zu geflügelten Worte wurden, Bestandteile der gegenwärtigen Sprache sind. Die Melodie seiner Gedichte und der Klang seiner Wortwahl ist für das ungarische Ohr etwas Typisches, etwas sofort Erkennbares. Eine Übersetzung muss sich daher nicht nur mit den unterschiedlichen Ebenen des Gedichtes auseinandersetzen, sondern auch ihre Rezeptions- und Wirkungsgeschichte gut kennen, damit die Originalität bewahrt und doch übertragen werden kann.

Wilhelm Droste – der seit Jahrzehnten am Lehrstuhl für Germanistik der Budapester Universität ELTE lehrt und Kenner der ungarischen Literaturgeschichte ist – löst diese Aufgabe mit Bravour. Seine Ady-Übertragungen sind in keiner Hinsicht ein akribisches Abschreiben, wie das Idealbild Babits’. Sie sind vielmehr Umdichtungen, die jedoch engste Verwandtschaft mit den ungarischen Gedichten zeigen, diese in der Fremdsprache mit viel Esprit und Energie verlebendigen. Zwar wird die Treue zur wortwörtlichen Bedeutung im engeren Sinne mehrmals gebrochen – dafür wird aber die Mentalität von Adys Lyrik bewahrt: Ihre Selbstsicherheit, die den Leser fasziniert und fesselt, das Spiel der Rhythmik und der Reime, das bunte Anhäufen der Bilder und die plötzlich eintretende Schlichtheit.

Der Arco Verlag hat auch Sorge dafür getragen, dass der Band in ansprechender Form auf den Markt kommt – das Hardcover birgt Doppelseiten links mit dem Original, rechts mit der Übertragung. Als visueller Höhepunkt erscheinen am Anfang der thematisch angeordneten Kapitel Fotos aus dem Ady-Nachlass, die bisher teilweise kaum bekannt waren und den Dichter zwar in seinen unterschiedlichen Lebensphasen, doch immer unverkennbar zeigen. 

Der Übersetzungsband ist aus jeder Hinsicht ein gelungenes Umpflanzen, ganz im Geiste Kosztolányis. Die Quadratierung des Kreises ist doch nicht unmöglich.

Héla Hecker