Katalin Szegedi: Lenka, Csimota Kiadó 2010, 24 Seiten
Das Buch ist bereits auf Schwedisch, Polnisch und Französisch erschienen.

Eine Empfehlung von Andrea Pásztor Csörgei

Es ist nicht leicht, unvoreingenommen über die Bücher von Katalin Szegedi zu sprechen, denn seit Jahren beeindruckt mich die zauberhafte Welt ihrer Bilder, das Geflecht der unzähligen Details, die immer wieder neue Bedeutungen in sich tragen und ihre Illustrationen so märchenhaft und geheimnisvoll machen. Gerade deswegen will ich es auch gar nicht erst versuchen, will ich einfach voreingenommen sein!

Immer wenn ich in einem von ihr illustrierten Buch blättere, habe ich irgendwie das Gefühl, dass ihre Frauenfiguren eine ganz besondere Bedeutung besitzen. Es ist praktisch vollkommen egal, ob sie gerade eine Hexe, eine Prinzessin oder ein Hasenmädchen darstellt, es hat immer den Anschein, als wäre ihnen allen gleichermaßen ein grundlegendes Geheimnis ihrer Weiblichkeit Eigen. So verhält es sich auch mit Lenka. Mit Lenka, die derzeit nur ein sechs, sieben Jahre altes Mädchen ist, doch über die sich schon auf der ersten Seite herausstellt, dass sie durch und durch Frau ist!

Als Grund könnte man anführen, dass sie gerade bei Vollmond geboren wurde, was wie allgemein bekannt ein weibliches Prinzip darstellt, aber das ist doch nicht das Wichtigste, sondern dass Lenka „genau so schön rund wie der Vollmond selbst“ ist. Rundlich zu sein ist – wie wir wissen – nur heutzutage eine Eigenschaft, die verurteilt wird, früher war es das Symbol der Weiblichkeit, der Ganzheit, der Vollkommenheit. Dieses Symbol taucht auf den Seiten des Buches immer wieder aufs Neue auf: der Kiesel der Mädchen, als sie Hickelkasten spielen, der Hula-Hoop-Reifen, der Fußball der Jungen, oder am Ende der Geschichte der Roller Palkós, mit dem sie rundherum fahren – um nur die bedeutendsten Momente zu erwähnen. Zu Beginn hat es den Anschein, für Lenka sei ihre eigene Rundlichkeit eine große Last – denn ihrer Meinung nach ist das der Grund dafür, dass sie keine Freunde hat, die Kinder sie auslachen. Lenka ist also einsam. Was kann sie aber in ihrer Einsamkeit tun? Wenn die Wirklichkeit sie nicht annimmt, dann ist sie gezwungen, sich eine eigene Welt zu erträumen, sich zu malen, herzuzaubern. Das Bild wird also zum anderen Schlüsselbegriff, der in der Geschichte eine wichtige Rolle spielt.

Die einsame Lenka sitzt also an einem schönen Tag in ihrem Zimmer, auf ihrem kleinen runden (!) Stuhl und malt. Ihre Mutter kommt herein, die sich genau im Klaren darüber ist, was (wen) ihre Tochter bräuchte, die sie so sehr liebt, dass sie ihr – im gegebenen Fall – nicht nur die Sterne vom Himmel holen würde, sondern ihr die Tür zur Welt öffnet. Die Mutter, die mit unendlicher Weisheit, den Zaubersatz ausspricht, an den sich Lenka auch in den schwersten Momenten klammern kann: „Du bist schön, so wie du bist.“ Und damit schickt sie sie auf einen langen Weg der Prüfungen, damit ihre Tochter einen echten, wahren Freund findet.

Lenka zieht also – mangels der Siebenmeilenstiefel – ihre schicken Lackschuhe an (von denen die kampferprobten Mütter natürlich wissen, welch ein Statussymbol sie darstellen, über welche Zauberkraft sie im Kreis von sechsjährigen Mädchen verfügen – hier könnte man auch die Bedeutung der roten Schuhe von Dorothy in Der Zauberer von Oz erinnern) und macht sich auf den Weg.

Wie jeder echte Märchenheld muss auch Lenka drei schwere Prüfungen durchstehen. Dreimal wird sie mit Zurückweisung konfrontiert, wird sie ausgegrenzt, verspottet. Doch Lenka zeigt vorerst Ausdauer! Sie ist zwar traurig, doch findet sie die Mittel (Zaubermittel?), die ihr auf dem Weg weiterhelfen, die schließlich dazu beitragen, dass sie das gesuchte Glück auch findet. So beispielsweise, den Reifen, mit dem sie, als sie ihn vor sich herrollt, von der einen Gruppe von Kindern zur anderen gelangt, oder die Kreide, die ihr später einen wirklich guten Dienst erweist! Denn nach der dritten Prüfung ist das Mädchen derart niedergeschlagen, dass es schon fast aufgibt: Lenka erblickt Palkó zwar in der Ferne, aber da hat sie schon keine Lust mehr, sich einen Spielgefährten zu suchen. Was tut sie also? Sie macht das, was ihr den größten Trost spendet, das, bei dem sie meint, sich selbst zu finden: Sie beginnt, mit der Kreide auf den Asphalt zu zeichnen. Und diese bunte Welt, die Lenka um sich herum erschafft, wird das, was ihren Traumprinzen anlockt, der zwar nicht auf einem weißen Pferd daherkommt, sondern auf einem etwas bizarr aussehenden Roller, der nicht unbedingt blond und blauäugig ist, sondern eine Brille trägt, abstehende Ohren und eine Zahnlücke hat, doch zweifelsohne: Er ist ein echter, lebendiger Spielgefährte! Mit dem man prima Fangen spielen oder Roller fahren kann, der darüber staunt, wie schön Lenka malt, und der natürlich auch schön ist, so wie er ist, und der Lenka genau so mag, wie sie ist! Rundlich, mit roten Haaren, verträumt. Die Geschichte schließt also, wie jedes richtige Märchen nach dem Motto: Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute…

Lenka ist natürlich nicht ein Buch, bei dem es genügen würde, den Text zu kennen. Man muss es in die Hand nehmen, darin blättern und sich an den Bildern erfreuen! Darüber staunen, dass Katalin Szegedi hier, bei ihr eher ungewohnt, nur einige Farben verwendet: Die neutral wirkenden Schwarz-Weiß-Bilder erfüllen die roten Farbtupfer mit Dynamik und Leben – in erster Linie die rothaarige Lenka in ihrem rotgepunkteten Kleid selbst. Die gleiche Wirkung erzielt, dass im Hintergrund hier und da die Wellpappe zu sehen ist, die die Grundlage bildet, oder auch Packpapier und Zeitungspapier. Selbstverständlich dürfen auch die kleinen Details nicht vergessen werden! Jede Seite des Buches ist eine aufregende Collage: voll mit kleinen Marienkäfern, Würfeln, mit aus Zeitungen ausgeschnittenen Wörtern, Texten, die alle über eine eigene Bedeutung hinsichtlich des Bildes bzw. der Geschichte verfügen. Lenka ist meiner Ansicht nach genau die Art von Buch, bei dem man seine Kinder im Lieblingssessel um sich versammelt, um dann gemeinsam die Bilder zu erforschen und danach – dem Wunsch der Kinder nachgebend – den Text immer wieder aufs Neue vorzulesen.

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor