Katalin Szegedi: Lenka, Csimota Kiadó 2010, 24 Seiten


In einer schönen Mainacht, gerade bei Vollmond wurde Lenka geboren. Ob es daran lag, oder an etwas anderem, wer weiß, doch sie wurde genau so schön rund wie der Vollmond selbst. Ihre Eltern liebten sie sehr, sie hätten ihr sogar die Sterne vom Himmel geholt. Sie aber fühlte sich trotzdem einsam, denn Freunde hatte sie keine.

An einem sonnigen Herbstnachmittag kauerte Lenka gerade auf einem Stuhl am Fenster und malte ganz in Gedanken auf der Fensterbank vor sich hin, als ihre Mutter die Tür öffnete. Sie war kein bisschen überrascht, ihre Tochter wieder beim Malen zu sehen. Lenkas beste Freunde waren nämlich ihre Buntstifte. Und die Papierblätter, die Filzstifte, die Wachsmalkreide, aber auch die Pastellkreide, die Wasserfarben, die Tuben, die Tiegel und die Pinsel und alles, mit dem man malen konnte.
– Was hockst du an so einem schönen Tag hier im Zimmer? Geh hinaus auf den Platz, renn’ auch ein bisschen mit deinen Freunden herum!
Lenka antwortete trotzig:
– Keine Lust! Und überhaupt, ich habe keine Freunde! Die Kinder wollen nicht mit mir spielen, sie ärgern mich nur, weil ich… weil ich… pummelig bin – sagte sie und ließ traurig den Kopf hängen.
Ihre Mutter drückte sie schnell an sich.
– Ach, was sagst du denn da, du bist doch gar nicht pummelig! Du bist schön, so wie du bist! – tröstete sie Lenka und drückt ihr einen Kuss in ihr strubbeliges Haar. – Und jetzt los, zieh dir schnell die Schuhe an und lauf spielen! Na, komm!
Lenka hatte nicht so recht Lust, mit dem Malen aufzuhören, aber es blieb ihr nichts anderes übrig: Was Mutter sagte, war Befehl. So legte sie ihren Stift hin.
– Ich mal dich später fertig! – flüsterte sie dem angefangenen Bild zu und ließ alles auf der Fensterbank liegen. Sie zog ihre hübschen Lackschuhe an, schnappte sich ihr gestreiftes Lieblingsschweinchen und lief die Treppe hinunter. Das Klopfen ihrer Absätze hallte noch durch das Treppenhaus, als Lenka schon längst auf dem Platz stand und überlegte, in welche Richtung sie gehen sollte.
Da entdeckte sie ein paar Mädchen, die Himmel und Hölle spielten. Fröhlich lief sie zu ihnen hin.
– Darf ich mitmachen?
Die Mädchen hörten mit dem Hüpfen auf und musterten Lenka von Kopf bis Fuß.
– Du kannst doch gar nicht hüpfen! Spiel lieber mit deinem Schweinchen, Miss Piggy! – und sie ließen sie kichernd stehen.

Lenka war traurig. Doch wie sie da so alleine stand, bemerkte sie einige Stück Kreide auf dem Boden. – Die kann ich noch gebrauchen! – dachte sie und steckte sie in die Tasche.
[…]
In der Ferne bemerkte sie einen Jungen mit Roller.
– Bestimmt will der auch nicht mit mir spielen – dachte sie. Traurig steckte sie die Hände in die Taschen, doch da wurde ihr Gesicht heiter, denn in der Tasche fand sie die Kreide, die sie neben dem Himmel-und-Hölle-Spiel gefunden hatte. Sofort fing sie zu malen an, auf dem schwarzen Asphalt entstanden immer mehr bunte und weiße Bilder.
[…]
Der Junge stand eine ganze Weile still da und betrachtete die entstehenden Zeichnungen.
– Hoppla, du bist aber geschickt! Wie heißt du?
– Ich bin Lenka. Und du?
– Palkó. Hast du Lust zum Rollerfahren?
[…]
Lenka sprang zu Palkó auf den Roller. Fröhlich fuhren sie auf dem Platz rundherum und spielten, bis es fast dunkel wurde.

Da kam plötzlich ein Wind auf und es begann zu regnen.

– Schnell nach Hause, das gibt ein Gewitter!

Als sie bei Lenkas Haus angekommen waren, rannte das Mädchen die Treppe so schnell hoch, dass sie immer gleich zwei Stufen auf einmal nahm. Ihre Mutter wartete schon mit heißem Kakao auf sie. Doch wie sie da staunte, als Lenka den leckeren Kakao stehen ließ und durch den Flur, durch die ganze Wohnung rannte, und mit ihren nassen Schuhen Spuren hinterließ. Sie lief geradewegs in ihr Zimmer und blieb erst am Fenster stehen.

Als sie das Fenster öffnete, um ihrem Freund zum Abschied zu winken, wirbelte der Wind plötzlich die auf dem Fensterbrett vergessenen Bilder auf. Husch, flogen die Papierflügel davon, schwebten sie im Abendwind.

– Danke! – Palkó griff schnell nach einem halbfertigen Bild, faltete einen Papierhut daraus und setzte ihn sich auf den Kopf. – Jetzt werde ich nicht mehr nass!
– Kommst du morgen auch? – rief Lenka.
– Ich komme jeden Tag! – drehte sich der Junge um, dann brauste er davon, brauste mit dem Roller durch die Pfützen, um die halb verwischten Asphaltbilder aber machte er vorsichtig einen Bogen.

Lenka schloss das Fenster und schlüpfte endlich aus den durchnässten Schuhen. Sie kuschelte sich in den großen Armsessel, zog die zitternden Beine hoch und während sie lange ihren schon fast kalt gewordenen Kakao schlürfte, wartete sie auf den morgigen Tag.

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor