Zsuzsa Csobánka wurde zum 10. Europäischen Festival des Debütromans 2012 eingeladen. Das Festival findet vom 10.5. bis zum 14.5. in Kiel statt. Die AutorInnen werden am 14.5. in Berlin, in der Vertretung des Landes Schleswig-Holstein beim Bund vorgestellt. Das Programm


Verwundete Körper und verletzte Gattungen

Ildikó Vincze zu dem Debütroman von Zsuzsa Csobánka Belém az ujját [Dein Finger in mir], JAK-Prae.hu 2011, 178 Seiten

Obgleich Teile des Romans Dein Finger in mir von Zsuzsa Csobánka schon hier und da – auf der Homepage der Autorin bzw. in einigen Literaturzeitschriften – zu lesen waren, konnte der naive Leser nicht wissen, dass er es mit einem solchen Prosaungeheuer zu tun haben würde. Wenn auch nicht dem Umfang nach, so handelt es sich hierbei inhaltlich ganz bestimmt um ein gewichtiges Ungeheuer im positiven Sinn. In der Reihe der Frauenromane, die mit Sex and the City heranwachsen oder langweilige Versuche sind, bei denen die feministische Literaturtheorie heruntergeleiert wird, ist ein durch und durch postmoderner weiblicher Text selten, bei dem uns nicht nur einfällt: Na, der ist gut geschrieben. Bei Zsuzsa Csobánka ist zuweilen ebenfalls etwas Schulmäßiges zu verspüren, doch ist das, was sie aufsagt, natürlich, es kommt aus dem Innersten, scheint eine These über sich selbst zu sein. So kann man Attila Bartis, dessen Zeilen im Klappentext zu lesen sind, kaum wiedersprechen: „Zsuzsa Csobánka ist (…) viel tiefer Frau als diejenigen, bei denen das beim Schreiben einfach nicht selbstverständlich sein will, die ihr Frausein entweder verstecken oder zur Schau stellen. (…) Natürlich zu sein bedeutet, authentisch zu sein. Und an der Authentizität von Zsuzsa Csobánka gibt es, zumindest für mich, keinen Zweifel.

Dein Finger in mir ist ein Roman, der den Leser mit sich reißt und der vielleicht am ehesten der Gattung des Familienromans nahe steht. Doch sollte man keine in Generationen aufgeteilte, ordentlich beschriebene Großeltern und Kinder erwarten, denn es handelt sich vielmehr um winzige Momente, um ein Aufscheinen bruchstückhafter Erinnerungsbilder, die von Liebe, Leben, Tod, Gott und dem Frausein erzählen. Während sich am Anfang des Romans die beiden Stimmen von Marla und Martin – das einstmalige Liebespaar, das alle anderen Figuren miteinander verbindet – noch relativ konsequent abwechseln, wird dieses System im Laufe der Geschichte zunehmend chaotischer, da immer mehr Charaktere sich zu Wort melden. Während die Narration zerfällt, kommt gerade die Geschichte als Ganzes zum Vorschein. (…) Unabhängig vom Geschlecht der Erzähler(in) ist die Vehemenz eines markanten weiblichen Tons zu spüren – riskieren wir einmal die Behauptung: des Tons der Autorin –, was dem Roman einen Tagebuch-Charakter verleiht. Das Fragmentarische des Textes wirkt sehr geplant, hier und da gibt es sogar selbstironische Bemerkungen aus dem Off: „sei schnörkellos und konzentriere dich“. Mit der Konzentration hat Csobánka keine Probleme, mit einer überwältigenden Disziplin führt sie kraftvolle Bilder durch den im ersten Augenblick wirr und zerstreut wirkenden Gedankenstrom. Unter anderem zeigt sich gerade hier die lyrische Vergangenheit der Autorin.

Liebe ist Leben – sagt die Marla des Romans. „Eine unerzählbare Geschichte, an die du dich einmal ganz anders zurückerinnern wirst.“ Die paradoxe Situation, das Erzählen des Unerzählbaren, führt zu dieser bruchstückhaften Narration. Das sich streng auf den Körper konzentrierende Heraufbeschwören eines jeweiligen Lebensmomentes der Figuren verschiedenen Alters und Geschlechts scheint mittels dessen, was biologisch, greifbar, verwundbar existiert, bei der Enthüllung der Anatomie von Leben und Liebe zu helfen. Letztere Metapher ist kein Zufall. Bereits der suggestive Titel lenkt die Aufmerksamkeit sogleich auf die Körperlichkeit, auf die Sexualität, kann aber zugleich auch im abstrakten, psychoanalytischen Sinn als ein gieriges Herumforschen im Inneren des Menschen verstanden werden. Was bedeutet es, wenn jemand, obgleich er eine Geliebte hat, in der Lage ist, die eiterigen Blasen auf der Haut seiner Ehefrau mit Demut aufzustechen (Erotika), oder wenn er in der Intimität einer jahrzehntelangen Ehe mit vor Rheuma schmerzenden Händen seiner Frau langsam das Unterkleid auszieht (Akt) oder wenn einem verheirateten Mann zu Hause in der Küche der Geschmack der Brust, des Mundes, der Klitoris einer anderen Frau durch den Kopf geht? (…)

Die ironische Antwort auf den Imperativ der Schnörkellosigkeit ist im Gegensatz zur Konzentration der uferlose Stil des Romans. Ein frei assoziierender Stil, der alltägliche Wendungen anhäuft, verschiedene Stimmen im Wechsel erklingen lässt und zugleich die problematischen Fragen der literarischen Repräsentation von Körper und Sexualität aufwirft, die die Literaturkritik seit langem beschäftigt. In dem Text von Zsuzsa Csobánka scheint sich, auch wenn dies nicht als individueller Versuch bezeichnet werden kann, mehr oder weniger erfolgreich die Möglichkeit unter Beweis zu stellen, dass der vulgäre Wortschatz, der uns im Zusammenhang mit der Körperlichkeit zur Verfügung steht, neben der Pornografie auch zum Ausdruck tieferer emotionaler Beziehungen geeignet ist. (…) Ihr Stil ist nicht nur ein Musterbeispiel dafür, wie das weibliche Subjekt einen Text (ungekünstelt) durchdringt, sondern auch ein Beleg, dass die Gattungsgrenzen von Lyrik und Epik durchbrochen werden können. (…) Es ist interessant zu beobachten, dass die Autorin, während sie sich bemüht, die wirklichen Fundamente zu erschaffen – oder gerade auf diesen aufbaut? –, ständig auf die Konstruiertheit der Textwelt aufmerksam macht. Parallel dazu verleiht sie dem Ganzen einen unglaublich ernsten und zugleich zynisch herben Humor, der an die Filme von David Lynch erinnert.(…)(Ersterscheinung in der Online-Ausgabe der Literaturzeitschrift Irodalmi Jelen: webcache.googleusercontent.com/search)

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor