Zsuzsa Csobánka: Madonna

Der Madonna Cika wurde von Muttel geholfen. Sie war eine winzige Frau, tiefe Furchen liefen ihren Körper entlang, ich sah sie das erste Mal, als Muttel mit ihrem Kopf in Richtung des riesigen Haufens Kleider deutete, Von denen kannst du mitnehmen, was dir passt. Die Madonna Cika ging langsam zum Haufen hin, wie ein argwöhnisches Nagetier schnüffelte sie an den Unterkleidern, Morgenmänteln und Sweatshirts. Die zieh ich sowieso nimmer an, sagte Muttel und blickte bedeutungsvoll auf Madonna Cikas nackten Fußknöchel, an dem sich die Adern vom Dreck abhoben. Ihre Nägel waren dick verhornt, meistens war sie bloßfüßig unterwegs, das erlaubte Muttel mir nur im Sommer, du musst hübsch sein, mein Sohn, die Frauen mögen ungepflegte Männer nicht. Schwielige Füße hatte ich bis dahin noch keine gesehen, die Madonna Cika war die erste Frau, die mir auch ihre Brüste zeigte, als sie rasch die geblümten Blusen von Muttel anprobierte.

Sie redete nicht viel, kannte sie doch ohnehin jeder, sie ging zum Schindanger um die verreckten Katzen, um Igel hinaus, wenn sich ihrer niemand erbarmte. Am Ende des Monats und am Anfang des Jahres ging sie immer. Rudi und ich sind ihr einmal nachgeschlichen, eine Woche lang versteckten wir uns jeden Vormittag hinter der wilden Hecke, die sich vor ihrer Hütte hinzog, und wir warteten darauf, dass sie zur Jagd aufbrach. Muttel hat mich danach höllisch geohrfeigt, sicher hatte sie gerochen, wo ich gewesen war. Bis zum Schindanger gingen wir zehn Minuten zu Fuß, außerdem gab es kaum Verstecke auf dem Weg. Rudi wäre schon umgekehrt, weil die Madonna Cika mehrere Male angehalten hatte, dachten wir, sie hätte uns bemerkt, sie grub aber nur ihre Nägel in ihr verklebtes Haar. Pass nur auf, mein Junge, auch den Frauen gehen die Haare aus, sie kriegen aber keine hohe Stirn, sondern die Haare werde immer dünner, werden überall weniger, so dass es zum Schluss schon erniedrigend und sinnlos ist, ihn ihnen herumzuwühlen, weil wieder ein Büschel zwischen den Fingern hängen bleibt, an der Hand, die Sonnenschutz ist für die leuchtende Kopfhaut. Deshalb beobachtete ich, solange es möglich war, wie die Frauen ihre Haare schütteln, wie sie die Haare mit den Fingern umgraben, denn das können sie stundenlang tun. Auf den geheimen Fotos, die andere stramme Bäuche und geschwollene Brüste oder Hüften verewigten, waren bei mir Frauen, die ihr Haar hin- und herwarfen, Dutzende Frauen. Auf den Bildern ein Bruchteil der Bewegung, die Bilder trugen nichts Lebendiges mehr in sich, dennoch war ich immer bestürzt, wenn ich sie dann Jahre später wieder traf. Spröde, mit gebrochenen Spitzen, ungepflegte, fettige Haare mit rausgewachsenem Haaransatz, so sahen die Frauen aus, die ich ehemals vergöttert hatte.

Ihre Arme waren voller Abschürfungen, die noch lebenden Igel waren sehr kampflustig, aber schließlich immer schwächer als die Madonna Cika. Wenn sie im Dorf auftauchte, begannen die Leute zu tuscheln und verkrochen sich in ihre Häuser. Sie hoffte auf Muttel wie auf die Sommerfrischler, die im Winter ihre Spuren im frischen Schnee hinterließen und erleichtert zu sich sagten, dass auch dieses Jahr keiner eingebrochen habe, vielleicht hätten sie ihre Bettelei nach einem Jahr vergessen. Uns trieb nur die Hitze aus der Stadt hinaus, deshalb hatten wir uns auch mehr an die Bettelei gewöhnt, das wusste die Madonna Cika natürlich nicht, das wussten nur Muttel und ich, dass der Astoria-Platz und der Westbahnhof nichts über Armut wussten, die Madonna wusste nichts von der Bettelei, denn sie setzte sich nur den Häusern gegenüber auf den staubigen Feldweg und wartete, dass wir aufwachten und sang dabei Lieder.

Leih mir deine Schulter, sagte die Madonna zu mir, und ich fürchtete, dass sie mich wirklich entdeckt hatte und jetzt beschloss, sich an uns kleinen Voyeuren zu rächen, sich keine Strümpfe und Schuhe mehr anzuziehen und es gleich Muttel zu verraten. Sie wollte aber nur meine Schulter, um sich darauf zu stützen, schau, Marla, so seid ihr, ihr Frauen; sie brauchte mich nur, während sie ihre Stöckelschuhe, deren Spitzen bei jedem Schritt hart aufklopften, anzog. Meine erste Liebschaft hat mich an die Luft gesetzt, nachdem ich ein halbes Jahr lang die Aggression aus ihr hinausgestreichelt hatte. Zuerst konnte man sie nicht anfassen, nur mit Worten berühren, damals wurde ich zum Großmeister der Sätze, mein Geschick den Hauptwörtern die richtigen Verben beizufügen, welche Übertreibung mit welchen Eigenschaftswörtern gepaart werden muss, trieb ich zur Perfektion, damit sie endlich die Beine breitmachte. Und weißt du, Marla, nachdem es mir gelungen war, meinen Schwanz in eine vergewaltigte Frau zu stecken, dachte ich mir, es gäbe auf der Welt nichts Unmögliches. Dann kam eine andere, Gertrud, und ich stieß schon Stoßgebete aus, weil auch sie mich nicht ließ. Gertrud war älter als ich und knochig, und in der Nacht hatte sie Angst im Dunklen. Zwei Jahre wohnte ich bei ihr, Kost und Quartier im Tausch für Gespräche, sagte sie. Ein Jahr mag schon vorbei gewesen sein, als sie eines Nachts vor dem donnernden Sturm in mein Zimmer floh und aufschrie, Ich habe ein Wunder gesehen, ich begann daraufhin laut zu lachen, da kniete sich Gertrud, um es mir zu beweisen, vor mein Bett hin und nahm meine Zehen einzeln in den Mund, stöhnte und weinte auch, danach beruhigte sie sich und blies mir einen. Muttel fiel mir ein, mit den gepflegten Männerfüßen, und ich dachte daran, dass auch sie vielleicht gerne an Zehen lutschte, deshalb hatte sich mich gewarnt.

Das alles sah ich, Marla, als ich nach deinen Beinen griff, deine Hände sind die eines kleinen Mädchens, sagte ich auch, ich behaupte, ich rede jede ins Bett, wenn es sein muss, auch du warst keine Ausnahme, glaub das nur nicht. Ihr seid euch alle so ähnlich, ihr Frauen. Ich saß an deiner Bettkante, drückte deine Füße, später fielen mir die brüllenden Igel ein, während ich dich leckte, die Madonna Cika entlockte ihnen etwas in der gleichen Frequenz. Mit einem Messer, das an einen langen Stock gebunden war, schlug sie auf den Boden, von weiten schien es, dass sie selber nicht weiß, was sie tut. Das Blut spritzte in die Höhe, Es sind mehrere, flüsterte Rudi mir zu, und ich nickte, denn ein Igel kann nicht so einen Krawall schlagen. Das Gesicht der Madonna Cika war blutig, und als sie die Tiere häutete, kratzte sie sich die Arme auf. Wir hörten sie laut fluchen, vielleicht bissen sie die Flöhe, die von den Igeln sprangen, im Gesicht, hüpften ihr in den Mund, in die Nasenlöcher.

Über Frauen lernte ich damals und dort am meisten, die Madonna ist ein Weibsteufel, in dessen Körperöffnungen Insekten und Käfer wohnen. Sie kippte um, verlor das Gleichgewicht, während sie ihren Rock tauschte, ein beißender, säuerlicher Geruch stieg aus ihrem Schritt in meine Nase. Mücken flogen aus ihr heraus, Muttel fuhr mich an, was ich sie so anstarrte, dabei betrachtete ich nur die hauchdünnen Flügel der Mücken. Sie waren zerzaust, wie das Haar von der Madonna und sie leuchteten. Die Haut über dem Schädel ist weiß, weiß waren auch die Igel, wenn sie sie abzog. Der Tod hat etwas Weißes und Farbloses. Tod, wie ich deine Schenkel ergriff, und alles um mich verschwamm. Mein Gesicht ist voller Blut, ich fluche laut, während mich überall Käfer beißen. Rudi ruft mich, Gehn wir doch endlich, doch ich bewege mich nicht, ich starre, der Mund der Madonna bewegt sich, während sie die stachelige Haut abschält, singt sie.

Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz