„Frau Doktor Varsányi bist du“
von Ferenc László

Ein Interview mit dem Literaturhistoriker Pál Réz über István Örkény – In diesem Jahr hätte der Autor der Minutennovellen seinen 100. Geburtstag gefeiert


Vor hundert Jahren wurde er geboren, doch in seinen besten Werken ist er keine Minute gealtert. Über den Schriftsteller und Spaßvogel, den Playboy und Soldaten, über den Meister der Anekdoten und den Mann, der sie gleichzeitig verfluchte, sprach Magyar Narancs mit seinem einstigen Freund und Chefredakteur der Literaturzeitschrift Holmi.

 

Die Erinnerung an István Örkény ist nicht nur als Erinnerung an einen großen Schriftsteller lebendig, vielmehr erinnern wir uns an ihn auch als an einen beliebten, geistreichen Mann, der die Geselligkeit liebte. Knüpft sich Ihre erste Erinnerung an den Schriftsteller oder an eine Figur aus dem gesellschaftlichen Leben?

Der Örkény, den ich Anfang der fünfziger Jahre kennen lernte, war zunächst jener des gesellschaftlichen Lebens, wir waren zu Gast bei Tibor Déry. Dort traf ich ihn, was nicht allzu überraschend ist, da zwischen den beiden, bis zur Inhaftierung Dérys, eine überaus enge Freundschaft bestand, die den bedeutenden Altersunterschied überbrückte. Mit István zusammen zu sein, war sehr angenehm. Man musste ihn nämlich István nennen, die Koseformen Pista oder Pisti mochte er nicht. Ich wundere mich auch, dass später eines seiner Stücke den Titel Pischti im Blutgewitter erhielt, und nicht „István im Blutgewitter“. Er erzählte ausgezeichnete Anekdoten, obgleich er als Autor wiederholt anmerkte, wie sehr er die Anekdote in der ungarischen Literatur hasse, ja, dass er sie geradewegs für einen nationalen Fluch halte. Im Leben aber war er ein großartiger Anekdoten-Erzähler und er verfügte auch über den entsprechend reichen und vielfältigen Lebensstoff dazu. Er erzählte von seiner Jugend als Playboy, von seinen ersten schriftstellerischen Versuchen, von Attila József, den er sehr verehrte und der ihn seine ersten Texte, die er bei der Zeitschrift Szép Szó eingereicht hatte, gründlich umformulieren ließ, von seiner Karriere als Soldat und dem Lagerleben. Das waren allesamt runde, auf eine Pointe zugespitzte Geschichten, wahrscheinlich arbeitete er, während er sie immer wieder neu erzählte, viel an ihnen und gab ihnen einen Schliff. Wir hatten damals ohnehin einen Spruch, ich weiß gar nicht mehr von wem: life is a poor story-teller.

Dieser Spruch stammt von Somerset Maugham.

Er hatte zum Beispiel eine unglaubliche Geschichte aus der Zeit seiner ersten Ehe, als er nicht ganz unbegründet eifersüchtig war. Er kam – das war noch vor dem Arbeitsdienst – in seiner Uniform als Reserveoffizier nach Budapest, um seine untreue Gattin in flagranti zu erwischen und auch gleich zu erschießen. Aber zuvor besuchte er noch seine Cousine, Ági Zádor, und weihte sie in seine Pläne ein, sie aber stahl in einem unbemerkten Augenblick die Waffe aus der Pistolentasche und steckte ein Stück Käse hinein. So riss Örkény, als er nach seiner Waffe griff, um die treulose Flóra zu erschießen, ein Stück Pálpusztai-Käse heraus, und das Eifersuchtsdrama endete natürlich in lautem Gelächter. Das ist doch fast so wie eine Minutennovelle, oder? Und weiß der Teufel, was Örkény beim wiederholten Erzählen abänderte! Vielleicht, dass der Käse zu Pálpusztai-Käse wurde, weil der noch dazu stinkt, so wurde das Ende der Story noch wirkungsvoller.

In den Jahren Ihres Kennenlernens war Örkény dafür bekannt, andere gerne auf den Arm zu nehmen. In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre wetteiferten er und Ferenc Karinthy geradewegs damit.

Das ist die andere Sache, weswegen es prima war, mit Örkény zusammen zu sein: Um ihn herum vibrierte die Luft. Er dachte sich unzählige Späße aus, manchmal gnadenlos witzige. Und das machte er – machten wir – alles in den schrecklichsten Jahren: Wir lachten, weil wir uns fürchteten, wie Piroska Szántó formulierte. Örkény war bei solchen Späßen geradewegs genial, und einmal erzählte ich ihm, dass man in Siebenbürgen diese Art von Späßen, jemanden auf den Arm zu nehmen, „hekula“ nenne. István, den jede sprachliche Kleinigkeit sehr interessierte, kannte diesen Ausdruck nicht, aber er merkte ihn sich, denn Jahre später, als wir einander einmal zufällig begegneten, hob er den Zeigefinger und sagte nur: hekula. Das Spiel, der Scherz waren sein Element, und in diesen Jahren, die die schwersten waren, steckte in diesen Späßen natürlich auch eine gewisse Ersatzhandlung, um die Anspannungen abzureagieren, und später gelang es ihm, diese schräge Sicht der Welt auch in seine Text zu übertragen. Aber dafür, welche Art von Späßen er sich ausdachte, ist ein gutes Beispiel, als István Vas und der heute bereits würdig vergessene, drittrangige Parteidichter Antal Hidas 1962 gleichzeitig den Kossuth-Preis erhielten. Damals schrieb Örkény, der noch unter Publikationsverbot stand, einen Brief mit folgendem Text: Lieber Tóni [Antal], ich gratuliere Dir aus ganzem Herzen zu Deinem Preis, Du hast ihn schon seit langem verdient, und ich kann mir denken, wie traurig es Dich macht, dass du mit diesem miesen Dichter István Vas auf einmal an die Reihe gekommen bist, aber bei Preisverleihungen kommen solche Unannehmlichkeiten eben immer vor. Dann nahm er den Brief und steckte ihn in einen an István Vas adressierten Umschlag und schickte ihn ihm, als hätte er die Briefe nur aus Versehen vertauscht. Oder als er und Tibor Déry 1954 beschlossen gemeinsam einen lustigen Roman für vier Hände zu schreiben und uns – Béla Abody, Miklós Vajda und mich – zum Balaton einluden, um unsere Meinung zu dem bis dahin fertigen Romananfang zu sagen. Örkény rief mich beiseite und redete auf mich ein, ich solle, wenn Déry mich nach meiner Meinung frage, sagen, dass der Text fürchterlich sei, nicht zu retten, und dass es am besten wäre, sofort mit dem Weiterschreiben aufzuhören. Das tat ich abends beim Lagerfeuer dann auch, und zwar leichten Herzens, da das gemeinsame Experiment (Három nap az Aranykagylóban – Drei Tage in der Goldmuschel) tatsächlich schwach war: Örkénys sprühender Humor passte einfach nicht zu Dérys schwererem Stil, der keine leichte Unterhaltung erlaubte. Déry war natürlich außer sich, Örkény aber amüsierte sich köstlich, lobte mich, wie gut ich meine Rolle gespielt hätte. Er wollte mir kaum glauben, dass ich den Spaß nicht weitertrieb, als ich felsenfest an meiner Meinung festhielt. Nachträglich könnte ich sagen, dass die Tatsachen mir Recht gegeben haben: Der Roman blieb unbeendet, und das fertige Fragment ist wirklich nicht gelungen.

Schriftstellerisch waren diese Jahre für Örkény eine schwere Zeit der Prüfung. Denken wir nur an den realsozialistischen Roman Eheleute!

Von dem wusste er selbst sehr gut, dass er unlesbar ist. Vorher hatte er schon ganz ausgezeichnete Sachen geschrieben, wie etwa das soziografische Werk Das Lagervolk oder einige wirklich schöne Novellen, aber in den Abgründen der fünfziger Jahre richtete auch er sich nach den Anforderungen. Allerdings steckt selbst in diesen Texten Wertvolles, denn Örkény war begierig an der Wirklichkeit, der kleinen Welt der Bauern und Arbeiter interessiert. Wie geht eine Arbeiterin aus der Textilfabrik todmüde nach Hause, wie kocht sie für ihre Familie das Abendessen – auch in Eheleute finden wir eine Schar von diesen Details. Im Übrigen interessierten sich diese „Bourgeois“-Schriftsteller für das Leben der Bauern und des Proletariats tatsächlich, nur besuchten sie die Dörfer und Fabriken vergebens, denn sie stachen fürchterlich aus dem Umfeld heraus und wurden dort natürlich ausgelacht. In Badacsony war ich beispielsweise selbst Zeuge dessen, wie sich ein Déry mit seiner aristokratischen Manier in einer solchen Situation verhielt. Örkény war da anders, er konnte sich in solche Situationen einfinden, und er konnte ausgezeichnet beobachten, Material sammeln. […]

Nach 1956 erlitt die Karriere Örkénys erneut einen schweren Bruch. Obschon er, wenn man das so sagen kann, als Schriftsteller über die Jahre des Publikationsverbots ganz gut weggekommen ist.

Während der Ereignisse von 1956 fuhr Örkény Déry mit seinem eigenen kleinen Wagen überall hin, und nachdem Déry 1957 verhaftet worden war, fürchtete auch er, ins Gefängnis zu kommen. Schließlich wurde er „nur“ aus der literarischen Öffentlichkeit verdrängt und fand eine Stelle in einer Arzneimittelfabrik. Ich erinnere mich, dass er mir in diesen Jahren, als wir uns einmal trafen und ins Café Lux an der Ecke der Frankl-Leó-Straße setzten, davon erzählte, dass er nach wie vor schreibe. Er gab mir auch einige Novellen, unter denen sich ein wahres Meisterwerk befand, das natürlich erst Jahre später erscheinen konnte: Grand Café Niagara. Diese längeren Novellen Örkénys, unter denen sich ein Dutzend großartiger Texte befinden, eine Mischung aus Politik und Psychologie, worin Örkény immer ein echter Profi war, gerieten im Übrigen in den Schatten der nicht viel später entstandenen und selbstverständlich grandiosen Minutennovellen. Wie beispielsweise seine Novelle Requiem, in der der entlassene Mithäftling des inhaftierten Ehemanns, ein kümmerlicher junger Mann von unvorteilhaftem Äußeren die Ehefrau aufsucht, und ihre Begegnung in einem Geschlechtsakt endet – gewissermaßen im Zeichen einer indirekten Vereinigung des Ehepaars.

Nach dem Publikationsverbot von mehreren Jahren fand István Örkény nicht einfach nur wieder ins ungarische literarische Leben zurück, sondern sprang, so könnte man sagen, sofort an dessen Spitze.

Dafür gab es einen einzigen Grund, und zwar, dass er sehr gute Sachen schrieb. In seinen Schubladen hatten sich während der Jahre in der Arzneimittelfabrik ausgezeichnete Texte angesammelt und das erwies sich als sehr wirkungsvoll – natürlich nicht nur die Menge betreffend. Danach kamen vielleicht etwas später die Stücke, die meist zuvor als Kurzroman entstanden und natürlich die Minutennovellen: Örkény hatte etwas genau getroffen. Der Humor ist die ganze Wahrheit – hat Frigyes Karinthy einmal geschrieben, und irgendwie ist es Örkény gelungen, mit dem Humor jede Ambivalenz, jede Zwiespältigkeit, jedes Grauen des 20. Jahrhunderts – und ich will hinzufügen – des heutigen Lebens in seinen gelungensten Arbeiten zu formulieren. Eine seiner besten Minutennovellen trägt den Titel Budapest und handelt davon, dass einige Wochen nach dem Abwurf der Atombombe an der Wand eines Trümmerhauses der Zettel auftaucht: „Haben Sie Speck dabei, sorgt Frau Doktor Varsányi für die Mäusebekämpfung“. Das handelt, nicht wahr, von dem ewigen Neuanfang, was in dieser Region eine ganz besonders bekannte Situation ist, und ich sagte auch einmal zu Örkény: diese Frau Doktor Varsányi mit diesem schön neutralen Namen bist du. Und wie Flaubert sagte „Madame Bovary c’est moi!“, so kannst du ganz getrost sagen „Madame Varsányi c’est moi!“. Und das gefiel ihm sehr.

Die Popularität Örkénys als Schriftsteller ist so gut wie ungebrochen, auch im Jahr seines hundertsten Geburtstags wird er gelesen, vielleicht sogar viel mehr als zahlreiche seiner bedeutenden Zeitgenossen.

Vermutlich wird er heute tatsächlich viel mehr gelesen als, sagen wir, Gyula Illyés, László Németh oder eben Tibor Déry, und Örkény hat diese Popularität auch verdient. So wie er auch verdient, dass ein Budapester Theater, noch dazu ein gutes Theater, seinen Namen trägt, denn mindestens zwei seiner Stücke, Katzen-Spiel und Familie Tót, sind immer erfolgreich. Von seinen Stücken haben wir jetzt weniger gesprochen, schließlich sind die ja derart berühmt, und einige von ihnen haben es sogar auf internationale Bühnen geschafft. Im Übrigen wollte Örkény, so wie er gegen die Anekdote ankämpfte, auch ganz klar mit der ungarischen Dramentradition brechen, und vor allem mit Ferenc Molnár. Dabei benutzte auch er die Molnársche Technik, nur war eben seine Sicht der Welt eine andere, und der Stoff der Wirklichkeit änderte sich zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts drastisch. Aber seine Stücke wären nicht so, wie sie sind, wenn es Molnár nicht gegeben hätte, und das ist völlig in Ordnung so. […] Örkény selbst war vollkommen davon überzeugt, mit den Traditionen brechen zu können und hielt es so: Sowohl für die Schriftsteller als auch für die Leser ist es im 20. Jahrhundert radikal anders und sehr viel schwerer als im 19. Jahrhundert. Er hatte auch ein Gleichnis dazu, das so lautete, dass die früheren Schriftsteller in ihren Werken noch ein Haus bauten, Türen und Fenster hineinschnitten, es strichen, ein Dach und einen Schornstein darauf setzten, in die Zimmer stellten sie jeweils einen Ofen, heizten ein und aus dem Schornstein schlängelte sich der Rauch. Die Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zeichnen nur noch den Schornstein und den Rauch auf das Bild oder den Rauch allein, und der Leser muss daraus auf das Haus schließen. Das ist sehr treffend, eigentlich ist es wahr. Und auch wieder nicht. Denn manchmal hat Örkény in seinen großen Novellen auch dieses gewisse Haus unter dem Schornstein und Rauch erbaut.

(Erstveröffentlichung des Interviews: Magyar Narancs 2012/14)


Aus dem Ungarischen von Éva Zádor




István Örkény in deutscher Sprache – eine Auswahl:

Minutennovellen – übers. von Terézia Mora, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2011. Leseprobe des Suhrkamp Verlags

Das Lagervolk – übers. von Laszlo Kornitzer, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2010. Leseprobe des Suhrkamp Verlags

Katzen-Spiel – übers. von Vera Thies, Verlag Volk und Welt, Berlin 1989.

Gedanken im Keller – übers. von Vera Thies, Eulenspiegel-Verlag, Berlin 1984.

Pischti im Blutgewitter – übers. von Paul Kárpáti, Henschel-Verlag Kunst u. Gesellschaft, Berlin 1983.

Interview mit einem Toten – übers. von Hildegard Grosche, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982.

Rosenausstellung – übers. von Vera Thies, Verlag Volk und Welt, Berlin 1980.

Schlüsselsucher – übers. von Erika Bollweg, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977.

Der letzte Zug – übers. von, Verlag Volk und Bild, Berlin 1976.

Familie Tót – übers. von Vera Thies, Henschel-Verlag Kunst u. Gesellschaft, Berlin 1975.

Eheleute – übers. von Bruno Heilig, Tribüne, Berlin 1953.