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Leseprobe
 

István Kerékgyártó: Milán Trüffel oder die pikanten Abenteuer eines Lebemanns

Im Frühling 1903 schloss ich mich wegen Selma, einer dramatischen Holden, einer Komödiantentruppe an und begleitete sie von Stadt zu Stadt.

Diese Monate in der Provinz verstrichen in einem Zustand der süßen Schwerelosigkeit. Der Budapester Waffenlärm und Tratsch waren ganz leise, wenn sie die Gasthäuser der kleinen Städte erreichten, sie erschienen unwirklich und fern. Der Frühling hatte unterwegs viel größere Wirkung auf mich, als er es in Budapest je gehabt hatte, ich sah nicht nur, wie die Leute ihre Pelzmäntel gegen etwas Leichteres tauschten, hier, in der Provinz, präsentierte sich mir auch üppig die Natur mit schrillen Farben und Gerüchen. Ich liebte den Großstadtrummel, doch diese Monate machten mich auch mit den Vorteilen des Landlebens vertraut. Die Hiesigen tranken Milch anstatt des Kalkwassers, sie hatten keine Dispute mit grantigen und rechthaberischen Hausmeistern, Fiakerkutschern, keinen Ärger mit falschen Gewichten, gestreckten Weinen, Feen an Straßenecken und muffeligen Kellerwohnungen. Und diese lieben naiven Menschen standen stets starr und staunten mit offenem Mund, wenn es sie in die Hauptstadt verschlug, und sie schämten sich vor den Städtern, dass sie aus der Provinz gekommen waren.

Aus einer Laune heraus beschloss ich, mich in Tolnatamási als Graf auszugeben, in Dombóvár Schauspieler zu sein, in Szigetvár wiederum Graf, um Kaposvár schließlich wieder als Schauspieler zu betreten.

Ich verpackte den Frack feinsäuberlich in meine Reisetruhe, schlüpfte in einen gelben Samtmantel, band mir ein farbiges Tuch um den Hals und fertig war der Komödiant. Es kam vor, dass wir am Bahnhof vom Pferdewagen eines Notars oder Pharmazeuten, die einen Hang zum bescheidenen Mäzenatentum hatten, erwartet wurden, und der galante Herr invitierte uns dann verlegen zum sonntäglichen Mittagsmahl. Am Abend Aufführung, am Vormittag kurze Probe, im Reste der Zeit Gartenlokale, große Restaurants, aber doch in erster Linie die nach Schweineschmalz duftenden Esszimmer der lokalen Notabilitäten.

Als Aristokrat war das Leben ein anderes. Meine Einsamkeit teilte ich nur mit meiner Frau und meinem Butler, manchmal führte ich mit dem Drogisten, dem Barbier oder dem Oberkellner ein Gespräch, das meinem Stand entsprach. Doch meist hielt ich nur Ausschau. Jeden Morgen besuchte ich, wenn möglich, eines der primitiven Dampfbäder, wo sich die örtlichen „Walfische“, die früh aufstanden, trafen. Postmeister, Gemeindeärzte, Oberrichter und Ziegelfabrikanten, die mit besonderen kulinarischen Gebräuchen auffallen wollten. Vor den Kabinen hatten sie sich einen Tisch aufstellen lassen, an dem sie mit individueller Gourmanderie Gänserührei aus Eierschalen aßen – durch ein winziges Loch hatte man die Eierspeise wieder eingefüllt – oder anderswo speiste man Flusskrebse, die im Kalten wie im Warmen gebadet hatten, schließlich gebraten wurden, vorher hatte man ihnen aber noch Reisbrei, der mit Petersilie und Eiern vermischt worden war, unter die Schale gespritzt. „Das geht gleich ins Blut, meine Herren“, johlte der Gemeindeschatzmeister, „und das wandert gleich in intimste Regionen!“ Dabei schlürfte er und saugte das weiße Fleisch des Tieres aus dem Panzer und der Saft rann ihm bis an die Ellenbogen.

Ich war in ein Betttuch gewickelt, so saß ich im Hintergrund und lauschte den Gesprächen, die sich um örtliche Intrigen und die Pester Politik drehten, ob nun der saufende Richter das Ende seiner Dienstzeit noch erleben und ob Ministerpräsident Tisza wohl mit der Opposition klar kommen würde.

Danach ließ ich mich mit meinen Büchern in einem Park nieder, an einem Bachufer oder in der Nähe eines Sees. Ich vertiefte mich in das Werk des großen Franzosen Brillat-Savarin, die Physiologie du Goût, und ich musste voller Freude konstatieren, dass dieser Franzose schon vor hundert Jahren über die Vergnügungen der Nase und der Zunge ganz genau bescheid wusste. Später sah ich mich dann im Restaurant des Grand Hotels um, was man dort im Vergleich zur speichelfördernden Theorie in der Praxis zu bieten hatte.

Die Mittagsruhe verbrachte ich stets mit Selma. Manchmal mietete ich mir einen Wagen, um ein wenig was von der Umgebung zu sehen, wir lauschten den Erzählungen unseres Kutschers über die örtlichen Legenden, lauschten den wunderbaren Geschichten von der Entstehung dieses Berges und jenes Sees. Ich erlernte die Langsamkeit. Ich genoss die zerbrechliche Wonne der langen Minuten, ihre winzigen Schwingungen, die zeitlose Betrachtung der Muster eines knorrigen Baumstamms, das langsame Kauen einer Sehne im gekochten Ochsenschwanz, die träge Nachmittagsliebe in einem mit dicker Draperie verdunkelten Hotelzimmer. In Becken mit lauwarmem Wasser sitzend, lauschte ich dem monotonen Getrommel der Wassertropfen, die von der Decke fielen, ich ließ jeden gelesenen Satz auf mich wirken, manchmal schlug ich das Buch über meinem Zeigefinger zu und ließ mich mit geschlossenen Augen von der Schönheit meiner Lektüre entführen. Das waren die Stunden der frohmütigen Langsamkeit, denn es gibt auch ärgerliche Langsamkeit, die wir mit schleppenden, schleichenden, trödelnden, sauren Worten niederschreiben. Meine Langsamkeit war von der herrschaftlichen Art, die sich gerade die Schnellsten erlauben können. Wie die tropischen Kaimane, die stundenlang regungslos in der dunstigen Sonne liegen, um plötzlich blitzschnell der Beute nachzuhasten. Hier genoss ich als Graf, dort als Schauspieler die müßigen Feinheiten des Lebens, manchmal war ich aufgebracht, dann handelte ich, um die Spannungen abzubauen, schnell wie der Wind, das kühlte mein Gemüt. Der Dieb, der manchmal aus dem Grafen hervorschlüpfte, war nicht ein Ergebnis gründlicher Vorbereitung, sondern eine Ausgeburt des Augenblicks.


Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz

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