Tibor Déry und Mária Kunsági
von Krisztián Nyáry

Der 58-jährige Tibor Déry begegnete der 33-jährigen Mária Kunsági das erste Mal bei Freunden. Der Schriftsteller ließ sich gerade von seiner zweiten Frau scheiden und auch die Schauspielerin hatte schon eine Ehe und mehrere Liebesbeziehungen hinter sich. Die Tochter eines Mühlenbesitzers in Kiskunmajsa hatte die schauspielerische Laufbahn relativ spät, erst mit 25 Jahren, eingeschlagen. Die auffallend schöne junge Frau spielte zunächst anspruchsvolle Rollen im Budapester Theater Vígszínház, nebenher arbeitete sie als Modell für Werbungen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Als die Rollen der jungen Naiven allmählich ausgingen, gelangte sie ans Operettenhaus, wo sie allerdings nur weniger bedeutende Aufgaben erwarteten.
„Ich habe bei Tibor Déry zu Mittag gegessen, ein fantastischer Mensch. Und was für ein großer Schriftsteller! Alle bewundern ihn, ich auch. Ich wurde noch am gleichen Tag seine Freundin“ – schreibt Mária, oder mit Spitznamen Böbe (nach ihrem ursprünglichen Namen Erzsébet Hullman), in ihr Tagebuch.
Ihre Beziehung schien am Anfang sehr unbeschwert. Böbe imponierte das Interesse des bekannten Schriftstellers und Déry die Attraktivität der verspielten, fröhlichen, jungen Schauspielerin. Seine Zeitgenossen hielten Déry für einen Frauenheld, die junge Freundin war daher keine allzu große Überraschung. Später schrieb darüber  der Schriftsteller so: „In jungen Jahren hielt man mich für einen Don Juan, grundlos. Ich bin eine treue Seele, was ausschließt, dass ich zu irgendeiner Zeit ein Frauenheld gewesen wäre. Wenngleich ich Liebschaften hatte […] Aber die waren aufrichtig, galten für ein Leben, bis sie zu Ende waren. Ich hielt die Frau, in die ich mich verliebte, für mehr, als mich selbst, also konnte ich kein Don Juan sein.“
Jedenfalls wurde aus dem Abenteuer Liebe, und Déry hielt um Böbes Hand an. „Ich will nie glücklicher sein, als ich es mit dir nun schon seit einem Jahr bin“ – schrieb die Frau in ihrer Antwort. Die Hochzeitspläne Dérys hielten seine Freunde für einen Skandal und sie fanden, dass die nicht sonderlich gebildete, impulsive Schauspielerin auch gar nicht zu dem Schriftsteller passte. „Gegen Böbe entwickelte sich regelrecht eine Verschwörung der Schriftsteller“ – erinnerte sich Tibor Méray. „István Örkény und andere waren völlig entsetzt. Sie gingen davon aus, dass sich Böbe […] den alten Schriftsteller geschnappt hätte und sie nur sein Ruhm und das Geld interessierten. Sie lagen mächtig daneben, denn Böbe erwies sich als eine sehr gute Ehefrau.“ Im November 1955 heirateten sie.
Sie waren glücklich und da sie keine Kinder hatten, verwöhnten sie ihren Hund Niki. Anderthalb Jahre durften sie zusammenleben: Déry wurde 1957 wegen seiner Rolle, die er bei der Revolution 1956 gespielt hatte, verhaftet und zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Sein erster Brief galt seiner Frau: „Meine liebe, süße Böbe, meine Einzige! Das wichtigste, das ich dir sagen will, ist, dass ich dich sehr liebe, sehr glücklich mit dir bin und dass ich in meinem weiteren Leben keine Minute ohne dich leben wollen würde. […] deine Liebe, dein frohes Gemüt brauche ich so sehr wie die Luft zum Atmen.“
Dérys Mutter war damals 93 Jahre alt, einen Sohn hatte sie schon verloren, deshalb wollte Déry nicht, dass die Nachricht von seiner Verhaftung sie schockierte. Er schrieb ihr Briefe über Dreharbeiten im Ausland und Böbe spielte die ihr zugeschriebene Rolle in diesen gnädigen Lügen überzeugend. So wie auch Déry, der im Gefängnis immer kränker wurde, seiner Frau jedoch ständig Mut zusprach: „Ich hätte nie gedacht, dass dieses alternde Herz noch zu so viel Liebe fähig ist und dass du es so erfüllen könntest. […] Du hast von mir ein schweres Schicksal bekommen, meine süße Einzige.“
Böbe traute sich lange Zeit nicht, Déry zu verraten, dass seine Mutter trotz der Schutzmaßnahmen verstorben war. Sie setzte alle Hebel in Gang, damit der Fall ihres Mannes nachsichtiger behandelt wurde. Sie schrieb einen Brief nach dem anderen, mal an das Politkomitee, mal an Kádár, mal an Chruschtschow. „Ich garantiere bei meinem Leben, gebe Ihnen mein Wort, dass er in seinem verbleibenden Leben mit seiner Arbeit Zeugnis für die Sache des Kommunismus ablegen wird.“ – schrieb sie dem sowjetischen Generalsekretär in ihrer Verzweiflung. Die internationalen Proteste und die Ausdauer Böbes brachten schließlich Erfolg: 1960 wurde der damals 66-jährige Schriftsteller begnadigt und freigelassen. Die Geschichte seiner Heimkehr hat er in einer der schönsten Erzählungen der ungarischen Literatur, Liebe, beschrieben, aus der Károly Makk seinen unvergesslichen Film drehte.
Ob Chruschtschow Böbes Brief erhalten hat, wissen wir nicht, aber die Macht forderte ihr Versprechen ein. Böbe wollte ihren Mann nicht erneut verlieren, daher schützte sie ihn, ja sie verbot ihm sogar, sich an oppositionellen Bewegungen und Aktionen zu beteiligen. Als Déry die oppositionelle Solidaritätserklärung Charta ’77 unterzeichnen wollte, brachte ihn seine Frau davon ab. Der kommunistische Kulturpolitiker György Aczél erreichte durch Böbe sogar, dass der damals im Ausland am meisten bekannte ungarische Autor sich im österreichischen Fernsehen von der Aktion distanzierte. Auf der Aufnahme ist zu sehen, dass Déry während seiner erzwungenen Erklärung zu seiner Frau blickt und fragt: reicht es endlich? Es ist schwer zu entscheiden, wer in diesem Augenblick moralisch im Recht war. Als Déry einige Monate später starb, erkrankte die bis dahin gesunde, nur 58 Jahre alte Böbe schwer. Sie überlebte ihren Mann nur anderthalb Jahre.

 

Tibor Déry in deutscher Sprache – eine Auswahl:

Der unvollendete Satz. Frankfurt am Main 1957

Der Riese. Erzählung. Insel Verlag, Wiesbaden 1958

Die portugiesische Königstochter. Erzählungen. Frankfurt am Main 1959

Anna Petri. Roman. Berlin (Ost) 1959

Ein fröhliches Begräbnis und andere Erzählungen. Frankfurt am Main 1963

Rechenschaft und andere Erzählungen. Frankfurt am Main 1964

Spiele der Unterwelt. Leipzig 1968

Erdachter Report über ein amerikanisches Pop-Festival. Roman. Berlin (Ost) 1974

Der Amokläufer. Ein illustriertes Gedicht. Budapest 1985

Ein feiner alter Herr. Erzählungen. Berlin (Ost) 1988

Liebe = Love. Budapest 1992

Gefängnisbriefe. Der Briefwechsel Tibor Dérys mit seiner Mutter und seiner Ehefrau 1957-60. Budapest 1999