Mihály Babits und Sophie Török
von Krisztián Nyáry


Einige Monate nach ihrer eigenartigen Heirat schenkte der 38jährige Mihály Babits seiner 26jährigen Ehefrau Ilona Tanner 1921 etwas ganz Besonderes: einen neuen Namen. Seine Novelle über Ferenc Kazinczy widmete der Schriftsteller Sophie Török und unterschrieb mit Franci. Damit legte er auch ein für alle Mal ihre späteren Rollen ihres Duos fest: er war die literarische Leitfigur, sie die Dichtergattin. Der erste Text von Sophie Török erschien noch im selben Jahr in der Literaturzeitschrift Nyugat, und in den kommenden zwei Jahrzehnten folgten noch zahlreiche Gedichte, Novellen und Kritiken. Die Zeitgenossen betrachteten sie jedoch nicht als Schriftstellerin oder Dichterin, sondern ausschließlich als die Ehefrau Babits’. Das schmerzte sie ihr Leben lang, sie wollte Dichterin sein und nicht die Frau eines Dichters. „Mir ist es leider nicht gegeben, etwas Bleibendes zu schaffen, vergebens wollte ich seit meiner Kindheit Schriftstellerin werden, heute bin ich – als die Ehefrau des größten lebenden ungarischen Schriftstellers – weiter davon entfernt als je zuvor. Dabei stehen meinen Gedichten alle Zeitschriften offen, aber ich werde nie mehr ehrliche Kritik oder wohlwollende Aufmunterung bekommen – meine Texte sind nur unter einem einzigen Gesichtspunkt interessant: dass ich Vertraulichkeiten aus dem Lebens von Mihály Babits mit ihnen feilbiete.“ Ilona verehrte ihren Mann, sie betrachtete sich nicht nur als seine Ehefrau, sondern auch als seine Schülerin, als seine wichtigste Leserin. Babits wiederum sah in seiner Frau eine gleichrangige Partnerin und verständnisvolle Gefährtin. Es war nicht die große Liebe, zwischen ihnen war viel mehr und zugleich viel weniger – es war eine intensive, symbiosenartige Verbindung. Sophie sammelte unermüdlich jeden Zettel, jedes Bild, das etwas mit Mihály zu tun hatte, sie notierte alles vom täglichen Menü bis hin zu den Namen ihrer Gäste. Sie arbeitete bewusst für die Nachwelt. Dabei wehrte sie immer wieder gegen die Rolle der Dichtergattin: „Zu zweit waren wir: ich und die / Arbeit. Mich liebtest du und die Arbeit / hasstest du. Doch zwischen uns saß sie als trotziger / Dritter. Du verbrauchtest mein / Leben und geschaffen wurde / das Werk“ – schrieb sie 1927. Sie hätten gerne Kinder gehabt, doch Sophie konnte – vielleicht aufgrund einer Abtreibung in jungen Jahren – nicht schwanger werden. Als sie dreißig Jahre alt wurde, rückte der quälende Wunsch nach einem Kind zunehmend in den Mittelpunkt ihrer Werke. „… Und ich / war nicht einmal Mutter!… / was habe ich verbrochen? dass ich von allen / pulsierenden Leben unter diesem stummem / weisen Himmelszelt das der zausigen / Glucke beneide! Die wonnige Ruhe / ihres erfüllten Lebens: wie sie / unter die warmen Flügel / ihre unzähligen Küken versteckt.“ Zu dieser Zeit wurde das Dienstmädchen des Ehepaars schwanger. Der Vater war der jüngere Bruder Sophies, Béla Tanner. Als das Mädchen im Frühjahr 1928 zur Welt kam, ging Sophie mit einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus und kehrte von dort bereits mit dem Säugling im Arm zurück. Das Ehepaar adoptierte Ildikó, und damit begannen die glücklichsten zehn Jahre ihres Lebens. Babits und seine Frau umsorgten das Mädchen mit der größten Liebe, verheimlichten ihm aber – wie es damals üblich war , dass sie es adoptiert hatten. Ildikó war 13 Jahre alt, als sie aus einer literaturgeschichtlichen Monografie über ihren Vater die Wahrheit erfuhr. Sie konnte nie verarbeiten, dass nicht Mihály Babits ihr Vater war und brachte diese Enttäuschung auch Sophie gegenüber zum Ausdruck. Damals war Babits bereits schwerkrank, aufgrund seines Kehlkopfkrebses wurde 1938 ein Luftröhrenschnitt vorgenommen. Sprechen konnte er nicht und war auf die Pflege seiner Frau angewiesen. Den Kontakt zur Außenwelt hielt er über sein Gesprächsheft und Sophie aufrecht. Jahre lang pflegte Sophie ihren Mann Jahre rund um die Uhr aufopferungsvoll, was für sie eine unglaubliche seelische Belastung bedeutete. Zeitweilig rannte sie von zu Hause fort, suchte bei Freundinnen Ruhe. In dieser Zeit hatte sie mehrere flüchtige Beziehungen, es waren kurze Schwärmereien von einigen Tagen, nach denen sie immer wieder zu Babits zurückkehrte. Es entstanden mehrere leidenschaftliche Liebesgedichte und unter ihnen solche, deren Adressat eine Frau war: „Im Dunkel lebe ich, / und von mir wurde nur das mein eigen, / was das süße Licht deines Wesens durchscheint“ (Brieffragment an meine Freundin). Nach den lange Zeit geheim gehaltenen und erst vor Kurzem aufgetauchten Gedichten sind viele der Ansicht, dass sich Sophie Török von ihrem eigenen Geschlecht angezogen fühlte. In einem späten Interview formulierte sie differenzierter: „Ich war nie eine aktive Lesbe“. Neben diesen Liebschaften bestimmte aber die starke Bindung, die sie ihrem Mann gegenüber empfand, ihr Leben. Als Babits 1941 starb, wollte Sophie monatelang nicht zur Kenntnis nehmen, dass sie allein geblieben war. Sie nahm nicht einmal die an sie gerichteten Kondolenzschreiben entgegen. In ihrem gesamten späteren Leben quälte sie sich damit, was sie hätte anders machen müssen. Sie konnte sich derartige Kleinigkeiten nicht verzeihen, dass sie etwa, als Babits bereits krank war, die Hand im Kino weggezogen hatte. „In so viel furchtbaren und immer furchtbareren / Gestalten denke ich an dich, mit unvergesslichem / toten Gesicht, deinen wachen Geist überwunden / … wie ein zum Fest gekleideter braver junger Lehrer / liegst du unter der Erde…“ – schrieb sie ihrem Mann, dem einzigen Menschen, der sie nicht nur als Partnerin, sondern von Anfang an auch als Dichterin betrachtete. Und das war sie auch.

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Mihály Babits: Auf ein altes Schwimmbad in Pécs

Somno mollior unda

 

Selige Sehnsucht lässt meine Seele gleiten.

Was sich nicht verleugnen lässt, will ich nicht bestreiten.

Selig leichte Sehnsucht, glühend, wild und heiß,

die Kufen werden stumpfer, darunter schmilzt das Eis.


Flieg der Gefahr davon, mein Lied, und mach dich weit,

stille Bilder, steigt herauf, beschwört die alte Zeit,

du sollst meine Sorgen brechen, Lethe für mich sein,

denn im Lied erneuert sich, wer leiden musste, und wird rein.


1

Steht das alte Schwimmbad noch unter feuchtem Laub,

das im Sommer fast verschwand in Bäumen voller Staub,

im Frühling war es ein Pfützenmeer, roch faulig und verdreckt,

hinter Friedhof und Krankenhaus lag es gut versteckt?

Unten die weite Ebene, da probten die Soldaten,

oben die Türme des Domes, Moschee und die Arkaden,

darüber im Nebel die Berge, die sich stolz erheben

und wenigstens die Augen mit frischem Grün beleben.


Hier unten brütet die Hitze, verbrennt die Hochgefühle,

grünes Kraut in Staub und Dunst, drückend schwere Schwüle,

durch schillerndes Laichkraut steigt der Fabriken Rauch,

Winkel voller Silberfäden aus dem Spinnenbauch.

Grünes, weiches Moos bewächst die morschen Stege,

fauler Gerbereigestank legt sich warm auf alle Wege,

Kohlenstaub vom Bahnhof her, Lokomotiven klagen,

dazu dröhnt aus dem Turm im Dom dumpfes Glockenschlagen.


Fern und weit die Ebene, ermüdend und so müde –

was für ein Volk kommt nur hierher zum Park ins Grüne,

wo tags die Hummeln brummen und Frösche musizieren,

was sind das nur für Leute? Keinerlei Manieren.

Tagediebe, Gaunerpack, ein Schimpfen und ein Fluchen,

Arbeitslose ohne Halt, die etwas Ruhe suchen.

Säufer mit hitzigen Schädeln, zwielichtige Vagabunden,

wer Brot und Arbeit sucht, vertreibt sich hier die Stunden.

Hier lauert böse Schadenfreude, Wut und Streiterei,

gedankenlose, leere Träume, heilloses Einerlei.

Es wird nicht mehr als Gras gegessen, Bauch und Gehirn sind leer,

Schädel unter speckigen Mützen, Schnaps macht sie öd und schwer.

Hier sammeln sich die jungen Flegel und protzen mit ihrer Kraft,

sie zeigen ihre Muskeln voll Übermut und Saft,

hier wird geklautes Gut verteilt, immer gibt es Streit,

und abends kommt die Lüsternheit, ist gierig und bereit,

die Farben werden blass und blind, Lust hört man lüstern johlen,

Huren auf schief gelaufenen Schuhen, daneben nackte Sohlen.


2

Frauen vormittags 8–11

Männer 11–12


Wenn aber im Sommer die Sonne strahlend scheint,

kommt Anmut, die dem Grässlichen nun plötzlich Reiz verleiht.

Blasse Jungen, schlanke Mädchen wirken wie verwandelt,

müdes krankes Laub wird saftig grün, verjüngt und handelt.

In jungen Herzen, wo sich schon ein scheuer Schmerz versteckt,

wird von dieser Wunderlandschaft Sehnsucht aufgeweckt.

Dann wird das Grün im Park von anderen Schuhen gedrückt,

dann wird der sündige Park von anderen Spuren beglückt,

der Abdruck feiner Füße, die im Winter Schlittschuh fuhren,

an ihren Schuhen hinterlässt der Schmutz keine bleibenden Spuren.


Sieh das eitle Bürgermädchen, bewacht von einer Dame,

schon das Halten ihrer Hüte wird ihnen fast zur Plage,

zarte Mädchenhände, die man an keine Maschine lässt,

nicht einmal einen Tennisschläger hält sie willig fest,

benommen taumeln ihre Schritte, vom Sonnenschein verwirrt,

von seltsamen Gefühlen sind sie abgrundtief umschwirrt –

gäbe es Seife nicht nur für die Haut, auch für das Waschen der Liebe,

gegen die Wolllust und die Gier, gegen das Treiben der Triebe,

die das verwirrende Bad und dieser Schwindel wecken!


Bald schon füllen bunte Badekostüme das Wasser im Becken,

hinter der Holzwand hört man ein Lärmen, Brüllen und Spritzen …

Freiheit der Jugend, dort sieht man im Kreis die Burschen sitzen,

der Kindheit entwachsen, sie treffen sich hier,

vom kleinen, verschlagenen Bengel bis hin zum Kavalier.

Gleich gehen auch sie ins Wasser, doch während sie da stehen,

fliegen ihre Blicke, sie mustern die Mädchen und spähen.

Überall morsches Holz, da bilden sich sündige Ritzen,

die Riegel ihrer Kabinen bringen sie zum Schwitzen.

Was verbergen diese Bretter? Lauter Sinnlichkeiten,

diese ganz geheimen Körper, Formen ohnegleichen,

Sünde voller Liebreiz, der in Sommerlichtern schwebt,

ewiger Sinnenfrühling, der immer in Blüte steht,

überall wächst und sprießt es, Vorrat für Winterzeiten,

selige Sehnsucht lässt die Seele auf Kufen gleiten.



3

Flieg der Gefahr davon, mein Lied, und werde weit,

lass kühle Wellen kommen, Minuten leichterer Zeit,

auch wenn im Wasserbecken ganze Völker schrein,

zu faul bin ich, um morgens früh hier fast allein zu sein,

auch wenn das ganze Becken im Lärm der Massen dröhnt,

springt einer kühn ins Wasser, ein Kind kriegt Angst, es stöhnt,

Wasser spritzt funkelnd auf, das Sprungbrett bebt,

hier, wo kein schmutziger Geruch von Frauen die Luft durchschwebt,

wo ein freches Mädchen, unbewacht und gewitzt

brave Judenfrauen mit Wasser ärgert und bespritzt,

wo nichts als Lärm ist, Schaum und gelbe Gischt,

alles Toben dieser Welt, hier stört es dennoch nicht,

trotz allem finde ich hier Frieden, sanfte Ruheliege,

ein weiches Bett, das schaukelt mich, wie eine sanfte Wiege,

weil du hier gegenwärtig bist, du Wasser bist immer rein,

du bist wie eine Welt für mich, mein Element, mein Heim,

auch wenn du hier nur künstlich bist, kein See, ein fader Plan,

lass ich mich auf dir treiben, behaglich wie ein Kahn,

ich fühle mich zu Haus’ in dir, ein leichter Fisch, ganz rein,

und sehe in das Himmelblau, ja schwimme fast hinein.

Kühler Marmor, weiches Nass, ihr lindert jede Glut,

dann liege ich im grünen Gras und alle Welt ist gut.

So viel Gesindel schwimmt in dir, und doch hast du Erbarmen.

Süßes Wasser, bester Freund, ich will dich jetzt umarmen.

Auf deinen weichen Wellen will ich meine Falten glätten,

sie werden mich, sie können es, vor jeder Sünde retten.

Die liebsten Träume, von meinem Herzen weggerissen,

Wasser, du wirst stärker sein, ich lege sie auf deine Kissen.


Aus dem Ungarischen von Kati Fekete und Wilhelm Droste


(Erschienen in: Pécs. Ein Reise- und Lesebuch. Hrsg. Wilhelm Droste, Éva Zádor. Arco Verlag, Wien/Wuppertal 2010)




Mihály Babits in deutscher Sprache – eine Auswahl:


Phantastische Aussichten – mit Novellen von Mihály Babits, Hrsg. Franz Rottensteiner. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1985

Der Storchkalif – Roman, übers. von Stefan J. Klein. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1984

Frage am Abend – Gedichte (Ausw.), übers. von Annemarie Bostroem u.a. , Hrsg. Gábor Hajnal, Paul Kárpáti. Corvina Verlag, Budapest 1983

Der Schatten des Turmes Novellen, übers. von Vera Thies. Reclam Verlag, Leipzig 1983

Das Kartenhaus Roman, übers. von Stefan J. Klein. J. M. Spaeth Verlag, Berlin 1926

Kentaurenschlacht übers. von Stefan J. Klein. J. M. Spaeth Verlag, Berlin 1926

Der Sohn des Virgilius Timár – Erzählung, übers. von Stefan J. Klein. Musarion Verlag, München 1923