Zsigmond Móricz und Mária Simonyi
von Krisztián Nyáry

 

Im Januar 1924 verliebte sich der damals 45jährige Zsigmond Móricz während der Proben zu seinem Stück Búzakalász [Weizenähre] in die 35jährige Schauspielerin Mária Simonyi. Seine heftigen, unbezwingbaren Gefühle bemerkte jeder – so auch seine Ehefrau Janka Holics. Sie waren bereits zwei Jahrzehnte verheiratet, und Janka war nicht nur seine Ehefrau, sondern auch seine erste Leserin, Redakteurin und wichtigste Kritikerin. Sie war seine Inspiration und die Heldin von mindestens fünfzig Werken, ihr beider Verhältnis zeigte Móricz bereits in seinem ersten erfolgreichen Roman Gold im Kote, der Tragödie eines vollkommen unterschiedlichen Paares. Móricz liebte Janka, doch empfand er die Beziehung und ihre strenge katholische Moral nach zwanzig Jahren als Fessel. Ihre Ehe bekam 1923 wegen Janka einen Sprung: „Als wir gerade genug voneinander hatten, kam jemand. Ein Mann, der ihrem Geschmack genau entsprach. Und in ihr entflammte eine kleine Liebe.“ – erinnerte sich Móricz später. „Einmal sagte sie zu mir: Es gibt auch einen anderen, der mich heiraten würde. Ich war enttäuscht.“ In dieser Situation begegnete der Schriftsteller der populären Schauspielerin, die in seinem ersten Stück am Theater Belvárosi Színház spielte. Wie er schrieb, „schlug sofort der Blitz ein“. Am Tag der Generalprobe sprach er nur von Márias Spiel, gab er ihr ständig neue Instruktionen. Janka erkannte ganz genau, was sich da abspielte. „Sehen Sie? Wie er sie anschaut, sie verschlingt, an ihr klebt? Wie er es nicht verheimlichen kann, wie er sich mit seinem Benehmen, mit jeder Regung verrät? … Und diese Dirne, diese Schlampe“ – sagte sie zu dem anwesenden János Kodolányi. Am 31. Januar schrieb Móricz den ersten Liebesbrief, dem noch 200 folgen sollten. „Liebe Mária, heute schreibe ich Ihren Namen das erste Mal nieder. Heute schreibe ich seit 21 Jahren einen neuen Frauennamen nieder… Ich gestehe, ich schäme mich. Doch was soll ich tun, es scheint, es ist ein Naturgesetz… Was denken Sie, ist es gerechtfertigt, dass ich mich gegen Sie, dagegen, dass ich in Sie verliebt bin, zur Wehr setze?“ Die Schauspielerin antwortete einige Tage später: „Mein Gott, was wäre denn richtig; weiter zu liegen wie bislang, mein Gesicht an ihre Zeilen drückend, und weinen und lachen, jubeln und langsam zur Ruhe kommen?“ Noch an demselben Tag kamen sie sich auch körperlich näher, was sich für Móricz als schicksalhaft erwies, denn das Erlebnis der körperlichen Liebe, die er mit seiner Ehefrau in dieser Intensität, nie erfahren hatte, überwältigte ihn vollkommen. Auch von ganz intimen Details dieser neuen Erfahrung berichtete er in seinem Tagebuch. Anfangs war auch Mária von ihren Gefühlen überwältigt: „Sie süßer, letzter Lüstling – mit zähneknirschendem Zittern habe ich Ihren Brief gelesen – ich gehörte Ihnen, bis ich am Ende angelangt war. Kommen Sie, kommen Sie, ich gehöre schon lange Ihnen, mit jeder meiner Fasern. Ich bin schamlos, dafür schäme ich mich nicht. Sie haben mich dazu gemacht…“ – schrieb sie. Später jedoch fürchtete sie diese Beziehung, sie wollte nicht in das Familiendrama zwischen dem Schriftsteller und seiner Ehefrau involviert werden. Janka drohte nämlich wiederholt mit Selbstmord, und es kam vor, dass es nicht nur bei Drohungen blieb. Sie schrieb ihrem Ehemann auch einen Abschiedsbrief: „Mein lieber, mit tödlicher Liebe geliebter Zsiga… Diese Frau, die Sie und mich bis hierhin gebracht hat, verabscheue ich, und wenn auch Sie so weit kommen, bin ich nicht umsonst gestorben.“ Móricz kehrte nach den Selbstmordversuchen nach Hause zurück und versuchte, alles in die alten Bahnen zu lenken. Doch es gelang ihm nicht. Sobald es Janka besser ging, flüchtete er von zu Hause und schrieb in Kaffeehäusern und Hotelzimmern, in seinem Tagebuch versuchte er, sich seine Gefühle für seine Frau und die zunehmend nur in seiner Fantasie existierende Mária von der Seele zu schreiben. Die Schauspielerin hatte ihr Verhältnis und Jankas Leid nämlich derart erschreckt, dass sie die Beziehung beenden wollte. Auf Móricz’ Briefe antwortete sie nur selten: „Sie sehen nur Äußerlichkeiten (was Sie nicht sehen, stellen Sie sich vor) und es scheint, das genügt Ihnen“. Der Schriftsteller schmuggelte in jede veröffentlichte Novelle, in jeden Roman eine Botschaft, die nur Mária verstehen konnte. Ein Jahr nach ihrer Begegnung schrieb er: „Ganz bis zum 1. Feb. 1924 vertrat ich die Ansicht, es gebe keine Liebe. Das sei nur Fantasie. Und ich bedauerte immer, dass dieses Gefühl mir verwehrt sei; und wenn es sie gebe, warum sie nicht auch mir zuteil würde.“ Mal hatte er das Gefühl, doch eher in seine Frau verliebt zu sein, mal litt er wieder darunter, dass ihm Mária fehlte. Dieser Sturm der Emotionen dauerte anderthalb Jahre. Schließlich machte Janka einen endgültigen Schritt: Im Sommer 1925 vergiftete sie sich tatsächlich. Die Presse schrieb schamhaft von einer plötzlichen Krankheit, die Freunde aber wussten, was geschehen war. Móricz sucht Mária nach der Beerdigung lange Zeit nicht auf, später jedoch schrieb er ihr wieder. Ein Jahr darauf heirateten sie. Sie lebten acht Jahre zusammen, jedoch war ihre Ehe nicht harmonisch. Mária nahm Jankas Platz nicht ein, als Ehefrau wurde sie weder zur Mitautorin noch zur Inspirationen von Romanheldinnen. In den Werken des Schriftstellers tauchte die Gestalt seiner verstorbenen Frau immer wieder auf.

Zsigmond Móricz in deutscher Sprache – eine Auswahl:

Niemandsblume – Roman, übers. von Ruth Futaky. Corvina Verlag, Budapest 2006

Verwandte – Roman, übers. von Bruno Heilig. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 1999

Herr Bovary – Roman, übers. von Ruth Futaky. Corvina Verlag, Budapest 1999

Die Pfeife des Silberkönigs. Täppischer Janko – Ungarische Volksmärchen, ill. von Márta Lacza, übers. von Hans Skirecki. Corvina Verlag, Budapest 1992

Sieben Kreuzer – Eine Erzählung, ill. von Ádám Würtz, übers. von Farkas Nitsch. Corvina Verlag, Budapest 1979

Das Rindvieh mit dem Adelsbrief – Erzählungen, übers. von Almos Csongár. Verlag der Nation, Berlin 1979

Himmelsvogel – Erzählungen, übers. von Vera Thies. Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1979

Zaubergarten – historischer Roman, übers. von Käthe Gáspár, Corvina Verlag/Verlag der Nation, Budapest/Berlin 1977

Der glückliche Mensch – Roman, übers. von Lilian Bättig und Ernst Kallai. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1976

Schatten der Sonne – historischer Roman, übers. von Käthe Gáspár und Almos Csongár. Corvina Verlag/Verlag der Nation, Budapest/Berlin 1974

Der große Fürst – historischer Roman, übers. von Käthe Gáspár, Corvina Verlag/Verlag der Nation, Budapest/Berlin 1973

Der Türke und die Kühe – Gedicht, übers. von Wilhelm Tkaczyk, ill. von Gyula Hincz. Corvina Verlag, Budapest 1973

Die Engel von Kiserdő – Erzählungen, übers. von Vera Thieß. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1971

An einem schwülen Sommertag – Roman, Verlag der Nation/Corvina Verlag, Berlin/Budapest 1968

Sieben Kreuzer – Erzählungen, übers. von Vera Thieß. Insel-Verlag, Leipzig 1967

Herrengelage – 3 kleinere Romane, übers. von Peter Paul Schneider und Jörg Buschmann. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1965

Mischi und das Kollegium – Roman, übers. von Mirza Schüching. Corvina Verlag, Budapest 1962

Arme Leute – 6 Erzählungen, übers. von Géza Engl, István Frommer u. a. Corvina Verlag, Budapest 1961

Der glückliche Mensch – übers. von Lilian Bättig und Ernst Kallai. Aufbau-Verlag, Berlin 1955

Der Mann mit den Hahnenfedern – Erzählungen, übers. von L. Nemethy, W. Bersträsser und Ernst Kallai. Aufbau-Verlag, Berlin 1954

Einmal satt werden – übers. von Géza Angyal. Reclam, Leipzig 1953

Franzi Kerek – Roman, übers. von Harry Lux. Karl H. Bischoff Verlag, Berlin/Wien/Leipzig 1944

Löwe im Käfig Roman, übers. Käthe Gáspár. Zsolnay Verlag, Berlin/Wien/Leipzig 1938

Eines Kindes Herz – Roman, übers. von Käthe Gáspár. Zsolnay Verlag, Berlin/Wien/Leipzig 1937

Siebenbürgen – Historische Romantrilogie, übers. von Käthe Gaspar. Zsolnay Verlag, Berlin/Wien/Leipzig 1936

Die Fackel – Roman, übers. von Heinrich Horvat, Rowohlt Verlag, Berlin 1929

Waisenmädchen – Roman, übers. von Heinrich Horvát. Rowohlt Verlag, Berlin 1923

Hinter Gottes Rücken – Roman, übers. von Heinrich Horvát. Rowohlt Verlag, Berlin 1922

Gold im Kote. Ein ungarischer Bauernroman – übers. von Armin Schwartz. Rowohlt Verlag, Berlin 1921