Magda Szabó
von Krisztián Nyáry

Die 30jährige Magda Szabó sah den 34jährigen Tibor Szobotka das erste Mal am 20. Juli 1947 bei einem Empfang des Schriftstellerverbandes in Balatonlelle. Der Mann warf der schlanken, brünetten Frau nur einen flüchtigen Blick zu und ging auch schon weiter. Magda Szabó aber verliebte sich sofort in den unbekannten hellblonden Mann. „Ich hätte nie gedacht, dass es so etwas gibt. Wenn jemand schrieb, es könne im Leben ein Augenblick kommen, in dem für den Bruchteil einer Sekunde die Welt stehen bleibt und sich plötzlich alles verändert, dann lachte ich denjenigen aus – und jetzt ist gerade mir das passiert. Ich stand nur da und sah ihn an; jede meiner Zellen sagte mir, auf diesen Mann habe ich mein ganzes Leben gewartet,… wegen ihm habe ich Heiratsanträge abgelehnt, ich bin für diesen Unbekannten geboren worden.“ Schließlich stellte Gábor Devecseri sie dem Mann vor. Magda war damals Dichterin und dachte gar nicht daran, Prosa zu schreiben. Devecseri mochte ihre Gedichte und schlug ihr vor, sie im Rundfunk unterzubringen, wo Szobotka der Leiter der Literaturabteilung war. Magda versprach, ihre Gedichte vorbeizubringen. Am nächsten Tag versuchte sie herauszubekommen, wer dieser Mann war. Ihre Bekannten warnten sie: „Ein Weiberheld, der seine Zeit und Begabung nur darauf verwendet und im Morgengrauen nach Hause geht.“ Nach Tibors Tagebuch hatten sie recht: „Am Montag nahm ich in Gesellschaft von Devecseri und Magda Szabó (hübsch!) am Empfang des Schriftstellerverbandes teil. Von da ging ich zu K. Theater, dann blieb P. bei mir. Ich bin sie leid und würde sie gerne auf irgendeine höfliche Form los werden.“ Tibor schrieb während der einen Hälfte des Tages Artikel, arbeitete an seinem Roman, kam seiner Arbeit beim Rundfunk nach und organisierte die Partei der Kleinen Landwirte. Die meiste Energie aber erforderte, dass sich die Freundinnen, von denen es parallel mehrere gab, nicht begegneten. Er war Witwer, die Ärzte hatten seine in den Wehen liegende Frau während des Krieges alleine zurückgelassen, als sie vor einem Bombenangriff in einen Luftschutzkeller flohen, sie verlor viel Blut und starb gemeinsam mit dem Kind. Nach einer langen Zeit der Depression stürzte er sich ins Leben. Magda hatte von alldem gehört und beschloss, Tibor beim Rundfunk nicht aufzusuchen. Dann hielt sie es aber doch nicht aus. Der Mann war nett, doch die Redakteurin, die sich an dem Gespräch beteiligte, ließ sie spüren, dass Tibor nicht mehr frei sei. Magda wurde wütend, verabschiedete sich und ging. Am nächsten Tag suchte Tibor sie bereits an ihrem Arbeitsplatz auf, angeblich wegen der Gedichte, über die er mit ihr bei einem Abendessen sprechen wolle. Magda ahnte, dass sie nur eine von dem aktuellen halben Dutzend wäre, aber sie konnte ihm nicht widerstehen. Bei seinen ersten Annäherungsversuchen gab sie ihm eine Ohrfeige. Schließlich war sie ja eine resolute calvinistische junge Frau aus Debrecen und nicht so wie die Frauen aus der Hauptstadt, sie würde ihm schon sagen, wo es langging. Tibor gefiel das, und er wartete. Nach einem halben Jahr verschwanden aus seinem Tagebuch die Schauspielerinnen, die Praktikantinnen beim Rundfunk. Er hatte sich unsterblich in Magda verliebt, die ihm zu Weihnachten einen antiken Verlobungsring mit der Göttin Nike schickte. Tibor schrieb damals bereits, keine andere Frau würde ihn jemals interessieren. Auf die Verlobung folgte im Juni die Hochzeit.

Das große Glück dauerte aber nur kurze Zeit. Szobotka verlor als bourgeoises Element seine Stelle beim Rundfunk, in der Anzeige stand auch, er trage einen Ring mit „Wappen“. Bald darauf wurde er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, jahrelang arbeitete er als Hilfsarbeiter in der Bibliothek, währenddessen übersetzte er. Magda erhielt 1949 den Baumgarten-Preis, doch wurde er ihr noch am selben Tag entzogen und auch sie wurde entlassen; sie durfte bis 1958 nicht publizieren, was sie fast verzweifeln ließ. Doch ihr Mann machte ihr Mut. „Schreib es für mich!“ – bat er Magda, die während ihres Publikationsverbots die Schreibmaschine mit dem Hammer zerschlagen wollte, da sie ohnehin für niemanden schreiben könne. „Wenn du mich liebst, muss es dir genügen, dass ich dein Leser bin.“ Sie liebte ihn, also schrieb sie, und zwar viel. Während der langen Zeit des Schweigens wurde aus der Dichterin eine Romanautorin. Ab den sechziger Jahren kam dann auch der Erfolg. Wer das Ehepaar damals kennen lernte, konnte meinen, der Ehemann von Magda Szabó sei eine ständig zu Hause sitzende, im Schatten seiner Ehefrau lebende Gestalt. Dabei hatte er nur sein Glück gefunden. Er begann seinen autobiografischen Roman zu schreiben, doch konnte er ihn nicht mehr beenden. 1982 bekam er eine Gehirnblutung und starb bald darauf. Nach seinem Tod nahm Magda sein Manuskript, die Tagebücher und Notizen und schrieb Tibors Buch. Bei einzelnen Seiten des Romans „Megmaradt Szobotkának“ [Szobotka geblieben] ist es schwer festzustellen, wer sie geschrieben hat. Es ist das gemeinsame Buch des einander so gut kennenden Liebespaares, das den Dialog auch jenseits des Grabes fortsetzt.

Magda Szabó in deutscher Sprache – eine Auswahl:

Hinter der Tür – Roman, übers. von Hans-Henning Paetzke. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012

Die Elemente – Roman, übers. von Heinrich Eisterer. Secession-Verlag, Zürich 2010

Katharinenstrasse – Roman, übers. von Vera Thies. Verlag Volk und Welt, Berlin 1989

1. Moses 22 – Roman, übers. von Henriette Schade und Géza Engl. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988

Das Fresko – Roman, übers. von Vera Thies. Verlag Volk und Welt, Berlin 1987

Eine altmodische Geschichte – Roman, übers. von Hans-Henning Patzke. Verlag Volk und Welt, Berlin 1987

Abigél – Roman, übers. von Henriette und Géza Engl. Verlag Neues Leben, Berlin 1986

Eszter und Angela – Roman, übers. von Vera Thies. Buchclub 65, Berlin 1981

Inselblau – übers. von Mirza von Schüching. Maier Verlag, Ravensburg 1976

Pilatus – Roman, übers. von Vera Thies. Insel Verlag, Leipzig 1976

Lala, der Elfenprinz – übers. von Ita Szent-Iványi, ill. von Emma Heinzelmann. Kinderbuchverlag, Berlin 1974

Geburtstag – übers. von Mirza von Schüching. Altberliner Verlag Groszer, Berlin 1971

Das Schlachtfest – Roman, übers. von Ita Szent-Ivány. Insel-Verlag, Leipzig 1971

Maskenball – Roman, übers. von Mirza von Schüching. Boje-Verlag, Stuttgart 1969

Lauf der Schlafenden – Erzählungen, übers. von Henriette Schade. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1969

und wusch ihre Hände in Unschuld – Roman, übers. von Mirza von Schüching. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1966

Die andere Esther – Roman, übers. von Mirza von Schüching. Fischer Bücherei, Frankfurt a. M. / Hamburg 1965

Die Danaide – Roman, übers. von Mirza von Schüching. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1965

Erika – Roman, übers. von Mirza von Schüching. Corvina Verlag, Budapest 1961