Am 23. Juni 2012 erhält Frau Gudrun Brzoska in München die Verdienstmedaille “Pro Cultura Hungarica”. Aus diesem Anlass sprach HuBook.de mit ihr über ihre Bibliothek ungarischer Literatur in deutscher Sprache in Ehingen und ihr Engagement, eine kulturelle Brücke zwischen Ungarn und Deutschland zu bauen.

Frau Brzoska, wie haben Sie die ungarische Literatur für sich entdeckt?
Wie Sie wissen, arbeitete mein Mann  einige Zeit – ab 2002 – in Sopron, und ich war öfters auch dort. Gleich bei meinem ersten Besuch las ich in der deutschsprachigen Zeitung, dass Imre Kertész den Nobelpreis erhalten habe. Noch am selben Nachmittag fuhren wir nach Eisenstadt und fanden dort das Buch „Roman eines Schicksallosen“. Der Roman hat mich tief beeindruckt und war eigentlich die Initialzündung für meine bald folgende Leidenschaft für ungarische Literatur. (Wenn mich ein Autor anspricht, versuche ich nämlich alles zu lesen, was es von ihm gibt.) In der Folge machte mich mein Mann auf das Büchlein „Der Gottsucher“ von György Dalos aufmerksam. Eine kurze Rezension in der FAZ hatte ihn darauf gebracht. Ich erinnerte mich an einige weitere Bücher, die in unserem Bücherschrank standen, ohne dass ich sie bisher als spezifisch ungarische Literatur angesehen hatte (z. B. Magda Szabó). In der Folge begann ich auch alles zu lesen, was ich über ungarische Literatur finden konnte. Alles auf Deutsch – ich kann leider kein Ungarisch. So kam ich gezielt zur ungarischen Literatur.

Wann haben Sie damit begonnen, ungarische Literatur in deutscher Übersetzung zu systematisch zu sammeln?

Dazu muss ich etwas ausholen: Von 2002 an habe ich zwar verstärkt ungarische Literatur gelesen – und die Bücher, hauptsächlich Neuerscheinungen, auch alle für mich angeschafft. Doch nebenher versuchte ich, den ganzen ehemaligen Ostblock, hauptsächlich Rumänien (mein Mann unterrichtete 3 ½ Jahre in Arad) im Blick zu behalten, was sich aber bald als unmöglich erwies. 2004, nachdem einige Freunde aus unserer ungarischen Partnerstadt Esztergom meine kleine Sammlung hier gesehen hatten, erhielt ich eine Einladung, diese Sammlung in der Stadtbibliothek Esztergom zu zeigen. Nun begann ein richtiges „Sammelfieber“, denn mir war klar, dass ich für diese Präsentation doch etwas mehr zeigen müsste – und: „Wie stelle ich Literatur in Vitrinen aus“? Ich entschloss mich, von jedem von mir gelesenen Buch, eine Inhaltsangabe zu verfassen – dazu ein Autorenporträt mit Kurzbiografie. Diese Ausstellung kam so gut an, dass ich bald weitere Einladungen erhielt, z. B. nach Sindelfingen (2005) (Partnerstadt von Győr), dann nach Győr in den Räumen der Pädagogischen Hochschule, im gleichen Jahr (2006) nach Pécs in die Komitatsbibliothek und ins Ungarische Kulturinstitut (2007). (Folgende Ausstellungen s. Homepage). Inzwischen hatte ich begonnen, systematisch zu sammeln, hauptsächlich Neuerscheinungen und Werke aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Noch immer glaubte ich, alles lesen zu können, was ich (für mich!) anschaffte.

Was sind Ihre Gesichtspunkte bei Neuanschaffungen?
Mich hatte buchstäblich ein „Ungarn-Fieber” erfasst. Die Art des Schreibens und die Themen, vor allem auch geschichtliche, faszinierten mich, die Erweiterung meines Horizonts, die anderen Meinungen, andere Zugänge zur Geschichte und Literatur, von denen ich bislang keine oder nur eine verschwommene Ahnung als „Westler“ gehabt hatte.
Da ich inzwischen der Meinung war, einerseits meine Landsleute von der Schönheit und Wichtigkeit ungarischer Literatur zu überzeugen, andererseits auch den Ungarn zeigen wollte, wieviel von ihrer Literatur ins Deutsche übersetzt  wurde und wird, dehnte ich mein Sammelgebiet aus, auf Literatur ab 1900 (um auch denjenigen Interessenten, die sich gern über die ältere Literatur informieren wollten, die Möglichkeit dazu zu geben). Alles, was auch antiquarisch zu bekommen war und ist, wurde aufgenommen. Noch hatte ich ja überhaupt nicht damit gerechnet, jemals eine Bibliothek e.V. zu gründen – und auch Bücher zu verleihen.
Also: Die Anschaffungen der Bücher richten sich nach zwei Gesichtspunkten: Wir kaufen alles, auch antiquarisch, was von ungarischen Schriftstellern in deutscher Sprache erschienen ist. Ferner verfolgen wir sehr akribisch die aktuellen Neuerscheinungen und fordern bei den Verlagen sofort Rezensionsexemplare an. Von einigen Verlagen bekommen wir diese inzwischen auch automatisch. Dies klappt allerdings erst problemlos, seit wir eine „eingetragene Gesellschaft“ sind. Naturgemäß sind die meisten Bücher in die Rubrik „Belletristik“ einzureihen, mit Unterteilung in Lyrik und Anthologien. Wir haben aber auch viele geschichtlich-politische Werke hier, einige Sach- und Kunstbücher. Ein Sammelgebiet ist die Literatur der „Ungarndeutschen“, ein weiteres die „Schriftsteller aus dem ehemaligen Staatsgebiet“, „die Ungarn der Ränder“, also Siebenbürgen, Banat, Vojvodina, Slowakei, Karpato-Ukraine. Interessant wären auch (ungarische) Schriftsteller aus dem Burgenland – da bin ich aber noch nicht fündig geworden. Ein weiteres Sammelgebiet, das mir sehr am Herzen liegt, sind Kinder- und Jugendbücher. Leider werden kaum Jugendbücher aus dem Ungarischen übersetzt. Es sind nur einige neuere Bilder- und Kinderbücher auf dem Markt. Dabei wäre das so wichtig, die Jugend von Ost und West über spannende Literatur zusammen zu führen. Leider fehlt mir bis jetzt jeglicher Kontakt zu Verlegern, die so etwas ernsthaft in Angriff nehmen würden.

Haben Sie persönlichen Kontakt zur ungarischen Literaturszene?

In der Zeit vor der Gründung unserer Bibliothek hatten wir zunächst nur Kontakt zu Imre Török und György Dalos, die beide damals in Ehingen einen Leseabend gehalten haben.  György Dalos war es übrigens auch, der uns eigentlich zur Gründung der Bibliothek angeregt und ermuntert hat.
Seither haben wir schon etliche Schriftstellerinnen und Schriftsteller kennen gelernt und sie teilweise auch zu Leseabenden nach Ehingen geholt: György Dalos, Imre Török, Attila Bartis, András Petöcz, und Julia Schiff. Zsuzsanna Gahse, (durch unsere Vermittlung) László Márton, László Darvasi, László Földényi, Melinda Nadj Abonji und András Oplatka in Ulm und Stuttgart. Ákos Doma habe ich auf der Frankfurter Buchmesse getroffen.
Zur ungarischen Literaturszene in Ungarn habe ich leider keinen Kontakt (ich spreche ja kein Ungarisch). Das wäre aber sehr wichtig und informativ für mich; denn bei unseren Besuchen in Ungarn stelle ich fest, dass sich die Favoriten der ungarischen Literatur nur wenig mit denen decken, die hierher übersetzt werden, außer den großen Namen natürlich. Ich habe den Eindruck, dass die Verleger glauben, ungarische Literatur könne nur hauptsächlich mit ungarischer Geschichte in Verbindung gebracht werden. Dadurch wird das Spektrum hier sehr eingeschränkt. Wo bleibt der spannende Krimi? Wo ein Roman (Neuerscheinung), der Ungarn nicht zum Gegenstand hat? Wo, wie gesagt, das spannende Jugendbuch? (In der ehemaligen DDR wurden übrigens sehr viele Jugendbücher übersetzt. Das ist total abgerissen, seit der  Wende. – Schade!) Ich denke, das kommt sicher daher, dass wir hier in Deutschland vor der Wende ausschließlich an Dissidentenliteratur gewöhnt waren – es ist schwer, Gewohnheiten und Sichtweisen zu ändern.
Kontakt habe ich allerdings zur ungarndeutschen Literaturszene in Ungarn, so zu dem Dichter und Redakteur des deutschsprachigen Rundfunksenders in Pécs, Robert Becker, oder zu Josef Michaelis, der den Donauschwäbischen Kulturpreis erhalten hat und bei dem wir bereits mehrere Male zu Gast waren.

Wie umfangreich ist Ihre Bibliothek mittlerweile - warum gerade Ehingen?
Unsere Bibliothek, die mit knapp 500 Bänden (aus meinem Privatbesitz) im Jahre 2009 eröffnet wurde, umfasst inzwischen über 1500 Bände von etwa 450 Autoren. In Ehingen haben wir diese Bibliothek ganz einfach deshalb eingerichtet, weil wir hier wohnen und ein genügend großes Haus dafür haben. Natürlich kommt uns auch zugute, dass Ehingen an der Donau liegt und beinahe 600 Jahre österreichisch war – und damit mit Ungarn schon lange verbunden ist. Wir empfinden die Donau hier mit Recht als eine wichtige Kulturachse in Europa.

Sie haben auch eine Homepage – www.ungarische-literatur.eu -, auf der Sie regelmäßig Rezensionen veröffentlichen und auf Veranstaltungen hinweisen - eine immense Arbeit. Leisten Sie diese ganz alleine?

Unsere Homepage wird von einem Mitglied der Bibliotheksgesellschaft gepflegt, Frau Ruth Kintrup. Sie wohnt in Hannover und ist vom Fach. Außerdem  hat sie in Budapest zwei Jahre gelebt und studiert und hat somit auch einen „Ungarn-Biss“. Die Rezensionen, soweit sie ungarische Autoren betrifft, werden alle von mir erstellt: Ich lese die Bücher selbst und bespreche sie. Abgeschrieben wird grundsätzlich nicht! Die Werke, die Ungarn zum Thema haben, aber nicht von ungarischen Autoren stammen, rezensiert Frau Kintrup. Ich muss noch erwähnen, dass jeden Monat im Monatsmagazin der Ungarndeutschen „Unsere Post“ eine Rezension von mir erscheint. Hinweise auf Veranstaltungen veröffentlichen wir, um Interessenten darauf aufmerksam zu machen, was auch schon des Öfteren erfolgreich war. Dabei „wetteifern“ Frau Kintrup und ich, wer am schnellsten wieder eine Veranstaltung entdeckt, die auf unsere Homepage kommen soll. Meine Beiträge schicke ich per E-Mail nach Hannover – und Frau Kintrup setzt sie dann sofort, spätestens einen Tag später, auf unsere Website. Sie hat auch die Literaturdatenbank aus meinen Datensätzen, die ich zu jedem Buch in unserer Bibliothek gemacht habe, erstellt.
Mein Mann ist übrigens der „Bibliotheksservice“. Er kümmert sich um Termine, beantwortet Fragen, die nicht „speziell ins Fach fallen“ und um die Zusendung von Neuerscheinungen als Rezensionsexemplare. Außerdem ist er ein aufmerksamer Lektor, denn er liest fast alle meine Texte.
Zur Auswahl der Rezensionen möchte ich noch Folgendes erwähnen: Die großen bekannten Schriftsteller werden auch von allen großen bedeutenden Zeitungen besprochen. Daher wende ich mich eher denen zu, die hier noch nicht so bekannt sind, hauptsächlich junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller. (Übrigens auch ein Grund, warum ich 2010 das Buch verfasst habe: „Schriftstellerinnen mit ungarischen Wurzeln“. Ich hatte den Eindruck, dass ungarische Schriftstellerinnen in der Übersetzung unterrepräsentiert sind.) Das lässt sich natürlich nicht immer durchhalten; denn auf unserer Homepage werden auch Rezensionen von bekannten Schriftstellern gesucht. Außerdem: Wenn wir eine Präsentation mit einem bestimmten Thema ausrichten, lese ich natürlich (fast) nur zu diesem Thema, wie z. B. jetzt zu den ungarischen Chamisso-Preisträgern.

Am 23. Juni werden Sie für Ihren Einsatz für die ungarische Kultur und Literatur in Deutschland mit der Verdienstmedaille "Pro Cultura Hungarica" ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie? Können Sie uns ein wenig über die Begleitveranstaltung erzählen?
Die Auszeichnung mit der Verdienstmedaille „Pro Cultura Hungarica“ bedeutet für mich sehr viel, die Nachricht hierüber hat mich jedoch total überrascht: Ich empfinde diese Auszeichnung als Bestätigung dafür, dass mein Mann und ich uns dafür einsetzen, dass die reiche ungarische Literatur und Kultur im deutschsprachigen Raum bekannter wird. Ungarn liegt in Mitteleuropa und eigentlich müsste die Literatur dieses Landes – und auch der anderen östlichen EU–Länder – viel mehr in den Lehrplänen der deutschen Gymnasien berücksichtigt werden. Das „europäische Bewusstsein“ von dem so oft gesprochen wird, ist noch sehr unterentwickelt. Wir versuchen eine  „Literatur-Brücke“ zu bauen.

Die Veranstaltung in München am 23. Juni wird im „Forum 2“ des Olympiadorfes stattfinden. Beginn ist 19:30 Uhr. Es wird dort der diesjährige Chamisso-Preisträger Ákos Doma aus seinem Buch „Die allgemeine Tauglichkeit“  lesen. Ferner steht auf dem Programm, dass ich unsere Spezialbibliothek für ungarische Literatur in deutscher Sprache vorstelle. Und ich werde eine Präsentationsausstellung über alle neun ungarischen Chamisso-Preisträger und ihre Werke zeigen. Schließlich wird auch mein Buch „Schriftstellerinnen mit ungarischen Wurzeln“ vorgestellt.

Die Fragen stellte Eva Zádor