Miklós Radnóti und Fanni Gyarmati
von Krisztián Nyáry

 

Miklós Radnóti war 17 Jahre alt, als er 1926 die damals 14jährige Fanni Gyarmati kennen lernte. Es war eine wahre Jugendliebe: Sie gingen zu demselben Lehrerehepaar zur Nachhilfe in Mathematik, und dem Jungen, der ein kaufmännisches Gymnasium besuchte, gefiel die junge Gymnasiastin gleich. Er vertauschte ihre Bleistifte, damit es beim nächsten Mal einen Anlass gäbe, das auffallend gebildete Mädchen mit dem hellbraunen Haar anzusprechen, das die Freunde nur Fifi nannten. Der Junge behauptete achtzehn zu sein, um Fanni auch damit zu imponieren und widmete ihr bald darauf sein erstes Liebesgedicht. Das Schicksal hätte sie doch fast getrennt: Auf Wunsch seines Vormunds musste Miklós eine Hochschule für Textilindustrie in Tschechien besuchen, wo er die deutsche Maschinenschreiberin Tini kennen lernte. Der junge Mann schrieb seine Gedichte abwechselnd an beide Mädchen. Tini war seine erste richtige Beziehung, jedoch zeigte er die ihr gewidmeten Gedichte auch der in Budapest zurückgebliebenen Fifi. Nach einem Jahr kehrte Miklós aus Tschechien zurück und vergaß Tini allmählich. Von da an waren Fifi und er unzertrennlich. Im Winter 1931 spazierten sie durch das Budapester Stadtwäldchen, wo sie sich auf eine mit Schnee bedeckte Bank setzten. Fifi brach das Schweigen: „Miklós! Ich will deine Frau werden.“ Mit der Hochzeit mussten sie allerdings warten. Der Vormund Radnótis und Fannis Eltern kamen darin überein, dass der Dichter das Mädchen erst dann heiraten dürfe, wenn er ein Diplom habe. Dazu kam erst 1935, aber sie warteten. Beide waren davon überzeugt, ihr Leben miteinander teilen zu wollen. Von Anfang an betrachteten sie einander als gleichberechtigte Partner, keiner von beiden wollte von dem anderen Besitz nehmen. Dieses tiefe Vertrauen erschütterte auch die Tatsache nicht, dass Radnóti seiner Frau nicht immer treu war. Nach sechsjähriger Ehe verliebte er sich in die Freundin seiner Frau, in die Malerin Judit Beck. Die verheiratete Frau und der Dichter begegneten einander das erste Mal Anfang 1941 in einer Buchbinderei, im Mai hatten sie bereits ein Verhältnis miteinander. Miklós verheimlichte seiner Frau nichts. Fifi beendete auch ihre Freundschaft zu Judit nicht, sie trafen einander mehrmals, die Geliebte malte sogar ein großformatiges Porträt von der Ehefrau als Geschenk. Fifi verfolgte die Beziehung zwischen ihrem Mann und ihrer Freundin mit Verständnis und Geduld, doch litt sie sehr. In ihr Tagebuch schrieb sie: „Wenn es Miklós Freude bereitet, soll er sich freuen“. Judit tauchte auch in Radnótis Tagebuch immer häufiger auf: „11. Juni 1941, Judit! Judit! – 12. Juni 1941, Fanni geht auf den Isten-Berg. Ich bin nervös, gehe auf und ab, fliehe, gehe Mittag essen, und als nichts mehr hilft, schreibe ich die dritte Ekloge. 13. Juni 1941, Freitag: Der Dreizehnte und Freitag. Schrecklich! Wir sind in eine anzügliche Situation geraten.“ Der Dichter hat außer der Dritten Ekloge noch weitere Gedichte an Judit geschrieben. Es ist auch ein Brief erhalten geblieben, in dem er seine Geliebte um ein Rendezvous bittet: „Donnerstagvormittag gehe ich ins Ilkovits und warte auf Dich. Doch Du kannst auch ruhig schreiben, ob Du kommst oder nicht, Fif macht den Brief nicht auf und wenn schon, wir können uns ja sehen… Ich liebe Dich. M.“ Die Beziehung endete Anfang 1942. Radnóti spricht im Februar 1942, in einem Brief, den er seiner Ehefrau aus dem zweiten Zwangsarbeitslager schreibt, schon in der Vergangenheit von ihr: „Ich vergöttere Dich, und Du lässt Dich nicht einmal lieben. Ich versteh Dich ja, ich weiß, was du denkst. Aber Du irrst Dich! Du siehst auch die „J-Sache“ falsch. Ja, so ist es… So war es eher… Aber nicht so, wie Du denkst! Ich liebe Dich! Dich liebe ich! Und außer Dir ist alles nur Spiel! Ich schicke Dir, meine Süße, auch ein Gedicht! Ich bin neugierig, was Du dazu sagst. In gestohlenen Minuten, im Chaos schreibe ich es schon seit Wochen. Es ist auch eine kleine Entschuldigung für die dritte Ekloge.“ Über das versöhnliche Gedicht Októbervégi hexameterek [Hexameter Ende Oktober] schrieb Fanni in ihrem Tagebuch: „Was für ein Gedicht er geschickt hat. Wundervoll. Und doch, und doch ist es ihm gelungen, und was für ein Gedicht! Wie weit sind die hier zu Hause davon entfernt! Die hier in Sicherheit tätigen Herren. […] So muss oft so Vieles aus sich ausgestoßen werden! In diesem tierischen Dasein, in dieser Hetzjagd, und doch konnte er es schreiben“. Die Liebe zwischen ihnen entflammte wieder mit der alten Leidenschaft. Judit blieb ihnen als Freundin erhalten. Sie stellte für den Dichter im Zwangsarbeitslager Lebensmittelpakete zusammen, die sie ihm mit ihrem neuen Verehrer, dem Schauspieler Tamás Major, persönlich nach Szentendre brachte. Als Fanni gefragt wurde, ob sie keine Angst gehabt hätte, dass ihre Ehe wegen Judit scheitern könnte, antwortete sie nur: „zwischen uns gab es die Gedichte!“ Radnóti schrieb alle seine Gedichte in den letzten Jahren an seine Ehefrau, ihr zeigte er sie zuerst. Im August 1944 schrieb er auf die letzte Postkarte, die er aus Bor schickte: „Auf meiner letzten Karte habe ich Dir geschrieben, dass ich an unserem Hochzeitstag ganz nah bei Dir sein würde, so war es auch, und ich danke Dir, meine Süße, für die gemeinsam verbrachten neun Jahre… Du fehlst mir sehr, Süße Einzige.“ Fanni sah ihren Mann nie wieder. Als der im Alter von 35 Jahren erschossene Dichter nach dem Krieg exhumiert wurde, sah sie den Leichnam nicht an. Ihre Liebe war keine Idylle ohne Spannungen, wie es in den Lehrbüchern geschrieben steht, aber gerade das machte sie zu einem unzerreißbar starken Band. Auch heute. Die in diesem Jahr ihren hundertsten Geburtstag feiernde Fanni Gyarmati lebt auch heute in ihrer gemeinsamen Wohnung in der Pozsonyi-Straße. An der Tür das vor 75 Jahren gemeinsam angebrachte Namensschild: Dr. Miklós Radnóti.

 

 

Miklós Radnóti in deutscher Sprache – eine Auswahl:

Kein Blick zurück, kein Zauber – Gedichte und Chronik. Hrsg. von György Dalos, übers. von Markus Bieler. Kirsten Gutke Verlag, Köln 1999

Monat der Zwillinge – Prosa, Gedichte, Fotos, Dokumente. Übers. von Hans Skirecki, Uwe Kolbe und Franz Fühmann, hrsg. von Siegfried Heinrichs. Oberbaum Verlag, Berlin 1993

Offenen Haars fliegt der Frühling – Tagebücher, Gedichte, Fotos, Dokumente. Übers. von Hans Skirecki (Tagebücher) und Franz Fühmann (Gedichte). Hrsg. von Siegfried Heinrichs. Oberbaum Verlag, Berlin 1993

Gewaltmarsch – Gedichte, übers. von Marcus Bieler. Corvina Verlag, Budapest 1979

Ausgewählte Gedichte – übers. von Marcus Bieler. Corvina Verlag, Budapest 1979

Ansichtskarten – übers. von Franz Fühmann, Verlag Volk und Welt, Berlin 1967