Foto: Gábor Valuska, litera.hu

Die Feierliche Buchwoche
Bericht von Péter Mesés

Es ist noch gar nicht lange her, da haben wir über das Internationale Buchfestival in Budapest berichtet, vom 7.–11. Juni fand nun die Buchwoche in Ungarn statt. Das erste Wochenende im Juni ist traditionell, ganz genau bereits seit dreiundachtzig Jahren, in ganz Ungarn der Feier des Buches gewidmet. Géza Supka hatte 1927 die Idee dazu, die 1929 dann das erste Mal verwirklicht wurde. Hauptgrund für diese Initiative war, welch ein Zufall, die Krisensituation der Buchverlage, die auf diese Weise neue Schichten erreichen, neue Leser, d. h. neue Käufer für sich gewinnen wollten.

Heute ist die Situation glücklicherweise bereits eine andere. Wir schreiben beispielsweise das Jahr 2012 und nicht mehr 1929. Zudem ist die Buchwoche seit 2001 auch das Festival der Kinderliteratur, und das ist sehr erfreulich.

Am 7. Juni erklang also zum dreiundachtzigsten Mal am zentralen Schauplatz der Buchwoche, dem Budapester Vörösmarty-Platz, die Musik des Feuerwehrorchesters. Tradition ist eben Tradition, und es hat wirklich den Anschein, die Eröffnung ist ohne Feuerwehrorchester gar nicht vorstellbar, obschon ich gestehen muss, dass dies nicht gerade meine Lieblingsmusik ist, aber einmal im Jahr soll es denn eben so sein.

Tradition ist auch, dass die Eröffnungsrede in einem Jahr von einem Schriftsteller aus Ungarn gehalten wird, im kommenden Jahr hingegen von einem ungarischen Autor, der außerhalb Ungarns lebt. In diesem Jahr eröffnete die Buchwoche auf dem Vörösmarty-Platz György Ferdinandy, der teils in den Vereinigten Staaten, teils in Ungarn lebt, und machte auf die westliche ungarische Literatur, d. h. die Exilliteratur aufmerksam, die nicht nur als ein fester Bestandteil der ungarischen Literatur zu bezeichnen sei, sondern mittlerweile dem Umfang nach die Literatur eines kleineren lateinamerikanischen Landes ausmache. Wenn wir bedenken, wie viele ungarische Autoren im Laufe der Geschichte aus irgendeinem Grund zur Emigration gezwungen waren, so ist das eine Tatsache, die einen nachdenklich macht und auch bedrückend ist.

Aber Feuerwehrorchester hin oder her, trotz der wirtschaftlichen Situation der Verlage, der Probleme, die Schriftsteller und Leser gleichermaßen betreffen, sowie der verblüffend großen Zahl von ungarischen Autoren, die zur Emigration gezwungen waren, sollten wir den Kopf nicht hängen lassen, denn die Buchwoche ist doch ein feierliches Ereignis. Und dies nicht nur dem Namen nach. Dieses Gefühl teilen Schriftsteller und Leser, und so war es wohl all den vergangenen dreiundachtzig Jahren. Es sind die Tage der großen Neuentdeckungen, der großen Erwartungen und der großen Begegnungen. Aufregende Fragen liegen in der Luft: Von wem erscheint was, ist das neue Buch von X. Y. zur Buchwoche wohl gelungen, schreibt er endlich, worauf wir schon so lange warten, wer ist wann zur Dedikation auf dem Platz, und zum Glück nehmen an diesem Fragespiel auch die Leser teil. Denn diese Tage gehören den Autoren und Lesern zusammen. In dieser Zeit kommen sich der Schriftsteller und sein Leser am nächsten, so nah, dass mutigere Leser den von ihm so sehr verehrten oder verschmähten, gehassten oder geliebten Meister, wenn er möchte, ansprechen kann, der weniger schamhafte, kann ihn sogar anfassen, um sich zu vergewissern, dass er, da schau her, wirklich aus Fleisch und Blut und Haut ist, so wie er selbst, das einfache Kind einfacher Menschen. Und dem Meister ist das eigentlich auch recht so. Nun gut, das Anfassen vielleicht nicht immer. Aber der Leser tut in diesen Tagen gut daran, mit offenen Augen über den Platz zu gehen, oder sich am anderen Budapester Schauplatz, in der Gegend um die Buchhandlung Írók Boltja an der Andrássy-Straße, umzuschauen, denn es kann leicht vorkommen, dass auf einer der dortigen Terrassen Menschen sitzen, von denen er sich nicht hätte träumen lassen, dass sie außer dem Wasser der reinen Quelle irgendetwas anderes trinken könnten. Und in gegebenem Fall ist der Autor auch offen dafür, wenn der Leser ihn kurz anspricht, sich mit ihm über Bücher, Gedichte und Prosa, Geschichte und Philosophie austauscht, oder aber auch darüber, ob das Bier dort gerade ordentlich gezapft wird. Da schau her, der Schriftsteller ist auch nur ein Mensch.

Zuweilen tauchen sogar Politiker auf, in Ungarn zwar eine seltene Erscheinung, doch sind hier sowohl Regierungsvertreter als auch Oppositionelle zu sehen. Ich muss gestehen, von manchen hätte ich gar nicht gedacht, dass sie die Buchstaben überhaupt kennen, aber es kommen auch solche vor, von denen sogar ich glaube, dass nicht die PR sie hierher gebracht hat, sondern tatsächlich die Liebe zum Buch.

Und am Samstag, als es nun unvermeidbar doch zu regnen beginnt, denn, ich glaube, in den vergangenen dreiundachtzig Jahren ist es nicht einmal vorgekommen, dass es an der Buchwoche nicht geregnet hat, das ist das Einzige, bei dem sich die Meteorologen sicher sein können, also am Samstag gipfelt die Buchwoche in einem wahren Volksfest, in einer Art Straßenball. Bei den einzelnen Verlagsständen gibt es Wein, sieh da, bei dem Magvető Verlag schenken gerade Péter Esterházy und Pál Závada Rosé aus, auf dem Podium, auf dem tagsüber Gespräche mit Autoren stattfinden, nimmt jetzt ein DJ seinen Platz ein (vielleicht wäre das Feuerwehrorchester doch besser gewesen, aber egal) und zwischen den Buchständen schwingen Autoren und Leser das Tanzbein.

Das ist die Buchwoche. Es geht nicht darum, dass jemand dort an Ort und Stelle liest, sondern dass Lust zum Lesen gemacht wird, die Freude am Buch sich zeigt, dass die Kultur – oder wie soll man sagen – selbst in den schwersten Zeiten nicht vollkommen untergeht. Zudem kann man, da die Verlage in diesen Tagen meist einen bedeutenden Preisnachlass geben, mit Büchern bepackt nach Hause zurückkehren, um dann ein Jahr darauf zu warten, neugierig und ungeduldig, wie wohl das vierundachtzigste Mal sein wird.

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor